Kaffeegenuss

Zeit für ein Gedicht 5 (1)

Beitragsfoto: Kaffeegenuss | © Pixabay

Kurz habe ich mir überlegt, ob ich nicht über die jüngsten Aufreger anlässlich meines Stadtbadbesuchs schreiben soll, oder gar darüber, dass der Fisch bekanntlich am Kopf zuerst stinkt, wie man es nicht nur in Heilbronn, sondern auch in Berlin sehr gut beobachten kann, oder darüber, dass die US-Republikaner nicht einmal mehr einen Speaker of the United States House of Representatives wählen können — fundamentale demokratische Grundlagen sind dort offensichtlich nicht mehr vorhanden, dann aber habe ich mich dazu entschieden, einfach heute nur ein Gedicht zu teilen, welches mir allerdings schon sehr lange gefällt und welches ich zumindest hier auf diesem Blog noch nie geteilt habe.

Dieses Gedicht stammt von Carl Busse, der sich als Berliner sicherlich über die dortigen Zustände ganz wild im Grab herumdreht, und wird interessanter Weise noch heute in Japan sehr gerne gelesen. Busse starb 1918 im Alter von 46 Jahren an der spanischen Grippe, die heute, wie wir seit COVID-19 wissen, so nicht mehr genannt werden dürfte. Ab 1916 nahm er am Ersten Weltkrieg aktiv teil und wurde dafür auch ausgezeichnet; damals waren Drückebergerei oder Fahnenflucht noch nicht wesentlicher Bestandteil der Berliner Schickeria.

Carl Busse promovierte 1898 mit einer Arbeit über Novalis’ Lyrik und wurde wohl ganz folgerichtig Schriftsteller und Kritiker. Aber nun zum heutigen Gedicht.

Über den Bergen

Über den Bergen, weit zu wandern,
Sagen die Leute, wohnt das Glück,
Ach und ich ging im Schwarme der andern,
Kam mit verweinten Augen zurück.
Über den Bergen, weit, weit drüben,
Sagen die Leute, wohnt das Glück …


Wie ich es sehr viel später feststellen konnte, war mir Carl Busse bereits aus meiner frühsten Jugend her bekannt, denn mein Vater pflegte für uns abends des öfteren das folgende Schlafliedchen zu singen.

Schlafliedchen

Sum, sum, der Sandmann geht, ach wie dunkel, ach wie spät, wie spät!
Tritt zu jedem Kind ins Haus, streut die stillen Körner aus. –
Sum, sum, der Sandmann geht, komm und sprich dein Nachtgebet:
Lieber Gott, mach du mich fromm, daß ich in den Himmel komm!

Vermutlich wurde dieses Lied bereits meinem Vater von einer seiner Großmütter vorgesungen, die dieses Lied bereits aus ihren eigenen Müttertagen her kannten.

Wer mehr von Carl Busse erfahren möchte, dem empfehle ich Julianna Redlichs Buch „Der vergessene Meinungsstifter: Carl Busse (1872-1918) Schriftsteller, Literaturkritiker, Publizist“ (2021).


Und wenn ich schon einmal dabei bin, dann gleich auch noch den Mister Sandman, der in einem Lied 1954 von Pat Ballard geschaffen wurde und es durch the Chordettes zur Weltberühmheit brachte.

The Chordettes, Mr. Sandman (1954)

Und damit dürfte wohl alles zum Sandmann gesagt sein. Und welchen der drei Sandmänner, den von E. T. A. Hoffmann, den von Hans Christian Andersen oder gar den von Pat Ballard Sie selber bevorzugen, das bleibt Ihnen selbst überlassen.

Vortrag

23.12.02022 5 (2)

Beitragsfoto: Vortrag | © Shutterstock

Weihnachtslied

Erich Kästner schrieb 1927 dieses Gedicht, welches noch heute seine Gültigkeit hat. Das Gedicht erschien erstmals in der Weihnachtsausgabe der Zeitschrift „das Tage-Buch“. 1928 nahm Kästner es in seine erste Gedichtsammlung „Herz auf Taille“ auf. Bis heute hat sich einzig und alleine das Folgende geändert, nämlich, dass gerade jene, die gut 100 Jahre lang versprachen, man müsse sich um die Armen kümmern, heute ohne Wenn und Aber mit zu den Reichen gehören — war aber unsere Welt jemals anders?

