Brennendes Buch

Namensverbote 4.6 (5)

Beitragsfoto: Frau mit Buch | © Kris Møklebust auf Pexels

Unsere menschliche Kommunikation funktioniert eigentlich ganz gut über eine gemeinsame Sprache. Leider aber wird dabei schon immer von herrschenden Mitbürgern versucht, über Sprachmanipulation Einfluss auf alle anderen Bürger zu erhalten.

Am bekanntesten sind wohl noch heute die Namensverbote der alten Ägypter, die unliebsame Herrscher einfach aus den Schriften löschten und damit wohl über Jahrhunderte hinweg dem Vergessen übergaben. Und noch vor ein paar Jahrzehnten wurde darüber diskutiert, ob es nicht für die Gesellschaft sinnvoll wäre, wenn man die Namen von Verbrechern einfach so aus den Medien entfernt — zumindest wollte man es damit vermeintlichen Nachahmern erschweren.

Eine ähnliche Vorgehensweise sind die Retuschen von Bildern, die ebenfalls meist in Diktaturen vorkommen und damit unliebsame Mitbürger auch in Pressefotos verschwinden lassen.

All diese Versuche Namen zu verbieten — selbst jener aus den Harry Potter Geschichten — waren letztendlich völlig zwecklos und funktionierten vielleicht nur bei den alten Ägyptern ein paar Jahrhunderte lang — was meines Erachtens ein sehr trübes Bild auf diese „Hochkultur“ wirft.

Und was bereits mit Namen nicht funktioniert wird schon gar nicht mit Begriffen funktionieren! Zudem ist es noch nie gut gewesen, Probleme durch einfaches Verdrängen lösen zu wollen.

Deswegen haben bereits vor Jahrzehnten totalitäre Systeme wie auch offene Gesellschaften damit begonnen unsere Sprache nicht durch bloße Verbote, sondern durch plumpe Manipulation zu verändern. Hierbei sind die Euphemismen aus unseren westlichen Gesellschaften noch die bekanntesten, wie z. B. wenn aus der Putzfrau eine Reinigungskraft oder aus einem ungelernten Hilfsarbeiter ein Assistant Manager wird.

Aber auch diese sehr plumpen Sprachmanipulationsversuche fruchten nur für sehr kurze Zeit. Deswegen hatte bereits George Orwell das Neusprech erfunden und im Roman 1984 zur ganzen Blüte gebracht. Wie wir es bis heute erleben können, funktioniert aber ein Neusprech auch nur in totalitären Systemen und keiner kann heute vorhersagen, ob das Neusprech wenigstens eine ganz Weile andauern können wird.

Deswegen wäre es sicherlich für alle Beteiligten besser, wenn man Probleme und Konflikte offen und geregelt austrägt als sich auf solche Spielchen mit sehr zweifelhafter Herkunft und noch zweifelhafteren Intentionen einlässt!

Und da sich jede Sprache wie von selbst ändert — jeder von uns kennt unzählige Beispiele — bedarf es keinerlei Sprach-, Sprech-, Namens- oder gar Begriffsverbote! Jeder Staat, der sich auf solche Verbotsversuche einlässt, muss sich vorwerfen lassen, dass er zumindest völlig unseriös handelt, wenn nicht gar einer totalitären Agenda folgt.

Wenn die Menschen das Wort „Fräulein“ nicht mehr wollen, dann verschwindet dieses Wort wie von selbst aus der Sprache und Leser bzw. Hörer von älteren Büchern oder anderen Medien müssen sich über kurz oder lang kundig machen, was der Sprecher oder Schreiber damit ausdrücken wollte.

Der absolute Wahnsinn ist es, solche toten Worte wie „Fräulein“ im Nachgang dann aus allen Büchern und sonstigen Dokumenten löschen zu wollen! — was wir übrigens mit großer Inbrunst derzeit in vielen Teilen Europas tatsächlich machen.

Völlig unbenommen bleibt es jedem Menschen, bestimmte Worte nicht in den Mund zu nehmen. Es gibt in sämtlichen Sprachen unzählige solcher Worte, die man für gewöhnlich nicht aktiv nutzt. Und die allermeisten davon mussten auch nicht extra verboten werden.

Bis heute regeln sämtliche Sprachgemeinschaften ihre jeweilige Sprache völlig eigenständig, und viele meiner Zeitgenossen belächeln wie ich selbst auch bis heute solch spinnerte Versuche, wie z. B. die unserer französischen Nachbarn, ihre Sprache von Anglizismen freizuhalten.

