Heilbronn 1945

Neun plus fünf 5 (5)

Beitragsfoto: Heilbronn 1945 | Aufnahme der US-Streitkräfte | Eingescannt von Uwe Jacobi

Als sich die Europäischen Föderalisten 1973 nach einer ca. 17 Jahre dauernden Trennung auf europäischer Ebene wieder in einem einzigen Verband zusammenschlossen, einigten sie sich auf drei föderale Ideengeber und neun Grundlagendokumente.

Der sMEF/AEF Wiedervereinigungskongress vom 13. bis 15. April 1973 in Brüssel, welcher unter dem Motto „Die vereinten Europäischen Föderalisten kämpfen für die Europäische Demokratie“ tagte, beschloss, dass die Europäischen Föderalisten vom Gedankengut Immanuel Kants, Alexander Hamiltons und Pierre-Joseph Proudhons inspiriert sind, und führte die in diesem Beitrag vorgestellten gemeinsamen Grundlagendokumente bereits in der Präambel zur neuen Satzung mit auf.

Dass Immanuel Kant und Alexander Hamilton zu den Gedankengebern gehören, ist bis heute auch unstrittig. Ersterer legt 1795 mit seinem philosophischen Entwurf zum ewigen Frieden die Grundlage für alle Föderalisten. Alexander Hamilton, einer der Gründerväter der Vereinigten Staaten von Amerika und Autor von 51 der insgesamt 85 Artikel der Federalist Papers (1788), legt damit wesentlich die Grundlagen der modernen, repräsentativen Demokratie. Pierre-Joseph Proudhon wird als dritter aufgeführt, weil er wohl als der Ideengeber des Kommunalismus gilt, welcher bereits 1947, sowohl von den Weltföderalisten als auch von den Europäischen Föderalisten, mehrheitlich als die eigentlich anzustrebende Sichtweise von Föderalismus angesehen wird. Heute noch allgemein bekannt ist Proudhon wegen seiner Aussage „Eigentum ist Diebstahl“, die aus seinem Werk „Qu’est ce que la propriété? Ou recherches sur le principe du droit et du gouvernement.“ aus dem Jahr 1840 stammt.

Die von den Europäischen Föderalisten benannten neun Grundlagen des Föderalismus sind die Richtlinien der „Federal Union“ (1939), die Leitsätze für ein neues Europa der Europa-Union Schweiz (Februar 1940), das Manifest von Ventotene (Juli 1941), die Genfer Deklarationen der europäischen Widerstandskämpfer (Mai 1944), das Hertensteiner Programm (September 1946), die Erklärung des ersten Kongresses von Montreux (August 1947), die politische Entschließung des ersten Kongresses der EUROPA-UNION Deutschland (Mai 1949), die vom zweiten Kongress in Montreux (April 1964) angenommene Föderalistische Charta, und die auf dem Kongress von Nancy im April 1972 verabschiedete historische Grundsatzerklärung.

Ich persönlich rechne noch die folgenden, meist auch später erstellten, Dokumente als bedeutend mit hinzu. Zum einen die politische Erklärung vom Einigungskongress der UEF selbst, welche am 15. April 1973 abgegeben wurde, und zum anderen die zwölf Thesen für Europa (14. April 1964), das Kieler Programm für Europa (27. Juni 1978), die Charta der Europäischen Identität (28. Oktober 1995) und die Charta der Grundrechte der Europäischen Union (1. Dezember 2009).

Mit diesen 14 hier aufgeführten Dokumenten können Sie sich einen umfassenden Überblick nicht nur über den europäischen Föderalismus, sondern den Föderalismus insgesamt verschaffen, da sich die Welt- von den Europäischen Föderalisten alleine darin abgrenzen, dass die Weltföderalisten seit 1947 die Weltunion über ein Weltparlament erreichen möchten (Konstitutionalisten) und die Europäischen Föderalisten sich 1947 dazu entschlossen haben, erst das freie Europa, dann Europa insgesamt als Bundesstaat und Blaupause für andere Weltregionen und eine spätere Weltunion zu schaffen. Von Anfang an haben sich die „Europäer“ dabei in Konstitutionalisten und Institutionalisten unterschieden, wobei die erstgenannten den europäischen Bundesstaat über ein Europaparlament schaffen und letztere das Zusammenwachsen der Mitgliedsstaaten durch gemeinsame Institutionen voranbringen möchten.

