Mauerblümchen

23.5.02025 5 (6)

Beitragsfoto: Mauerblümchen

Trumpismus

Jetzt sind wir wieder einmal alle so richtig geschockt darüber, was Donald Trump und seine US-Republikaner so alles in den USA anstellen, aktuell entziehen sie ihren politischen Gegnern und auch nur jenen Menschen, die noch frei denken und agieren möchten nicht nur sämtliche Zuwendungen (Transferzahlungen), sondern regeln deren Leben einfach so ab, wie z. B. gerade Harvard.

Der Trumpismus ist dabei keine Erfindung eines Donald Trumps, auch das hat er nur geklaut und zwar von uns Deutschen — vielleicht hat er es aber auch nur geerbt. Was noch viel schlimmer wäre, weil es für uns Deutsche dann gar keine Hoffnung mehr gäbe, wenn dieses Verhalten bereits schon in unseren Genen verankert ist.

Was ein Donald Trump in den USA mit Pomp und Gloria inszeniert, ist bei uns in Deutschland gängige Lokalpolitik. Einzig die Tatsache, dass die „Kleinstaaterei“ bei uns dafür sorgt, dass sich die unzähligen Trumps bis hinauf zur Bundespolitik meist selber im Weg stehen und regulieren sowie sich gegenseitig überhaupt nichts gönnen (Markus Söder) kann uns ein klein wenig beruhigen. Und zum guten Schluss sorgt unser Grundgesetz (noch) dafür, dass selbst ein Donald Trump in seine Schranken gewiesen würde — das mit dem US-Präsidentenamt ist doch nicht der Weisheit letzter Schluss, und wir sollten unseren Vätern des Grundgesetzes wieder einmal für deren Weitsicht dankbar sein.

Wenn Sie mir dies nicht glauben, dann versuchen Sie z. B. nur einmal in Heilbronn einen Verein zu führen, der keinem Gemeinderat nutzt oder dem OB nicht gefällt. Selbst ein Donald Trump könnte von uns Heilbronnern noch viel lernen!

Vermischtes

Ein nettes Gespräch mit der GEMA am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen, auf alle Fälle habe ich nun aber einen kleinen Aufschub für die Gebührenzahlung erhalten. Zu meinem Glück fehlen jetzt noch die Abrechnungen mit der Stadt und wir könnten einen Strich unter den diesjährigen Europa-Ball machen; wahrscheinlich sind sich die dort Verantwortlichen noch nicht darüber einig, wie sie die nicht gelieferten Flaggen berechnen sollen.

Drollig auch, wie sich jetzt längst tot geglaubte Heilbronner Vereine wieder bei mir melden und Ansprüche zur Teilnahme beim kommenden Europa-Ball geltend machen wollen. Da ich inzwischen aber an einer ganz anderen Baustelle arbeite, nehme ich solche Ansprüche nur ganz am Rande wahr und denke mir meinen Teil. Manche dieser Typen konnten mir bereits vor gut zwei Jahrzehnten den Buckel herunterrutschen und machen es nun mit ihrem aktuellen Geschleime auch nicht viel besser. Wobei Schleimen, Schmieren und Salben in meiner Heimatstadt schon vor gut vier Jahrzehnten das Erfolgsrezept überhaupt war. Ich hatte diesbezüglich vor ein paar Jahren ein sehr spannendes Gespräch mit Anton Zovko — m. E. hat man das falsche Schweinderl (Robert Lembke) geschlachtet.

Heute ist der offizielle Einsendeschluss für das diesjährige Hut in den Ring Werfen für die Hertensteiner Gespräche. Die üblichen Verdächtigen sind wieder mit dabei, der Rest möchte wohl gebeten werden. Und so wird nun das Programm zusammengestellt und wir gucken dann später, ob ggf. noch das eine oder andere Plätzchen frei sein wird.

Was viel zu viele einfach nicht wahrhaben möchten, ist, dass es die Qualität ist, die zählt und nicht die Masse der Teilnehmer. Und so bin ich ganz persönlich selbst dann mit den kommenden Gesprächen zufrieden, wenn auch nur ein Dutzend Gesprächsteilnehmer kämen. Dann aber denke ich wieder an den getätigten Aufwand und finde es ziemlich schade, wenn potenzielle Interessierte diese einmalige Chance zu einem sehr guten und für alle Seiten fruchtbaren Gedankenaustausch verstreichen lassen.

