Mädchen mit Europaflagge

Was ist Europa? – Eine kleine Streitschrift! 5 (5)

Beitragsfoto: Mädchen mit Europaflagge | © Shutterstock

Genauer betrachtet ist Europa der einzige Kontinent, der sich nicht rein geografisch begründen läßt. Alle anderen Kontinente liegen auf einer oder mehreren Kontinentalplatten oder nehmen zumindest einen wesentlichen Teil davon ein.

Wie kommt es dann eigentlich zu unserem Kontinent Europa?

Folgt man der Mythologie, dann verdanken wir den Ursprung unseres Kontinentes zweier Menschen, einem Mädchen aus der heutigen Türkei und einem alten Mann, der sich selber für einen Gott hielt. Fürwahr eine etwas zu bizarre Liebelei, um daraus Weltgeschichte zu entwickeln.

Faktum aber ist, dass der westliche Teil Eurasiens, wie auch sein wesentlich größerer Rest, ursprünglich von Menschen unbewohnt war. Ein weiteres Faktum ist, dass vor etwa 700 000 Jahren beginnend und ursprünglich aus Afrika kommend über die folgenden Jahrtausende Menschen immer wieder nach Europa eingewandert sind und auch weiter einwandern werden.

Eine Tatsache, die so manchen Bewohner Europas immer wieder von Neuem zu schockieren scheint und umso mehr, je länger die eigene afrikanische Vergangenheit zurückliegt.

Kaum waren die Menschen in Europa angekommen, wurden sie regelmäßig mit weiteren hinzuziehenden Menschenmassen konfrontiert, dies umso mehr, da Europa im Westen und Süden von Meeren umgeben ist, und damit in den ersten Jahrtausenden ein Ausweichen fast unmöglich war. Diese natürliche „Bevölkerungsverdichtung“ führte aber zu neuen gesellschaftlichen und technologischen Entwicklungen, die in weniger bewohnten Gebieten unseres Planeten kaum möglich gewesen wären, und beschleunigte dazu bereits vorhandene Entwicklungsprozesse. 

So bin ich fest davon überzeugt, dass der Zaun eine ureigen europäische Entwicklung ist und in Europa nicht nur zur technologischen Reife gebracht wurde, sondern sich auch gedanklich in unser aller Bewusstsein etabliert hat.

Früh diese Entwicklung erkennend, und mit der Gewissheit, dass die Erde ein kleiner Planet mit begrenzten Ressourcen ist, gab es immer wieder Menschen, welche sich gegen diese abzeichnenden Abschottungstendenzen stellten und Alternativen entwickelten. Diogenes wird wohl nicht der erste gewesen sein, der sich ganz offen als Weltbürger bezeichnete. Dem Konzept der Ab- und Ausgrenzung wurde ein Konzept der Gemeinsamkeiten entgegegestellt. Die Bildung wurde dabei zum bestimmenden Merkmal. Und noch bevor sich die heutigen Religionen entwickelten gab es die ersten Europäer als „Welt- und Bildungsbürger“.

Unser Europa war geboren und seine damaligen „Grenzen“ lassen uns selbst heute noch staunen. Das „Mare Nostrum“ war eine der ersten europäischen Magistralen und erst die Subsahara mit seinen Königreichen und ganz eigenen Kulturen stellte Europa im Süden eine eigene Welt entgegen. Im Westen war es immer noch der schwer zu überwindende Atlantik und im Osten das Vorhandensein von Großreichen mit ihren eigenen Ideen und Vorstellungen.

Das Rad der Geschichte drehte sich weiter. Tyrannen kamen und gingen und jeder hatte seine eigene Vorstellung vom Menschsein und dem Wohl der Welt. Einzig in einem waren sich alle einig: „Europa“ konnte nie groß genug sein. Nur ausreichend mächtige Bevölkerungsgruppen oder Staaten waren in der Lage sich aus der Umklammerung „Europas“ und seiner Bürger zu retten und dazu fähig eigene Ideen und Wertvorstellungen zu behalten oder zu entwickeln. Zwar umfasste „Europa“ im letzten Jahrhundert fast die ganze Welt aber die Idee eines „Welt- und Bildungsbürgers“ war vergessen. Im Gegenteil, der noch so kleine Unterschied wurde genutzt, um sich von „den anderen“ abzugrenzen. Die Anderen dienten lediglich dazu, um den eigenen Lebensstandard sicherzustellen und zu mehren. Imperialismus, Nationalismus und andere Scheußlichkeiten menschlichen Einfallsreichtums entwickelten sich zu ihrer Blüte und führten die gesamte Welt an den Rand des Unterganges.

