Deutscher Bundestag

Herbst 1996 5 (4)

Beitragsfoto: Reichstagsgebäude | © Christian Ader, Getty Images

Wer erinnert sich noch an den Herbst 1996 als der Bundestag beschloss, seine gesetzliche Regelgröße von 656 auf 598 Abgeordnete zu verringen? Schon damals war ich der Überzeugung, dass der Bundestag auch mit 598 Abgeordneten immer noch überbesetzt ist, zumal mit einer immer weiteren Verflechtung der Mitgliedstaaten der Europäischen Union untereinander und einer folgerichtigen Ausweitung der Kompetenzen des Europäischen Parlaments Aufgaben und Verantwortlichkeiten an das Europäische Parlament abgegeben und zusätzlich den Föderalismus stärkend auch Kompetenzen an die Länder zurückgegeben werden könnten. Als Zielgröße könnten 150 Abgeordnete angestrebt werden, welche sich auf ca. 80 Wahlkreise verteilen und damit sicherstellen, dass der Bundestag nicht nur effektiv sondern auch effizient arbeiten kann.

Ein zwischenzeitlich durch den Bundestag geschaffenes „negatives Stimmgewicht“ veranlasste das Bundesverfassungsgericht 2008, das Bundeswahlgesetz für revisionsbedürftig zu erklären und den Bundestag zu einer Reform desselben zu zwingen, welche schließlich im Frühjahr 2013 in Kraft trat, aber aufgrund einer nicht erfolgten, nach dem Beschluss von 1996 zwingend notwendigen, Wahlkreisreform, die Abgeordnetenanzahl weiter erhöhte.

Inzwischen besteht der 19. Bundestag bereits aus 709 Abgeordenten, davon 111 Abgeordnete aufgrund von Überhang- und Ausgleichsmandaten, und ist damit fast so groß wie das Europäische Parlament, welches mit insgesamt 751 Abgeordneten für über 500 Millionen Unionsbürger verantwortlich ist.

Selbst eine in die Diskussion gebrachte Verringerung der Wahlkreise auf insgesamt 150 aber mit jeweils zwei Direktmandaten, wurde von den betroffenen Abgeordneten des 18. Bundestages abgelehnt. Es stünde unserer jetzigen Großen Koalition gut an, schnellstmöglich dafür Sorge zu tragen, dass der 20. Bundestag zumindest wieder seine gesetzlich festgelegte Regelgröße von 598 Abgeordenten einhält.

Mein Fazit: nicht an den Worten, sondern an den Taten muss man seine Abgeordneten messen!

„Wo wäre denn die Überlegenheit dessen, was wir verteidigen, wenn wir nicht in der Lage wären, unser begründetes Ressentiment zu überwinden?“

Albert Camus in einem Brief an den französischen Justizminister (5.12.1946)

Sandstrand

Zeitalter der Beliebigkeit 5 (3)

Beitragsfoto: Sandstrand | © Pixabay

Spätestens seit bei uns Träger von in Deutschland erhaltener akademischer Titel seitenweise Sokrates zitieren, bin ich zur Überzeugung gelangt, dass wir nunmehr ein gesamtgesellschaftliches Problem haben. Seit langem bin ich mir zudem bewusst, dass es zwar immer noch zur „bürgerlichen Pflicht“ gehört, auf deutsche Bildung und Errungenschaften stolz zu sein, kaum einer aber noch selber den Versuch unternimmt, z. B. ein Buch von Goethe, Schiller oder Humboldt zu lesen. Vom Versuch, die allgemeine oder spezielle Relativitätstheorie sowie andere maßgebliche Errungenschaften unserer Zeit zu verstehen, ganz zu schweigen.

Wenigstens auf unsere gemeinsamen Werte, Überzeugungen und Rechtsauffassungen können wir noch bauen. Das Problem hierbei ist, dass auch auf diesem Gebiet die Unkenntnis überhand zu nehmen scheint. Sicherlich aber ist die Bereitschaft auf einen Tiefpunkt gesunken, diese Ideen und Übereinkünfte für sich selber in Anspruch zu nehmen und auch umzusetzen.

Als Folge davon können wir beobachten, wie wir uns zwar traditionsgemäß weiterhin in Parteien, Verbänden und Vereinen versammeln ohne aber, beim Eintritt in eine solche Gemeinschaft, das „Kleingedruckte“ gelesen oder gar verstanden zu haben. Es ist keine Seltenheit mehr, dass selbst Vorstände und Präsidenten die vertretenen Grundsätze und Programmatiken nicht mehr kennen oder schlimmer noch, eigentlich vollumfänglich ablehnen. Das Ganze wird dann dadurch noch überboten, indem diese Personen sich weigern, beim Feststellen dieser Diskrepanz, persönliche Konsequenzen zu ziehen und darüber hinaus oftmals sogar fordern, dass sich der betreffende Verband oder die anderen Mitglieder anzupassen hätten – ein m. E. völlig verqueres Verständnis der Forderung „Marsch durch die Instanzen“.

