Europakarte mit Netzwerk

Was ist Europa?! 5 (1)

Beitragsfoto: Europakarte mit Netzwerk |  © TheAndrasBarta auf Pixabay 

Europa ist ein Kommunikations-, Interaktions- und Erlebensraum, welcher zusammen mit ähnlichen solcher Räume die westliche Welt bildet. Europas „Geburtsstunde“ liegt in der Staatsbegründung von Augustinus von Hippo ausgangs der Spätantike und führte die gesamte Menschheit in gut eineinhalb tausend Jahren zu universellen Menschenrechten und die Mitglieder von Europarat und Europäischer Union zusätzlich zur formalen Anerkennung der europäischen Grundrechte. Europa ist somit eine Wertegemeinschaft, die Recht vor Macht setzt und von ihrer ureigenen Wesensart her frei nach Friedrich Hölderlin Fremdes annimmt, umwandelt und sich zu eigen macht.

Aber Europa führte uns auch in die Sackgasse der Nationalstaaten, deren Überwindung wir Europäer spätestens seit 1945 anzustreben vorgeben.

Inzwischen ist die Euphorie, dass Europa „das Ende der Geschichte einleitet“ (Francis Fukuyama) und die Welt zum Paradies auf Erden macht, einer nicht mehr zu leugnenden Ernüchterung gewichen. Andere Kommunikations-, Interaktions- und Erlebensräume (KIER) beginnen nicht nur bevölkerungsmäßig die Welt zu dominieren, sondern scheinen mit ihren eigenen Werten für viele Menschen auch wieder attraktiver zu sein.

Erschwerend kommt hinzu, dass sich aufgrund der heutigen Mobilität KIER verstärkt überschneiden und sich politische Gemeinschaften immer häufiger über mehrere solche KIER erstrecken können; was offensichtlich vermehrt zu Spannungen und auch immer häufiger zu Schlimmeren führt. 

Zudem muss man erkennen, dass sowohl der Europarat als auch die Europäische Union – wahrscheinlich der Euphorie anlässlich der Selbstauflösung des Ostblocks und der falschen Überzeugung, dass Europa sich geographisch definiert geschuldet – auch politische Gemeinschaften aufgenommen hat, in der nichteuropäische KIER eindeutig dominieren. 

Wenn man aber politische Gemeinschaften erhalten möchte, in der verschiedene KIER aufeinandertreffen, kann man zwei unterschiedliche Ansätze wählen. Einen totalitaristischen Ansatz, wie z. B. heutzutage in China, Russland, Türkei, Polen und Ungarn zu beobachten, oder man wählt einen demokratischen Ansatz und findet verbindliche Regeln, Vorschriften und Gesetze für ein gemeinsames Zusammenleben. Vom Grundsatz her gibt die Europäische Union dafür mit ihrer ihr immanenten Europaidee eine gute Blaupause ab, wie auch unterschiedliche KIER miteinander leben könnten, solange sie nur alle mindestens Recht vor Macht stellen. Michael Wolffsohn bietet diesbezüglich in seinem politischen Entwurf (Zum Weltfrieden) einen neuen, erweiterten Föderalismus an, welchen man durchaus diskutieren sollte. 

Im Falle aber, dass einzelne KIER Macht vor Recht und zudem die universellen Menschenrechte generell infrage stellen, – dies gilt explizit auch für Menschengruppen, welche seit Jahrhunderten in den europäischen Gesellschaften verwurzelt sind (z. B. Neonazis) – kommt es auch in unseren aufgeklärten Gesellschaften zu Friktionen; und diese Friktionen sind oftmals schwerwiegender als die von außen hereingetragenen Konflikte.

Für diese Friktionen und Konflikte muss Europa schnellstmöglich Lösungsansätze finden, um zum Einen die eigenen Errungenschaften nicht zu gefährden und in ein Zeitalter der Oligarchien (Ian Mortimer), sprich Ausbeutung und Intoleranz, zu gelangen und zum anderen durch seine Vorbildfunktion – bitte aber durch Taten, nicht nur durch Worte (!) – anderen KIER den Weg zu ebnen, um unsere eine gemeinsame Welt doch noch zur Weltunion zu führen.