Aber auch in diesen dunklen Zeiten unserer Geschichte gab es immer wieder Europäer, die sich zu Europa, seinen Ideen und Idealen bekannten. In der Auseinandersetzung mit den jeweiligen Machthabern und ihren Ideologien entwickelten sich Werte wie Menschenrechte, Subsidiarität, Solidarität, Föderalismus und wurden zum festen Bestandteil europäischen Denkens. Immanuel Kants Werk „Zum ewigen Frieden“ verdeutlicht zudem, dass die Überwindung von Grenzen und die Bekenntnis zu einer Welt unabdingbare Voraussetzungen für die weitere Entwickung der Menschheit sind – damit wurde ein Gedanke aus der Antike wieder aufgegriffen. 

Den Völkerbund und junge Demokratien untergehend sehend, das Ende des zweiten Weltkrieges im Genick – dabei gerade noch dem Nationalsozialismus entronnen – und nun die Zerstörungskraft der Atomwaffen und den Sowjetkommunismus vor Augen, war es in Europa nun endgültig an der Zeit, dass auch die letzten Menschen dort erkannten, dass Änderung nottat. Auch die Weltgemeinschaft hatte bereits reagiert und die Vereinten Nationen mit Sitz in Amerika gegründet.

Und auch die Europäer konnten eine Lösung anbieten:

Eine auf föderativer Grundlage errichtete, europäische Gemeinschaft ist ein notwendiger und wesentlicher Bestandteil jeder wirklichen Weltunion.
Entsprechend den föderalistischen Grundsätzen, die den demokratischen Aufbau von unten nach oben verlangen, soll die europäische Völkergemeinschaft die Streitigkeiten, die zwischen ihren Mitgliedern entstehen könnten, selbst schlichten.
Die Europäische Union fügt sich in die Organisation der Vereinten Nationen ein und bildet eine regionale Körperschaft im Sinne des Artikels 52 der Charta.
Die Mitglieder der Europäischen Union übertragen einen Teil ihrer wirtschaftlichen, politischen und militärischen Souveränitätsrechte an die von ihnen gebildete Föderation.
Die Europäische Union steht allen Völker europäischer Wesensart, die ihre Grundsätze anerkennen, zum Beitritt offen.
Die Europäische Union setzt die Rechte und Pflichten ihrer Bürger in der Erklärung der Europäischen Bürgerrechte fest.
Diese Erklärung beruht auf der Achtung vor dem Menschen, in seiner Verantwortung gegenüber den verschiedenen Gemeinschaften, denen er angehört.
Die Europäische Union sorgt für den planmäßigen Wiederaufbau und für die wirtschaftliche, soziale und kulturelle Zusammenarbeit sowie dafür, dass der technische Fortschritt nur im Dienste der Menschheit verwendet wird.
Die Europäische Union richtet sich gegen niemand und verzichtet auf jede Machtpolitik, lehnt es aber auch ab, Werkzeug irgendeiner fremden Macht zu sein.
Im Rahmen der Europäischen Union sind regionale Unterverbände, die auf freier Übereinkunft beruhen, zulässig und sogar wünschenswert.
Nur die Europäische Union wird in der Lage sein, die Unversehrtheit des Gebietes und die Bewahrung der Eigenart aller ihrer Völker, größer oder kleiner, zu sichern.
Durch den Beweis, dass es seine Schicksalsfragen im Geiste des Föderalismus selbst lösen kann, soll Europa einen Beitrag zum Wiederaufbau und zu einem Weltbund der Völker leisten.
Mehr als 60 Jahre später ist die Europäische Union im Großen und Ganzen eine Erfolgsgeschichte. Auch ist Europa fast in der Welt angekommen, das europäische Modell zum Teil Vorbild für andere Erdteile und die europäischen Werte und Ideale prägender Bestandteil der Weltgemeinschaft. 

Damit ist auch der Beweis angetreten, dass europäische Werte und Ideale unsere Welt zum Positiven verändern können – vorausgesetzt sie werden gelebt und geachtet.

Die Europäische Union ist ein wesentlicher Bestandteil der werdenden Weltunion, allerdings mit derzeit zu erwartenden 5% Anteil an der Weltbevölkerung zukünftig kein maßgebender Bestandteil mehr. Aber die Europäische Union hat noch genügend Potential an ihrer derzeitigen Peripherie, um den eigenen Anteil auf gut 10% erhöhen zu können – ohne die eigene europäische Wesensart aufgeben zu müssen. 

