Das Forum neu entdeckt

Der derzeitige Trend geht wohl zu allumfassenden sogenannten Content Management Systemen als „eierlegende Wollmilchsäue“, die alles, was das so Internet bietet, in einem einzigen System abbilden.

Dieses Phase habe ich bereits hinter mir und werde dieses Jahr wohl auch das letzte derartige System auf meinen Servern stilllegen. Im Gegenzug habe ich für mich die altbewährte Foren-Software wiederentdeckt und für die Europäer unter uns eigenständige Foren eingerichtet, die während der COVID-19 Zeit dazu dienen, die Diskussionen über Themen mit Europabezug am Laufen zu halten und zudem die Suche nach einer geeigneten Software für einen virtuellen Europastammtisch unterstützen sollen.

Jetzt bin ich selber einmal gespannt, wie dieses alte Format aus den 1990er Jahren heutzutage bei den Nutzern ankommt?

Foren im World Wide Web sind seit dieser Zeit nämlich vermeintliche Spielwiesen für „Nerds“, dienen aber auch sehr gut als Diskussions- oder Wissensplattformen, indem sie Erfahrungen weitergeben und erste Hilfe bei wichtigen Fragen bieten können. Noch heute finden sich Tausende Nutzer täglich in den verschiedensten Foren wieder, wo sie Beiträge lesen und posten, Anhänge verschicken oder verlinken und für sich und andere das Leben etwas kurzweiliger und unterhaltsamer gestalten.

Auch die jüngst neu hinzugekommenen Foren des Europastammtisches sollen dies für möglichst viele Nutzer erreichen.

Aber schon jetzt zeichnet sich der Trend ab, dass für viele Mitbürger die eher gegenstandslosen aber auf jeden Fall sehr unverbindlichen Unterhaltungen via Chat-Räumen und dabei möglichst mit Video-Funktion die Ultima Ratio sind, wobei man zugegebener Maßen sehr gut seine eigene Frisur und einen eigens ausgewählten Hintergrund, sei es die Fototapete einer Bücherwand oder möglichst bunte Zertifikate von weniger bekannten Hochschulen und Institutionen, zur Schau stellen kann. Das eigene „Schaulaufen“ frei nach dem altbekannten Motto „Mehr Schein als Sein“ hat unsere Gesellschaft auch in Zeiten von COVID-19 noch fest im Griff.

Die althergebrachte Foren-Software ist dazu weniger in der Lage. Ganz im Gegenteil, denn hier trennt sich die Spreu vom Weizen, denn jeder aktive Teilnehmer ist gezwungen, seine Gedanken in schriftlicher Form niederzuschreiben und damit den anderen Teilnehmern möglichst plausibel darzulegen und auch für spätere Konsultationen zur Verfügung zu stellen.

Und wenn im Gegenzug dann ein Andersdenkender seine Gedanken formuliert, geschieht es, dass durchaus neue Aspekte zum Vorschein kommen und jeder seine Gedanken und Vorstellungen zumindest neu ordnen kann. Eine Win-Win Situation für alle, die sich die Mühe machen, auch selber einmal eigene Gedanken zu formulieren und anderen zur Kommentierung anzubieten.

Für all jene, deren Erfolgsmodell lediglich ist, die Niederschriebe anderer Leute möglichst gekonnt vorzulesen und mit zunehmender Praxis auch in leicht vereinfachter Form nachzusprechen, sind solche Foren sicherlich ein Horror. Aber auch hier gilt, die Übung macht den Meister, und ich bin mir ziemlich sicher, dass sehr viele, sobald sie eigene Versuche in Foren starten, durchaus ihr Potential erkennen und damit die Foren-Welt insgesamt bereichern werden.

Wie bereits gesagt, ein Forum war schon immer eine Win-Win Situation für alle – unabhängig ob es ein Forum Romanum oder nur eine sehr vereinfachte digitale Version davon ist.

„Ich rede mit mir selbst und setze mich durch.“

Jean-Claude Juncker,  im Gespräch mit Stephan Mayer im „Alpha-Forum“ 
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Die drei Menetekel

Als überzeugter Europäer fällt es mir sehr schwer, diesen Artikel zu schreiben, allerdings wird es auch immer schwerer, die Augen weiterhin verschlossen zu halten und die jüngsten Entwicklungen und ihre Auswirkungen einfach zu ignorieren.

Zeichen gab es vorab genügend: Bankenkrise, verstärkte Migration, eine globale Erderwärmung – nur um die bekanntesten zu erwähnen. Aber diese haben wir allesamt ignoriert und es dabei auch sehr gerne gesehen, dass unsere Volksvertreter alles taten, um uns weiter in der Lethargie zu halten. Denn kaum einer von uns wollte tatsächlich auf den nächsten Malle-Besuch oder gar das kommende Besäufnis auf dem Oktoberfest verzichten.

