Sandstrand

Zeitalter der Beliebigkeit 5 (3)

Beitragsfoto: Sandstrand | © Pixabay

Spätestens seit bei uns Träger von in Deutschland erhaltener akademischer Titel seitenweise Sokrates zitieren, bin ich zur Überzeugung gelangt, dass wir nunmehr ein gesamtgesellschaftliches Problem haben. Seit langem bin ich mir zudem bewusst, dass es zwar immer noch zur „bürgerlichen Pflicht“ gehört, auf deutsche Bildung und Errungenschaften stolz zu sein, kaum einer aber noch selber den Versuch unternimmt, z. B. ein Buch von Goethe, Schiller oder Humboldt zu lesen. Vom Versuch, die allgemeine oder spezielle Relativitätstheorie sowie andere maßgebliche Errungenschaften unserer Zeit zu verstehen, ganz zu schweigen.

Wenigstens auf unsere gemeinsamen Werte, Überzeugungen und Rechtsauffassungen können wir noch bauen. Das Problem hierbei ist, dass auch auf diesem Gebiet die Unkenntnis überhand zu nehmen scheint. Sicherlich aber ist die Bereitschaft auf einen Tiefpunkt gesunken, diese Ideen und Übereinkünfte für sich selber in Anspruch zu nehmen und auch umzusetzen.

Als Folge davon können wir beobachten, wie wir uns zwar traditionsgemäß weiterhin in Parteien, Verbänden und Vereinen versammeln ohne aber, beim Eintritt in eine solche Gemeinschaft, das „Kleingedruckte“ gelesen oder gar verstanden zu haben. Es ist keine Seltenheit mehr, dass selbst Vorstände und Präsidenten die vertretenen Grundsätze und Programmatiken nicht mehr kennen oder schlimmer noch, eigentlich vollumfänglich ablehnen. Das Ganze wird dann dadurch noch überboten, indem diese Personen sich weigern, beim Feststellen dieser Diskrepanz, persönliche Konsequenzen zu ziehen und darüber hinaus oftmals sogar fordern, dass sich der betreffende Verband oder die anderen Mitglieder anzupassen hätten – ein m. E. völlig verqueres Verständnis der Forderung „Marsch durch die Instanzen“.

Ein weiteres Indiz für diese Beliebigkeit ist, dass es nunmehr gesellschaftlich chic ist, sich gleich in mehreren, inhaltlich gänzlich widersprechenden Gemeinschaften zu engagieren. Denn dies ist in einer Zeit, in der man weder die Grundlagen von Gemeinschaften kennen möchte, noch dazu bereit ist, diese Grundlagen auch als Maßstab für das eigene Handeln zu nehmen, keine Schwierigkeit mehr und wird den so Handelnden sogar noch als geistige Flexibilität hoch angerechnet.

Der Höhepunkt ist es aber, dass solche der Beliebigkeit fröhnenden Menschen bei anderen gerne fehlende oder unserer Gesellschaft völlig konträren Werte erkennen wollen und diesen deshalb die Zugehörigkeit in unsere Gemeinschaft verweigern möchten.

„Schluß mit lustig“ hatte Peter Hahne bereits 2004 vergeblich gefordert.

Wenn wir tatsächlich noch dem Zeitalter der Beliebigkeit entfliehen möchten, dann müssen wir als Betroffene selber tätig werden und erstmals bei uns persönlich anfangen. Nach dem Motto „mehr Sein als Schein“, müssen wir unserer tatsächlichen eigenen Leistungsfähigkeit gewahr werden, dies dann auch akzeptieren – wahrscheinlich die größe Schwierigkeit bei diesem Unterfangen – und letztendlich versuchen, das Beste aus unseren eigenen Möglichkeiten zu machen.

Sobald wir diesen Schritt zu gehen bereit sind, werden wir uns und unsere Umwelt mit anderen Augen sehen. Und dann ist auch endlich „Schluß mit lustig“! 

„Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht.“

Heinrich Heine, Nachtgedanken (1844)

Sonnensystem

Systemrelevanz 5 (6)

Beitragsfoto: Sonnensystem | © Shutterstock

Wenn ein einzelner Bürger stirbt, ist dies immer eine tragische Sache, insbesondere für sein näheres Umfeld. Für unsere Gesellschaft aber ist dies ein alltäglicher Vorgang und gefährdet deshalb auch kein Staatsgebilde. Selbst wenn für einen „Staatenlenker“ in seiner vollen Schaffenskraft die Welt untergeht, ist dies zwar für eine Gesellschaft ebenfalls tragisch, aber auch gleichfalls zu verkraften. Kurz gesagt: unsere Friedhöfe liegen voll von Menschen, die sich für unersetzlich hielten.

Und was für natürliche Personen gilt, gilt auch für juristische Personen! Kaum ein Mensch erinnert sich z. B. noch an Mannesmann, Borgward, Horten oder Commodore, was wieder einmal bestätigt, dass nichts unvergänglich ist. 

Deshalb erstaunt es mich ganz besonders, wenn man in Bezug auf Unternehmen von einer Systemrelevanz spricht. Damit unterstellt man diesen eine derart bedeutende wirtschaftliche Rolle, dass ihre Insolvenz vom Staat nicht hingenommen werden könnte. Und wenn diesen vermeintlich „systemrelevanten“ Unternehmen eine Insolvenz droht, wird sie nunmehr regelmäßig mit öffentlichen Mitteln abgewendet. Die sogenannte „Bankenrettung“ kann als plakatives Beispiel dienen. Der Haken dabei ist, wer bestimmt und nach welchen Kriterien, welches Unternehmen eigentlich systemrelevant ist?!

Um es auf den Punkt zu bringen: eine Systemrelevanz von Personen natürlicher oder juristischer Art, gibt es nicht. Unsere Gesellschaft wird auch den „Untergang“ der gesamten Wirtschaft verkraften können – was übrigens nicht das erste Mal wäre.

Da aber keiner ernsthaft diesen Beweis antreten möchte, sollte man sich überlegen, wie man der „Gefahr“ von vermeintlich systemrelevanten Unternehmen begegnet. Im Falle, dass die Regierung von einer Systemrelevanz spricht, liegt wohl folgendes Problem vor: entweder ist dieses Unternehmen für unseren Staat zu groß oder unser Staat ist für dieses Unternehmen zu klein. Für dieses Problem gibt es meines Erachtens nunmehr zwei Lösungsmöglichkeiten. Das Unternehmen wird auf eine für den Staat verträgliche Größe reduziert oder der Staat gibt die „Verantwortung“ für ein solches Unternehmen an eine dafür größenmäßig ausreichende Gemeinschaft ab – hier käme bei uns die Europäische Union ins Spiel.

Ich persönlich gehe weiterhin davon aus, dass es keine systemrelevanten Personen gibt und vermute eher, dass die Bezeichnung Systemrelevanz dazu dient, um die wirtschaftlichen Interessen einzelner Menschen vor denen der Gemeinschaft zu stellen und die dabei entstehenden Kosten auf Letztere umzuverteilen!

„One of the symptoms of an approaching nervous breakdown is the belief that one’s work is terribly important.“

Bertrand Russell, The Conquest of Happiness (2006 [1930]: 48)

Klassenzimmer

Schule & Bildung 5 (5)

Beitragsfoto: © Shutterstock

Um unser Bildungssystem steht es nicht zum Besten! Wer etwas anderes behauptet, dem muss man vorwerfen, zumindest diese Misere weiter zu unterstützen, wenn nicht gar voranzutreiben. Was müssen wir tun, um unsere Schulen und unser Bildungsystem insgesamt zukunftsfähig zu machen?

Ich bin der Überzeugung, dass wir dabei das Rad nicht neu erfinden, sondern nur die Vorteile bereits vorhandener Modelle wieder akzeptieren und auch in den richtigen Rahmen setzen müssen.