Ein solcher Lösungsansatz könnte das Versagen von Transferzahlungen sein. Ein weiterer, die anfallenden Kosten von nicht kompatiblen Bevölkerungsteilen auf diese umzulegen oder aber von ihren Ursprungsländern einzufordern.

Auf jeden Fall aber muss das „Staat-Bürger-Verhältnis“ – die Rechte und Pflichten des Einzelnen – neu bzw. genauer austariert werden, um auch zukünftig weiter Bestand haben zu können. 

Es böte sich zudem an, dass man analog zu den universellen Menschenrechten und den europäischen Grundrechten Mindeststandards festlegt, wie Menschen (Unterkunft & Verpflegung) weltweit wie Unionsbürger oder eigene Staatsbürger versorgt werden müssen. 

Dies trüge auch der Tatsache Rechnung, dass Europa bei all seiner Verantwortung für die heutige Weltlage kaum alleine die gesamten Migrationsbewegungen auffangen oder gar finanzieren kann.

Kraftwerk, Europa Endlos (1977)

„Outside our consciousness there lies the cold and alien world of actual things. Between the two stretches the narrow borderland of the senses. No communication between the two worlds is possible excepting across the narrow strip. For a proper understanding of ourselves and of the world, it is of the highest importance that this borderland should be thoroughly explored.“

Heinrich Hertz, Grußwort in Berlin (August 1891)

Europakarte mit Netzwerk

Yourope – wir alle sind Europa! 5 (3)

Beitragsfoto: Europakarte mit Netzwerk | © TheAndrasBarta auf Pixabay 

Beim diesjährigen Neujahrsempfang der Kreisjugendreferentin des Hohenlohekreises, Frau Yasemin Serttürk, und dem Forum Jugend hielt ich im Hohenloher Integrationszentrum einen Vortrag zum Thema “Yourope”.

Der Neujahrsempfang war dank des Engagements von Frau Yasemin Serttürk rundum eine sehr gelungene Veranstaltung. Gerne gebe ich Interessenten die Gelegenheit, um den Vortrag nochmals nachzulesen.

„Sehr geehrte Damen und Herren, ich freue mich sehr, heute bei Ihnen zu Gast sein und gleich dazu noch einen Vortrag halten zu dürfen.

Das „Forum Jugend“, welches zusammen mit Frau Yasemin Serttürk diesen Neujahrsempfang der Jugendarbeit im Hohenloher Integrationszentrum ausrichtet, hat mir als dem diesjährigen Vortragenden dankbarer Weise nicht nur sehr viel Spielraum eingeräumt, sondern mit dem Stichwort „Yourope“ – einem meines Erachtens äußerst gut gelungenem Wortspiels – auch dafür gesorgt, dass mein Interesse, bei Ihnen den heutigen Vortrag zu halten, sofort geweckt wurde.

Unter diesem Namen war ein Redaktionsteam von ARTE sieben Jahre lang in Europa unterwegs, um den jugendlichen Zuschauern die Vielfalt Europas einmal auf eine etwas andere Art näherzubringen.

Und noch heute gibt es eine Organisation dieses Namens, welche sich zum Ziel gesetzt hat, die unterschiedlichsten Open-Air-Konzerte und Festveranstaltungen für unsere Jugend in ganz Europa zu vernetzen.

Mein Vortragsziel ist es, zusammen mit Ihnen etwas über unser „Yourope“ und den weiteren mir gegebenen Stichworten Jugendliche & Europa, gemeinsame Werte & Solidarität sowie politische Bildung & Demokratie zu reflektieren und Ihnen dabei in den kommenden knapp 20 Minuten ein paar Gedanken mit an die Hand zu geben, die Sie gerne auch im Anschluss mit mir diskutieren können.

