Sinnierende Frau

Practice resurrection 5 (2)

Beitragsfoto: sinnierende Frau | © Pixabay

Gedichte haben mir schon immer gefallen aber damit bin ich bestimmt nicht alleine, denn es gibt wohl kaum jemanden, dem Gedichte nicht gefallen. Es gibt zwar immer wieder Gedichte, die dem einen oder anderen nicht gefallen mögen aber mindestens genau so viele, die dann doch den ganz persönlichen Geschmack treffen und manche sogar, die einem den Alltag etwas erleichtern, zumindest aber einem ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Andere wiederum verführen den Leser zum weiteren Nachdenken, und manche Gedichte lassen den Leser erst gar nicht mehr los.

Man kann dies immer wieder feststellen, vor allem bei alten Menschen, von denen bestimmt jeder noch ein ganz bestimmtes Gedicht rezitieren kann, nämlich das Gedicht, welches bereits vor Jahrzehnten einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat.

Das hier von mir aufgeführte Gedicht stammt von Wendell Berry aus dem Jahr 1973 und ist so aktuell wie schon lange nicht mehr.

Manifesto: The Mad Farmer Liberation Front

Love the quick profit, the annual raise,
vacation with pay. Want more
of everything ready-made. Be afraid
to know your neighbors and to die.
And you will have a window in your head.
Not even your future will be a mystery
any more. Your mind will be punched in a card
and shut away in a little drawer.
When they want you to buy something
they will call you. When they want you
to die for profit they will let you know.

So, friends, every day do something
that won’t compute. Love the Lord.
Love the world. Work for nothing.
Take all that you have and be poor.
Love someone who does not deserve it.
Denounce the government and embrace
the flag. Hope to live in that free
republic for which it stands.
Give your approval to all you cannot
understand. Praise ignorance, for what man
has not encountered he has not destroyed.

Ask the questions that have no answers.
Invest in the millennium. Plant sequoias.
Say that your main crop is the forest
that you did not plant,
that you will not live to harvest.
Say that the leaves are harvested
when they have rotted into the mold.
Call that profit. Prophesy such returns.

Put your faith in the two inches of humus
that will build under the trees
every thousand years.
Listen to carrion – put your ear
close, and hear the faint chattering
of the songs that are to come.
Expect the end of the world. Laugh.
Laughter is immeasurable. Be joyful
though you have considered all the facts.
So long as women do not go cheap
for power, please women more than men.
Ask yourself: Will this satisfy
a woman satisfied to bear a child?
Will this disturb the sleep
of a woman near to giving birth?

Go with your love to the fields.
Lie down in the shade. Rest your head
in her lap. Swear allegiance
to what is nighest your thoughts.
As soon as the generals and the politicos
can predict the motions of your mind,
lose it. Leave it as a sign
to mark the false trail, the way
you didn’t go. Be like the fox
who makes more tracks than necessary,
some in the wrong direction.
Practice resurrection.

Und wer sich jetzt fragt, warum ich gerade auf Wendell Berry komme, dem empfehle ich, etwas mehr über ihn zu lesen. Mir kam er wieder durch die vielen Kreuze in Erinnerung, die jüngst aus allen Äckern sprießen.

Seine Lebensweise mag fürchterlich antiquiert und dies bestimmt auch schon so in uralten Zeiten gewesen sein, aber das, was er damit zum Ausdruck bringen möchte, ist durchaus bedenkenswert.

„We need better government, no doubt about it. But we also need better minds, better friendships, better marriages, better communities.“

Wendell Berry, A Continuous Harmony (2012 [1970]: 77)

Wassertropfen

Wasser des Lebens 5 (5)

Beitragsfoto: Wassertropfen | © Pixabay

Pindar lobt in einer seiner Epinikien das Wasser an sich und in einer englischen Übersetzung wie folgt:

„Best of all things is water; but gold, like a gleaming fire by night, outshines all pride of wealth besides.“

Pindar, OLYMPIA 1

Dieser altgriechische Dichter aus dem 5. Jahrhundert vor Christus kannte dabei bestimmt die Britischen Inseln nicht, die dem Menschen etwas mehr abverlangen als die reine Lust am Wasser.