Und wenn der Wink mit dem Zaunpfahl nicht ausreicht, muss es halt ein Menetekel sein. Angefangen hat es mit dem BREXIT, dem willentlichen Austritt des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union. Hier hätten nicht nur die verantwortlichen Politiker endlich aufwachen, sondern auch wir Unionsbürger insgesamt unsere ureigenste Verantwortung als Souverän annehmen müssen.

Das zweite Menetekel ist nunmehr COVID-19, welches uns alle sehr schmerzhaft daran erinnert, dass wir, ob wir es wollen oder nicht, alle auf einem einzigen Planeten leben und sich keiner wirklich dauerhaft abschotten kann.

Und sollten diese beiden Menetekel nicht ausreichen, um entweder erst die Europäische Union und gleich im Anschluss dann auch unsere gesamte Zivilisation zu zerstören, oder, was wirklich zu hoffen ist, endlich dazu führt, dass wir wenigstens einmal unsere Primärprozesse hinten anstellen und beginnen tatsächlich auch Mensch zu sein, dann kommt das dritte und auch letzte Menetekel: die Annexion des Baltikums durch die Russische Föderation.

Dieses dritte Menetekel wird uns allen eindeutig vor Augen führen, dass Potemkinsche Dörfer keine Existenzgrundlage sind. Und mit dieser letzten Erkenntnis wird unsere Westliche Welt in Trümmern versinken, und mit ihr auch die Europäische Idee an sich.

Dabei kristallisierte sich die Europäische Idee aus den schlechten Erfahrungen der Menschen der letzten Jahrtausende heraus und bietet nicht nur tragfähige Lösungen für das menschliche Miteinander insgesamt, sondern versprach darüber hinaus von Anfang an auch allen Menschen Sicherheit und Wohlstand.

Und das war auch der Grund, warum sich so viele für diese Europäische Idee begeisterten, und ganze Länder freudig und mit wehenden Fahnen der Europäischen Union beitraten.

Dabei vergaßen die meisten, dass es erstens „Sicherheit und Wohlstand für alle“ geheißen hat und zweitens, dass jeder dafür auch etwas machen, wenn nicht gar leisten, muss.

Der „große Deal“ war die Schaffung eines europäischen Bundesstaates, der in der Lage, ist die Interessen aller zu wahren und für alle Sicherheit und Wohlstand zu generieren. Der Deal war nicht, einen „halblebigen Staatenbund“ zu schaffen, wo die Rosinenpickerei von Gruppen oder gar Einzelpersonen zur „Staatsraison“ erhoben wird.

Der „große Deal“ war zudem auch, dass dieser europäische Bundesstaat als Vorbild für den Rest der Welt dient und mithilft, die gesamte Welt lebenswerter zu machen und letztendlich damit allen Menschen Sicherheit und Wohlstand zu garantieren. Der Deal war nicht, dass sich „ein Europa“ erneut über den Rest der Welt erhebt, von diesem profitiert und seinen damit generierten Wohlstand gegen mehr als 90% der Weltbevölkerung zu verteidigen versucht.

Der „große Deal“ kann funktionieren, deswegen hat auch der Rest der Welt bisher auf das Europa nach 1945 geschaut, unterstützt und gehofft, dass der sich in Europa abzeichnende Erfolg bald auch auf sie selber positiv auswirken wird.

Was die Welt aber nun im Europa des 21. Jahrhunderts erblickt, ist das Altbekannte: Kleinstaaterei, Egoismus, Nationalismus, Neid, Missgunst, Chauvinismus bis hin zum Rassismus – alles nachweislich keine Erfolgsmodelle!

Meine lieben Mitbürger und Unionsbürger, niemand hat uns jemals versprochen, dass Demokratie und Föderalismus einfach sind, und schon gar nicht, dass es einfach ist, in einer Welt zu leben.

Uns wurde aber zugesichert, dass, wenn wir diesen beschwerlichen und langwierigen Weg gehen, wir keinen Krieg mehr erleiden müssen und damit auch mehr Wohlstand haben als unsere Großeltern zuvor.

Das ist machbar!

Dafür müssen wir aber auch einen europäischen Bundesstaat sähen und nicht nur ständig ernten wollen.

„You’ll be a mensch … You’ll be a success.“

Harold Pinter, The Birthday Party (1959)

„If you didn’t care what happened to me,
And I didn’t care for you,
we would zig zag our way through the boredom and pain,
Occasionally glancing up through the rain,
Wondering which of the buggers to blame
And watching for pigs on the wing.

Pink Floyd, Pigs on the Wing (Part One)