Ich würde mich sehr freuen, wenn mein Vortrag und die sich daran anschließende Diskussion Ihnen später noch in Erinnerung bleibt und zu weiterem Nachdenken führt.

Beginnen möchte ich mit einer kurzen Vorstellung meiner Person und der Bürgerbewegung, welche ich vertrete, um zu erklären, warum ich hier und heute zu Ihnen spreche.

Danach möchte ich darüber nachdenken, wo wir heute als Menschen und Bürger Europas stehen. In einem nächsten Schritt klären, was Europa überhaupt ist, um – last but not least – die Frage aufzuwerfen, wo wir als Menschen eigentlich hinwollen.

Warum spreche zu Ihnen?

Als überzeugter und auch bekennender Europäer bin ich seit gut 12 Jahren Vorsitzender des Kreisverbandes Heilbronn der EUROPA-UNION Deutschland und vertrete damit im Stadt- und Landkreis Heilbronn die größte Bürgerbewegung für ein Europa in Vielfalt geeint.

Aufgrund der Tatsache, dass der Kreisvorsitzende der EUROPA-UNION Main-Tauber/ Hohenlohe, Herr Dr. Ulrich Derpa, aus terminlichen Gründen verhindert ist, habe ich ganz im Sinne guter Nachbarschaft, meine Unterstützung angeboten. Sehr gerne richte ich die Grüße von Herrn Derpa, verbunden mit den besten Wünschen für das neue Jahr aus und schließe mich diesen von ganzem Herzen an.

Einige von Ihnen werden sich jetzt fragen, was ist die EUROPA-UNION überhaupt?

Die EUROPA-UNION ist der Zusammenschluss hunderter Orts- und Kreisverbände Europäischer Föderalisten, welche sich als gemeinnützige Vereine mit derzeit gut 17 000 Mitgliedern zusammengeschlossen haben und damit die Union Europäischer Föderalisten in Deutschland vertreten.

Der Name EUROPA-UNION, welcher inzwischen nur noch in Deutschland geführt wird, ist der Entstehungsgeschichte unserer Bewegung geschuldet und hat nichts mit den Unionsparteien zu tun.

Sie haben mit Sicherheit bereits von vielen Europaorganisationen gehört. Zurzeit ist „Pulse of Europe“ in aller Munde. Auch gibt es die „Freunde Europas“, „Laute Europäer“, „Europa-Clubs“ und viele andere Gruppen, die sich Europa auf die Fahnen geschrieben haben. Selbst wir Bürger, für die Europa seit Jahrzehnten ein Steckenpferd ist, haben hierbei schon lange die Übersicht verloren.

Deswegen ist es bestimmt auch für Sie von Interesse, mehr über die Entstehungsgeschichte der größten Bürgerbewegung für Europa zu erfahren. Menschen, die sich für unser Europa einsetzen und auch ein gemeinsames Europa herbeiführen möchten, gibt es nachweislich seit Jahrhunderten. Ich behaupte sogar, von Anbeginn der Menschheitsgeschichte selbst.

Mit Beginn der Erfolgsgeschichte der Vereinigten Staaten von Amerika wurde die Forderung nach einem geeinten Europa immer lauter und nach dem 1. Weltkrieg begannen sich die an einem gemeinsamen Europa interessierten Bürger immer mehr zu organisieren.

So wurde 1922 in Wien die Paneuropa-Union und gleich darauf 1923 in der Schweiz die Europa-Union als deren bürgerlicher Gegenpol gegründet. Beide Verbände wurden 1933 verboten und ihre Mitglieder gingen in die innere Emigration, ins Exil oder in den Untergrund.

Während des Krieges kam es unter der Federführung europäischer Kommunisten zu mehreren Zusammenkünften von Vertretern aller europäischen Widerstandbewegungen in der Schweiz, wobei auch Vertreter der Europäischen Föderalisten von Anfang an beteiligt waren.