Die oben bereits erwähnten Kommunalisten entstanden, zumindest meiner Überzeugung nach, aus den Strömungen des Ordre Nouveau und der Akzeptanz des christlichen Prinzips der Subsidiarität und bieten damit auch heute noch die einzig tragbare föderale Lösung für jetzige und zukünftige Gesellschaften. Wer das nicht glaubt, dem empfehle ich Michael Wolffsohn (2015) zu lesen.

Größte Gegner der kommunalistischen Idee, einem Aufwuchs aller Gemeinschaften von der Gemeinde beginnend, über die Regionen hinweg bis hin zu einem Bundesstaat, sind dabei jene, die es sich in den derzeitigen und dabei auch meist überholten Strukturen selbst bequem gemacht haben. Diese bremsen deshalb von Anfang an, und dies zusammen mit Nationalisten und Zentralisten, jegliche föderale Weiterentwicklung aus und sorgen mit dafür, dass die Vereinigten Staaten von Europa und auch eine zukünftige Weltunion – also der ewige Friede – zwar ein Traum von sehr vielen aber auch nur ein Traum bleibt.

Zum Schluss möchte ich noch darauf hinweisen, dass sich die Europäische Idee auch nicht mit dem paneuropäischen Gedankengut verträgt, und damit Europäische Föderalisten zweifelsfrei auch keine „Superstaat-Europäer“ (Kemal Derviş, 2005) sind.

„Das Zeitalter der ‚Aufklärung‘, das heißt des optimistischen Glaubens an unbeschränkten Fortschritt durch Vernunft, ist außerhalb der Wissenschaft in Europa so gut wie total gescheitert.“

Eugen Kogon (1974: 23)

Erde

Weltföderalisten 5 (2)

Beitragsfoto: Erde | © Arek Socha auf Pixabay 

„Der Friedenszustand unter Menschen, die neben einander leben, ist kein Naturstand, der vielmehr ein Zustand des Krieges ist, d. i. wenn gleich nicht immer ein Ausbruch der Feindseligkeiten, doch immerwährende Bedrohung mit denselben. Er muss also gestiftet werden.“

Immanuel Kant

Vom 17. bis zum 23. August 1947 versammeln sich in Montreux, einer Stadt am Genfer See, die ‚Weltföderalisten‘ unter den Europäischen Föderalisten zusammen mit anderen Weltbürgern zum Gründungskongress des heutigen World Federalist Movements.

Insgesamt kommen über 300 Teilnehmer aus 24 Staaten, welche gut 51 Organisationen repräsentieren, und noch weitere Kongressbeobachter zur ‚Conference of the World Movement for World Federal Government‘. Die meisten Delegierten (Richard Mayne, John Pinder 1990: 60) kommen dabei aus dem Vereinigten Königreich (73), Frankreich (65), den Vereinigten Staaten von Amerika (44) und den Niederlanden (32).

Max Habicht eröffnet den Kongress, welcher erst von Henry Usborne und später dann von Jean Larmeroux geleitet wird, und erklärt, dass es die Absicht der Weltföderalisten sei, durch ein noch zu schaffendes „World Federal Government“ letztendlich ein Weltparlament („Parliament of Men“) einzuberufen, in dem die Beschlussfassung mehrheitlich erfolgen wird. Er gibt dabei der Befürchtung Ausdruck, dass die Vereinten Nationen (VN), wie der Völkerbund (League of Nations) zuvor, nicht in der Lage sein werden, den Frieden zu sichern. Deshalb muss als nächster und erster Schritt ein „World Federal Government“ geschaffen werden. Er schließt seine Eröffnungsrede mit den folgenden Worten:

„Federalists in all countries of the world will try to make a contribution to this political evolution. We are here in Montreux to coordinate our activities and to make them more effective.”

Max Habicht

Zum ersten Präsidenten des World Movement for World Federal Government wird John Boyd Orr gewählt. Weitere heute noch bekannte Kongressteilnehmer sind Victor Collins, Norman Hart, Charles Haywood, Gordon Lang, Abbé Pierre, Edith Wills und Monika Wingate. Der Kongress beschließt am 23. August 1947 die ‚Montreux Deklaration‘ und etabliert seine eigene Jugendbewegung, die World Student Federalists (Hart und Haywood).

Das WFM besteht heute aus den folgenden drei Hauptorganen, dem Kongress, dem Rat und einem Exekutivkomitee. Seinen Sitz hat es in New York. Darüber hinaus gibt es Programmkomitees und ein Internationales Sekretariat. Im Kongress sind alle Unterorganisationen der Weltföderalisten vertreten. Ihre jeweilige Delegiertenzahl wird aus der Quadratwurzel der Mitgliederzahl geteilt durch 100 errechnet. Der Kongress wählt den Präsidenten, den Rat (teilweise) und das Exekutivkomitee für den Zeitraum bis zum nächsten Kongress.

