Hunde

25.10.02025 5 (5)

Beitragsfoto: Hunde

Eine Stunde

Heute Nacht bekommen wir die Stunde zurück, die man uns im Frühjahr genommen hat, leider weiterhin ohne jegliche Zinsen. Jedes Jahr dasselbe!

Dabei wäre in einer funktionierenden Gesellschaft das Ganze schon längst wieder vom Tisch. Rein zufällig erfolgte am vergangenen Donnerstag, als wir mit Schülern im Europäischen Parlament waren, eine entsprechende Aussprache.

„Die Abgeordneten befragen Kommission und Rat, warum es noch immer keine Antwort auf den Wunsch der Bürgerinnen und Bürger gibt, die saisonale Zeitumstellung in Europa abzuschaffen.

Im März 2019 hatte das Europäische Parlament dafür gestimmt, die Praxis, die Uhren im Frühjahr und Herbst jeweils um eine Stunde zu verstellen, bis 2021 abzuschaffen. Damit reagierten die Abgeordneten auf eine öffentliche Konsultation der Europäischen Kommission, an der sich 4,6 Millionen Menschen beteiligten – 84 % von ihnen sprachen sich für ein Ende der Zeitumstellung aus.“

Europäisches Parlament (16.10.2025)

Der zuständige EU-Kommissar Apostolos Tzitzikostas betonte am Donnerstag, die Zeitumstellung sei Quell unnötiger Komplikationen, etwa im Verkehrssektor und für die menschliche Gesundheit. Sie habe inzwischen keinen Zweck mehr, sagte er bei der Aussprache im Parlament.

In der Debatte kritisierten die Abgeordneten die Untätigkeit der nationalen Regierungen. Sie unterstrichen, dass es ein klares Votum der Bürger zum Thema gebe. Parlamentsvizepräsidentin Sabine Verheyen appellierte an die Staats- und Regierungschefs, endlich auf das Europäische Parlament, die Kommission und die Bürger zu hören.

Meine Studenten wissen inzwischen, dass wer die Kosten nicht in den Griff, das mit der Zeit und den Inhalten ebenfalls nicht auf die Reihe bekommt. Und so werde ich es nicht mehr selbst erleben dürfen, dass wenigstens dieses leidige Thema vom Tisch kommt.

Vermischtes

Aktuell regen sich viele, auch ich, über den Abriss des Ostflügels des Weißen Hauses auf; dort soll ein imposanter Ballsaal entstehen. Donald Trump möchte ein wenig mehr Kreml in Washington haben. Kaum einer regt sich darüber auf, dass wir Deutschen seit Helmut Kohl den größten Regierungssitz zumindest in der westlichen Welt haben. Das Kanzleramt hat derzeit gut 25 000 Quadratmeter Fläche, wird unter Friedrich Merz aber weit über 50 000 Quadratmeter Fläche erhalten.

Hier einmal zum Vergleich: 10 Downing Street (London) wird so um die 3 000 Quadratmeter haben. Der Élysée-Palast (Paris) um die 11 000 Quadratmeter. Das Weiße Haus wird mit dem Umbau vielleicht die 7 000 Quadratmeter erreichen. Meckern wir aber lieber nicht, sonst kommt unsere Regierung noch auf die Idee, das Kanzleramt mit einem ICE-Bahnhof und einem eigenen Flughafen auszustatten — hätte Jens Spahn einen guten Bekannten, der so etwas baut, gäbe es beides wohl schon etwas länger.

Ich war schon immer ein Freund des Bargelds, auch wenn ich nie selbst viel davon hatte. Einfach nur weil es einen von Banken und anderen Institutionen unabhängiger macht. Inzwischen gibt es einen weiteren Grund fürs Bargeld, der sogar noch triftiger als meiner sein dürfte: was machen die Schweden zum Beispiel, wenn das Internet nicht mehr so richtig funktioniert.

Was uns Deutschen aber völlig egal sein dürfte, dann zahlen wir einfach mit unseren Goldbarren im Keller oder greifen gleich wieder auf die D-Mark zurück, die ebenfalls fast jeder von uns noch in größeren Mengen im Sparschwein liegen hat.

Lese mal wieder darüber, dass Frauen von Anbeginn unserer Geschichte gleichwertige Krieger gewesen wären. Gewalt ist dabei sehr einfach, man übereignet dem Gegner mehr Energie als dieser verarbeiten kann. Und schon dürfte es offensichtlich sein, dass Frauen, die normaler Weise leichter und graziler als Männer sind, bei der physischen Gewalt von Natur aus schon immer benachteiligt sind — sie können die fehlende Masse nicht so einfach durch höhere Geschwindigkeit wett machen, selbst bei der besten Technik nicht. Dank Hollywood dürften wir inzwischen aber vom Gegenteil überzeugt sein, was sich nun auch auf die Wissenschaft auszuwirken scheint.