Diese Treffen führten 1946 zur Verabschiedung des Hertensteiner Programmes, dem bis heute gültigen Grundsatzdokument aller Europäischen Föderalisten.

Die Europäischen Föderalisten, welche von Anfang an die Weltunion im Blick hatten und dabei einen föderalen europäischen Bundesstaat als fundamental ansehen, stießen auf sehr großes Interesse bei den Bürgern Europas, mussten sich aber von Anfang an mit den Europäern Churchills, die eher einen europäischen Staatenbund anvisierten und den Europäern de Gaulles, welche einen europäischen Zentralstaat oder alternativ ein „Europa der Vaterländer“ anstrebten, auseinandersetzen.

Im Zuge dieser bis heute geführten Auseinandersetzung kam es dann 1948 zu einem Zusammenschluss der meisten Europaverbände unter dem Dachverband der Europäischen Bewegung International. Dem Geschick Churchills ist es dabei geschuldet, dass sich bis heute weder die französischen Zentralisten noch die Anhänger eines föderalen Bundesstaates durchsetzen konnten.

Auf den Punkt gebracht, vor Ihnen steht kein Vertreter eines „Europa-Fan-Clubs“, sondern ein Befürworter eines föderalen Bundesstaates, den zukünftigen Vereinigten Staaten von Europa oder wie auch immer die Europäische Union dann auch heißen mag.

Wo stehen wir heute?

Die meisten von uns gehören nicht der Generation an, die noch in den 50er Jahren Schlagbäume weggetragen hat oder mit wehenden Europafahnen – Spötter nannten sie damals „Churchills Unterhosen“ – gegen die Nationalstaaten und für Europa zu Tausenden auf die Straße gingen.

Wir sind die Generation, die die ersten Früchte eines immer weiter zusammenwachsenden Europas ernten durfte. Schüleraustausche, Partnerstadtaufenthalte oder das Interrail-Ticket gehören zu unserer gemeinsamen Jugenderinnerung.

Unserer eigenen Jugend liegt bereits die gesamte Welt zu Füßen. Ohne Reisepass oder Geldumtausch kann man sich fast einen gesamten Kontinent erfahren oder erfliegen – Möglichkeiten von denen unsere Großeltern in ihren kühnsten Träumen nicht zu denken wagten!

Und für uns? Wirkliche Armut kennen wir nur noch aus dem Fernsehen und vielleicht von Fernreisen. Verstehen Sie mich bitte jetzt nicht falsch! Auch bei uns gibt es noch arme Menschen, aber dass jemand verhungert, ist in der Europäischen Union nur noch ein äußerst tragisches Einzelschicksal.

Auch wir Europäer sterben. Ohne jetzt die exakten Zahlen zu kennen, behaupte ich, dies eher an zu viel Nahrung und zu wenig Bewegung als an Unterernährung oder Überarbeitung. Verkehrsunfälle töten bei uns mehr Menschen als Raubüberfälle oder Streitigkeiten.

Wir Europäer haben noch nie so sicher, so komfortabel und so freizügig wie heute gelebt. Ganz zu schweigen von den Möglichkeiten, die sich uns allen erschließen.

Vielleicht weiß man das nur noch zu schätzen, wenn man eine Zeit lang in Asien oder Afrika lebt und dort sieht, wie die Menschen von der Hand in den Mund leben müssen und abends nicht wissen, wie und ob sie den nächsten Tag überleben werden.

Krieg ist für die meisten Europäer schon so lange Geschichte, dass manche schon wieder davon anfangen, über Krieg als etwas Notwendiges zu sinnieren.

Bei aller berechtigter Kritik und mit Sicherheit auch sehr gravierenden Mängeln leben wir in einer heilen Welt. Und diese haben wir den grundsätzlichen Entscheidungen überzeugter Europäer aus den Jahren 1945 bis 1950 zu verdanken: die Vereinten Nationen, die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, die Organisation des Nordatlantikvertrags (NATO), den Europarat, die Europäischen Bürgerrechte, unser Grundgesetz und die Europäische Union sowie die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa.