Die Mitgliederversammlung des Fördervereins hat einen neuen Vorstand gewählt, und Rüdi Peteroff, dessen Rundschreiben ich gerne gelesen habe, gibt die Klosterleitung in Bad Wimpfen ab. Auch Vereine leben und ändern sich. Was auch mich immer wieder daran erinnert, auf wie vielen Hochzeiten man als interessierter Mensch so alles tanzt. Und so bin ich immer wieder erfreut darüber und sogar ein wenig stolz darauf, dass es doch etliche Mitbürger gibt, die der EUROPA-UNION bis zum eigenen Ableben die Treue halten — in diesen Zeiten eindeutig keine Selbstverständlichkeit mehr!

Auch der Europäische Wettbewerb plätschert wieder so vor sich hin, wobei ich dieses Jahr eher am Rande davon mitbekomme. Diesbezüglich werde ich wohl heute noch einen Artikel auf die Vereinsseite stellen.

Und auch bei der kontinuierlichen und obligatorischen Vereinsarbeit sind es immer wieder die üblichen Verdächtigen, die diese stemmen, dabei meist ganz still und leise. Auch wenn ich Euch nicht immer lobe und betüttele, weiß ich doch ganz genau, wie wertvoll Eure Arbeit für unsere Gesellschaft ist! Und auch dieses Sprichwort dürfte allgemein bekannt sein: „Nicht geschimpft ist genug gelobt.“ — zumindest die Gedienten unter uns verstehen, was ich damit meine.

Chagos-Inseln

Wahrscheinlich nur ein Thema für die Dauerurlauber unter uns. Den Militärs sind diese Inseln eher wegen Diego Garcia bekannt und damit ein Ort, der weniger für Urlaube geeignet ist.

Nach mehr als 200 Jahren übergibt Großbritannien nun die Chagos-Inseln an Mauritus. Premierminister Keir Starmer unterzeichnete ein allgemein umstrittenes Abkommen, durch das Mauritius die Kontrolle über den Archipel im Indischen Ozean übernimmt, allerdings mit Ausnahme der Insel Diego Garcia, welche für 120 Millionen Euro jährlich für weitere 99 Jahre unter britischer Kontrolle bleiben soll. Was mich irgendwie an Hongkong erinnert.

Auch wenn Diego Garcia nun vorerst unter britischer Kontrolle bleibt, sind es die USA, die dort einen über den Indischen Ozean hinaus bedeutenden Militärstützpunkt unterhalten.

Rückgaben von ehemaligen Kolonialgebieten sind sicherlich immer zu begrüßen, aber es wäre ein weiterer Rückschlag für die freie Welt, wenn demnächst auch dieser Teil der Erde unter chinesischen Einfluss käme. Nicht nur dass viele Mauritier stolz auf ihre chinesische Herkunft sind, sondern es bemüht sich die Volksrepublik China schon etwas länger um diese Inselgruppe.

Und den Briten geht es inzwischen so schlecht, dass sie selbst Guernsey und Jersey verkaufen würden. Nur mal so zum Thema Brexit.

„Befreit von Belästigung widmet sich der Geist ungehindert der Schau des Universums, und nichts lenkt ihn von der Betrachtung der Natur ab.“

Seneca, 14. Buch, 92. Brief (2023: 851)

Blogger

8.11.02024 5 (5)

Beitragsfoto: Blogger | © Shutterstock

Pogrome

Leider sind Pogrome — man denke nur an morgen — nicht nur geschichtliche Realität, sondern auch heute noch Alltag. Minderheiten werden weiterhin regelmäßig z. B. in Indien oder China massakriert, was rein statistisch betrachtet dort kaum eine Rolle spielen dürfte. In Russland hingegen gehören Pogrome sogar zur Landeskultur und finden kaum Beachtung, ähnlich wie das Schuhplattlern in Bayern.

Und ein Donald Trump bereitet inzwischen seine Landsleute auf Massendeportationen vor, die sehr schnell zu Pogromen führen können, wie wir es bereits am 5. Januar 2021 miterleben durften. In Europa hingegen, wo noch zum Ausgang des 20. Jahrhunderts Pogrome stattfanden, bevor überhaupt die letzten Pogrome unter und auch in Folge der Nazi-Herrschaft aufgearbeitet waren, wird es erneut sehr gefährlich werden.