Und deswegen kann ich die aktuelle Diskussion von selbsternannten deutschen Sprachdiktatoren und deren willfährigen Handlangern nicht für gut heißen, die jetzt durch sämtliche Medien tingeln und ein „N-Wort“ propagieren und zeitgleich das uralte und vielleicht auch aus der heutigen Zeit gefallene Wort „Neger“ (Latein: Schwarzer) verbieten wollen.

Ich vermute, dass diese Deppen — ebenfalls ein schönes altes Wort — damit das Wort Neger erst wieder so richtig hoffähig machen, als Beispiel kann das „F-Wort“ dienen, wo heute fast selbst jede Dame ohne zögern von „Fuck You!“ spricht.

Das wirklich Schlimme aber ist daran, dass es in unserer Gesellschaft wieder schick und hoffähig ist, selbst die irrsinnigsten Verbote durchsetzen zu wollen. Im Endeffekt werden diese Deppen dann auch die Todesstrafe für gut heißen, denn wer ihren wirren Ideologien nicht folgen will, der hat auch keine Existenzberechtigung.

Man merke sich bitte: „Wer Bücher verbrennt, der verbrennt auch Menschen!

Und Bücher bestehen bekanntlich aus Worten.

„Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.“ 

Heinrich Heine, Almansor (1823)

Abbott Sensor

Segen & Fluch 4.6 (7)

Beitragsfoto: Abbott Sensor

Ein Leben auf der Überholspur hinterlässt seine Spuren und spätestens dann, wenn man gezwungener Maßen den Blinker nach rechts setzen muss, fängt man dann doch so langsam an zu bereuen, dass man die vielfältigen und gut gemeinten Ratschläge und Hinweise auf der Strecke kaum wahrgenommen oder gar befolgt hat.

Und nur anfangs kann man sich noch mit tollen Sprüchen wie „It’s not the years, honey. It’s the mileage.“ selber trösten. Dann aber schlägt der Zahn der Zeit erbarmungslos zu und so kann ich froh darüber sein, dass ich mit einer sehr belastbaren besseren Hälfte gesegnet bin, und der medizinische Fortschritt wie auch die ärztliche Versorgung dafür sorgen, dass man weiterhin nicht allen gut gemeinten Ratschlägen folgen muss und man zwar nicht mehr auf der Überholspur aber immer noch auf der Autobahn unterwegs sein kann.

Und so sammeln sich immer mehr Medikamente und Hilfsmittel an, die einem das Leben weiterhin erträglich machen. Eines dieser angenehmen kleinen Helferlein ist ein Sensor von Abbott, den ich inzwischen seit 2021 nutze.

Der Freestyle Libre 3 Sensor ist mit einem Applikator leicht anzubringen, nach 60 Minuten betriebsbereit und bis zum Austausch nach 14 Tagen mit meinem Mobiltelefon verbunden, welches mir meine Werte kontinuierlich anzeigt und mich darüber informiert, wenn Handlungsbedarf besteht. Mich hat dieser Sensor überzeugt, weil er ein wenig kleiner als andere ist und sowohl mein betreuender Arzt als auch meine bessere Hälfte mitlesen können.

Inzwischen weiß ich, dass dies auch andere Sensoren können und diese zudem manuell justierbar sind, was dann gut sein kann, wenn man den Sensor einmal an einer weniger geeigneten Stelle angebracht hat. Ich konnte feststellen, dass sich dies bei meinem Sensor in spätestens zwei Tagen von selbst einpendelt und die Werte danach wieder eine akzeptable Abweichung zur traditionellen Messmethode haben.

Und im Falle, dass er sich einmal nicht von selbst einpendelt, was bei mir bisher nur einmal vorkam, er plötzlich seine Funktion einstellt, was ich zweimal erleben konnte, oder einmal gar vor dem Anbringen beschädigt war, reichte bisher ein Telefonanruf bei Abbott und ich bekam eine Ersatzlieferung. Vorzeitiges Abfallen des Sensors konnte ich bisher auf eigenes Verschulden zurückführen und musste dann halt einen neuen Sensor anbringen. Alle diese Fälle machen es aber zwingend nötig, dass man immer mindestens zwei weitere Sensoren parat hat.