Auch wenn diese Organisationen, Verträge und Gesetze nie ihre ursprünglich intendierte Funktion oder Tragweite erreicht haben, haben sie doch für uns das Umfeld geschaffen, in dem wir heute so gut leben.

Lassen Sie es mich noch deutlicher ausdrücken. Unsere Bundesrepublik, das „deutsche Wirtschaftswunder“, den „Exportweltmeister“ Deutschland, unseren Wohlstand, die Wiedervereinigung Deutschlands und wahrscheinlich auch alle anderen Leistungen und Verdienste auf die wir so stolz sind, hätte es ohne die „westliche Welt“ und den europäischen Einigungsprozess nie gegeben!

Und ich behaupte darüber hinaus, dass es die Probleme und Herausforderungen, welche uns derzeit immer stärker bewusstwerden – lassen Sie mich hier exemplarisch die zunehmenden Migrationsbewegungen in Europa und nach Europa hinein erwähnen – , nicht gäbe, wenn wir die europäische Idee der Weltunion und die damals getroffenen Grundsatzentscheidungen in den letzten 70 Jahren auch umgesetzt hätten, anstatt weiter in nationalen Begrenzungen zu denken und zu handeln.

Was ist Europa überhaupt?

Beginnen wir damit, was Europa nicht ist. Wahrscheinlich zum Leidwesen vieler Erdkundelehrer: Europa ist kein Kontinent. Und bestimmt zum Leidwesen der meisten Schüler: Alles was einfach ist, ist nicht Europa!

Europa ist eine Idee, die Idee von einer Weltunion in der alle Menschen friedlich miteinander leben, föderal gegliedert in Gemeinschaften, die den unterschiedlichen Lebensweltbezügen der jeweiligen Menschen besser gerecht werden.

Europa ist eine Wertegemeinschaft, eine Gemeinschaft von Menschen und Völkern, die über die vergangenen Jahrtausende gemeinsame Werte herausgebildet haben, an die sie glauben und nach denen sie ihr Leben ausrichten möchten: Frieden, Freiheit, Gleichheit, Demokratie, Menschenrechte, Subsidiarität und Solidarität.

Europa ist eine Rechtsgemeinschaft, eine Gemeinschaft in der Recht, egal auf welche Ebene, für alle gleich orientierend, integrierend und legitimierend wirkt. Das Recht ist das einigende Band Europas.

Auf einen einfachen Nenner gebracht: Europa ist Arbeit.

Zum einen kontinuierliche Überzeugungsarbeit, um die Mitbürger von der „Idee Europa“ zu begeistern und diese den Menschen dabei auch verständlich zu machen.

Zum andern aber noch viel mehr Arbeit, um unsere europäischen Werte nicht nur zu vertreten und zu vermitteln, sondern auch höchst selbst zu leben. Europa ist somit Bildungsarbeit, Jugendarbeit, Sozialarbeit und vor allem aber auch Arbeit an sich selbst, die eigene Person im Laufe des Lebens zu einem besseren Menschen zu machen.

Und noch mehr Arbeit, wenn man sowohl dem Recht als auch allen Bürgern „gerecht“ werden möchte. Die hierzu notwendigen Institutionen und Organe sind vielfältig und umfangreich und ein „Marsch durch die Instanzen“ kann Jahre dauern.

Wie schon gesagt, Europa ist nicht einfach. Und wer die Welt verändern möchte, fängt immer am besten gleich bei sich selber an.

Ich bin davon überzeugt, hier bei Ihnen auf offene Ohren zu stoßen. Viele von uns leben bereits Europa in seiner besten Form, und dies ohne sich darüber noch allzu groß den Kopf zu zerbrechen – sie erarbeiten sich Europa jeden Tag immer wieder aufs Neue.

Europa ist nicht Utopia! Europa ist eine permanente und immerwährende Baustelle.

