Ursula Schaffer: Wer in wen?

Wissen Sie noch, in wen Sie wa­ren? Also ich war in Oliver, und zwar ziemlich ernsthaft. Wir hatten genaue Pläne für unsere Zukunft, wir woll­ten nämlich heiraten. Bis eines Tages mein Liebster mir von seinen Berufs­plänen erzählte: Er woll­te Feuerwehrmann oder Rennfah­rer werden. Ich sah mich schon als trauernde Witwe, mit einem Haufen Kinder und einem noch nicht bezahlten Einfamilienhäus­chen. (Dieses Detail kam wohl im Laufe des Er­wachsenwerdens dazu.) Und so beendete ich die Beziehung. Ich weiß es noch wie heute, wir saßen auf der Treppe zu Oli­vers Wohnung, ich vergewisserte mich über die Ernsthaf­tigkeit seiner Be­rufswahl und ver­abschiedete mich mit einem Kuss, auf die Wange natürlich. Damals war Oliver sechs und ich war fünf. Seit nun unsere Jüngste auch in der Schule ist, und zwar auf derselben wie unser Sohn, werde ich oft an meine Ju­gendliebe erinnert. Denn seit bei­de Kinder in der Schule sind, er­fahre ich endlich mal, was da so alles passiert. Am Mittagstisch entbrennt ein wahrer Wettkampf darüber, wer mir von der Schule erzählen darf. Nein, ich erfahre keine Einzelheiten aus dem Unterricht, aber Ich weiß Bescheid, was auf dem Pausenhof los ist. Wenn Sie meine Kinder fragen, ist’ das Wichtigste des Schulta­ges ohnehin die Pause. Und so erfahre ich auch, wer in wen ist: Jasmin ist schon lange in Florian. Florian ist aber in Nadi­ne. Und so weiter, und so weiter. (Die Namen sind selbstverständlich alle frei erfunden!)

Ich habe damals meine Jugend­liebe aus den Augen verloren. Vor einigen Jahren habe ich aber erfahren, dass Oliver Lehrer ge­worden ist. Was aus den Liebschaf­ten auf dem Pausenhof an der Schule unserer Kinder wird, kann heute natürlich noch niemand sa­gen. Falls Ihre Kin­der an derselben Schule sind, muss ich Sie aber leider enttäuschen. Ich werde mein Wissen nicht preisgeben, alle Anrufe sind zwecklos! Aber ich freue mich schon auf die nächsten Gespräche am Mittagstisch, wenn ich wieder erfah­re, wer in wen ist — verliebt na­türlich. Aber das Wort würden die Kinder nicht in den Mund nehmen …


Dieser Blog-Beitrag erschien erstmals am 12. und 13. Juni 2004 in der Kolumne „Familienbande“ der Zeitung Trierischer Volksfreund, worin wechselnde Autoren den familiären Alltag glossierten. 

Ursula Schaffer ist Lehrerin an der Realschule Plus Bleialf in Rheinland-Pfalz, wohnhaft in Bitburg und mehr noch, meine Lieblingsschwester. Sie schrieb u.a. mehrere Glossen für obige Kolumne. Diese gefielen mir so gut, dass ich sie bat, zumindest einige davon auch auf meinem Weblog zu veröffentlichen.

#family #first love

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