Heutzutage eigentlich kein Problem, denn es gibt das Internet und Abbott hat dort auch eine Website, bei der ich ein eigenes Kundenkonto habe. Und so war die Welt bis vor Kurzem für mich auch völlig in Ordnung. So sehr in Ordnung, dass ich der Aufforderung von Abbott folgte, doch den Bezug des Sensors zu abonnieren, um künftig ohne weiteres Zutun meine Sensoren geliefert zu bekommen.

Vor ein paar Tagen fragte mich meine bessere Hälfte, wo denn die kommende Lieferung bliebe, und ich vertröstete sie damit, dass Abbott doch seit Ende letzten Jahres Lieferschwierigkeiten habe und diese bestimmt zeitgerecht eintrudeln werden. Und wie es der Zufall will, ein Sensor gibt seinen Geist auf und ich nehme mit dem Kundenservice Verbindung auf.

Dabei stellte ich einen Warnhinweis auf der Website fest, dass meine Kontenverbindung falsch sei. Nach den erfolgreichen Austauschregularien fragte ich beim Servicemitarbeiter diesbezüglich nach. Er meinte, dass meine Kreditkarte abgelaufen sei und so änderte ich dies, was er mir auch bestätigte. Die Welt war wieder in Ordnung. Meine Verwunderung darüber, dass ich nicht von Abbott über eine „fehlende“ Kontoverbindung informiert wurde und die alternative Zahlungsmethode ganz verschwunden war, hielt sich dabei in Grenzen.

Kurz darauf musste ich leider feststellen, dass der neue Sensor beschädigt war und nahm erneut mit dem Kundenservice Verbindung auf. Dabei stellte ich fest, dass der Warnhinweis über eine fehlende Kontoverbindung immer noch vorhanden war, obwohl beide Kontoverbindungen in meinem Kundenkonto aktuell sind. Zusammen mit dem Servicemitarbeiter richtete ich beide Kontoverbindungen neu ein und er bestätigte mir dies erneut. Dieses Mal aber mit dem Hinweis, dass es wohl ein wenig dauere bis der Warnhinweis verschwinden würde.

Inzwischen stellte meine besser Hälfte fest, dass ich nur noch über einen Sensor verfügte und ich mindestens 7 benötige, da ein mehrwöchiger USA-Aufenthalt vor der Tür steht. Kein Problem dachte ich, ein Anruf beim Kundenservice genügt.

Zuerst versicherte mir der Servicemitarbeiter, dass ich im Juli diesen Jahres meine 7 Sensoren wie bestellt bekäme, allerdings in zwei Tranchen zu 4 und 3 Sensoren — wegen der Lieferschwierigkeiten.

Als ich ihn darauf hinwies, dass ich meine 7 Sensoren für das Vorgängerquartal dringend benötige, machte er sich in der zuständigen Abteilung kundig und teilte mir danach mit, dass meine Kreditkarte abgelaufen sei. Und die Odyssee mit Abbott begann!

Das weitere Telefonieren ergab, dass zwar auf meinem Kundenkonto die Kontoverbindungen richtig und auch valide seien, aber im Backend bei Abbott die alten Verbindungen vorhanden wären. Ich weiß nicht mehr, wie oft ich inzwischen mit und ohne Hilfe von Servicemitarbeitern meine Kontodaten neu eingeben und die präferierte Zahlungsreihenfolge geändert habe. Einzig der Warnhinweis war verschwunden aber ich bekam weiterhin keine Lieferankündigung für die Sensoren.

Ein weiterer freundlicher Mitarbeiter empfahl mir den E-Mail-Weg, um die benötigten 7 Sensoren zu erhalten, teilte mir aber mit, dass 4 Sensoren bereits unterwegs seien.

Heute musste ich feststellen, dass keine 4 Sensoren unterwegs sind und ich auch keine Antwort auf meine E-Mail bekam, die mir bereits für vorgestern versprochen wurde.

Um dem Drama ein Ende zu setzen, inzwischen war die Reihenfolge meiner Kontoverbindungen von ganz alleine in meinem Kundenkonto getauscht, kündigte ich das Abonnement der Sensoren. Dies wurde mir sofort bestätigt.

Schlau wie ich bin, bestellte ich gleich darauf 7 Sensoren ganz traditionell. Und ich bekam die Antwort, dass ich keine 7 Sensoren bestellen dürfe!