Spannender Weise kämpft man beim Boxsport weiterhin in Gewichtsklassen, diese Sportler haben einfach noch nicht genug Filme geguckt.

Abstiegsgesellschaft

Ob Kindergarten-, Schul- oder Universitätserlebnisse, von den beruflichen oder ehrenamtlichen Begegnungen ganz zu schweigen, muss ich ähnlich wie auch jüngst Daniel Marwecki attestieren, dass wir längst zu einer Abstiegsgesellschaft mutiert sind.

„Die Verrohung der internationalen Politik geht mit der Verrohung im Innern der Gesellschaft einher. … Es ist die Zeit der Vereinfacher und Falschspieler.“

Daniel MArwecki, Die Welt nach dem Westen (2025: 250)

Daniel Marwecki spricht davon , dass die Entdemokratisierung und die Entzivilisierung auch bei uns auf einen Ethnonationalismus und einen identitären Tribalismus stoßen (2025: 251).

Zudem meint auch er, dass das Ende der Mittelschicht im globalen Vergleich das Zeichen einer Abstiegsgesellschaft ist (2025: 253). Dieses Ende der Mittelschicht durfte ich selbst seit den 1970er-Jahren miterleben, anfangs stellten sich noch viele junge und politisch Interessierte vehement dagegen, nur um festzustellen, dass es völlig sinnlos war.

Nun zieht der Brain Train schon ein paar Jahrzehnte lang in die aufstrebenden Teile der Welt, dort wo man noch entwickeln, bauen und sich selbst verwirklichen kann. Zurück bleiben jene, die sich mit dem Mittelmaß begnügen, ihre Vorteile aus dem Zerfall ziehen oder einfach nur darauf hoffen müssen, dass es für sie selbst noch reichen wird, bevor in Europa die letzten Lichter ausgeblasen werden.

Die zunehmende Angst, dass man selbst nicht mehr den Luxus der Elterngeneration einfach so genießen kann, hilft den üblichen Rattenfängern, die das ehemals aufgeklärte Europa — Motor unserer Welt — in eine vermeintlich attraktive Vergangenheit führen wollen.

Wie von unseren Wissenschaftlern und verantwortlichen Politikern in den 1960er- und 1970er-Jahren noch angemahnt, führte uns unsere Vollkaskogesellschaft direkt an den Abgrund heran und die Schubser stehen längst bereit!

Die aktuelle Regierung versucht nun und wohl zum letzten Mal mit Billionen Euro an Schulden dieses Elend noch ein paar Jahre zu überdecken, nun wohl nur noch in der Hoffnung, dass sie von einem Krieg oder einer andere globalen Katastrophe von ihrer ureigenen Verantwortung befreit werden.

Wie in Frankreich auch, versucht man es bei uns schon gar nicht mehr, um durch Reformen — die man bereits in den 1970er-Jahren hätte veranlassen müssen — zumindest das eigene Land zu retten.

Die Befürchtungen von uns engagierten Jugendlichen aus den 1970er-Jahren sind alle wahr geworden, keiner kann den Klimawandel, die Verdummung oder die absolute Verantwortungslosigkeit in unserer Gesellschaft mehr leugnen! Sehenden Auges und mit einem „Sieg Heil“ auf den Lippen werden wir uns demnächst wie die Lemminge zusammen in den Abgrund stürzen.

Die üblichen Verdächtigen werden dabei wieder sehr weich landen, der Rest wird aus dem Staunen nicht mehr herauskommen.

Nachtrag 26.10.2025

Wer von meinen Lesern glaubt, ich sei zu derb, zu grob und dabei noch völlig ungerecht, dem empfehle ich den folgenden Link zum Betonflüsterer. Merke: es geht immer noch besser und deutlicher!

„Das 19. Jahrhundert, in welchem der Westen den Zenit seiner globalen Dominanz erreichte, es kehrt als Weltbild zurück. Wo diese Welt aber nicht mehr existiert, wird aus dem Weltbild ein Wahnbild.“

Daniel MArwecki, Die Welt nach dem Westen (2025: 254)

Blitz

Zu Ende gedacht 5 (4)

Beitragsfoto: Glühbirne | Blitz | © Bild von PIRO auf Pixabay

Noch vor Jahren führte ich heftige Diskussionen mit Ewiggestrigen, wobei diese zu meinem großen Erstaunen selbst des öfteren über eine eigene Zuzugsgeschichte verfügten.

Am besten verliefen solche Diskussionen, wenn ich ihnen plötzlich völlig recht gab und wir gemeinsam die „Straßenbild“-Diskussion zu Ende dachten.

