EU und UK

Alles ist möglich 5 (4)

Beitragsfoto: EU und UK | © Shutterstock

Sicherlich haben Sie alle – und dies bereits seit dem 23. Juni 2016 (!) – sehr gespannt die Vorgänge um den zum 29. März 2019 angekündigten Austritt des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union mitverfolgt. Inzwischen scheint nunmehr alles bis zum 31. Oktober 2019 möglich zu sein, selbst ein Verbleib der Briten innerhalb der Europäischen Union.

Es gibt für uns Menschen keine bessere Regierungsform als unsere Demokratien; wobei aber auch diese durchaus ihre Mängel haben, so müssen wir zum Beispiel mit dem Manko leben, dass es keine Mindestvoraussetzungen für Volksvertreter gibt. Selbsteinschätzung wie auch Parteiapparate tragen dabei nicht zur Qualitätssicherung der politischen Entscheider bei und wir Bürger lassen uns bei Wahlen offensichtlich von anderen Dingen leiten.

Mir ist es unverständlich, wie sich Mitbürger in höchste Ämter wählen lassen und dabei von vorne herein wissen, dass sie diese nie und nimmer ausfüllen können, noch einen Funken von Ahnung haben, was sie in dieser Funktion eigentlich machen müssten. Die Folge davon sind u. a. jahrelange erfolglose Austrittsverhandlungen, jahrzehntelanger Stillstand bei existentiellen Fragestellungen, „Entscheider“, die sich gar rühmen, Probleme auszusitzen und damit einhergehend, ein immer stärker zunehmender Demokratie-Frust. Dieser Frust führt die Bürger immer näher an Autokraten und Diktatoren heran – an Menschen, die vorgeben oder zumindest den Anschein erwecken, zu wissen, was sie tun.

Das Problem liegt dabei nicht am Desinteresse der Bürger an der Politik oder gar an unserem Europa. Das Problem liegt eindeutig daran, dass wir alle unseren Mitbürgern Politik und auch Europa kaum noch oder bereits gar nicht mehr schmackhaft machen können!

Die „große Politik“ reißt längst keinen mehr vom Hocker, die Zivilgesellschaft sucht in ihrer Not – und dies weit weg von den Parlamenten – eigene Wege, wie zum Beispiel „Friday for Future“, „Gilet Jaune“ oder „Pulse of Europe“, um sich nicht nur Gehör zu verschaffen, sondern, um auf bestehende Probleme hinzuweisen und dies mit dem Ziel, dafür auch Lösungen zu finden.

Aber auch auf lokaler Ebene stehen Problemlösungen oder gar schwierig zu vermittelnde Entscheidungen längst nicht mehr im Fokus der Politik; was auch hier dazu führt, dass sich unsere Mitbürger vor Ort nicht mehr „mitgenommen“ fühlen. Ein Ausdruck davon ist die geringe Wahlbeteiligung. Dies wiederum motiviert politische Kandidaten dazu, nur noch dort Wahlkampf zu machen und für die zu sprechen, wo sie sich schnelle eigene Erfolge versprechen – ein Circulus vitiosus nimmt seinen Anfang.

„Well, I woke up this morning and I got myself a beer. The future’s uncertain and the end is always near.“

Jim Morrison, Roadhouse blues (1970)

Deutscher Bundestag

Herbst 1996 5 (4)

Beitragsfoto: Reichstagsgebäude | © Christian Ader, Getty Images

Wer erinnert sich noch an den Herbst 1996 als der Bundestag beschloss, seine gesetzliche Regelgröße von 656 auf 598 Abgeordnete zu verringen? Schon damals war ich der Überzeugung, dass der Bundestag auch mit 598 Abgeordneten immer noch überbesetzt ist, zumal mit einer immer weiteren Verflechtung der Mitgliedstaaten der Europäischen Union untereinander und einer folgerichtigen Ausweitung der Kompetenzen des Europäischen Parlaments Aufgaben und Verantwortlichkeiten an das Europäische Parlament abgegeben und zusätzlich den Föderalismus stärkend auch Kompetenzen an die Länder zurückgegeben werden könnten. Als Zielgröße könnten 150 Abgeordnete angestrebt werden, welche sich auf ca. 80 Wahlkreise verteilen und damit sicherstellen, dass der Bundestag nicht nur effektiv sondern auch effizient arbeiten kann.

Ein zwischenzeitlich durch den Bundestag geschaffenes „negatives Stimmgewicht“ veranlasste das Bundesverfassungsgericht 2008, das Bundeswahlgesetz für revisionsbedürftig zu erklären und den Bundestag zu einer Reform desselben zu zwingen, welche schließlich im Frühjahr 2013 in Kraft trat, aber aufgrund einer nicht erfolgten, nach dem Beschluss von 1996 zwingend notwendigen, Wahlkreisreform, die Abgeordnetenanzahl weiter erhöhte.