Die Europäische Union steht deshalb auch weiterhin allen Völkern europäischer Wesensart zum Beitritt offen, und dies auch ganz im Sinne Pierre Bertauxs, der eine altgriechische Weisheit aufgriff und den Europäer wie folgt definierte: „Europäer ist man nicht durch Geburt, sondern wird es durch Bildung.“

Die Europäische Union ist in erster Linie eine Wertegemeinschaft, die sich bereits heute über vier Kontinente erstreckt. Diese Werte wurden über Jahrtausende entwickelt, wobei die christlichen Kirchen mit Sicherheit einen wesentlichen Anteil hatten. Man darf allerdings den Anteil der beiden Schwesterreligionen, dem Judentum und dem Islam – welche beide auch seit alters her in Europa vertreten sind – nicht unterschätzen oder schlimmer noch verleugnen.

Und wenn man unbedingt von „Grenzen“ der Europäischen Union sprechen möchte, dann liegen sie im Süden wahrscheinlich an der Sahara, im Osten an der Nahtstelle zu noch größeren Gemeinschaften oder Ländern und – der Technologie sei Dank – im Westen gegebenenfalls sogar erst im Pazifik.

Wir Europäer werden zusammen mit den anderen Völkergemeinschaften in der Lage sein, dereinst den Traum von der einen Welt zu verwirklichen. Und erst dann wird sich das Hertensteiner Programm als „historisches Dokument“ in allen Ehren verabschieden dürfen – ganz frei nach Stefan Zweig: „Hertenstein, eine weitere Sternstunde der Menschheit.“

Bis dahin ist es an uns, die Ideen und Ziele der zwölf Thesen weiterhin zu leben und zu versuchen, sie nach bestem Wissen und Gewissen umzusetzen. Darauf sollte sich unser aller Bemühen richten und darauf sollten wir auch unsere Strategie hin ausrichten.

Redaktioneller Hinweis: In der Originalversion hatte ich fälschlicher Weise Robert Schuman ein Zitat zugeschrieben, welches aber von Pierre Bertaux stammt (Mutation der Menschheit 1963: 166, „Man ist nicht Europäer von Geburt, sondern man wird es durch Bildung.“)

„Lest we forget, when Europe goes far right, they go far right through Belgium.“

John Oliver, in Last Week tonight: European Far Right (2. Juni 2015)

Kalifornische Glocken

Schillers Glocke 4.7 (7)

Beitragsfoto: Glocken in einer kalifornischen Mission (2013)

In Erinnerung an meine beiden Großmütter Luise und Käthe, die, obwohl sie an entgegengesetzten Ecken des damaligen Deutschen Reichs, nämlich Heilbronn und Königsberg, großgeworden sind, beide dieses Gedicht von Friedrich Schiller in der Schule noch auswendig lernen mussten.

Friedrich Schiller in Marbach am Neckar, also gleich hier um die Ecke, geboren, ist bis zum heutigen Tage ein bedeutender deutscher Dichter, obwohl er seine Muttersprache nie ganz verleugnen konnte. Das Schöne daran ist, dass Menschen diese Sprachrelikte selbst in seinen besten Werken finden können.

Warum aber gerade „die Glocke“ den Schülern zum Auswendiglernen aufgetragen wurde, entzieht sich meiner Kenntnis und auch meinem Verständnis.

Schiller war, wie wohl zu dieser Zeit noch ganz üblich, ein Europäer, der in seinem Leben die folgenden Staatsbürgerschaften besaß: die Württembergische, die von Sachsen-Weimar und die französische. Was übrigens uns Deutsche bis heute nicht daran hindert, ihn neben Johann Wolfgang von Goethe auf den Thron der größten deutschen Dichterfürsten zu heben und ihn wie Goethe auch zu einem von Schiller zu machen.

Das nun folgende Gedicht wurde von Schiller 1799 veröffentlicht und gehörte lange Zeit zum Kanon der deutschen Literatur. Die erste Strophe lautet auf Deutsch: „Die Lebenden ruf’ ich. Die Toten beklag’ ich. Die Blitze brech’ ich.“

Das Lied von der Glocke

Vivos voco. Mortuos plango. Fulgura frango.

