Apfel sich im Spiegel betrachtend

Der große Selbstbetrug 5 (3)

Beitragsfoto: Apfel im Spiegel | © Shutterstock

Oder wie man seit ein paar Jahren bei uns so gerne sagt, die Schwarze Null, der ausgeglichene Bundeshaushalt.

Wir erreichen diesen vermeintlich so ausgeglichen Haushalt bei uns in Deutschland nur noch deshalb, weil man sich diesen nicht nur mit allen verfügbaren Tricks und Schlichen schön rechnet, sondern vor allem deshalb, weil man ihn auf Kosten der eigentlichen und auch existentiellen staatlichen Aufgaben noch halbwegs hinbekommt.

Wirklich interessant an der Sache ist, dass dies ein politischer Kompromiss ist, der von allen maßgeblichen Parteien auch mitgetragen wird.

Wohl einzig und alleine die ewig gestrigen Sozialisten würden diesen Selbstbetrug zugunsten eines noch viel größeren Betruges, nämlich dem weder real noch ideell existierenden Sozialismus, opfern; um dies noch deutlicher zu formulieren, der Sozialismus ist in der Politik das, was in der Mathematik die Quadratur des Kreises ist: ein Ding der Unmöglichkeit.

Man könnte jetzt eigentlich die Frage stellen, wie es überhaupt soweit kommen konnte, dass wir uns fast alle von der Schwarzen Null blenden lassen, wobei ich bereits einen Schritt weitergehen möchte und versuche, dazu auch eine Antwort zu geben.

Die Grundlage unseres Staates ist die Volksherrschaft, und damit müsste es eigentlich auch ganz selbstverständlich sein, dass jeder Angehörige unseres Staates die Chance auf ein möglichst angenehmes Leben hat, denn sonst würde sich das „Herrschen“ für den einzelnen Bürger wohl kaum lohnen.

Damit ist es auch „Gesetz“, dass staatliche Fürsorge die unverschuldete Not eines jeden Bürgers ausgleicht, zumindest aber abmildert. Schon alleine der Gerechtigkeit wegen, müsste ein selbstverschuldet in Not geratener Bürger hingegen weiterhin auf die Fürsorge religiöser oder humanistischer Institutionen oder Personen zurückgreifen.

Um diese staatliche Fürsorge garantieren zu können, um die schwächeren Bürger unter uns zu stärken und um gesellschaftlich als zu groß wahrgenommene Diskrepanzen in den Vermögensverhältnissen der Bürger auszugleichen, hat sich das Prinzip der staatlichen Umverteilung etabliert.

Somit ist die staatliche Umverteilung eine politische und gesellschaftliche Notwendigkeit und findet deswegen auch bei allen Bürgern – selbst bei den reichsten unter uns – grundsätzliche Zustimmung.

Jede staatliche Umverteilung muss aber auch Regeln und Grenzen haben, diese kennen und einhalten. Erstmals muss überhaupt Vermögen vorhanden sein, das man umverteilen kann. Dann darf eine Umverteilung weder zur bloßen Ausbeutung von Bürgern werden noch als Instrument dienen, um alle Bürger gleichzuschalten oder zu beherrschen. Letztendlich muss jede Umverteilung für die Bürger transparent, effizient und auch zielgerichtet, nämlich zum Wohle der Bürger, erfolgen.

Hier bei uns in Deutschland hat sich das Prinzip der staatlichen Umverteilung spätestens seit den 1970er-Jahren verselbständigt und zudem der Kontrolle durch Staat und Bürger entzogen. Umverteilung ist inzwischen zu einem „Apparat“ mutiert, der vorwiegend dem Selbsterhalt dient und sich darüber hinaus immer weiter in alle gesellschaftlichen und politischen Prozesse und Bereiche hinein ausbreitet.

Und sobald jemand diese bestehende Problematik nur anspricht, was in den letzten Jahrzehnten immer wieder geschehen ist, z. B. durch Helmut Schelsky, wird diesen Bürgern von allen Seiten her Ketzerei unterstellt.

