Digitalität

Wir schreiben das Jahr 2021 in Deutschland, und inzwischen gehen bereits die ersten Mitbürger, die selbst mit Computern groß geworden sind, in den wohlverdienten Ruhestand.

Was aber unsere Politik und Verwaltungen nicht davon abhält, weiterhin Digitalität und Internet als deutsches Neuland zu bezeichnen. Jüngster Höhepunkt deutscher Ignoranz und Bildungsschwäche sind die Impfzentren, die es tatsächlich schafften, nach monatelanger Vorbereitung, ihre Dokumentation in Papierform zu organisieren!

Zum besseren Verständnis, das hat dieselbe Qualität, wie wenn die Heilbronner Berufsfeuerwehr mit Kübelspritzen zum Großbrand ausrücken würde.

Unabhängig von der Tatsache, dass man zu Krisenbeginn keine neuen Strukturen schafft, sondern vorbereitete Maßnahmen einleitet und diese im Verlauf der Krise ggf. weiter anpasst, zeigt es doch wie weit unsere Politik und ihre Verwaltungen bereits von der Realität unserer Lebenswelten abgerückt sind — die dafür verantwortlichen Politiker und Beamten haben es geschafft, sich in wirtschaftlich guten und politisch sicheren Zeiten eigene Wolkenkuckucksheime zu schaffen, in denen sie ungestört von allen Turbulenzen ihre ganz eigenen Leben führen.

Das führt dann auch dazu, dass man seit Jahrzehnten verhindert, u.a. eine Glasfaserinfrastruktur aufzubauen, die Verwaltungen zu digitalisieren, ganz zu schweigen vom Schul- und Bildungssystem oder gar dem Steuer- und Gesundheitswesen.

Die Berliner Republik hat eins geschafft, neben der vorbildlichen Restauration von Kaiserdenkmälern und -gebäuden, unser Land und unsere Gesellschaft insgesamt ins digitale Biedermeier zu führen, was der schwergewichtigste Kanzler aller Zeiten uns damals als geistig-moralische Wende angekündigt hat — wir hätten auf eine genauere Beschreibung bestehen müssen. Und als er dann sogar „blühende Landschaften“ versprach, hätten wir fragen müssen, für wen?!

Ich möchte aber nicht so ganz fatalistisch klingen, denn man hat uns inzwischen den „neuen Personalausweis“ für teures Geld angedreht, der aber zumindest in Heilbronn zu nichts zu gebrauchen ist, außer man möchte täglich seinen Kontostand in Flensburg abrufen.

Dabei könnte man diesen ohne größere Schwierigkeiten — in manchen Ländern geht das ohne Probleme — dazu nutzen, dass man sich u.a. damit ausweisen oder gar Tickets oder das Essen in Kantinen bezahlen kann.

Bei uns absolut unvorstellbar, dass man dort auch den COVID-19 Impfnachweis dokumentiert — würde Sinn machen und die Infrastruktur ist bereits vorhanden.

Dafür dürfen sich aber Glücksritter — mit guten Verbindungen in die Politik — nun an Apps und sonstigen Produkten dumm und dämlich verdienen, und müssen nicht einmal nachweisen, dass man ihre Produkte überhaupt benötigt oder diese auch funktionieren.

Den Schulterschluss mit der Bevölkerung erreicht die Politik bei uns dann aber wieder damit, dass man gemeinsam die Erfolge und Errungenschaften anderer Länder oder gar Firmen verteufelt, die letztendlich dafür sorgen, dass auch wir in Deutschland Internet haben und auf vielfältige digitale Produkte und Dienstleistungen zurückgreifen können, auf die keiner von uns mehr verzichten möchte.

Und sollte unsere Politik in den nächsten Jahren aufwachen und tatsächlich eine „Digitalisierungsoffensive“ angehen wollen, dann können wir ganz in Ruhe schon einmal die alten Gebrauchsanweisungen für Telefaxgeräte heraussuchen und uns darauf gefasst machen, dass wir in Kürze die teuersten Telefongespräche führen und die allerteuersten Medien haben werden — aber damit sind wir wieder einmal Weltmeister!

„Das Internet ist für uns alle Neuland, und es ermöglicht auch Feinden und Gegnern unserer demokratischen Grundordnung natürlich, mit völlig neuen Möglichkeiten und völlig neuen Herangehensweisen unsere Art zu leben in Gefahr zu bringen.“

Angela Merkel, Presserklärung (19. Juni 2013)

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