Wirklich schlimm dabei ist es, egal wie schlecht es uns Europäern auch gehen mag, all das ist kein Vergleich zu einem Europäer mit jüdischem Glauben. Noch schlimmer, wohin könnten diese armen Menschen überhaupt noch migrieren? — selbst in den USA laufen sie nun Gefahr gelyncht zu werden. Während die Russen bereits 2022 wieder damit begonnen haben „jüdische Nazis“ ganz offiziell abzuschlachten, dabei wirklich keine Kosten und Mühen scheuen und wie Adolf Hitler bereits zuvor, dazu liebend gerne in andere Staaten einfallen.

Derweil halten wir Deutschen uns zurück, denn alles unter vier Millionen Opfer ist für uns keine richtige Herausforderung.

China

Damit meine ich die Diktatur, nicht die Insel Taiwan, die bis heute eine Demokratie ist. Wie lange sich das demokratische China noch halten kann, ist nun fraglicher denn je zuvor. Am Beispiel von Hongkong sieht man ganz gut, dass man Verträgen und Zusagen von Festlandschinesen nicht trauen kann und darf.

Aktuell habe ich einige neuere Bücher über China zumindest angelesen und bin dabei auf Lea Sahay gestoßen, eine Journalistin aus Deutschland, die sich seit ihrem 16. Lebensjahr mit den Chinesen privat und inzwischen auch beruflich auseinandersetzt. „Das Ende des chinesischen Traums – Leben in Xi Jinpings neuem China“ scheint nicht die übliche chinesische Propaganda zu sein, welche von bezahlten Lohnschreibern aktuell auf den Büchermarkt strömt. Auf jeden Fall ist es das einzige von mir jüngst gelesene Buch, welches auf die Charta 08 eingeht und damit auf einen weiterhin bestehenden chinesischen Widerstand in China selbst hinweist. Die von mir in Heilbronn befragten Chinesen aus China kannten diese Charta nicht, zumindest gaben sie das vor — und auch deutsche Journalisten wie ein Stefan Baron kennen diese Charta nicht, und dies obwohl er über die Chinesen ein eigenes Psychogramm erstellte.

Daft

Vor Kurzem bin ich (wieder einmal) aus den sogenannten sozialen Medien ausgestiegen und habe im Gegensatz zu Robert Habeck weiterhin die Absicht‚ den Schreihälsen und Populisten dieses Feld zu überlassen — ich möchte auch nicht Bundeskanzler werden. Wobei es schon erstaunen sollte, dass bei uns ganz offensichtlich ein X- oder Facebook-Konto genügt, um bei unseren Parteien als Kandidat in Frage zu kommen.

Alleine wegen den Youtube-Videos, die ich immer wieder gerne hier im Blog verlinke, habe ich meinen Youtube-Account weiterhin und dies bereits seit 2011, davor betrieb ich eine eigene wenig erfolgreiche Video-Website. Bei Youtube habe ich allerdings die „Community“-Funktion auf meinem Kanal nicht freigeschaltet, sodass es eigentlich auch kein „Social Media“ ist; dennoch fanden sich bis heute 20 Abonnenten. Um das Ganze aber sofort wieder in die richtigen Relationen zu rücken, ein Mr. Beast (seit 2012 aktiv) hat aktuell als erfolgreichster Youtuber 328 Millionen Abonnenten.

Seit es nun das antisoziale soziale Netzwerk Daft gibt, nutze ich dieses ebenfalls und habe die letzten fünf meiner Beiträge sogar auf mein Blog via RSS eingebunden. Spannender Weise hat Daft so seine eigenen Herausforderungen mit RSS oder mein RSS-Reader mit Daft — was für den einen oder anderen Informatik-Studenten bestimmt eine kleine Untersuchung wert sein könnte.

Und so nutze ich mit Daft dann doch noch Social Media, nämlich das „Anti-Social Social Network for Minimalists“. Dieses kann man allerdings ebenfalls nur lesen, darauf antworten müsste man wiederum hier über mein Blog.

Und wer heute noch dort nachguckt, der findet dort meinen Gedichtvorschlag zum Tage, einschließlich einer spannenden Rezension — und irgendwie passt Philip Larkin zum heutigen Blog-Thema.