Also abonnierte ich erneut meine 7 Sensoren und wurde keine 10 Sekunden darauf von PayPal darüber informiert, dass sie das Geld an Abbott überwiesen hätten. Keine 10 Minuten später kam von Abbott die Information, dass ich in Kürze 4 Sensoren bekomme und die weiteren 3 später geliefert würden.

Nach alleine meinerseits drei Stunden völlig unnötiger Zeitverschwendung scheint zumindest eine von zwei benötigten Kontoverbindung wieder bei Abbott akzeptiert zu werden — welche übrigens alle beide von Abbott zwei Jahre lang ohne Probleme genutzt wurden — ganz automatisch.

Was nun aber mein eigentliches Problem nicht löst, denn ich wüsste jetzt nicht, wie ich in den USA an meine Sensoren komme. Auch weiß ich noch nicht, ob ich überhaupt und wenn ja, dann noch zeitgerecht wenigsten 4 Sensoren bekomme.

Manche Firmen sind einfach Segen und Fluch zugleich!


Nachtrag 28.4.2023

Ich erhielt einen Anruf von Abbott, dass meine 4 Sensoren noch heute in den Versand gingen. Zudem bat mich die freundliche Dame um Verständnis, dass sie aufgrund von Lieferschwierigkeiten auch Abonnenten keine zusätzlichen 3 Sensoren liefern könnten; sie würden keinen Kunden bevorzugen.

Mit dieser Information kann ich ganz gut leben und bin selbst der Letzte, der eine bevorzugte Behandlung möchte. Wenn ich jetzt noch die 4 Sensoren bekomme, dann ist meine Abbott-Welt wieder für mich in Ordnung. Und sollten defekte Sensoren dabei sein, dann überbrücke ich gerne zum Wohle der anderen Sensorennutzer die Zeit bis zur nächsten Lieferung mit traditionellen Messungen.

Und bis zum nächsten regelmäßigen Kreditkartenwechsel hat Abbott vielleicht sogar eine Möglichkeit gefunden, um ihre Abonnenten darauf aufmerksam zu machen, dass man als Abonnent nachsteuern muss bevor sie still und heimlich das Abonnement von alleine beenden.

Oder für alle Beteiligten noch einfacher, man darf seine Sensoren wieder alleine ohne Abonnement bestellen; das würde die Diskussion um gültige Kontenverbindungen ganz erübrigen.


Nachtrag 30.4.2023

Sehr geehrter Herr Kümmerle,
vielen Dank für Ihre Bestellung DE5004881266 vom 25.04.2023.
Die Auslieferung Ihrer Bestellung verzögert sich um wenige Tage. Dafür bitten wir Sie um Entschuldigung.
Hintergrund ist die gestiegene Nachfrage nach dem Freestyle Libre Messsystem, wodurch kurzfristige Lieferverzögerungen zu Stande kommen.
Ihre Bestellung werden wir in den nächsten Tagen automatisch an Sie ausliefern, es sind keine weiteren Schritte Ihrerseits notwendig.
Den aktuellen Status Ihrer Bestellung können Sie jederzeit in Ihrem Kundenkonto abrufen.

Herzliche Grüße

Nachtrag 2.5.2023

Sehr geehrter Herr Kümmerle,

BESTELLUNG

wir freuen uns, dass Sie sich für ein Freestyle Libre 3 Messsystem entschieden haben. Ihre Bestellung wurde bereits versandt und wird in Kürze bei Ihnen eintreffen.

Bestelldatum: 02.05.2023
Bestellnummer: DE6000767876


Nachtrag 4.5.2023

Heute wurden mir tatsächlich vier neue Sensoren geliefert. Damit wird mein Leben wieder etwas angenehmer. Und im Falle, dass alle vier jeweils 14 Tage durchhalten, bin ich auch auf der sicheren Seite. Alles andere würde dann wohl einen weiteren Blog-Eintrag rechtfertigen.

