Lieber Herr Kümmerle,

da haben Sie sich ein wirklich schwieriges Thema ausgesucht: Was würde/könnte passieren, wenn Trump die Wahl am 5.11.2024 verliert? Ich bin gerade mitten in der Reinschrift von Teil 2 der „Amerikanischen Tragödie“. Darin werden ähnliche Fragen dargestellt — und ich komme zu dem Schluss, es wäre sowohl für Amerika als auch für Europa besser, Trump würde verlieren. Eine Schwierigkeit bei meiner Ausarbeitung ist, dass der amerikanische Wahlkampf bereits auf vollen Touren läuft und fast jeden Tag etwas Neues passiert, das auch noch im Papier erwähnt werden sollte. Die „Blutbad-Rede“ Trumps am 16.3.2024 war so ein „neues Thema“.

Die Schwierigkeit bei Trump-Reden ist, dass er sich nicht an die ihm vorgegebenen Texte hält und immer wieder große Ausflüge macht. Deshalb ist das, was als Rede auf dem Papier steht, häufig nicht das, was er später vorgetragen hat. Auch bei der „Blutbad-Rede“ gab es solche Abschweifungen. Doch nach den Presseberichten, die ich darüber habe, waren die speziellen Aussagen über das „Blutbad” tatsächlich auf die mögliche Wahlniederlage bezogen. Die Süddeutsche Zeitung überschrieb ihren Bericht darüber (am 17.3.2024) mit: „Trump: Wahlniederlage wird ein “Blutbad” für das Land“. Offenbar hatte er zunächst über die Lage der Wirtschaft geredet und über seine Idee, auf Autos, die außerhalb produziert wurden, Zölle zu erheben. Der Bericht geht dann so weiter: „Dann kippte seine Rede ins Dystopische: Für den Fall einer Wahlniederlage Trumps drohe “ein Blutbad für das Land“.

Der Bericht der New York Times vom 16.3.2024 geht in die gleiche Richtung. Auch hier zunächst der Hinweis, Zölle auf außerhalb gefertigte Autos zu erheben, falls er im November gewählt wird. Dann geht es so weiter: „He added: “Now, if I don’t get elected, it’s going to be a blood bath for the whole — that’s going to be the least of it. It’s going to be a blood bath for the country“. Für mich klingt dies ähnlich wie damals, als er zu seiner Kundgebung am 6.1.2021 nach Washington einlud: „It will be wild…!“ Und am 6.1.2021 gab es Tote und viele Verletzte.

Doch es ist nicht nur diese Rede, die Anlass zur Sorge gibt. Trump und die MAGA-Leute haben aus dem chaotischen Beginn der ersten Präsidentschaft gelernt. Sollte er 2024 gewinnen, geht er gut vorbereitet an die Umsetzung seines Programms.

Viele Amerikaner sorgen sich um die Zukunft der demokratischen und rechtsstaatlichen Strukturen im Land. Die Heritage Foundation hat einen umfangreichen Plan — das „Project 2025“ — ausgearbeitet, bei dem es zum einen um den Ablauf der Machtübernahme geht, sollte Trump gewinnen. Anlass zur Sorge gibt jedoch insbesondere der weit darüber hinausgehende Teil des „Project 2025“ der den personellen und strukturellen Umbau der Exekutive des Bundes vorsieht. Das in Amerika so hoch gelobte System der „Checks and Balances“ zur Kontrolle der Macht im Staat würde ausgehöhlt und die Entscheidungsmacht des Präsidenten wesentlich erweitert werden (Presseberichte zum „Project 2025“: New York Times, 21.1.2024: Interview mit Kevin D. Roberts, dem Präsident der Heritage Foundation. „Inside the Hiritage Foundation’s Plan for Institutionalizing Trumpism“ Süddeutsche Zeitung, 1.2.2024: „Trumps Wahlkampf: Fürchtet euch“; Bericht von Christian Zaschke.)

Anlass zur Sorge — insbesondere für Europa — gibt die Rede vom 10.2.2024 in Conway, South Carolina. Mit salopper Rhetorik hat Trump erneut Aussagen gemacht, die an der NATO-Bündnistreue der USA zweifeln lassen. (Bericht in der NYT, 10.2.2024: „Trump Says He Gave NATO Allies Warning: Pay In or He’d Urge Russian Aggression”). John Bolton, der frühere Nationale Sicherheitsberater Trumps geht davon aus, dass Trump — sollte er die Wahl gewinnen — aus der NATO aussteigen wird.

Über das Trauerspiel über die weitere Unterstützung der Ukraine berichte ich im Teil 2 der „Amerikanischen Tragödie”. Trump ist dabei, die Ukraine über die Klinge springen zu lassen. Die Glaubwürdigkeit der USA steht damit auf dem Spiel.

Doch ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Mehrheit der Amerikaner dem Spieler Trump folgt und wie ein Rudel Lemminge über die Klippe springt. Es gibt in Amerika genügend Leute, die langfristig und geo-strategisch denken können.

Beste Grüße
Hans Müller