Fest gemauert in der Erden
Steht die Form, aus Lehm gebrannt.
Heute muß die Glocke werden!
Frisch, Gesellen, seid zur Hand!
Von der Stirne heiß
Rinnen muß der Schweiß,
Soll das Werk den Meister loben;
Doch der Segen kommt von oben.
Zum Werke, das wir ernst bereiten,
Geziemt sich wohl ein ernstes Wort,
Wenn gute Reden sie begleiten,
Dann fließt die Arbeit munter fort.
So laßt uns jetzt mit Fleiß betrachten,
Was durch die schwache Kraft entspringt,
Den schlechten Mann muß man verachten,
Der nie bedacht, was er vollbringt.
Das ist’s ja, was den Menschen zieret,
Und dazu ward ihm der Verstand,
Daß er im innern Herzen spüret,
Was er erschafft mit seiner Hand.

Nehmet Holz vom Fichtenstamme,
Doch recht trocken laßt es sein,
Daß die eingepresste Flamme
Schlage zu dem Schwalch hinein;
Kocht des Kupfers Brei,
Schnell das Zinn herbei,
Daß die zähe Glockenspeise
Fließe nach der rechten Weise.

Was in des Dammes tiefer Grube
Die Hand mit Feuers Hilfe baut,
Hoch auf des Turmes Glockenstube,
Da wird es von uns zeugen laut.
Noch dauern wird’s in späten Tagen
Und rühren vieler Menschen Ohr,
Und wird mit dem Betrübten klagen
Und stimmen zu der Andacht Chor.
Was unten tief dem Erdensohne
Das wechselnde Verhängnis bringt,
Das schlägt an die metallne Krone,
Die es erbaulich weiter klingt.

Weiße Blasen seh’ ich springen;
Wohl, die Massen sind im Fluß.
Laßt’s mit Aschensalz durchdringen,
Das befördert schnell den Guß.
Auch vom Schaume rein
Muß die Mischung sein,
Daß vom reinlichen Metalle
Rein und voll die Stimme schalle.
Denn mit der Freude Feierklange
Begrüßt sie das geliebte Kind
Auf sein Leben ersten Gange,
Den es in Schlafes Arm beginnt!
Ihm ruhen noch im Zeitenschoße
Die schwarzen und die heitern Lose;
Der Mutterliebe zarte Sorgen
Bewachen seinen gold’nen Morgen.-
Die Jahre fliehen pfeilgeschwind.
Vom Mädchen reißt sich stolz der Knabe,
Er stürmt in’s Leben wild hinaus,
Durchmißt die Welt am Wanderstabe,
Fremd kehrt er heim in’s Vaterhaus.
Und herrlich in der Jugend Prangen,
Wie ein Gebild aus Himmelshöh’n,
Mit züchtigen, verschämten Wangen,
Sieht er die Jungfrau vor sich steh’n.
Da faßt ein namenloses Sehnen
Des Jünglings Herz, er irrt allein,
Aus seinen Augen brechen Tränen,
Er flieht der Brüder wilden Reih’n.
Errötend folgt er ihren Spuren
Und ist von ihrem Gruß beglückt,
Das Schönste sucht er auf den Fluren,
Womit er seine Liebe schmückt.
O zarte Sehnsucht, süßes Hoffen,
Der ersten Liebe gold’ne Zeit!
Das Auge sieht den Himmel offen,
Es schwelgt das Herz in Seligkeit.
O daß sie ewig grünen bliebe,
Die schöne Zeit der jungen Liebe!

Wie sich schon die Pfeifen bräunen!
Dieses Stäbchen tauch’ ich ein,
Sehn wir’s überglast erscheinen,
Wird’s zum Gusse zeitig sein.
Jetzt, Gesellen, frisch!
Prüft mir das Gemisch,
Ob das Spröde mit dem Weichen
Sich vereint zum guten Zeichen.

