Buch

Sags mit Ringelnatz 5 (3)

Beitragsfoto: Buch | © Pixabay

Joachim Ringelnatz wird wohl auch heute noch sehr vielen bekannt sein, obwohl er hauptsächlich zu Zeiten der Weimarer Republik wirkte, und sein Schaffen, sowie auch sein Leben schnell mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten eine jähes Ende fanden.

Nachdem ich heute von Thomas Michl auf Twitter gefragt wurde, ob ich mich nicht an einem „Literaturschneeball“ beteiligen möchte, und dabei auch gleich aufgefordert wurde, ein Buchcover zu zeigen, aber kein Kommentar abzugeben, und zu allem Übel sogar noch sieben weitere Opfer (Nominierte) zu benennen, habe ich das erst einmal ignoriert. Dann fiel mir aber das Büchlein „Sämtliche Gedichte“ von Ringelnatz auf, welches zufällig neben meinem Rechner liegt und in dem ich seit ein paar Tagen immer wieder blättre.

Und als ich einen weiteren Blick dort hineinwarf, stieß ich auf das folgende Gedicht:

Avant-Propos
Ich kann mein Buch doch nennen, wie ich will
Und orthographisch nach Belieben schreiben!
Wer mich nicht lesen mag, der laß es bleiben.
Ich darf den Sau, das Klops, das Krokodil
Und jeden anderen Gegenstand bedichten,
Darf ich doch ungestört daheim
Auch mein Bedürfnis, wie mir’s paßt, verrichten.
Was könnt mich zu Geist und reinem Reim,
Was zu Geschmack und zu Humor verpflichten? —
Bescheidenheit? — captatio — oho!
Und wer mich haßt, — — sie mögen mich nur hassen!
Ich darf mich gründlich an den Hintern fassen
Sowie an den avant-propos.

Joachim Ringelnatz

Damit war „mein“ Buchcover gefunden, und, dass ich dies so ganz unkommentiert einstelle, wird Thomas wohl auch nicht wirklich von mir erwartet haben; dafür erspare ich mir aber die Opferschau.

Auch passt dies Büchlein, dessen Lektüre ich jedem ans Herz lege, nicht nur zum obigen „Literaturschneeball“, sondern auch ganz gut in die heutige Zeit, wo der Duden politisch wird, die Nationalsozialisten wieder einmal von der Machtergreifung träumen, und alle automatisch gehasst werden, sobald sie nicht dem Mainstream entsprechen wollen — also der Boden für alles Totalitäre erneut wohlbereitet scheint.

Joachim Ringelnatz war nicht nur ein exzellenter Schriftsteller, sondern mehr noch, ein gefragter Kabarettist und zu alledem auch noch ein ausgezeichneter Maler, der seine Texte gerne selber illustrierte.

Und selbst über meine Gasrechnung, die ich gerade erhalten habe, hat Ringelnatz etwas zu sagen — und trifft dabei erneut ins Schwarze.

Sein Gedicht Bumerang stelle ich noch an den Schluss dieses Beitrages.

War einmal ein Bumerang;
War ein weniges zu lang.
Bumerang flog ein Stück,
Aber kam nicht mehr zurück.
Publikum — noch stundenlang —
Wartete auf Bumerang.

Joachim Ringelnatz

„Der Fußballwahn ist eine Krankheit, aber selten, Gott sei Dank.“

Joachim Ringelnatz, Fussball (nebst Abart und Ausartung) (1997: 98ff)

Duden-Website

Ein Abgesang 5 (1)

Foto: Duden-Website-Ausschnitt | © Duden

Kennen Sie noch den Duden, ich meine damit das eine verlässliche Werk zur Verbesserung der deutschen Sprache, welches in jedem vernünftigen Haushalt zumindest einmal vorhanden war?

Konrad Duden schuf 1872 das heute nach ihm benannte Rechtschreibwörterbuch und beeinflusste damit maßgeblich die Entwicklung einer einheitlichen Rechtschreibung im deutschen Sprachraum.

Da ich meine eigene Schulzeit mit einer vermeintlichen Lese- und Schreibschwäche begann, wobei ich davon überzeugt bin, dass es nur den damaligen sprachlichen Umerziehungsbemühungen junger Lehrer aus dem norddeutschen Sprachraum geschuldet war, die uns mit Brachialgewalt das Westfränkische — unsere eigentliche Muttersprache — austrieben, gaben mir meine Eltern bereits sehr früh einen Duden zur Hand. Mehr Erfolg hatten sie dann, als sie einen Lesezirkel für uns Kinder organisierten.

Auf jeden Fall war meine Neugierde geweckt und ich suchte in den Bücheregalen stets nach dem ältesten dort vorhandenen Duden, wobei ich ganz nebenbei auch die Sütterlinschrift kennenlernte.

Zu Anfang meiner Berufszeit, welche noch in der Bonner Republik begann, war der Duden „Gesetz“ in allen Bundesbehörden, und die Dudenredaktion lies es sich auch nicht nehmen, die deutsche Sprache mit einer eigenen „Hotline“ zu fördern. Gerne erinnere ich mich diesbezüglich an die Telefonate mit ehrenamtlich tätigen Sprachwissenschaftlern zurück, die auch die feinste Sprachnuance, und in meinem Falle meist eine korrekte Kommasetzung, erklärten.

Gerne erinnere ich mich auch an die sehr strittigen Diskussionen mit meiner Schwester zurück, die zu dieser Zeit Germanistik studierte, und mir erklärte, dass sich Sprache beständig ändert und nicht zementiert werden könne; dies ließ sich auch in den Duden verschiedener Ausgaben nachweisen.

Wohl dank der umfänglichen sprachlichen Umerziehungsversuche an den deutschen Schulen, und der politischen Erkenntnis, dass eine Überqualifikation der Bürger nicht nur für die Industrie von Nachteil ist, kam es seit den 1970er-Jahren zu einer zunehmenden sprachlichen Verarmung in unseren Ländern, wobei auch der Dativ und der Genitiv dem nunmehr Beliebigen zum Opfer fielen.

Mit der 1996 durch die Berliner Republik vollzogenen und seither beständig korrigierten Rechtschreibreform glitt die deutsche Sprache vollends ins Unverbindliche, wobei sich die Politik dabei nur von der Idee der Vereinfachung leiten lies, um der sprachlichen auch eine geistige Armut folgen zu lassen, denn „nur die dümmsten Kälber wählen ihre Schlächter selber.“

Wer nun aber glaubte, dass man diese rein politisch motivierten Eingriffe in unsere Sprache, welche übrigens das „Betriebssystem“ unserer Gesellschaft ist, nicht mehr steigern könne, hat seinen George Orwell nicht gelesen, der bereits 1949 vor dem Neusprech warnte.

Dieser Neusprech wird seit ein paar Jahren von den größeren politischen Parteien unisono gefordert und gefördert und wurde nunmehr auch vom Duden nachvollzogen, wobei dieser nicht nur die Sprachwissenschaft verlässt, sondern auch den emsigsten Parteiideologen vorauseilt.

Aus einem von Konrad Duden entwickelten Werk zur Stärkung und Mündigmachung unsere Gesellschaft wurde nun ein ideologisches Hilfsmittel zur Schaffung einer neuen Welt — die deutsche Sprache wird dies sicherlich überleben, der Duden aber wurde damit völlig überflüssig.

„Wer ist überhaupt dieser Herr Konrad Duden? Irgendein Sesselfurzer!“

Hans Magnus Enzensberger, So überflüssig wie ein Kropf (14.10.1996)