Inzwischen besteht der 19. Bundestag bereits aus 709 Abgeordenten, davon 111 Abgeordnete aufgrund von Überhang- und Ausgleichsmandaten, und ist damit fast so groß wie das Europäische Parlament, welches mit insgesamt 751 Abgeordneten für über 500 Millionen Unionsbürger verantwortlich ist.

Selbst eine in die Diskussion gebrachte Verringerung der Wahlkreise auf insgesamt 150 aber mit jeweils zwei Direktmandaten, wurde von den betroffenen Abgeordneten des 18. Bundestages abgelehnt. Es stünde unserer jetzigen Großen Koalition gut an, schnellstmöglich dafür Sorge zu tragen, dass der 20. Bundestag zumindest wieder seine gesetzlich festgelegte Regelgröße von 598 Abgeordenten einhält.

Mein Fazit: nicht an den Worten, sondern an den Taten muss man seine Abgeordneten messen!

„Wo wäre denn die Überlegenheit dessen, was wir verteidigen, wenn wir nicht in der Lage wären, unser begründetes Ressentiment zu überwinden?“

Albert Camus in einem Brief an den französischen Justizminister (5.12.1946)

Sandstrand

Zeitalter der Beliebigkeit 5 (3)

Beitragsfoto: Sandstrand | © Pixabay

Spätestens seit bei uns Träger von in Deutschland erhaltener akademischer Titel seitenweise Sokrates zitieren, bin ich zur Überzeugung gelangt, dass wir nunmehr ein gesamtgesellschaftliches Problem haben. Seit langem bin ich mir zudem bewusst, dass es zwar immer noch zur „bürgerlichen Pflicht“ gehört, auf deutsche Bildung und Errungenschaften stolz zu sein, kaum einer aber noch selber den Versuch unternimmt, z. B. ein Buch von Goethe, Schiller oder Humboldt zu lesen. Vom Versuch, die allgemeine oder spezielle Relativitätstheorie sowie andere maßgebliche Errungenschaften unserer Zeit zu verstehen, ganz zu schweigen.

Wenigstens auf unsere gemeinsamen Werte, Überzeugungen und Rechtsauffassungen können wir noch bauen. Das Problem hierbei ist, dass auch auf diesem Gebiet die Unkenntnis überhand zu nehmen scheint. Sicherlich aber ist die Bereitschaft auf einen Tiefpunkt gesunken, diese Ideen und Übereinkünfte für sich selber in Anspruch zu nehmen und auch umzusetzen.

Als Folge davon können wir beobachten, wie wir uns zwar traditionsgemäß weiterhin in Parteien, Verbänden und Vereinen versammeln ohne aber, beim Eintritt in eine solche Gemeinschaft, das „Kleingedruckte“ gelesen oder gar verstanden zu haben. Es ist keine Seltenheit mehr, dass selbst Vorstände und Präsidenten die vertretenen Grundsätze und Programmatiken nicht mehr kennen oder schlimmer noch, eigentlich vollumfänglich ablehnen. Das Ganze wird dann dadurch noch überboten, indem diese Personen sich weigern, beim Feststellen dieser Diskrepanz, persönliche Konsequenzen zu ziehen und darüber hinaus oftmals sogar fordern, dass sich der betreffende Verband oder die anderen Mitglieder anzupassen hätten – ein m. E. völlig verqueres Verständnis der Forderung „Marsch durch die Instanzen“.

Ein weiteres Indiz für diese Beliebigkeit ist, dass es nunmehr gesellschaftlich chic ist, sich gleich in mehreren, inhaltlich gänzlich widersprechenden Gemeinschaften zu engagieren. Denn dies ist in einer Zeit, in der man weder die Grundlagen von Gemeinschaften kennen möchte, noch dazu bereit ist, diese Grundlagen auch als Maßstab für das eigene Handeln zu nehmen, keine Schwierigkeit mehr und wird den so Handelnden sogar noch als geistige Flexibilität hoch angerechnet.

Der Höhepunkt ist es aber, dass solche der Beliebigkeit fröhnenden Menschen bei anderen gerne fehlende oder unserer Gesellschaft völlig konträren Werte erkennen wollen und diesen deshalb die Zugehörigkeit in unsere Gemeinschaft verweigern möchten.

„Schluß mit lustig“ hatte Peter Hahne bereits 2004 vergeblich gefordert.

Wenn wir tatsächlich noch dem Zeitalter der Beliebigkeit entfliehen möchten, dann müssen wir als Betroffene selber tätig werden und erstmals bei uns persönlich anfangen. Nach dem Motto „mehr Sein als Schein“, müssen wir unserer tatsächlichen eigenen Leistungsfähigkeit gewahr werden, dies dann auch akzeptieren – wahrscheinlich die größe Schwierigkeit bei diesem Unterfangen – und letztendlich versuchen, das Beste aus unseren eigenen Möglichkeiten zu machen.

Sobald wir diesen Schritt zu gehen bereit sind, werden wir uns und unsere Umwelt mit anderen Augen sehen. Und dann ist auch endlich „Schluß mit lustig“! 

„Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht.“

Heinrich Heine, Nachtgedanken (1844)