„Solidarität heißt heute immer sehr bald Massenorganisation mit ihrer Betreuungs- und Verwaltungselite. Der Wohlfahrtsstaat als Schutz der sozial Schwachen wird unversehens sehr bald zum planstaatlich-bürokratischen Vormundschaftsstaat und bleibt es.“

Helmut Schelsky, Der selbständige und der betreute Mensch (1978: 18)

Selbst die Versuche wenigstens mehr Transparenz in der Sache zu schaffen, wie z. B. durch Paul Kirchhof, der u. a. mehr Transparenz bei Steuern und Abgaben erreichen möchte, werden mehrheitlich abgelehnt und vereitelt.

Inzwischen hat die staatliche Umverteilung längst einen Apparat geschaffen, der nicht nur völlig außer Kontrolle geraten ist, sondern verstärkt sogar die ureigene Absicht konterkariert: nicht die schwächeren Mitbürger werden gestärkt, sondern jene genährt, die sich in diesem Apparat heimisch fühlen und ihn zum Eigennutz manipulieren können.

Ein eindeutiges Anzeichen dafür ist, dass sich trotz höchster jemals erreichter Umverteilung viele Mitbürger am Rande der eigenen Existenz sehen und zudem die Vermögensdiskrepanz innerhalb unserer heutigen Gesellschaft noch nie so groß war.

Ein weiteres Anzeichen dafür ist, dass die Leistungsträger in unserer Gesellschaft kaum noch daran glauben können, dass sich ihre Leistung auch wirklich lohnt und deswegen beginnen, die Grundlagen unserer Gesellschaft zu hinterfragen.

Der Apparat ist inzwischen so umfangreich und intransparent aber auch so mächtig geworden, dass er weiter von der Politik genährt und gefüttert wird, obwohl sein tatsächlicher Nutzen für Staat und Bürger kaum noch erkennbar ist.

Das Ganze hat sich inzwischen soweit verschärft, dass die Politik dem eigentlichen Staat die notwendigen Gelder entzieht, die er aber dringend benötigt, um seine ureigensten Aufgaben erfüllen zu können: Bildung und Infrastruktur sind mehr als mangelhaft, die äußere Sicherheit kann nicht mehr selbst und die innere nur noch bedingt sichergestellt werden.

Dafür aber stellt die Politik dem Umverteilungsapparat immer mehr Mittel zur Verfügung, ohne überhaupt noch zu wissen, was mit diesen letztendlich tatsächlich geschieht.

Und das ist es, was ich als den großen Selbstbetrug bezeichne, denn wir feiern jedes Jahr erneut eine Schwarze Null, koste es uns, was es wolle – und dies offensichtlich nur deshalb, weil wir selbst alle nicht mehr wissen, ob wir ohne diesen Apparat überhaupt noch leben können oder möchten.

Es ist wirklich an der Zeit, dass wir die Schleier endlich lüften, und dies selbst auf die Gefahr hin, dass wir alle längst schon pleite sind – eine Schwarze Null hin oder her!

„The more is given the less the people will work for themselves, and the less they work the more their poverty will increase.“

Leo Tolstoy, Help for the Starving (Januar 1892)

Foto Umberto Ecos in der la Repubblica

Gute Bücher 5 (2)

Beitragsfoto: Foto und Zitat von Umberto Eco | © La Repubblica

Alljährlich werden viel zu viele Bücher veröffentlicht, und inzwischen meinen sehr, sehr viele Mitmenschen auch, selbst ein Buch schreiben zu müssen; ich möchte mich davon nicht ausnehmen. Meine Feststellung ist wahrscheinlich aber bereits so alt, wie der Buchdruck selbst, so dass es immer wieder auch Ratschläge gibt, wie man am besten mit dieser Bücherschwemme zurechtkommt. Schon George Macaulay Trevelyan stellte hierzu fest:

„Education … has produced a vast population able to read but unable to distinguish what is worth reading.“

George Macaulay Trevelyan, English Social History (1942)

Ralph Waldo Emerson schrieb dazu 1860:

Never read any book that is not a year old, always read well known-books, and always read topics that one enjoys.