Ironie des Schicksals war es dann wohl, dass es beginnend im 5. Jahrhundert nach Christus offensichtlich christliche Mönche schafften, dem Wasser selbst einen goldenen Hauch zu verleihen und dieses dann als Wasser des Lebens heute eher als Whisky oder auch Whiskey bekannt zu vermarkten.

Sehr viel später kam dann auch ich selbst auf den Geschmack, als mich ein Kamerad neben gutem Tee mit noch besserem Whisky bekannt machte. Unsere gemeinsamen Probierabende habe ich immer noch in guter Erinnerung und hoffe, dass er seinem Ziel, jeden Single Malt zumindest einmal probiert zu haben, möglichst nahekam.

Ich selber musste Jahre später feststellen, dass dies wohl ein hoffnungsloses Unterfangen ist, da auch hier der Markt sofort reagiert und das Angebot der Nachfrage anpasst.

Noch in den 1980er- und 1990er-Jahren kaum bis gar nicht mehr vorhandene Whiskys sind heute in jeder Art und Weise und für mich sehr erstaunlich, auch fast in jedem Jahrgang zu haben. Mich wundert dabei, wo die Produzenten und Händler diese ganzen Fässer und Flaschen über all die Jahrzehnte hinweg nur versteckt gehalten hatten, sodass es Sammlern wie mir nicht möglich war, diese Schätze noch im letzten Jahrhundert zu heben.

Ich tröste mich damit, dass es ganz offensichtlich alleine an meinen sehr begrenzten finanziellen Kapazitäten lag und freue mich darüber, dass es jetzt auch wieder Destillerien gibt, welche noch vor ein paar Jahren längst demontiert und abgerissen waren.

Auf jeden Fall hat meine Sammelleidenschaft, die bis in die Nullerjahre hinein anhielt, dafür gesorgt, dass ich mehr Vorräte habe, als ich jemals werde selbst genießen können. Damit kann ich aber auch sicherstellen, dass ich nur solchen Whisky trinke, der tatsächlich aus dem letzten Jahrhundert stammt, noch bevor das Angebot der Nachfrage angepasst werden musste.

Eine weitere Ironie des Schicksals ist es, dass sich meine bessere Hälfte bis heute nie mit diesem Getränk anfreunden konnte und mein Jüngster zudem eine Leidenschaft für Gin entwickelt hat.

„Very little indeed is necessary for living a happy life.“

Marcus Aurelius, Meditationen (Buch VII, 67)

Kaffeegenuss

Es ist alles eitel 5 (2)

Beitragsfoto: Kaffeegenuss | © Pixabay

Meine aktuelle Stimmungslage ruft direkt nach einem Gedicht und zwar einem, welches von Andreas Gryphius aus dem Jahr 1637 stammt. Dieser verbrachte eigentlich fast sein gesamtes Leben in und im Umfeld des Dreißigjährigen Kriegs und konnte selbst zum Lebensende hin nur auf Trümmer und Trauer blicken.

Es ist alles eitel

Du siehst, wohin du siehst, nur Eitelkeit auf Erden.
Was dieser heute baut, reißt jener morgen ein:
Wo jetzt noch Städte stehn, wird eine Wiesen sein,
Auf der ein Schäferskind wird spielen mit den Herden.

Was jetzt noch prächtig blüht, soll bald zertreten werden.
Was jetzt so pocht und trotzt, ist morgen Asch’ und Bein,
Nichts ist, das ewig sei, kein Erz, kein Marmorstein.
Jetzt lacht das Glück uns an, bald donnern die Beschwerden.

Der hohen Taten Ruhm muss wie ein Traum vergehn.
Soll denn das Spiel der Zeit, der leichte Mensch, bestehn?
Ach! Was ist alles dies, was wir für köstlich achten,

Als schlechte Nichtigkeit, als Schatten, Staub und Wind;
Als eine Wiesenblum’, die man nicht wieder find’t.
Noch will, was ewig ist, kein einzig Mensch betrachten!

Bevor ich aber jetzt noch auf sein Gedicht „Tränen des Vaterlandes“ aus dem Jahre 1636 zurückgreife, schließe ich diesen Beitrag einfach ab und lasse Sie mit diesem einen Gedicht zumindest für heute allein.

Rezitiert von Fritz Stavenhagen

„Dem Menschen geht nichts über die Befriedung seiner Eitelkeit und keine Wunde schmerzt mehr als die, die dieser geschlagen wird.“

Thomas Hobbes, De Cive (1642)