Weihnachtslied, chemisch gereinigt

Morgen, Kinder, wird’s nichts geben!
Nur wer hat, kriegt noch geschenkt.
Mutter schenkte euch das Leben.
Das genügt, wenn man’s bedenkt.
Einmal kommt auch Eure Zeit.
Morgen ist’s noch nicht so weit.

Doch ihr dürft nicht traurig werden,
Reiche haben Armut gern.
Gänsebraten macht Beschwerden,
Puppen sind nicht mehr modern.
Morgen kommt der Weihnachtsmann.
Allerdings nur nebenan.

Lauft ein bisschen durch die Straßen!
Dort gibt’s Weihnachtsfest genug.
Christentum, vom Turm geblasen,
macht die kleinsten Kinder klug.
Kopf gut schütteln vor Gebrauch!
Ohne Christbaum geht es auch.

Tannengrün mit Osrambirnen –
lernt drauf pfeifen! Werdet stolz!
Reißt die Bretter von den Stirnen,
denn im Ofen fehlt’s an Holz!
Stille Nacht und heilge Nacht –
Weint, wenn’s geht, nicht! Sondern lacht!

Morgen, Kinder, wird’s nichts geben!
Wer nichts kriegt, der kriegt Geduld!
Morgen, Kinder, lernt fürs Leben!
Gott ist nicht allein dran schuld.
Gottes Güte reicht so weit . . . 
Ach, du liebe Weihnachtszeit!

Erich Kästner, 1927

Überraschung

Die letzten Tage gab es doch so einige positive Überraschungen, und ich erfuhr auch noch so ganz nebenbei, dass eine weitere nette Dame Mitglied bei den Freien Wählern werden möchte. Aber zwei Überraschungen haben mir gestern den Tag dann doch mehr als versüßt. Zum einen erhielt ich ein Gadget geliefert, das eigentlich erst für Januar angekündigt war und zum anderen erhielt ich eine sehr dicht beschriebene Weihnachtskarte. Die Adresse war völlig in Ordnung und mein Nachname stimmte auch, der Rest allerdings war zwar äußerst informativ und spannend aber sicherlich nicht für mich bestimmt.

Und so wird man immer wieder gerade dann überrascht, sobald man glaubt, man hätte bereits alles erlebt.

Nachholbedarf

Seit ein paar Jahren lese ich an Grundschulen vor. Letzte Woche zum letzten Mal für dieses Jahr in einer dritten Klasse an der Dammgrundschule. Und so ist es für mich nicht verwunderlich, wenn nun auch andere feststellen, dass es generell an den Grundschulen Nachholbedarf gibt. Warum dem so ist, das habe ich schon mehrfach hier im Weblog geschrieben.

In der Heilbronner Stimme (23.12.2022: 5) kann man nun lesen, dass „viele Drittklässler im Südwesten nicht die Mindeststandards für den Grundschulabschluss [erreichen] – sie weisen Defizite in der Rechtschreibung, beim Lesen sowie in der Mathematik auf.“ Und wenn wir weiterhin unseren Politikern folgen, die Schulabschlüsse „verschenken“, um ihren Wählern zu gefallen — wobei sie diese und uns alle damit letztendlich nur betrügen — werden die Folgen für unsere Gesellschaft katastrophal werden.

Gestern hatte ich zudem für dieses Jahr auch meine letzte Vorlesung an der Hochschule und hoffe nun, dass ich auch im kommenden Jahr Leistungsverbesserungen beobachten werden kann. Auf jeden Fall aber musste ich auch dieses Jahr wieder feststellen, dass man Bildung oder eine gute Ausbildung nicht geschenkt bekommt — man muss dafür tatsächlich etwas machen und meistens auch hart dafür arbeiten! Aber es lohnt sich und nicht nur für einen selber, sondern im Endeffekt für die gesamte Gesellschaft.

