Lieber Herr Kümmerle,

Sie deuteten an, dass manche Leserin und mancher Leser Vorbehalte gegen Gedichte auf Kümmerles Weblog geäußert haben. Lassen Sie sich davon nicht aus der Ruhe bringen. Ab und zu ein Gedicht sollte niemand stören oder gar verletzen.

Die Liste der bisher veröffentlichten Gedichte zeigt eine bunte und internationale Mischung. Besten Dank dafür.

Ich habe auf Ihrer Liste u. a. Heinrich Heines „Nachtgedanken“ angeklickt:

Denk ich an Deutschland in der Nacht,
Dann bin ich um den Schlaf gebracht.
Ich kann nicht mehr die Augen schließen,
Und meine heißen Tränen fließen.

Dieser Anfang wird oft zitiert, doch manche oder mancher kann den Verfasser nicht nennen. Heinrich Heine — geboren 1797 in Düsseldorf; gestorben 1856 in Paris und dort beerdigt auf dem Montmartre-Friedhof. Er ist an seinem Vaterland Deutschland manchmal fast verzweifelt. Davon zeugen auch die Verse am Anfang des ersten Gedichts in „Deutschland — Ein Wintermärchen“ (1844):

Im traurigen Monat November wars,
Die Tage wurden trüber,
Der Wind riß von den Bäumen das Laub,
Da reist ich nach Deutschland hinüber.

Und als ich an die Grenze kam,
Da fühlt ich ein stärkeres Klopfen
In meiner Brust, ich glaube sogar
Die Augen begannen zu tropfen.

Ein Passage aus Heines Tragödie „Almansor“ (1823) passt gut diesen traurigen Novembertagen. „Almansor“ spielt in Andalusien um 1500, als nach der Reconquista die Inquisition als Glaubenspolizei tätig wurde und die Bücher der „Andersgläubigen“ verbrannte. Die finstere Zeit in Deutschland geradezu vorausahnend schrieb Heine: „Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.“

Doch Heinrich Heine war auch ein fürs Gemüt schreibender Romantiker. Das „Lied von der Lore-Ley“ ist gewiss eines der schönsten Beispiele dafür. Die Nazis haben Heine verfemt und verboten, denn er stammte aus einer jüdischen Familie. Aber sie konnten die „Lore-Ley“ aus dem Repertoire der Männerchöre und Liedertafeln in Deutschland nicht verbannen. Deshalb stand in den Notentexten nach 1933 „Verfasser unbekannt.“

Ein anderes romantisches Gedicht — es geht ebenfalls ans Gemüt — ist in den „Reisebildern“ und darin in der „Harzreise“ (1824) enthalten:

Auf dem Berge steht die Hütte,
Wo der alte Bergmann wohnt;
Dorten rauscht die grüne Tanne
Und erglänzt der goldne Mond.

Dieses Gedicht erinnert mich sehr an meinen väterlichen Freund und späteren Chef Erwin Fuchs (Kultur- und Sozialbürgermeister in Heilbronn von 1964 – 1979), dem ich als kleiner Bub von 9 Jahren zum ersten Mal begegnet bin. Jahre später hat uns Fuchs in der Jugendgruppe der Gewerkschaft ÖTV (heute: Vereinigte Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di) mit Heines Leben und Werk bekannt gemacht. Ich habe eine Erwin Fuchs-Lebensbeschreibung verfasst. Sie ist als Online-Publikation Nr. 37 auf der Website des Stadtarchivs Heilbronn veröffentlicht worden.