Also erst einmal die auffälligen Ausländer aus unserem Land entfernen. Dann jene, die keiner profitablen Arbeit nachgehen. Hierbei kamen meinen Ewiggestrigen schon die ersten Bedenken, sobald ich Friseure und sonstige überflüssige Berufe gleich mit einbezog.

Wieder im Boot hatte ich sie aber, wenn es um all jene Migranten ging, die Transferzahlungen beziehen, also auch raus aus unserem Land. Heftig dann die Diskussionen wann ein Sozialhilfeempfänger nicht mehr als Migrant zu zählen ist. Kaum einer wollte auf seine eigene Oma verzichten, die erst im Rentenalter nach Deutschland kam. Spannend auch dabei, dass sich weder Österreicher, Russen, Franzosen, Italiener oder Griechen selbst als Migranten sahen, von den -skis einmal ganz zu schweigen.

Wenn wir dann aber rein hypothetisch alle unproduktiven Menschen mit Zuzugsgeschichte entfernt hatten, war es schon richtig einsam um uns herum.

Richtig heftig wurde es aber dann, wenn ich die Frage stellte, warum wir bereits jetzt mit dem Aussieben aufhören sollen, denn es gab weiterhin doch noch viel zu viel unproduktive Mitbürger im Land.

Die Betroffenheit dann groß, wenn wir nicht nur die Kranken und Bescheuerten insgesamt in Frage stellten, sondern auch jene, die nicht wirklich in ein Land Goethes und Schillers passen.

Völlig kleinlaut dann alle, wenn ich zum Schluss die kaiserliche Frage stellte: „Wo haben Sie denn gedient?”

Heilbronn wäre letztendlich eine Kleinstadt geworden, eher aber ein Dorf.

Einig waren wir uns aber allesamt bis zum Schluss, dass es immer die anderen sind, die „die Schuld“ auf sich nehmen müssen. Ein christliches Menschenbild konnte ich dabei nie finden.


Oper

14.10.02025 4.4 (7)

Beitragsfoto: Oper

Tokio

Ich wollte schon immer einfach nur so in Tokio sein. Spätestens seit „Erleuchtung garantiert“ (1999) war die Stadt auf meiner imaginären Bucket-List. „Lost in Translation“ (2003) erinnerte mich wieder daran.

Der „Atlas Obscura Guide To Tokyo“ führt inzwischen 226 Dinge auf, die man in dieser Stadt einmal machen sollte. Was machen wir Menschen nur, wenn wir keine Träume mehr haben?

Vermischtes

Kaum lästere ich etwas über jene, die unbedingt die Wehrpflicht — egal, was es dann letztendlich auch sein mag — zurückhaben wollen, beeilt sich die CSU hier so richtig bei den völlig Ahnungslosen zu punkten. Wenn es mit der AfD nichts wird (hoffentlich!), dann hat Deutschland immer noch die CSU.

Wer Oper nicht mag, dennoch gerne etwas Ablenkung hätte, dem empfehle ich den Film „Finch“ (2021) mit Tom Hanks als Finch Weinberg. Die Regie führte Miguel Sapochnik. Garantiert 115 Minuten gute Unterhaltung!

So ganz nebenbei konnte ich meine Grippeschutz- und COVID-Impfung abholen. Dieses Mal habe ich keine Beschwerden.

Und nur mal so ein Zitat von Karin Schmidt-Friderichs in der Hessenschau.

„Aktuell kann nicht einmal jedes vierte Kind nach der Grundschule sinnerfassend lesen und jeder fünfte Erwachsene liest auf dem Niveau eines zehnjährigen Kindes. Wie kann man ohne diese grundlegende Kompetenz beurteilen, ob eine KI halluziniert bzw. manipuliert oder nicht. Wir brauchen dringend eine Lösung für den dramatischen Bildungsnotstand in Deutschland.“

Hessenschau zur Buchmesse in Frankfurt (14.10.2025,15:11 Uhr)

Ich schreibe mir diesbezüglich hier im Blog seit Jahren die Finger wund! Jetzt beginnen sogar die Experten zu meckern — wird auch nichts helfen!

Jason Kottke machte mich darauf aufmerksam, dass der Rapper 50 Cent aufgrund der Inflation sich bereits 109 Cent nennen müsste.

Rigoletto

Heute Morgen beim inzwischen traditionellen Nicht-Käffchen mit Detlef Stern erwähnte ich, dass ich abends in der Oper sei. Ich konnte die Frage in welcher Oper dabei nicht beantworten. Nach meiner Vorlesung guckte ich nach und konnte ab da das „La donna è mobile“ nicht mehr aus dem Kopf bekommen — das hätte mir sicherlich die gesamte Vorlesung geschmissen.

