Beitragsfoto: Selfie mit netten Menschen
Seit ein paar Tagen verfolge ich mit großem Interesse eine Diskussion in der bundesdeutschen Bloggeria über Problem- und Erklärbären. Ein klein wenig freue ich mich gar darüber, dass ich zumindest meiner Kenntnis nach weder Ursache oder Betroffener noch Beteiligter an dieser Diskussion bin — zumindest bis jetzt noch.
Auf alle Fälle kann ich meinen deutschsprachigen Mitbloggern versichern, dass diese Art von Austausch nur in unserer kleinen und ganz eigenen Welt möglich ist. Blogger aus anderen Kultur- und Kommunikationsräumen würden sich sicherlich etwas darüber wundern. Für uns Deutschblogger ist es offensichtlich aber eine todernste Angelegenheit.
Noch spannender aber ist es, dass wir Problem- oder Erklärbären überhaupt kein Internet bzw. Weblogs benötigen, um uns mit uns selber zu beschäftigen. In einer ganz anderen Angelegenheit saß ich mit vielen netten Menschen über das Wochenende zusammen, wobei ich weniger nette völlig ignorierte, und wir zudem darüber sprachen, ob ich nun noch Erklärbar oder eher doch schon ein Problembär sei. Heute Morgen so kurz vor 3 Uhr ließ ich mich davon überzeugen, dass ich zumindest zum Problembären tendiere. Die Frage stellt sich mir dabei, kann es das eine überhaupt ohne das andere geben? Noch spannender aber, warum ist dies eher eine bundesdeutsche Eigenart?
Wer ins Internet schreibt, der nimmt dabei in Kauf, dass er auch gelesen wird. Auch wenn ich von Anfang an das Internet als Tool für mich selbst sah und zudem als professionelles Werkzeug, um mit anderen Profis zu kommunizieren, blieb es nicht aus, dass sich mir dabei eine Öffentlichkeit mit erschloss, die ich so nicht intendiert hatte.
Wer ins Internet schreibt, an der Speakers’ Corner oder gar in Verbandsversammlungen spricht, der kann nicht wissen, wer und wie viele ihn lesen oder gar zuhören. Wer sich Reichweite wünscht, der muss mit der Reichweite leben, die er bekommt, ob sie ihm nun gefällt oder auch nicht. Wer das nicht möchte, schreibt besser ins eigene Tagebuch (≠ Weblog) oder kommuniziert am besten nur noch in Privatclubs.
Sobald man aber öffentlich schreibt oder spricht, bekommt man seine ganz eigene Öffentlichkeit; wie gesagt, ob es einem gefällt oder auch nicht.
Die allermeisten Menschen neigen dazu, dass sie kommentarlos zuhören oder mitlesen und dies dann auch bleiben lassen, wenn es ihnen nicht gefällt.
Gerade aber jene Menschen, die selber gerne schreiben oder Vorträge halten, tendieren dazu, dass sie Geschriebenes oder Gesprochenes ungern unkommentiert lassen — sie reagieren merklich auf ihre Mitmenschen, ob im Internet oder auch in echt!
Und das ist doch gerade der Charme einer offenen Gesellschaft, es gibt dort keine einheitlichen Regeln oder Gepflogenheiten, wie man sich äußert oder gar auf Geäußertes reagiert.
Aber es bilden sich regelmäßig und immer wieder Blasen (Kommunikationsräume), wie z. B. Bloggergemeinschaften im Internet oder Verbände im echten Leben, wo man sich immer mehr auf bestimmte Regeln und eigene Gepflogenheiten einigt und sich dabei sicherlich auch wohl fühlt wie gegenseitig bestärkt.
Schnell vergisst man dabei, dass man sich weiterhin im öffentlichen Raum befindet und dass Einzelne wie auch ganze Gruppen diese Bubbles stürmen können und immer wieder auch tun. Deshalb kommt es immer wieder dazu, dass des einen Erklärbär des anderen Problembär ist.
Vor Kurzem bekam ich zwei weniger nette Einträge in mein Gästebuch, ich habe sie stehen lassen und zudem erwidert. Lustiger Weise wurde ich gestern darauf hingewiesen, dass ich mit diesem weniger netten Menschen einen halben Tag lang in einem Raum gewesen bin. Ich habe es nicht bemerkt und wenn doch, hätte ich es mir nicht anmerken lassen — das hat was mit der Eiche und dem Schwein zu tun.
Was mich wieder zu der eingangs erwähnten Diskussion führt. Ich bin davon überzeugt, dass wenn man schon solche Diskussionen führt, dann gerade in unserem Kulturkreis auch die eine oder andere derbe Beleidigung einfach mit dazu gehört. Wer von meinen Lesern nun etwas neugierig geworden ist, der muss nur ein paar deutsche Blogger aus meiner Blogroll nehmen und nach dem Stichwort Bloggeria suchen.
Aber nun zurück zu meinem Wochenende in Berlin, das mich nun endlich davon überzeugt hat, dass es an der Zeit ist, dass ich darauf reagiere, wenn immer mehr ewig junggebliebene Damen (m, w, d) meine mir in all den Jahrzehnten ans Herz gewachsene Blase stürmen. Es wird sicherlich deftig werden.
Wohl deswegen haben diese besagten Damen nun im Verband Ombudsmenschen etabliert, die dafür sorgen sollen, dass die Entmündigung des Verbandes manifestiert wird — was jene, die in ihrem Leben nie mündig waren, nicht weiters stören dürfte.
Unsere Rückfahrt heute war fast beschwerdefrei — so lange bin ich noch in keinem Zug gestanden — aber auch höchst spannend. Meine bessere Hälfte und ich nahmen Vergleichszug 1 (Berlin – Heilbronn) und Jan-Philipp Scheu Vergleichszug 2 (Berlin – Stuttgart). Unsere Züge fuhren etwa 15 Minuten getrennt voneinander ab, wobei unserer am Start schon vier Minuten Verspätung hatte. Es ging hin und her, jeder hatte seine Besonderheiten und in Fulda verfehlten wir uns um keine acht Minuten. Da wir sechs Minuten vor Jan-Philipp unser Ziel erreichten, dürfen wir uns heute als Gewinner fühlen.
Detlef Stern, der die Fahrt digital mitverfolgte — als eine Art unabhängiger Schiedsrichter — übermittelte mir zum Schluss noch den folgenden Hyperlink, gewissermaßen als Siegesprämie.
„Niemand hat das Recht, nicht kritisiert zu werden.“
Ronen Steinke, Niemand hat das Recht, nicht kritisiert zu werden (16.3.2026)