„Soweit die Zuverlässigkeit herrscht, lässt sch alles beherrschen. Was man beherrschen kann und gebraucht, das ist unser eigener Besitz.“

Lü Bu Wei, Chunqiu – Frühling und Herbst des Lü Bu We (2013 [240 oder 239 v. Chr]: 329)
Detlef Sterns reMarkable

reMarkable 4.5 (8)

Beitragsfoto: Detlef Sterns reMarkable

Seit mehr als 15 Jahren gibt es sie, seit etwas mehr als 10 Jahren werden sie von vielen genutzt: E-Book-Reader. Auf Basis von elektronischem Papier können damit viele Inhalte gelesen werden, ohne dass diese zu sehr ins Gewicht fallen. Auf diesen Geräten finden locker hunderte Bücher in Form von Dateien Platz, was nicht nur für die Urlaubszeit genutzt wird. Der Akku hält meist Wochen durch, was bei Smart Phone und Smart Watch fast schon utopisch ist. Für eine große Gattung an Texten sind E-Book-Reader ein recht bequemes Gerät. Natürlich hat alles seinen Preis. Der Begriff elektronisches Papier signalisiert, dass es auch andere Geräte geben könnte.

Von Papier wird nicht nur gelesen. Manche nutzen es auch zum Schreiben. Tatsächlich ist das Schreiben eine der besonderen Kulturtechniken, mit der das eigene Denken gefördert wird. Zugleich bedeutet Schreiben die Kommunikation von Gedanken, Ideen, Erkenntnissen. Etwas, das mit der täglichen Social-Media-Routine droht verloren zu gehen. Die Segnungen, manchmal auch die Wirrungen, des Fortschritts wären ohne Schreiben, ohne funktionierendes gesellschaftliches Gedächtnis, nicht möglich.

Schreiben ist wichtig.

Zugleich wird vieles erst durch Digitalisierung zugänglich. Da stellt sich die Frage, wie eigene Notizen, Kritzeleien, Skizzen, Texte erst einmal einem selbst und später ggf. auch anderen zugänglich gemacht werden können.

Bei reinen Texten scheint es noch einfach. Dafür gibt es Computer, Tastaturen und Texteingabesoftware. Manche nutzen dafür eine eigene Formatierungssprache, andere verlassen sich auf ein Textverarbeitungsprogramm. Doch so einfach ist es nicht. Eine Tastatur mag geeignet sein, um reine Fließtexte herunterzuschreiben, Es geht dort nur vorwärts, weniger zurück, und kaum diagonal oder gar kreisförmig. Nein, eine Tastatur ist kein Ersatz für Papier, wenn es auf das Denken ankommt.

Es gibt eine Vielzahl an Produkten, welche die Bewegungen des Stifts auf einem Papier digital erfassen und daraus das Geschriebene, Gemalte, Gekritzelte rekonstruieren. Für gute Ergebnisse ist der Aufwand erheblich. Mal benötigt man spezielles Papier. Natürlich nicht ganz billig. Von irgendwas muss der Hersteller leben. Mal muss man alles speziell ausrichten. Wer dann immer einen genügend großen Tisch zur Verfügung hat, genügend Zeit fürs Einrichten, der hat wohl auch genügend Muße, um sich von dem ganzen Gedöns nicht ablenken zu lassen. Ich nicht.

Man könnte auch einen Scanner nutzen, ggf. sogar das Smart Phone, um das zu Papier Gebrachte einzulesen. Manche kommen damit gut klar. Ich nicht. Da fliegen zu viele Textfotodateien, Textscandateien herum, die man erst mal organisieren muss. Und ich muss Papier, Bleistift, Radiergummi, Lineal und wer weiß was noch mitnehmen.

Ein Tablet! Das universelle Allzweckwerkzeug des modernen Menschen. Für alles gibt es eine App, viele Tablets bieten eine Stifteingabe. Damit ist das Tablet mehr als eine Internetfernbedienung. Das wäre es doch, oder?

Leider nicht. Tablets sind optimiert, damit darauf herumgewischt werden kann. Das kann jedes Baby, wörtlich gemeint. Mehr Qualifikation ist nicht nötig. Schreiben ist mehr als Wischen. Die Stifte von Tablets rutschen gerne auch der Oberfläche herum. Im Hintergrund warten zudem jede Menge andere Anwendungen darauf, den Nutzer mit vermeintlich wichtigen Nachrichten zu informieren. Und zur Not lenke ich mich selbst ab, indem ich mal eben etwas nachsehe, anstatt selbst zu denken. Und der Akku ist auch immer wieder leer.

Was ich (und viele andere) benötigen, ist das Pendant eines E-Book-Readers: ein E-Writer.