Denn wo das Strenge mit dem Zarten,
Wo Starkes sich mit Mildes paarten,
Da gibt er einen guten Klang.
Drum prüfe, wer sich ewig bindet,
Ob sich das Herz zum Herzen findet:
Der Wahn ist kurz, die Reu’ ist lang!
Lieblich in der Bräute Locken
Spielt der jungfräuliche Kranz,
Wenn die hellen Kirchenglocken
Laden zu des Festes Glanz.
Ach! Des Lebens schönste Feier
Endigt auch den Lebens-Mai:
Mit dem Gürtel, mit dem Schleier
Reißt der schöne Wahn entzwei.
Die Leidenschaft flieht,
Die Liebe muß bleiben:
Die Blume verblüht,
Die Frucht muß treiben.
Der Mann muß hinaus
In’s feindliche Leben,
Muß wirken und streben,
Und pflanzen und schaffen,
Erlisten, erraffen,
Muß wetten und wagen,
Das Glück zu erjagen.
Da strömet herbei die unendliche Gabe,
Es füllt sich der Speicher mit köstlicher Habe,
Die Räume wachsen, es dehnt sich das Haus.
Und drinnen waltet
Die züchtige Hausfrau,
Die Mutter der Kinder,
Und herrschet weise
Im häuslichen Kreise,
Und lehret die Mädchen,
Und wehret den Knaben,
Und reget ohn’ Ende
Die fleißigen Hände,
Und mehrt den Gewinn
Mit ordnendem Sinn,
Und füllet mit Schätzen die duftenden Laden,
Und dreht um die schnurrende Spindel den Faden,
Und sammelt im reinlich geglätteten Schrein
Die schimmernde Wolle, den schneeigen Lein,
Und füget zum Guten den Glanz und den Schimmer,
Und ruhet nimmer.
Und der Vater mit frohem Blick,
Von des Hauses weitschauendem Giebel
Überzählet sein blühend Glück,
Siehet der Pfosten ragende Bäume
Und der Scheunen gefüllte Räume
Und die Speicher, vom Segen gebogen,
Und des Kornes bewegte Wogen,
Rühmt sich mit stolzem Mund:
Fest, wie der Erde Grund,
Gegen des Unglücks Macht
Steht mir des Hauses Pracht!
Doch mit des Geschickes Mächten
Ist kein ew’ger Bund zu flechten,
Und das Unglück schreitet schnell.

Wohl! nun kann der Guß beginnen!
Schön gezacket ist der Bruch,
Doch bevor wir’s lassen rinnen,
Betet einen frommen Spruch!
Stoßt den Zapfen aus!
Gott bewahr’ das Haus!
Rauchend in des Henkels bogen
Schießt’s mit feuerbraunen Wogen.
Wohltätig ist des Feuers Macht,
Wenn sie der Mensch bezähmt, bewacht,
Und was er bildet, was er schafft,
Das dankt er dieser Himmelskraft,
Doch furchtbar wird die Himmelskraft,
Wenn sie der Fessel sich entrafft,
Einhertritt auf der eignen Spur,
Die freie Tochter der Natur.
Wehe, wenn sie losgelassen,
Wachsend ohne Widerstand
Durch die volkbelebten Gassen
Wälzt den ungeheuren Brand!
Denn die Elemente hassen
Das Gebild der Menschenhand.
Aus der Wolke
Quillt der Segen,
Strömt der Regen;
Aus der Wolke, ohne Wahl,
Zuckt der Strahl!
Hört ihr’s wimmern hoch vom Turm?
Das ist Sturm!
Rot wie Blut
Ist der Himmel;
Das ist nicht des Tages Glut!
Welch Getümmel
Straßen auf!
Dampf wallt auf!
Flackernd steigt die Feuersäule,
Durch der Straßen lange Zeile
Wächst es fort mit Windeseile;
Kochend wie aus Ofens Rachen
Glühn die Lüfte, Balken krachen,
Pfosten stürzen, Fenster klirren,
Kinder jammern, Mütter irren,
Tiere wimmern
Unter Trümmern;
Alles rennet, rettet, flüchtet,
Taghell ist die Nacht gelichtet;
Durch der Hände lange Kette
Um die Wette
Fliegt der Eimer; hoch im Bogen
Spritzen Quellen Wasserwogen.
Heulend kommt der Sturm geflogen,
Der die Flamme brausend sucht,
Prasselnd in die dürre Frucht
Fällt sie, in des Speichers Räume,
In der Sparren dürre Bäume,
Und als wollte sie im Wehen
Mit sich fort der Erde Wucht
Reißen in gewalt’ger Flucht,
Wächst in des Himmels Höhen
Riesengroß!
Hoffnungslos
Weicht der Mensch der Götterstärke;
Müßig sieht er seine Werke
Und bewundernd untergehn.

Leergebrannt
Ist die Stätte,
Wilder Stürme rauhes Bette.
In den öden Fensterhöhlen
Wohnt das Grauen,
Und des Himmels Wolken schauen
Hoch hinein.
Einen Blick
Nach dem Grabe
Seiner Habe
Sendet noch der Mensch zurück –
Greift fröhlich dann zum Wanderstabe;
Was Feuers Wut ihm auch geraubt,
Ein süßer Trost ist ihm geblieben:
Er zählt die Häupter seiner Lieben,
Und sieh! Ihm fehlt kein teures Haupt.

