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Demokratische Wahlen

Jede Stimme zählt, aber erst dann, wenn sie auch ausgezählt wird.

Dieser November steht voll und ganz im Zeichen der US-Wahl, welche hoffentlich bald ein Ergebnis bringen, wobei wir wohl alle hoffen, dass auch jede abgegebene Stimme zur Auszählung kommen wird.

Zurzeit liefern sich der 45. Präsident der Vereinigten Staaten, Donald Trump, und sein Herausforderer, Joe Biden, ein Kopf an Kopf Rennen, wobei es aufgrund des US-amerikanischen Wahlrechts dem demokratischen Kandidaten erneut nicht helfen wird, dass er ein paar Millionen Wähler mehr von sich überzeugen konnte.

Bei den zeitgleich stattfindenden Senatswahlen sieht es danach aus, dass die Republikaner ihre Mehrheit zwar nicht halten können, es den Demokraten aber auch nicht gelingt, diese selber zu erreichen.

Bei den laufenden Wahlen zum Repräsentantenhaus gelingt es den Republikanern hingegen sogar, die Anzahl ihrer Abgeordneten zu erhöhen und die derzeitige demokratische Mehrheit zu schmälern.

Deshalb kann man mit Fug und Recht behaupten, dass nicht nur der bisherige Wahlkampf spannend, wenn nicht erschreckend oder gar verstörend war. Sowohl den hartgesottensten Wahlkämpfern als auch den unbedarften Zuschauern dürften die Grenzen und mehr noch die Verwundbarkeit von Demokratie offenbart worden sein — egal wie die Wahl ausgehen wird, es wird sicherlich Jahre dauern, um der westlichen Welt ihre alte Stabilität zurückzubringen.

Keiner der US-Kandidaten und schon gar nicht deren Parteien haben sich mit Ruhm bekleckert; das Privatfernsehen mit seinen Trash-Inhalten hat sich bereits vollumfänglich selbst in den Spitzen unserer Politik manifestiert: sexuelle Orientierungen und Gangsta-Rap-Gehabe ersetzen immer mehr Debatten und Programme — und dies nicht nur in den USA.

Erschwerend kommt hinzu, dass immer mehr Bürger in den USA wie auch in Europa solche Politiker mögen und wählen, sowie totalitäre Regime, wie die Russische Föderation, die Volksrepublik China oder der Iran, diesen Wunsch mit allen Mitteln in unseren Bevölkerungen stärken, dabei den Zweifel am Sinn und der Funktion von Demokratie massiv schüren und damit auch die Wahlen in der westlichen Welt manipulieren. 

Wenn man jetzt noch mit ansehen muss, dass selbst unsere eigenen Regierungen und Gerichte diesen externen Angriffen auf unsere demokratischen Institutionen und Prozesse ohne Gegenmaßnahmen dulden, muss man sich so langsam fragen, wie es insgesamt um unsere Demokratien steht.

Zwar genießen alle ohne Ausnahme die Vorzüge und vor allem die Errungenschaften unserer Demokratien, aber immer weniger sind offensichtlich dazu bereit, sich auch selbst für unsere Demokratien einzusetzen.

Schlimmer noch, gerade jene, die selbst vorzüglich von und mit Demokratie leben, höhlen die Demokratie durch Tricks und Schliche im Kern immer weiter aus, indem sie nicht nur Wahlkreise zu ihren Gunsten ändern — Gerrymandering ist kein ausschließlich amerikanisches Problem –, sondern auch die Größen der Parlamente ihren eigenen Bedürfnissen anpassen und dabei auch noch dafür Sorgen, dass ihre Verantwortung als gewählte Volksvertreter maximal noch eine rein moralische ist.

Uns Wählern scheint dies alles völlig egal zu sein, Hauptsache wir bekommen eine gute Show geboten!

Auch Deutschland sucht schon lange keine Staatsmänner mehr — wir suchen den Superstar.

Und sobald dieser von den Medien entdeckt ist, benötigen wir auch keine umfangreiche, teure und komplizierte Wahlen mehr — die Akklamation auf Facebook und Co. sollte dem Wähler reichen.

Bis dahin touren die Größen unserer Politik möglichst mit Privatjets durch die Welt, tingeln durch trashige Talk-Shows, lassen sich medienwirksam in den Container sperren und verbreiten ihr Privatleben bis ins kleinste Detail auf allen verfügbaren Kanälen.

Demokratie geht aber anders, deshalb muss jede abgegebene Stimme gezählt werden — egal wie lange dies auch dauern mag!


Gerne möchte ich einen Artikel von Peter Winkler in der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) vom 31. Oktober 2020 zur vertiefenden Lektüre empfehlen. Der Titel lautet „Die erste Staffel der «Trump Show» im Weissen Haus endet – welchen Preis hat Amerika dafür bezahlt?

„My only remaining question is, why an honest pimp, con man, fraud, and kidnapper like yourself would get involved in something as nasty as large-scale corporate activity?“

„The money was good.“

„Oh, but if that’s your excuse, what will be next? Politics?“

John Barnes, The Lost Princess Man (2009: 144)

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