„Eine Willensänderung zeigt an, dass der Geist sich treiben lässt, dass er bald hier, bald dort erscheint, wie gerade der Wind weht.“

Seneca, 4. Buch, 35. Brief (2023: 237)

Wutbürger

Wutbürger 4.8 (4)

Beitragsfoto: Weiblicher Aktivist | © Shutterstock

Manche meinen, dass ein Wutbürger das reine Gegenstück zum Mutbürger sei, den man gerade in schwierigen Zeiten immer wieder finden kann und welcher sich trotz oder gerade wegen der vorherrschenden Unterdrückungssituation vor Ort zu Wort meldet und seine ureigenen Bürgerrechte einfordert.

Als sehr gute Beispiele können derzeit die Mutbürger aus China — und hier ganz besonders Hongkong — oder der Russischen Föderation angeführt werden, die wegen ihrer Aktionen vom Staat ermordet, zumindest aber weggesperrt, vergewaltigt oder gefoltert werden.

Wutbürger hingegen findet man eher in unseren offenen Gesellschaften, wo diese ihre gefühlte oder tatsächliche Empörung lauthals an allen denkbar möglichen Orten kundtun dürfen und auch immer öfters von diesem Recht Gebrauch machen.

Der Fehler dabei ist, diese Wutbürger als Gegenstück zum Mutbürger anzusehen, denn das Gegenstück zum Mutbürger ist tatsächlich der „Egal-Bürger“, gerade jenem Bürger, dem alles egal ist, so lange er nur irgendwie seine Grundbedürfnisse gedeckt bekommt (Primärprozessler) oder möglichst ungestört seine eigenen Gewinne maximieren kann (Krisengewinnler); genau so wie Gleichgültigkeit, nicht Hass, das Gegenteil von Liebe ist.

Was macht also den Wutbürger aus?

Ein Wutbürger ist ein Bürger, dem erstens „sein Staat“ nicht egal ist und der zweitens mit der derzeitigen Situation im Land ganz und gar nicht zufrieden ist. Und dazu kommt drittens die Ohnmacht, dass er nicht mehr glaubt, auf den bisher eingeschlagenen und teilweise auch sehr ausgetretenen demokratischen Wegen eine Veränderung erreichen zu können.

Wirklich schlimm dabei ist, dass die gesamtgesellschaftlichen Probleme in unserem Land inzwischen so groß, vielfältig und umfangreich geworden sind, dass die Bürgerschaft insgesamt kaum noch daran glaubt, eine Änderung zum Positiven bewirken zu können – die weiterhin fallenden Zahlen der Wahlbeteiligung dürfen als Indiz dafür gesehen werden.

Noch schlimmer ist, dass sich die „stille Mehrheit“ der Bürgerschaft als „Egal-Bürger“ gebären und weiterhin am Irrglauben festhalten, dass es zumindest für sie selber noch reichen wird. Die sinkenden Mitgliederzahlen bei allen politischen Parteien und die gebetsmühlenhaft vorgetragenen Zusicherungen, dass die Renten sicher seien, sind zwei Indizien dafür.

Am schlimmsten aber ist, dass obwohl inzwischen Parlamente und Verwaltungen aus allen Nähten platzen und immer weitere staatliche, halbstaatliche und staatsabhängige Institutionen geschaffen werden, die ein „gesundes“ prozentuales Verhältnis zwischen Staatsapparat und Bürgerschaft immer weiter zum Schlechten kehren — was letztendlich zum einen alle Bürger entmündigt und zum anderen auch unbezahlbar ist –, bestehende und kommende gesamtgesellschaftliche Probleme weder adressiert noch nach gangbaren Lösungsmöglichkeiten gesucht wird.

Genau diese fehlende Zukunftsfähigkeit und der scheinbare Unwillen der derzeit handelnden Personen, auch nur über Lösungen nachzudenken — was übrigens Regierungspolitiker immer wieder gerne kolportieren („Lösungen für bekannte Probleme werden erst dann gesucht, wenn es dezidiert und über Wochen hinweg von der Bildzeitung gefordert wird.“), bringen interessierte Bürger zur Verzweiflung. Auch wenn ich selbst davon überzeugt bin, dass es kein Unwillen, sondern nur blanke Unfähigkeit der verantwortlichen Personen ist, ändert es nichts an den Auswirkungen.

Und selbst wenn ein Bürger versucht, Änderungen durch einen „Marsch durch die Instanzen“ — besser: „durch die Parteien“ zu bewirken, muss er schnell feststellen, dass er alleine keine Chance hat, um überhaupt nur sein Wissen und seine Expertise dort einbringen zu können, denn dies ist prinzipiell überhaupt nicht gefragt, noch für Parteien in irgendeiner Form relevant; sie beschäftigen sich inzwischen alleine mit sich selbst und den von ihnen geschaffenen Regularien und Traditionen — eine Welt für sich, die jeglichen Bezug zur Realität verloren hat.