Abends sind wir dann nach Stuttgart gepilgert, haben uns die Pläne für das neue temporäre Opernhaus angeschaut und losging es.

Den meisten dürfte diese Oper von Giuseppe Verdi geläufig sein, schon alleine wegen gleich zwei Fernsehwerbungen vor etlichen Jahren. Die Oper basiert auf dem Theaterstück „Le Roi s’amuse“ (1832) von Victor Hugo, das man heute nicht mehr zu kennen braucht. Das Libretto schrieb Francesco Marie Piave, nur der Vollständigkeit halber; ein paar Zensoren dürften ebenfalls mitgeschrieben haben.

Das Theaterstück, welches erstmals nach der niedergeschlagenen Julirevolution aufgeführt wurde, war dann für gut 50 Jahre verboten. Giuseppe Verdis Opernfassung feierte 1851 eine umjubelte Premiere.

Die Geschichte ist schnell erzählt und weicht von der allgemeinen Darstellung ab. Rigoletto ein Möchtegernrevoluzzer, der sich vor dem Tyrannenmord scheut, hat eine Idee: er motiviert zu und unterstützt den Tyrannen in Tyrannendingen; da das Stück in Frankreich und die Oper in Italien spielt, hat dies etwas mit Sex zu tun. Sein Ziel ist es, damit die Bevölkerung gegen den Tyrannen aufzubringen.

Was ihm dabei gelingt, ist es, sich mit sämtlichen Speichelleckern des Tyrannen zu versauen. Diese zahlen es ihm heim, was dazu führt, dass er den Tyrannen nun ermorden lassen möchte. Der gedungene Mörder tötet aber Rigolettos Tochter, die sich für den Tyrannen opfert.

Das Fazit, der Tyrann ist der Gute, der Revoluzzer der Schlechte und die Frauen im Stück sind alle bescheuert. Das alles sieht man im Programmheft der Stuttgarter Oper selbstverständlich etwas anders; wobei ich die Programmhefte der Oper für sehr gelungen halte! Sie geben solchen verstaubten Schinken wie dieser Oper einen deutlichen Mehrwert.

Wenn die Musik Verdis nicht wäre, würde sich wohl kaum noch jemand für diese Oper interessieren, was auch der Grund ist, warum ich nach Stuttgart pilgerte. Und so nebenher interessierte ich mich auch dafür, was Jossi Wieler und Sergio Morabito aus der Oper gemacht haben, denn Stuttgart steht dafür, dass man auch alte Opern noch zum Anschauen fit machen kann.

Von der Drehbühne wurde groß Gebrauch gemacht, für meinen Geschmack etwas zu viel. Die Grautöne der Kulisse überzeugend. Die wenigen Farbspiele passend. Das Graffiti ein kleines Highlight, man muss die Zuschauer aber nicht allzu sehr unterschätzen: ein „Viva Wagner“ hätte sicherlich den einen oder anderen zum Schmunzeln verführt — was doch der eigentliche Sinn dieser Kleinkunstform ist.

Mir unverständlich die Dartscheibe, auch, warum zwei vom Ensemble anders gekleidet waren. Hier habe ich bedauert, nicht die Erklärung des Stücks vorab besucht zu haben.

Offiziell wurden sowohl das Theaterstück als auch die Oper wegen vermeintlich zu vielen „Ausschweifungen“ gerügt, verboten oder zensiert. Vielleicht deshalb versuchten Jossi Wieler und Sergio Morabito die „Ausschweifungen“ in der Oper etwas herauszuheben — meines Erachtens ein völlig misslungener Versuch, aber nicht weil ich etwas gegen Ausschweifungen hätte: gut gemeint ist nicht immer auch gut gemacht.

Zu den Sängern: mein Favorit des Abends war eindeutig Alma Ruoqi Sun als Gilda — was für eine Stimme! Und dies ohne den sonst üblichen Ressonanzkörper. Gleich danach Atalla Ayan als Herzog von Mantua, sein „La donna è mobile“ hat mir den Abend so richtig versüßt.

Fun Fact

Diese Inszenierung hatte bereits 2015 Premiere. Die Stuttgarter machen es mit den Opern wie ich mit meiner Petersilie.

La donna è mobile
qual piuma al vento,
muta d’accento e di pensiero.
Sempre un amabile,
leggiadro viso,
in pianto o in riso, è menzognero.

La donna è mobile
qual piuma al vento,
muta d’accento e di pensier.

e di pensier

È sempre misero
Chi a lei s’affida,
chi le confida, mal cauto il core!
Pur mai non sentesi
Felice appieno
Chi su quel seno non liba amore!

La donna è mobile
qual piuma al vento,
muta d’accento e di pensier.

e di pensier.

Francesco Marie Piave (1851)