Ein E-Writer nutzt ebenfalls elektronisches Papier, so dass der Akku erst nach Wochen nachgeladen werden muss. Die Schreiboberfläche ist minimal leicht angeraut, so dass es sich (fast) anfühlt, als schreibe man auf Papier. Leuchtet normales Papier? Genau, ein E-Writer muss keine Hintergrundbeleuchtung haben, höchstens eine ganz dezente. Erscheinen auf dem Papier unmotiviert irgendwelche Post-its? Genau, ein E-Writer unterbricht nicht, hat keine nervenden Hintergrund-Apps. Soweit das haptisch praktische.

Aktuell gibt es zwei Geräte, die all dies (und noch einiges mehr) leisten.

Etwa seit dem Jahreswechsel 2022/2023 gibt es den Kindle Scribe von Amazon. Ein E-Book-Reader, mit dem man auch schreiben kann. Fokus ist das Lesen. Man schreibt, um sich Notizen zum gerade gelesenen Inhalt zu machen. Amazon hat die eine oder andere fehlende Funktionalität nachgeliefert und wird das mutmaßlich weiter tun.

Anfang 2023 wurde von Lenovo ein Gerät mit Namen Smart Paper angekündigt. Dabei ist es bisher geblieben. Auch von anderen Herstellern gibt es Android-basierte Tablets mit elektronischem Papier. Diese können eher zu viel und das nicht richtig. Es sind keine E-Writer im obigen Sinn.

Seit 2020 gibt es die zweite Version des reMarkable. Die erste Version, entstanden via Crowdfunding, war mir etwas schwachbrüstig. Die Zeitläufte im Frühjahr 2020 waren für mich Grund genug, das Gerät nach der Ankündigung vorzubestellen. Geliefert wurde es einige Monate später. Grund: die Zeitläufte.

Natürlich ist das Gerät purer Luxus. Grob 400 Euro für etwas, dass zunächst nicht zu viel mehr kann als ein Stapel Papier, das ist nicht ohne. Für das Geld lassen sich locker 30.000 Blatt Papier kaufen. Dank meiner relativ privilegierten Situation entschied ich mich für das Experiment. Es geht ja nicht nur um Quantität.

Auf einer technischen Ebene ist das reMarkable ein Linux-basierter Computer, mit WLAN, Display und Stifteingabe. Über eine USB-C-Schnittstelle kann man eine IP-Verbindung mit dem Gerät aufbauen und sich in diesen Computer einloggen. Dann steht einem die ganze Linux-Welt offen. Selbst den Zettelstore habe ich dort zum Laufen bekommen. Wer ein wenig recherchiert, findet viele Erweiterungen, bis hin zu einer neuen Oberfläche. Genug mit technischen Details.

Wie schreibt es sich? Wunderbar. Der Stift besitzt austauschbare Spitzen, die über das leicht raue Display reiben und sich wohl im Laufe der Zeit abnutzen sollen. Bisher musste ich noch keine Spitze tauschen. Das liegt aber auch daran, dass ich alternative Stifte verwende. Mir gefällt besonders der Staedtler Noris digital jumbo, der gut in meiner Hand liegt. Dieser haftet zwar nicht magnetisch wie der Originalstift, macht aber nichts. Das magnetische Haften ist sowieso nur ein Gimmick.

Seither ist mein Papierbedarf drastisch gesunken.

Es geht aber nicht nur um quantitatives, wie Anzahl der virtuellen Stifte, deren virtuellen Stärke, Farbe, der Anzahl nützlicher Templates, und so weiter. In der Praxis nutze ich nur wenige dieser Varianten. Das gilt auch für die graphischen Ebenen, die wohl eher für Personen relevant sind, die damit intensiv zeichnen wollen und können. Hilfreich, wenn man es hat, aber nicht entscheidend. Das gilt für auch für die Synchronisation von Inhalten mit Google Drive, bzw. Dropbox. Ich nutze die Synchronisation mit Hilfe der Herstellerdienste. Für Windows, macOS, iPadOS, Android gibt es Client-Software, welche die Inhalte darstellen kann. So habe ich alle Inhalte in vielen Situationen parat.

In Zeiten der Digitalisierung gilt es immer wieder, PDF-Formulare auszufüllen. Leider haben nicht alle genügend Fähigkeiten, solche PDF-Dateien geeignet zu erstellen. Mal lässt sich so ein PDF-Formular nur per Windows / Adobe-Software ausfüllen, mal nur unter macOS. Mal lässt sich ein Eingabefeld nicht ausfüllen, mal würde man gerne eine Graphik einfügen. Das Web-0.8-Ländle ist überall. Da hilft der reMarkable: PDF über die Client-Software mit dem reMarkable synchronisieren, dort alles mit dem Stift ausfüllen und zurück synchronisieren. Fertig.

