Beitragsfoto: Busfahrt
Um es gleich zu Beginn auf den Punkt zu bringen, die letzten vier Tage in Sarajewo waren ganz großes Kino! Selten, dass ich unterwegs bin ohne die Reiseleitung zu übernehmen. Dieses Mal konnte ich völlig entspannt alles genießen, was unser Reiseleiter Semin Bristina im Angebot hatte.
Die Reisen unseres Vereins sind schon immer Bildungsreisen, die, wenn möglich, mit der aktuellen Politik verknüpft werden. Eine Reise nach Sarajewo war schon aufgrund meiner eigenen Erfahrungen mit dieser Stadt für Semin Bristina eine kleine Herausforderung. Aber auch die Erwartungen der weiteren Reiseteilnehmer wollten erfüllt werden. Den aktuellen Hintergrund unserer Fahrt bestimmten die Wahlen in Bosnien und Herzegowina; auch wenn wir keinen offiziellen Wahlbeobachterstatus hatten, schauten wir doch etwas näher hin, wie die Wahlen in diesem Land abgehalten werden. So wirklich zufrieden waren wir als Europäer mit dem Wahlausgang nicht und mehr als unzufrieden mit der mageren Wahlbeteiligung, die man einfach nicht beschönigen kann, was dann noch am Sonntagabend zu einer sehr guten Diskussion mit einer weiteren Reiseleiterin führte. Für das inhaltlich sehr fordernde Programm hatte sich Semin Bristina noch zwei weitere Reiseleiter hinzugenommen und bei einem gemeinsamen Essen in einem Privathaus mitten in der Stadt noch eine Schülerin, die mit sehr guten Deutschkenntnissen als weitere Dolmetscherin fungierte.
Weil es für unseren Reiseleiter doch ein wenig zu wenig Aktualität war, kam noch das UEFA Nations League Spiel Bosnien-Herzegowina gegen Schweden mit dazu. Was ich so richtig spannend fand, da wir bereits am Flughafen in Stuttgart alte Bekannte trafen, die extra wegen des Spiels nach Sarajewo flogen. Wir begleiteten das Spielende in einem traditionellen Brauhaus der Stadt und feierten zusammen mit Bosniern und Schweden ein diplomatisches Unentschieden.
Als ausgewiesener Kenner der Völker Bosnien und Herzegowinas zeigte Semin Bristina uns nicht nur Museen und architektonische Schmuckstücke, sondern ganz besonders dabei auch die unterschiedlichsten Trachten und Accessoires. Insgesamt ergab dies ein Ritt durch die Geschichte und gleich durch drei Religionen, die verschiedenen Christen einmal als Ganzes gesehen. An Synagogen, Kirchen und Moscheen mangelte es nicht, um sowohl die Gemeinsamkeiten als auch die Unterschiede weiter herauszuarbeiten.
Aber auch die Kulinarik kam nicht zu kurz, irgendwann vergaß ich es dann doch, jedem der aufgesuchten Restaurants und Gaststätten eine eigene Bewertung zu hinterlassen. Damit werde ich wohl keine Chance mehr haben, um mit Semin gleichzuziehen (kleiner Insider). Sarajewo wäre nicht die Stadt der verschiedensten Kulturen, wenn es hierbei nicht zu Diskussionen um die beste Zubereitung der Speisen gekommen wäre — kulturelle Vielfalt lässt kein einziges Thema unberührt.
Ursprünglich war es von mir gewünscht, die jüngere Geschichte der Stadt bei diesem Besuch auszublenden, schnell erkannte ich aber, dass dies in dieser Stadt nicht möglich ist. Und so gab es auch hierbei sehr spannende Diskussionen mit Menschen, die die unterschiedlichsten eigenen Erfahrungen in den Jahren 1991 bis 1999 gemacht haben.
Erfreulicher wurde es wieder als wir nicht nur die positiven Entwicklungen innerhalb der Stadt und besonders beim Wiederaufbau betrachten, sondern zum Schluss auch noch die schöne Umgebung der Stadt genießen konnten.
Für mich war diese Fahrt in eine Stadt, die ich eigentlich nicht mehr besuchen wollte — vielleicht auch gerade deswegen — ein ganz besonderes Erlebnis! Semin Bristina schaffte den Spagat und konnte dabei die besten Seiten von Sarajewo und seiner Bewohner zeigen.
Wobei diese Stadt nur dann eine Zukunft haben wird, wenn sie nicht dem zunehmenden Einfluss aus der Türkei und weiteren islamisch geprägten Staaten unterliegt, sondern sich trotz des aktuellen Wahlergebnisses wieder mehr nach Europa orientiert. Ganz ohne Frage, nur der Okzident wird sicherstellen können, dass Sarajewo eine wirtschaftliche und politische Zukunft haben wird und vor allem dabei auch ihren Charme als friedliche Schnittstelle zwischen den Kulturen erhalten werden kann!
Dieses friedliche Miteinander der Kulturen kann man so ausgeprägt und authentisch weder in Istanbul noch sonst wo in Europa leben und erleben! Was die Österreicher damals in der Stadt begonnen hatten, das sollte die Europäische Union mit Verve und nicht nur mit Worten weiterführen.
Und hier liegt wohl der Hund begraben, denn eine Stadt kann und darf kein Spielball der Politik sein, was selbstverständlich auch auf den gesamten Westbalkan zutrifft. Auch hier müsste unser Europa ganz dringend in Vorschuss gehen und sich den gesamten Westbalkan sichern — auf alle Fälle wäre dies langfristig nicht nur viel günstiger, sondern dazu auch noch ein Gewinn für alle!
Nun gucke ich mir aber erst einmal meine Fotos der letzten Tage an und überlege dabei, ob ich nicht doch eine eigene Bildergalerie anlege.