Für die zweite Alternative, einen „Marsch durch die Verwaltungen und Apparate“, kommen meist die Absicht und der Versuch zu spät, um selbst noch etwas bewirken zu können, denn die Bürokratie rekrutiert sich seit Langem selbst. Und spätestens wenn man deren beiden Credos „eine Verwaltung kann nie groß genug sein, und der Bürger ist für die Verwaltung da“ in Zweifel zieht, ist man dort eine Persona non grata.

Die dritte Alternative, nämlich eine eigene Partei oder gar Bewegung zu gründen, ist nicht nur sehr, sehr langwierig und mühsam, sondern wird von allen Seiten her zumindest mit Misstrauen goutiert. Und auch hier gilt, wenn man diesen Weg beschreitet, dann bereits in sehr jungen Jahren und einer hohen eigenen Opferbereitschaft.

So bleibt meist nur die vierte Alternative, die Besetzung des öffentlichen Raums (virtuell und tatsächlich), wobei dieser in offenen Gesellschaften richtiger Weise auch für alle da ist und deshalb eine Besetzung desselben schwieriger als vermutet ist.

Diese Besetzung des öffentlichen Raumes ist es nun, die sich viele Wutbürger zur Aufgabe gemacht haben. Und mit ausreichend Verve, Kraft und Ausdauer werden sie in einer offenen Gesellschaft damit auch wirksam werden und Änderungen herbeiführen können.

Allerdings muss jedem Wutbürger dabei klar sein, dass dieser Weg mindestens genau so schwierig und steinig ist wie die anderen Alternativen auch. Da der öffentliche Raum im Gegensatz zu etablierten Parteien und Institutionen keine eigenen Regeln hat, müssen diese zumindest rudimentär geschaffen werden, um letztendlich eine öffentliche Meinung generieren und auch weitertragen zu können. Erschwerend kommt hinzu, dass man diesen öffentlichen Raum mit allen anderen Geschöpfen, ob Aluminiumhutträger oder Götterdämmerungsverkünder, teilt und die auch hier unter Menschen zwingend notwendigen Gespräche, Diskussionen, Abstimmungs- und Dokumentationsprozesse deshalb wesentlich länger als sonst üblich dauern.

Letztendlich aber ist es aller Mühen wert, weil es vielleicht doch so einige der „Egal-Bürger“ wachrüttelt, aber bestimmt mittel- bis langfristig Parteien und Institutionen zum eigenen Handeln zwingt, um nicht selbst weiter in die Bedeutungslosigkeit zu fallen.

Und genau dieser Mut zum innergesellschaftlichen Konflikt ist es, welcher meines Erachtens den Wutbürger auszeichnet, und im Falle, dass die meisten der Wutbürger Freiheit und Demokratie an sich wertschätzen, dazu führen wird, dass sich unsere Gesellschaft wieder in Bewegung setzt und derzeitige als auch künftige Probleme anerkennt und gemeinsam nach gangbaren Lösungsmöglichkeiten sucht.

Wunderbar wäre es, wenn wir dies allesamt auf dem Boden unserer bestehenden freiheitlich demokratischen Grundordnung durchleben könnten, denn dies erspart uns allen die existenzielle Frage, ob wir, wenn es dann darauf ankommt, auch Mutbürger wären!

Seit den 2. Hertensteiner Gesprächen 2018 versuchen wir uns auch dem „Phänomen“ Wutbürger zu nähern und dabei dessen Herkunft, Sinn und Zweck besser zu ergründen. Mit einer ersten Gesprächsrunde zum Thema „Der Mensch, seine Bedürfnisse und Ängste als Triebfeder und Grenze von Politik“ machten wie den Anfang und führten dieses Thema 2019 weiter fort. Dieses Jahr werden wir uns dem Thema unter dem Titel „Europa als Projekt – was heißt das für die Europäer von heute?“ aus einem weiteren Blickwinkel heraus betrachten.

La politique est la science de la liberté: le gouvernement de l’homme par l’homme, sous quelque nom qu’ il se déguise, est oppression; la plus haute perfection de la société se trouve dans l’union de l’ordre et de l’ anarchie.“

 Pierre Joseph Proudhon, Qu’est-ce que la propriété? (1840: 346)