Ein weiteres Indiz für diese Beliebigkeit ist, dass es nunmehr gesellschaftlich chic ist, sich gleich in mehreren, inhaltlich gänzlich widersprechenden Gemeinschaften zu engagieren. Denn dies ist in einer Zeit, in der man weder die Grundlagen von Gemeinschaften kennen möchte, noch dazu bereit ist, diese Grundlagen auch als Maßstab für das eigene Handeln zu nehmen, keine Schwierigkeit mehr und wird den so Handelnden sogar noch als geistige Flexibilität hoch angerechnet.

Der Höhepunkt ist es aber, dass solche der Beliebigkeit fröhnenden Menschen bei anderen gerne fehlende oder unserer Gesellschaft völlig konträren Werte erkennen wollen und diesen deshalb die Zugehörigkeit in unsere Gemeinschaft verweigern möchten.

„Schluß mit lustig“ hatte Peter Hahne bereits 2004 vergeblich gefordert.

Wenn wir tatsächlich noch dem Zeitalter der Beliebigkeit entfliehen möchten, dann müssen wir als Betroffene selber tätig werden und erstmals bei uns persönlich anfangen. Nach dem Motto „mehr Sein als Schein“, müssen wir unserer tatsächlichen eigenen Leistungsfähigkeit gewahr werden, dies dann auch akzeptieren – wahrscheinlich die größe Schwierigkeit bei diesem Unterfangen – und letztendlich versuchen, das Beste aus unseren eigenen Möglichkeiten zu machen.

Sobald wir diesen Schritt zu gehen bereit sind, werden wir uns und unsere Umwelt mit anderen Augen sehen. Und dann ist auch endlich „Schluß mit lustig“! 

„Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht.“

Heinrich Heine, Nachtgedanken (1844)

Sonnensystem

Systemrelevanz 5 (6)

Beitragsfoto: Sonnensystem | © Shutterstock

Wenn ein einzelner Bürger stirbt, ist dies immer eine tragische Sache, insbesondere für sein näheres Umfeld. Für unsere Gesellschaft aber ist dies ein alltäglicher Vorgang und gefährdet deshalb auch kein Staatsgebilde. Selbst wenn für einen „Staatenlenker“ in seiner vollen Schaffenskraft die Welt untergeht, ist dies zwar für eine Gesellschaft ebenfalls tragisch, aber auch gleichfalls zu verkraften. Kurz gesagt: unsere Friedhöfe liegen voll von Menschen, die sich für unersetzlich hielten.

Und was für natürliche Personen gilt, gilt auch für juristische Personen! Kaum ein Mensch erinnert sich z. B. noch an Mannesmann, Borgward, Horten oder Commodore, was wieder einmal bestätigt, dass nichts unvergänglich ist. 

Deshalb erstaunt es mich ganz besonders, wenn man in Bezug auf Unternehmen von einer Systemrelevanz spricht. Damit unterstellt man diesen eine derart bedeutende wirtschaftliche Rolle, dass ihre Insolvenz vom Staat nicht hingenommen werden könnte. Und wenn diesen vermeintlich „systemrelevanten“ Unternehmen eine Insolvenz droht, wird sie nunmehr regelmäßig mit öffentlichen Mitteln abgewendet. Die sogenannte „Bankenrettung“ kann als plakatives Beispiel dienen. Der Haken dabei ist, wer bestimmt und nach welchen Kriterien, welches Unternehmen eigentlich systemrelevant ist?!

Um es auf den Punkt zu bringen: eine Systemrelevanz von Personen natürlicher oder juristischer Art, gibt es nicht. Unsere Gesellschaft wird auch den „Untergang“ der gesamten Wirtschaft verkraften können – was übrigens nicht das erste Mal wäre.

Da aber keiner ernsthaft diesen Beweis antreten möchte, sollte man sich überlegen, wie man der „Gefahr“ von vermeintlich systemrelevanten Unternehmen begegnet. Im Falle, dass die Regierung von einer Systemrelevanz spricht, liegt wohl folgendes Problem vor: entweder ist dieses Unternehmen für unseren Staat zu groß oder unser Staat ist für dieses Unternehmen zu klein. Für dieses Problem gibt es meines Erachtens nunmehr zwei Lösungsmöglichkeiten. Das Unternehmen wird auf eine für den Staat verträgliche Größe reduziert oder der Staat gibt die „Verantwortung“ für ein solches Unternehmen an eine dafür größenmäßig ausreichende Gemeinschaft ab – hier käme bei uns die Europäische Union ins Spiel.

Ich persönlich gehe weiterhin davon aus, dass es keine systemrelevanten Personen gibt und vermute eher, dass die Bezeichnung Systemrelevanz dazu dient, um die wirtschaftlichen Interessen einzelner Menschen vor denen der Gemeinschaft zu stellen und die dabei entstehenden Kosten auf Letztere umzuverteilen!

„One of the symptoms of an approaching nervous breakdown is the belief that one’s work is terribly important.“

Bertrand Russell, The Conquest of Happiness (2006 [1930]: 48)