Den eigentlichen Vorteil des reMarkable gegenüber Papier habe ich erst nach einiger Zeit zu schätzen gelernt. Ganz banal: man kann Texte nicht nur löschen, sondern auch (Trommelwirbel) verschieben. Einfach einen Bereich auswählen und schon kann dieser auf dem virtuellen Papier verschoben werden, ggf. auch in andere Dokumente. Das hilft bei Layoutfragen, Umformulierungen, nach dem Löschen von Texten, you name it. Mit echtem Papier bräuchte es eine Schere und viel Klebstoff. So kann ich zum Beispiel nach dem Mitschreiben in Ruhe den Text / Inhalt in die angemessene Reihenfolge für ein Besprechungsprotokoll bringen. Als PDF exportieren, fertig. So entstehen auch meine Mitschriebe der diversen Zettelkastenrunden, die ich kurz nach Ende der Runde in die Welt tweete bzw. tröte. Dann natürlich als PNG exportiert.

Während beim Kindle Scribe das Lesen im Fokus steht, ist es beim reMarkable das Schreiben. Sprich, man kann damit auch Texte lesen und annotieren. Das funktioniert leidlich gut, liegt aber auch an der Größe / Kleinheit des reMarkable. Eine DIN-A4-Seite passt dort nur verkleinert hinein, wie übrigens bei so gut wie jedem Gerät mit elektronischen Papier. Man kann zwar mit Fingergesten in den Text hineinzoomen, aber das funktioniert bei Tablets besser.

Während sich seitens des Herstellers in den Jahren 2021 und 2022 eher wenig tat, es eher immer wieder kleine Verbesserungen gab, hat sich dies mit dem Erscheinen des Kindle Scribe geändert. Viele Funktionen werden in vielen Details verbessert. So ist nun die Papiergröße nicht mehr auf die Größe des reMarkable beschränkt. Die Texterkennung funktioniert nicht nur per Mail, vielmehr kann der Text auf einer separaten Seite angelegt werden. Man kann das Schreiben live an andere übertragen, was z. B. in virtuellen Schulungen nützlich sein kann. Die Client-Software auf mobilen Geräten erlaubt es nun, Text (d. h. kleine Notizen) ohne den reMarkable zu erstellen. Mit der herstellerseitigen Synchronisation können nun die Inhalte auch per Webbrowser abgerufen werden. Wer mag, der kann sogar nun eine Tastatur an den reMarkable anklipsen. Ein gutes Beispiel dafür, das Konkurrenz das Geschäft belebt.

Ich habe den reMarkable auch deshalb gewählt, weil er sich ganz ohne Dienste des Herstellers betreiben lassen kann. Ein Kindle ohne Amazon ist wie ein Tolino ohne der von den Buchhändler betriebenen Cloud. Man ist auf externe Software wie Calibre angewiesen. Wie schon oben beschrieben: man kann den reMarkable über die USB-C-Schnittstelle mit einem Computer verbinden. Nun kann man vom einem Webbrowser aus die IP-Adresse des reMarkable angeben und der gesamte Inhalt lässt sich rein lokal synchronisieren. Würde mich nicht wundern, wenn das nicht schon jemand automatisiert und das als Open-Source-Software freigegeben hat.

Zusammenfassung

Mir hilft der reMarkable. Ja, zuerst sieht es so aus, als sei es ein reines Luxusgerät. Das ist es wohl auch in Teilen. So wie ein Smart Phone für 800 Euro ebenfalls Luxus ist. Tatsächlich ist die Nutzung sehr intuitiv. Viele meiner interessanteren Gedanken konnte ich mit dem Gerät signifikant vertiefen. Ungestört von irgendwelchen Apps, die zunächst im Hintergrund um meine Aufmerksamkeit buhlen. Eine Notiz hier, ein Fragment da. Und alles lässt sich im Nachgang zu einem Dokument zusammenfügen. Ade Schere, Klebe, Kopiergerät, Tesafilm, Post-its. Dank sinnvoller Synchronisation sind die Inhalte auch dann verfügbar, wenn ich den reMarkable nicht dabei habe. Im positiven Sinne: Schreiben pur.

Wer schreibt, der bleibt.