Der Rat besteht aus 15 vom Kongress gewählten Mitgliedern (gewählte Ratsmitglieder), zusätzlich kann jede Mitgliedsorganisation, die zwischen 30 und 500 Mitglieder hat, zwei Ratsmitglieder ernennen (ernannte Ratsmitglieder) und der Rat hat das Recht, weitere Mitglieder zu kooptieren (kooptierte Ratsmitglieder). Der Rat trifft sich jedes Jahr zu einer Sitzung. Auch wählt der Rat das Exekutivkomitee.

Das World Federalist Movement ist eine internationale nichtstaatliche Organisation mit beratendem Status beim Wirtschafts- und Sozialrat der VN. Das WFM versucht durch Lobbyarbeit Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Föderalismus und Menschenrechte als Fundament der werdenden weltstaatlichen Ordnung zu manifestieren und durch Studien und Basisaktivitäten vor Ort auf globale Entwicklungsprozesse Einfluss zu nehmen. Das WFM strebt derzeit auch eine Reform der VN und eine Weiterentwicklung des Völkerrechts an.

Zudem koordiniert das WFM seit 1995 die ‚Coalition for the International Criminal Court‘, einen Zusammenschluss von derzeit 2 500 nichtstaatlichen Organisationen in 150 Staaten weltweit, welcher in Zusammenarbeit mit den gut 121 Vertragsstaaten des Rom-Statuts am 17. Juli 1998 an der Durchsetzung des Internationalen Strafgerichtshofs (IStGH) beteiligt war (Das Römische Statut des Internationalen Strafgerichtshofs, oft auch nur als „Rom-Statut” bezeichnet, ist die vertragliche Grundlage des IStGH). Der IStGH nahm seine Tätigkeit als ständiges internationales Strafgericht am 1. Juli 2002 in Den Haag auf. Er ist eine Internationale Organisation im völkerrechtlichen Sinn, aber kein Teil der VN.

Ein weiteres Ziel des WFM ist die Einrichtung einer „parlamentarischen Versammlung“ bei den VN, und dies als Zwischenschritt zu einem künftigen Weltparlament.

Das WFM besteht derzeit aus über 30 Mitgliedsorganisationen, wobei neben der UEF und der JEF auch einige Untergliederungen der UEF eigenständige Mitglieder des WFM sind; die Federal-Union aus dem Vereinigten Königreich und das MFE aus Italien seien dabei besonders erwähnt.

Über die vergangenen Jahrzehnte hinweg setzten die Weltföderalisten mit Forderungen, wie z. B. nach einer Weltbürgerschaft, einer Welt-Entwicklungs-Agentur, die alle Länder innerhalb von 50 Jahren auf Europas Standard anhebt, nach einer Abrüstungsagentur und nach Weltpolizeikräften, in denen junge Menschen einen Freiwilligendienst ableisten können, Maßstäbe.

Für die meisten Menschen ist eine ehrenamtliche Beteiligung auf Weltverbandsebene eine abwegige Vorstellung, dennoch ist seine Existenz und die Arbeit darin mehr als berechtigt, was die bereits erzielten Erfolge eindeutig bezeugen. Da ich selbst noch nicht das Vergnügen hatte, auf dieser Ebene „Luft zu schnuppern“ und auch nur wenige Personen kenne, die sich dort engagieren, kann ich keine weiteren Aussagen zu unserem Weltverband tätigen.

So bleibt mir nur, das folgende Fazit zu ziehen: zum einen kann es nicht genug Gesprächsbemühungen und -ebenen geben, denn der schlechteste Gesprächskreis ist immer noch besser als die noch so kleine kriegerische Auseinandersetzung. Und zum anderen wird sich die unermüdliche und ehrenamtliche Kärrnerarbeit von Hunderten Weltföderalisten und dies über Jahrzehnte hinweg letztendlich auch positiv auswirken, da ihre Ideen und Vorstellungen langsam aber sicher in die Tagespolitik einfließen, genau so wie ein steter Tropfen den Stein höhlt.

Falls Sie jetzt ein wenig neugieriger geworden sind, dann empfehle ich Ihnen die Lektüre meines Buches Europa ist für alle da!

Mehr Details zum Buch können Sie auch hier finden.

„If we aren’t willing to pay a price for our values, then we should ask ourselves whether we truly believe in them at all.“

Barack Obama (2006: 68)