Wir werden wahrscheinlich nie damit fertigwerden. Und das Besondere, wenn nicht gar Liebenswerte an der Baustelle Europa ist, dass die einen bereits am Dach bauen, während die anderen noch am Fundament oder am Keller werkeln. Wieder andere reißen bereits die Garagen ein, da sie diese für nicht mehr zweckmäßig erachten. Und wir Europäischen Föderalisten wundern uns von jedem Tag aufs Neue, warum unsere Rosenbeete ums Haus herum immer wieder niedergetrampelt werden.

Europa ist auch nicht der Turmbau zu Babel, welcher den Unmut Gottes hervorrief und, in Folge davon, an der Sprachenvielfalt scheiterte.

Europa baut gerade auf dieser Vielfalt auf und wenn es scheitert, dann scheitert Europa an uns Menschen! An uns Menschen dann, wenn wir der Trennung, der Diskriminierung, der Ausgrenzung, dem Neid, der Intoleranz und anderen Widerlichkeiten menschlicher Eigenarten das Wort reden, anstatt unsere Mitmenschen zu umarmen und zu versuchen, gemeinsam zum Wohle aller unsere eine Welt und damit auch uns selber besser zu machen!

Lassen Sie mich deshalb zum Schluss meines Vortrages die Frage aufwerfen:

Wo möchten wir hin?

Wollen wir eine bessere Welt? Dann sind wir bereits mit Europa auf dem richtigen Wege!

Diese bessere Welt gibt es aber nicht umsonst! Und unser Europa ist auch nur der kleinere Teil davon. In ein paar Jahren sind wir Europäer keine 5% mehr der Weltbevölkerung; bei einer Bevölkerung die bald über 10 Milliarden Menschen zählt. Und schon heute ist Deutschland in den Augen eines Chinesen, bevölkerungsmäßig betrachtet, nur noch ein Rundungsfehler.

Ohne wesentliche technologische Fortschritte und einem nachhaltigen Umgang mit den vorhandenen Ressourcen wird die Menschheit in absehbarer Zeit den Offenbarungseid leisten müssen.

Spätestens dann werden die letzten von uns erkennen müssen, dass Europa auch keine Insel ist.

Deshalb, lassen Sie uns gemeinsam den Weg, den wir vor gut 70 Jahren beschritten haben, weitergehen. Lassen Sie uns endlich das „Klein-Klein“ nationaler Betrachtungsweisen zu den Akten legen. Und lassen Sie uns zusammen einen Zahn in Richtung Europa zulegen.

Ich weiß, es ist Arbeit, viel Arbeit. Es kostet Schweiß und wird auch – ob wir es wollen oder nicht – Verzicht mit sich bringen.

Sehr geehrte Damen und Herren, „Yourope“ – das Stichwort des heutigen Vortrages –  sind wir alle! Lassen Sie uns gleich wieder an der Baustelle Europa weiterarbeiten! Ich glaube, ein Neujahrsempfang ist die passende Gelegenheit dazu.

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit und stehe Ihnen nun gerne für Ihre Fragen und Anmerkungen zur Verfügung.”

„Bien entendu, on peut sauter sur sa chaise comme un cabri en disant l’Europe! l’Europe! l’Europe! mais cela n’aboutit à rien et cela ne signifie rien.“

Charles de Gaulle, in einem Interview mit Michel Droit (14. Dezember 1965)

Adventsgedanken

Gedanken zum Advent 5 (3)

Foto: Beispielbild | © Pixabay

Demnächst jährt sich eines der wichtigsten europäischen Ereignisse der Neuzeit. Vom 7. bis zum 10. Mai 1948 fand in Den Haag der Haager Europakongress statt, welcher zu einem Zusammenschluss der verschiedenen europäischen Einheitsbewegungen führte und u. a. als Initiator des Europarates gilt. Nur wenigen ist bekannt, dass das eigentliche Ziel der versammelten europäischen Bürgerschaft war, endgültig die Nationen zu überwinden und diese in einem „Europa der Regionen“ und damit in einem föderalen europäischen Bundesstaat zusammenzufassen. Dies ist auch der Grund dafür, warum der Haager Europakongress noch heute als erste föderalistische Bewegung der europäischen Geschichte gilt.