Deshalb gilt weiterhin, dass Bildung Bürgerpflicht ist und kein Wahlgeschenk völlig verantwortungsloser Berufspolitiker!


Wintermorgen

17.12.02022 5 (2)

Beitragsfoto: Wintermorgen | © Shutterstock

Zeitungslektüre

Die heutige Lektüre der Heilbronner Stimme lässt mich wieder einmal nur fragend zurück. Ob Neckarschleusen oder Straßenstrich, egal bei was, gegenüber rationalen Argumenten scheinen sehr viele unserer Gemeinderäte schon lange nicht mehr aufgeschlossen. Und so können wir froh darüber sein, dass Stuttgart flussaufwärts liegt, denn damit werden Neckarschleusen weiterhin benötigt. Wahrscheinlich aber werden, wie von mir bereits zuvor vermutet, künftig sämtliche Schiffe winkend an Heilbronn vorbeifahren. Übrigens, wie es uns stets gut informierte Heilbronner Volksvertreter wissen lassen, gibt es dann extra für Heilbronn Spezialschiffe.

Dass bei uns Industrie, Handel oder wie ganz aktuell selbst die Hotellerie immer weniger werden, stört unsere Entscheidungsträger dabei nicht, denn deren Einkünfte sind weiterhin gesichert — und notfalls gibt’s für sie das berühmte Hasenmahl, die Heilbronner Armenspeisung.

Böse Zungen unken dabei bereits von Vorgängen wie bei der 237. Bundesinnenministerkonferenz, welche inzwischen — zumindest inoffiziell — sehr gerne in Heilbronn abgehalten werden

Gespräche

Wenn es die guten Gespräche nicht gäbe, die geplant und damit erwartet aber auch ganz plötzlich und unerwartet zustandekommen, dann wäre die winterliche Zeit wohl nur halb so schön. Und so konnte ich gestern nach meinem Vorlesen an der Dammgrundschule noch einen kurzen Abstecher zur Hochschule am Europaplatz einlegen, der es mir ermöglichte, während eines Espressos noch ein wenig mit Detlef Stern zu plaudern. Dann musste er sich aber wieder um seine Studenten kümmern und ich ging weiter zur Hausaufgabenbetreuung bei meseno. Das Interessante dabei ist, dass wir zurzeit Schüler, angefangen von der Grundschule bis hin zur Hochschule, betreuen und uns dabei immer mehr Gedanken über den aktuellen Bildungsstand sämtlicher von uns „beobachteter“ Schüler machen.

Für mich sind es dabei die, von Anfang an völlig falsch gesetzten, Abholpunkte, welche es heutzutage wohl wirklich jedem ermöglichen, eine höhere Bildung „zu erreichen“. Die künftigen Arbeitgeber müssen sich dann mit diesen sehr anspruchsvollen und vor allem sehr empfindsamen Mitarbeitern weiter auseinandersetzen.

Das größte Mysterium für mich ist es dabei aber, dass gerade jene, die selbst nicht einmal einen Bachelor-Abschluss an der Heilbronner Hochschule schaffen — also weder als Geselle noch als Kopfarbeiter zu gebrauchen sind — dennoch gerade bei uns höchst erfolgreich durchstarten. Und so müssen wir wohl allesamt annehmen, dass wir hier in Heilbronn die heimliche Kaderschmiede für die deutschen Musks, Gates und Bezos sind.

Im Winter

Im Winter 

Als meine Freunde,
Die Bäume, noch blühten,
Rosen und Feuer-
Lilien glühten,

Waren die Menschen
All mir bekannt,
War mir die Erde
Lieb und verwandt.

Jetzt, wo die Freunde,
Die Bäume, gestorben,
Jetzt, wo die Lieben,
Die Blumen, verdorben,

Stehen die Menschen
Kalt auf dem Schnee,
Und was sie treiben,
Macht mir nur weh.

Justinus Kerner