Fangen wir am Anfang der Kette an. Bei Kindergärten, Kindertagesstätten und Sonderschulen; wer sich an letzterem Begriff stört, kann alternative Begriffe vorschlagen, die Notwendigkeit von Sonderschulen wird er damit aber nicht wegreden können. Je nach persönlichem Bedarf, beginnt jedes Kind seine schulische Bildung und Ausbildung an einem dieser Orte. Da es immer Menschen mit größeren geistigen oder körperlichen Einschränkungen geben wird, muss man sich Gedanken machen, wie man diese am Besten in die Gesellschaft einbindet – gemäß dem dafür heute benutzen Begriff: inkludiert. Zum einen aus finanziellen Gründen und zum anderen wegen des immer bestehenden Mangels an qualifizierten Betreuern und Lehrern, kann nicht jeder Kindergarten und auch nicht jede Kindertagesstätte die Inklusion von Menschen mit größeren Einschränkungen sicherstellen. Deswegen müssen wir entsprechende Einrichtungen vorhalten und können diese zudem auch zum Vorteil der Betroffenen ausrichten.

Sobald ein Kind den Abholpunkt „Einschulung“ erreicht, welcher aufgrund der heutigen Mobilität in unserer Gesellschaft zumindest auf Bundesebene einheitlich und klar definiert werden muss, kommt es in die Grundschule. Kinder, denen es an dafür notwendiger Reife, Auffassungsgabe oder Sprachkenntnissen mangelt, werden an Sonderschulen weiter gefördert und im Idealfall später in das reguläre Schulsystem eingegliedert. Da es aus oben bereits erwähnten Gründen nicht machbar ist, jede Grundschule inklusionsfähig zu machen, muss es Grundschulen Plus geben, die auch Kindern mit größeren körperlichen Einschränkungen voll und ganz gerecht werden können. Das Ziel der Grundschulen ist weiterhin, allen Schülern ein Grundwissen zu vermitteln und, böse, wer Schlimmes dabei denkt, die Schüler auf die weiterführenden Schulen zu verteilen. Diese „Einteilung“ muss zwingend wieder in die Verantwortung der dafür auch vorgesehenen Lehrkräfte und Betreuer zurückgegeben werden!

Nach dem Durchlaufen der Grundschule kommen die Schüler entweder auf eine Hauptschule, eine Mittel- bzw. Realschule oder auf ein Gymnasium. Die jeweils dafür notwendigen Abholpunkte müssen, wie oben bereits erwähnt, mindestens auf Bundesebene einheitlich sein. Und auch die jeweiligen Erziehungs-, Ausbildungs- und Bildungsziele müssen bundeseinheitlich festgelegt werden. Um die Inklusion aller Schülern mit größeren körperlichen Einschränkungen sicherzustellen, kann es notwendig sein, dass auch hier Plus-Schulen eingerichtet und vorgehalten werden. Zusätzlich müssen für Schüler, für die bereits der Abschluss der Grundschule ein Erfolg ist oder für Schüler, für die ein Verbleib im Schulsystem reine Zeitverschwendung wäre, Sonderschulen vorhanden sein, um letztere schnellstmöglich auf eine Universität zu bringen oder erstere bestens auf einen möglichen Verbleib in entsprechenden Folgeeinrichtungen vorzubereiten.

Nach dem Abschluss der Hauptschule sollte für alle Absolventen eine Lehre und die entsprechende Berufsschule verpflichtend sein. Realschulabsolventen müssten zwischen Lehre & Berufsschule, Lehre & Hochschule oder den Besuch einer Hochschule wählen; diese Entscheidung sollte unbedingt vom jeweiligen „Klassenlehrer“ unterstützt werden. Für Abiturienten wäre der Besuch einer Hochschule oder Universität nur folgerichtig und abhängig von der individuellen Leistungsfähigkeit.

Auch an unseren Universitäten, den originären Einrichtungen für höhere Bildung, müssen Änderungen erfolgen. Die speziellen Ausbildungsbedürfnisse von Industrie, Wirtschaft und Handel können bestens durch entsprechende und auch diesbezüglich geförderte Hochschulen abgedeckt werden. Damit könnten sich Universitäten wieder verstärkt wissenschaftlichen Erkenntnissen widmen, ihren Lehrkräften zudem das Erreichen einer universitären Lehrbefähigung besser ermöglichen und damit insgesamt das Bildungsniveau erhöhen, was für die Weiterentwicklung jeder Gesellschaft sehr förderlich ist.

„Education is our only political safety. Outside of this ark all is deluge.“

Horace Mann, The New Era, Vol. III, No. 10 (Oktober 1873: 368)