In die Erd’ ist’s aufgenommen,
Glücklich ist die Form gefüllt;
Wird’s auch schön zu Tage kommen,
Daß es Fleiß und Kunst vergilt?
Wenn der Guß mißlang?
Wenn die Form zersprang?
Ach! Vielleicht, indem wir hoffen,
Hat uns Unheil schon getroffen.

Dem dunkeln Schoß der heil’gen Erde
Vertrauen wir der Hände Tat,
Vertraut der Sämann seine Saat
Und hofft, daß sie entkeimen werde
Zum Segen nach des Himmels Rat.
Noch köstlicheren Samen bergen
Wir trauernd in der Erde Schoß
Und hoffen, daß er aus den Särgen
Erblühen soll zu schönerm Los.

Von dem Dome,
Schwer und bang,
Tönt die Glocke
Grabgesang.
Ernst begleiten ihre Trauerschläge
Einen Wandrer auf dem letzten Wege.

Ach! die Gattin ist’s, die teure,
Ach! es ist die treue Mutter,
Die der schwarze Fürst der Schatten
Wegführt aus dem Arm des Gatten,
Aus der zarten Kinder Schar,
Die sie blühend ihm gebar,
Die sie an der treuen Brust
Wachsen sah mit Mutterlust –
Ach! des Hauses zarte Bande
Sind gelöst auf immerdar;
Denn sie wohnt im Schattenlande,
Die des Hauses Mutter war;
Denn es fehlt ihr treues Walten,
Ihre Sorge wacht nicht mehr;
An verwaister Stätte schalten
Wird die Fremde liebeleer.

Bis die Glocke sich verkühlet,
Laßt die strenge Arbeit ruhn.
Wie im Laub der Vogel spielet,
Mag sich jeder gütlich tun.
Winkt der Sterne Licht,
Ledig aller Pflicht
Hört der Bursch die Vesper schlagen!
Meister muß sich immer plagen.

Munter fördert seine Schritte
Fern im wilden Forst der Wandrer
Nach der lieben Heimathütte.
Blöckend ziehen heim die Schafe,
Und der Rinder
Breitgestirnte, glatte Scharen
Kommen brüllend,
Die gewohnten Ställe füllend.
Schwer herein schwankt der Wagen
Kornbeladen;
Bunt vor Farben,
Auf den Garben
Liegt der Kranz,
Und das junge Volk der Schnitter
Fliegt zum Tanz.
Markt und Straßen werden stiller;
Um des Lichts gesell’ge Flamme
Sammeln sich die Hausbewohner,
Und das Stadttor schließt sich knarrend.
Schwarz bedecket
Sich die Erde,
Doch den sichern Bürger schrecket
Nicht die Nacht,
Die den Bösen gräßlich wecket;
Denn das Auge des Gesetzes wacht.
Heil’ge Ordnung, segensreiche
Himmelstochter, die das Gleiche
Frei und leicht und freudig bindet,
Die der Städte Bau gegründet,
Die herein von den Gefilden
Rief den ungesell’gen Wilden,
Eintrat in der Menschen Hütten,
Sie gewöhnt zu sanften Sitten,
Und das teuerste der Bande
Wob, den Trieb zum Vaterlande!

Tausend fleiß’ge Hände regen,
Helfen sich im muntern Bund,
Und im feurigen Bewegen
Werden alle Kräfte kund.
Meister rührt sich und Geselle
In der Freiheit heil’gem Schutz,
Jeder freut sich seiner Stelle,
Bietet dem Verächter Trutz.
Arbeit ist des Bürgers Zierde,
Segen ist der Mühe Preis:
Ehrt den König seine Würde,
Ehret uns der Hände Fleiß.

Holder Friede,
Süße Eintracht,
Weilet, weilet
Freundlich über dieser Stadt!
Möge nie der Tag erscheinen,
Wo des rauhen Krieges Horden
Dieses stille Tal durchtoben,
Wo der Himmel,
Den des Abends sanfte Röte
Lieblich malt,
Von der Dörfer, von der Städte
Wildem Brande schrecklich strahlt!