Aber die Bequemlichkeit der meisten europäischen Bürger und das Beharrungsvermögen der bereits gut etablierten Bevölkerungsteile hat wie so oft obsiegt. Zwar wurde das Ziel, die „Vereinigten Staaten von Europa“ weiter propagiert, aber zeitgleich auch das „Europa der Vaterländer“ als Gegenpol initiiert. Später dann, eher der Realität als der europäischen Idee geschuldet, wurde mit der Europäischen Union, ein Staatenverbund geschaffen, welcher zu postklassischen Nationalstaaten führte, deren Beharrungsvermögen weiterhin durch die allzu menschliche Angst vor Veränderung genährt wird.

Stolz können wir Europäische Föderalisten aber darauf sein, dass von Anfang an die Demokratie mit den damit einhergehenden Werten, wie unsere Menschen- und Bürgerrechte, als Grundlage jeder europäischen Integration festgelegt wurde, und wir uns bis zum heutigen Tage als Wertegemeinschaft betrachten.

Als Ende der 1980er-Jahre das Sowjetreich zusammenbrach, irrten wir Europäer in der Annahme, dass die Menschen der ehemals besetzten Teile Europas über Nacht zu Demokraten geworden seien, verdrängten die Tatsache, dass diese nur bankrott waren und nahmen sie mit offenen Armen in unsere immer noch im Werden begriffene Gemeinschaft auf. Auch hatten wir völlig verdrängt, dass selbst in unseren Demokratien gut 20 Prozent Totalitaristen immer noch auf die Götterdämmerung warten.

Im Ergebnis scheinen wir uns nun mehrheitlich damit abzufinden, dass die EU zu einem Zweckbündnis von demokratischen und scheindemokratischen Staaten zum Schutz der Außengrenzen, zur Sicherung des Binnenmarktes und einer gemeinsamen Terrorismus-bekämpfung geworden ist. Auch scheinen wir mehrheitlich der Meinung zu sein, dass Migrationsbewegungen und Transferzahlungen Anlass genug sind, um auch dieses Konstrukt wieder in Frage zu stellen (z. B. Brexit).

Sehr erfreulich ist es daher, dass sich viele Bürger Europas seit Monaten verstärkt für unser gemeinsames Europa aussprechen und nach 1948 wieder „mehr Europa fordern!“ Noch erfreulicher ist es, dass es Politiker wie Emmanuel Macron und Jean-Claude Juncker gibt, welche diese verschiedenen Bürgerinitiativen aufgreifen und erste Lösungsvorschläge unterbreiten.

Die Europäische Union steckt aber inzwischen – und dies trotz des Engagements von 30 000 Europäischen Föderalisten europaweit – in einer so tiefen Sinnkrise, dass nur noch eine schonungslose Bestandsaufnahme ohne nationale oder parteipolitische Rücksichten weiterhelfen kann.

Die EUROPA-UNION Heilbronn beteiligt sich selbstverständlich an dieser notwendigen Bestandsaufnahme sowie den stattfindenden Diskussionen und trägt u. a. mit der Wiederaufnahme der „Hertensteiner Gespräche“ dazu bei, dass eine verstärkte und nachhaltige Bürgerbeteiligung unsere Demokratien als auch unser gemeinsames Europa retten werden. Für uns Europäische Föderalisten sind dabei unsere gemeinsamen Werte keine Verhandlungsmasse und wir betonen gerne erneut, dass Bequemlichkeit und die Angst vor Veränderung schlechte Berater sind. Selbst dem Ergebnis der letzten Bundestagswahl kann man sehr deutlich die Forderung nach „mehr Demokratie wagen!“ entnehmen.