Ralph Waldo Emerson, In Praise of Books

Haruki Murakami, den ich erst vor Kurzem hier zur Lektüre empfohlen habe, meint hingegen

If you only read the books that everyone else is reading, you can only think what everyone else is thinking.

Haruki Murakami, Norwegian Wood (2000: 31)

Ray Bradbury ist davon überzeugt, dass Bücher auf alle Fälle jedem Menschen helfen.

„The things you’re looking for … are in the world, but the only way the average chap will ever see ninety-nine percent of them is in a book.“

Ray Bradbury, Fahrenheit 451 (2012 [1953]: 82)

Interessant ist dabei auch die Sichtweise von Kathy Acker, die im Vorwort von Samuel R. Delanys Trouble on Triton (1996 [1976]) schrieb:

„Every book, remember, is dead until a reader activates it by reading. Every time that you read you are walking among the dead, and, if you are listening, you just might hear prophecies. Aeneas did. Odysseus did. …“

Kathy Acker

Unabhängig davon, welche Bücher man nun liest, meint Romain Rolland, dass man dabei eigentlich nie das Buch an sich liest, sondern eher sich selber.

„No one ever reads a book. He reads himself through books, either to discover or to control himself. And the most objective books are the most deceptive. The greatest book is not the one whose message engraves itself on the brain, as a telegraphic message engraves itself on the ticker-tape, but the one whose vital impact opens up other viewpoints, and from writer to reader spreads the fire that is fed by the various essences, until it becomes a vast conflagration leaping from forest to forest.“

Romain Rolland, Journey Within (2004 [1947]: 19f)

Diego Urbina empfiehlt aus seiner eigenen und sehr profunden Erfahrung als Astronaut heraus, auf jeden Fall Bücher zu lesen. Er ist davon überzeugt, dass diese ein gutes Werkzeug sind, um die eigene Existenz zu bewältigen.

„In the end, what you are doing, it’s really cold, really repetitive. You need to stay in touch with your humanity. Books are a really good tool for that.“

Diego Urbina, in The New Yorker (28. Juni 2013, 520 days of solitude)

Ebenfalls sehr nüchtern betrachtet Eldred D. Jones den eigentlichen Zweck von Büchern.

„Legends die hard in the popular minds, while facts tend to languish in books.“

Eldred D. Jones, zitiert in John Reader, Africa – A Biography of the Continent (1997: 328)

Und Francis Bacon gab dabei bereits den Hinweis, wie man Bücher am Besten lesen sollte.

„Some books are to be tasted, others to be swallowed, and some few to be chewed and digested; that is, some books are to be read only in parts; others to be read, but not curiously; and some few to be read wholly, and with diligence and attention.“

Francis Bacon, Essays (1625, Of Studies)

Und er führt weiter aus

„Read not to contradict and confute; nor to believe and take for granted; nor to find talk and discourse; but to weigh and consider.“

Francis Bacon, Essays (1625, Of Studies)

Meine eigene Erfahrung lässt mich behaupten, dass man gute Bücher mindestens dreimal im Leben gelesen haben sollte. Ich empfehle dabei, dass man ein gutes Buch zum ersten Mal möglichst bereits in der Jugend zur Hand nimmt, dann ein zweites Mal, sobald man mitten im Leben, und zuletzt, wenn man im letzten Abschnitt des eigenen Lebens steht. Denn gute Bücher begleiten einen Menschen das ganze Leben hindurch, vorausgesetzt, man liest sie auch.