Nun zerbrecht mir das Gebäude,
Seine Absicht hat’s erfüllt,
Das sich Herz und Auge weide
An dem wohlgelung’nen Bild.
Schwingt den Hammer, schwingt,
Bis der Mantel springt!
Wenn die Glock’ soll auferstehen,
Muß die Form in Stücke gehen.
Der Meister kann die Form zerbrechen
Mit weiser Hand, zur rechten Zeit;
Doch wehe, wenn in Flammenbächen
Das glüh’nde Erz sich selbst befreit!
Blindwütend mit des Donners Krachen
Zersprengt es das geborst’ne Haus,
Und wie aus offnen Höllenrachen
Speit es Verderben zündend aus.
Wo rohe Kräfte sinnlos walten,
Da kann sich kein Gebild gestalten;
Wenn sich die Völker selbst befrei’n,
Da kann die Wohlfahrt nicht gedeihn.
Weh, wenn sich in dem Schoß der Städte
Der Feuerzunder still gehäuft,
Das Volk, zerreißend seine Kette,
Zur Eigenhilfe schrecklich greift!
Da zerret an der Glocke Strängen
Der Aufruhr, daß sie heulend schallt,
Und, nur geweiht zu Friedensklängen,
Die Losung anstimmt zur Gewalt.
Freiheit und Gleichheit! Hört man schallen;
Der ruhige Bürger greift zur Wehr,
Die Straßen füllen sich, die Hallen,
Und Würgerbanden ziehn umher.
Da werden Weiber zu Hyänen
Und treiben mit Entsetzen Scherz;
Noch zuckend, mit des Panthers Zähnen,
Zerreißen sie des Feindes Herz.
Nichts Heiliges ist mehr, es lösen
Sich alle Bande frommer Scheu;
Der Gute räumt den Platz beim Bösen,
Und alle Laster walten frei.
Gefährlich ist’s den Leu zu wecken,
Verderblich ist des Tigers Zahn;
Jedoch der schrecklichste der Schrecken,
Das ist der Mensch in seinem Wahn.
Weh denen, die dem Ewigblinden
Des Lichtes Himmelsfackel leih’n!
Sie strahlt ihm nicht, sie kann nur zünden
Und äschert Städt’ und Länder ein.
Freude hat mir Gott gegeben!
Gehet! Wie ein goldner Stern
Aus der Hülse, blank und eben,
Schält sich der metall’ne Kern.
Von dem Helm zum Kranz
Spielt’s wie Sonnenglanz.
Auch des Wappens nette Schilder
Loben den erfahrnen Bilder.

Herein! Herein!
Gesellen alle, schließt den Reihen,
Daß wir die Glocke tausend weihen.
Concordia soll ihr Name sein.
Zur Eintracht, zu herzinnigem Vereine,
Versammle sie die liebende Gemeinde.

Und dies sei fortan ihr Beruf,
Wozu der Meister sie erschuf:
Hoch über’m niedern Erdenleben
Soll sie im blauen Himmelszelt,
Die Nachbarin des Donners, schweben
Und grenzen an die Sternenwelt,
Soll eine Stimme sein von oben,
Wie der Gestirne helle Schar,
Die ihren Schöpfer wandelnd loben
Und führen das bekränzte Jahr.
Nur ewig und ernsten Dingen
Sei ihr metallner Mund geweiht,
Und stündlich mit den schnellen Schwingen
Berühr’ im Fluge sie die Zeit.
Dem Schicksal leihe sie die Zunge;
Selbst herzlos, ohne Mitgefühl,
Begleit sie mit ihrem Schwunge
Des Lebens wechselvolles Spiel.
Und wie der Klang im Ohr vergehet,
Der mächtig tönend ihr entschallt,
So lehre sie, daß Nichts bestehet,
Daß alles Irdische verhallt.

Jetzo mit der Kraft des Stranges
Wiegt die Glock’ mir aus der Gruft,
Daß sie in das Reich des Klanges
Steige, in die Himmelsluft!
Ziehet, ziehet, hebt!
Sie bewegt sich, schwebt!
Freude dieser Stadt bedeute,
Friede sei ihr erst Geläute.

Friedrich Schiller, 1799

Dass es auch kürzer geht, zeigt Friedrich Schiller im folgenden Gedicht:

Unsterblichkeit

Vor dem Tod erschrickst du! Du wünschest unsterblich zu leben?

Leb’ im Ganzen! Wenn du lange dahin bist, es bleibt.