Um meine Behauptung etwas zu verdeutlichen, greife ich auf ein Beispiel aus der Musik zurück und empfehle zuerst die Einspielung der Goldberg Variationen von Glenn Gould aus dem Jahre 1955 und zum Schluss die aus dem Jahr 1981 anzuhören. Johann Sebastian Bachs Noten haben sich in all den Jahren nicht verändert, sondern nur die Sichtweise Goulds – und dies kann man klar und deutlich hören!

Zum Schluss lasse ich gerne nochmals Umberto Eco zu Wort kommen, welcher bereits oben im Beitrag zu sehen ist.

„Wer nicht liest, hat mit 70 ein Leben gelebt, wer liest, wird 5 000 Jahre erlebt haben.“

Umberto Eco, in einem Interview mit la Repubblica

„From the moment I picked up your book until I laid it down, I was convulsed with laughter. Some day I intend reading it.“

Dieses Aussage wird allgemein Groucho Marx zugeschrieben.

Holocaust-Mahnmal

„Bleibt wachsam!“ 5 (5)

Beitragsfoto: Holocaust-Mahnmal | © Kalahari auf Pixabay 

„Noch fruchtbar ist der Schoß, aus dem dies kroch!“ So zitierte am 7. Mai 2005 Gerhard Bronner anlässlich der Gedenkfeier zum 60. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Gunskirchen Berthold Brecht.

Dass dieser Schoß sehr fruchtbar ist, hat uns Heilbronnern die letzte Gemeinderatswahl gezeigt, bei der nicht nur bekannte und sehr engagierte Bürger als Stadträte gewählt wurden, sondern auch Menschen der übelsten Sorte, die spätestens seit ihrer Wahl öffentlich zu Mord und Totschlag aufrufen, Richter, Soldaten und Beamte in Gänze diffamieren, und sich zudem über unsere Kriegstoten lustig machen.

Das Internet ist voll von ihren Hasstiraden, Verschmähungen, blanken Lügen und widerlichen Bildern, die ganz offensichtlich auch auf große Zustimmung stoßen, und selbst im Heilbronner Gemeinderat bis auf eine einzige Ausnahme offenbar widerspruchslos hingenommen werden.

Wenn ich unseren Stadträten einen Ratschlag geben darf: Appeasement-Politik funktioniert bei dieser Art von Menschen nicht, und faule Kompromisse darf man dabei erst recht nicht eingehen, denn gemäß Avishai Margalit (2010: 5) geben zwar unsere Ideale Auskunft darüber, wer wir gerne wären, aber unsere Kompromisse verraten eindeutig, wer wir tatsächlich sind.

Also liebe Stadträte, geben Sie sich einen Ruck und lassen Sie diese Menschen nicht ständig unkommentiert zu Wort kommen!

Unmögliche Mitbürger haben zwar diese üble Sorte Mensch in den Gemeinderat gewählt, nun liegt es aber an Ihnen, unseren demokratischen Volksvertretern, diesen Menschen die Maske zu entreißen und deren hässliche Fratzen für alle sichtbar zum Vorschein kommen zu lassen; auch das ist die Aufgabe eines Stadtrates!

Abschließend möchte ich gerne Gerhard Bronner selbst zitieren, der anlässlich oben erwähnter Gedenkfeier das Folgende sagte:

„Es gibt drei Dinge, die sich nicht vereinen lassen: Intelligenz, Anständigkeit und Nationalsozialismus. Man kann intelligent und Nazi sein. Dann ist man nicht anständig. Man kann anständig und Nazi sein. Dann ist man nicht intelligent. Und man kann anständig und intelligent sein. Dann ist man kein Nazi.“

Für 2020 erhoffe ich mir von allen Mitbürgern mehr Engagement für unsere Demokratie und unser schönes Land. Von unseren Volksvertretern erhoffe ich mir mehr Mut zur Konfrontation, und wünsche uns allen viel Glück und Gottes Segen.

„90 % of the people in this world are fools and the rest of us are in great danger of contamination.“

Walter Matthau als Horace Vandergelder in Hello, Dolly! (1969)