Friedrich Schiller

„Das eben ist der Fluch der bösen Tat, dass sie, fortzeugend, immer Böses muss gebären.“

Friedrich Schiller, Wallensteins Lager /Die Piccolomini (1798-1799)

Niederländisches Parlament

Europatag 2011 5 (3)

Beitragsfoto: niederländisches Parlament | © Pixabay

Das europäische Einigungswerk wurde durch private Initiativen bekennender Europäer vor gut 70 Jahren erfolgreich gestartet. Der Weg führte zur Gründung des Europarates (1949) mit dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (1959), weiter über die Montan-Union (1951), Euratom (1957), EWG (1957), EG (1993) hin zur Europäischen Union (2006). Auch konnten wir 1979 die ersten Abgeordneten direkt in das bereits 1952 geschaffene Europäische Parlament wählen. Seit Inkrafttreten des Vertrages von Lissabon (2009) können unsere Abgeordneten auch immer mehr Einfluss auf die nationalen Regierungen und die Europäische Kommission nehmen und somit unsere gemeinsame Zukunft demokratisch legitimiert weiter gestalten. Unsere Idee der „Vereinigten Staaten von Europa“ (1946) – einem wirtschaftlich starken und politisch unabhängigen, demokratischen und föderativen Friedenseuropa ist trotz aller Unkenrufe und vorhandener Probleme bis hin zu sehr großen Herausforderungen nicht überholt!

Selten sind bedeutende Ziele in kurzer Zeit erreicht worden. Es gibt immer Herausforderungen oder gar Rückschläge zu überwinden. Und wenn man bereits jetzt schon über 500 Millionen Menschen mit ihren jeweiligen Eigenarten und Interessen bei der Zielerreichung maßgeblich mit einbindet, kann man getrost von einer Herkulesaufgabe sprechen.

Aufgrund der derzeitigen Finanzkrise in Europa und dem überraschenden Einklagen europäischer Ideale bei unseren südlichen Nachbarn und der damit einhergehenden bzw. sich abzeichnenden Konflikte ist es gerade in diesen Tagen nicht leicht, das notwendige politische Verständnis bei unseren Mitbürgern oder auch bei weniger informierten Politikern zu finden, um die europäische Idee weiter voranzutreiben.

Wir bekennenden Europäer halten trotzdem – oder besser auf den Punkt gebracht – gerade deswegen am europäischen Einigungswerk fest. Die Alternative wäre Zerfall, Zerstörung und der Untergang unserer europäischen Zivilisation. Ein zweites „1945“ würde keine Gesellschaft in Europa überstehen und die Auswirkungen auf die gesamte Welt wären unvorhersehbar.

Deshalb sind wir alle mehr den je dazu aufgerufen, den europäischen Einigungsprozess weiter voranzutreiben und allen Krisen gemeinschaftlich zu begegnen – Europa und seine Bürger werden daraus gestärkt hervorgehen.

Der Kreisverband Heilbronn der EUROPA-UNION Deutschland wird deshalb weiter über unser Europa, seine Menschen und Institutionen informieren. Mit unseren Informations- und Bildungsangeboten sowie dem Angebot, sich mit anderen Europäern auszutauschen, wollen wir unseren Teil dazu beitragen, dass die „Vereinigten Staaten von Europa“ Wirklichkeit werden können.

Den diesjährigen Treffpunkt Europa veranstalten wir nun schon zum 22. Male zusammen mit der Stadt Heilbronn, europaorientierten Vereinen und Partnerstädten auf dem Kiliansplatz in Heilbronn. Wir möchten auch dieses Jahr allen Heilbronnern und ihren Gästen zeigen, dass man friedlich und zum Wohle aller miteinander leben, arbeiten und feiern kann.

Wir bekennenden Europäer fordern insbesondere in Zeiten wirtschaftlicher und globaler Schwierigkeiten unsere Politiker dazu auf, diesen Herausforderungen mit durchdachten und abgestimmten Lösungen zu begegnen und auch bestehende Gesetze und Verträge diesbezüglich zu überprüfen und gegebenenfalls anzupassen.

Der Kreisverband Heilbronn wird den europäischen Einigungsprozess weiterhin begleiten, für ihn werben und seinen Teil dazu beitragen, dass auch die folgenden Generationen sich in einem freien Europa bestmöglich entwickeln können.

Hierzu fordern wir weitere Bildungsbemühungen und –initiativen, denn wir sind wie Pierre Bertaux fest von Folgendem überzeugt: „Europäer ist man nicht durch Geburt, sondern wird es durch Bildung.“

Redaktioneller Hinweis: In der Originalversion hatte ich fälschlicher Weise Robert Schuman ein Zitat zugeschrieben, welches aber von Pierre Bertaux stammt (Mutation der Menschheit 1963: 166, „Man ist nicht Europäer von Geburt, sondern man wird es durch Bildung.“)

„Do you know the difference between education and experience? Education is when you read the fine print; experience is what you get when you don’t.“

Pete Seeger, in der Washington Post (28. Januar 2014)