Sinnierende Frau

Zeit für ein Gedicht 5 (2)

Beitragsfoto: Sinnierende Frau | © Pixabay

In Zeiten, wo wieder einmal feucht fröhlich über die Apokalypse debattiert wird und man allen und jedem Gehör schenkt, von denen man annehmen muss, dass sie sich mit der Materie wenig bis überhaupt nicht auskennen, ist es — denke ich — an der Zeit, uns an Menschen zu erinnern, die von Krieg und vor allem dem Tod so richtig Ahnung haben.

Wo uns dieses Expertentum der völligen Inkompetenz inzwischen hingeführt hat, können wir derzeit ganz gut beobachten. Immer mehr beobachtende Menschen ziehen sich völlig angewidert von den aktuellen „Fachdebatten“ aus den Sozialen Medien zurück, und auch ich kann es kaum noch ertragen, wie gerade die üblichen Fahnenflüchtigen und Drückeberger um die Deutungshoheit von Militäreinsätzen streiten oder wie Friedensaktivisten die Vorzüge von Massenvernichtungswaffen predigen.

Ich finde es richtig ekelig zu wissen, dass gerade unzählige Mitmenschen keine 1 300 Kilometer von uns entfernt regelrecht abgeschlachtet werden und sich bei uns die meisten Menschen an dieser Situation weiden oder noch tragischer, ihre ganz eigenen Vorteile daraus ziehen wollen. Dabei bleibt kein Mensch bei uns, der Verantwortung trägt, ohne Schuld! Jeder von diesen Mitbürgern hat Blut an seinen Händen kleben.

Nun zurück zu einem jener Menschen, die wissen, was Krieg ist. Ein echter Held, sozusagen und mausetot.

Gerrit Engelke zählt noch heute zu den Arbeiterdichtern, der sich nicht nur nicht vor dem Kriegsdienst drückte, sondern zudem noch das Angebot ausschlug, sich an anderer Stelle um seine Heimat verdient zu machen — damit gehört er schon alleine und ganz eindeutig zu jenen Menschen, denen wir unseren höchsten Respekt zu zollen haben. Leider hat er selber den höchsten Preis für seinen Anstand zahlen müssen und liegt deshalb noch heute — hier hatte er etwas Glück im Unglück — auf dem Soldatenfriedhof von Étaples an der französischen Kanalküste.

Zu Engelkes bekannteren Werken gehören die Gedichte aus seiner Sammlung „Rhythmus des neuen Europa“.

Lassen wir aber jetzt Gerrit Engelke selber sprechen.

Nach schwerem Traum

Ich bin Soldat und steh im Feld
Und weiß von niemand in der Welt.
Drum kann ich diesen Regentag nicht feiern,
So kummerzärtlich, feucht und bleiern,
Da mir dein Bild zur Nacht den Schlaf zerschlug
Und mich in deine Nähe trug.

Ich bin Soldat und steh im Feld,
Gewehr im Arm, und fern der Welt.
Wär ich zu Haus, ich schlösse Tür und Scheiben
Und wollte lange einsam bleiben;
Im Sofawinkel sitzend mich versenken,
Geschlossnen Auges deiner denken.

Ich bin Soldat im trüben Feld.
Hier endet alte Menschenwelt.
Der Regen singt, die nassen Strähnen fließen.
Ich kann nichts tun – nur Blei verschießen.
Weiß nicht warum, tu’s doch als ob ich’s muss:
Ins graue Wetter kracht ein Schuss!

Ich wünsche uns allen, dass wir sehr schnell aus unseren eigenen Träumen erwachen, beginnen, der Realität ins Auge zu sehen und endlich damit anfangen, allesamt an einer friedlichen, freien und demokratischen Welt zu arbeiten.

Was passiert, wenn man über 70 Jahre lang nur dem eigenen Vorteil hinterherläuft, das können wir gerade alle miterleben — hoffentlich die meisten von uns weiterhin nur vom Spielfeldrand aus.

Vorsicht des Patrioten
Süß fürs Vaterland sterben! Doch möcht’ ich schließlich dabei sein,
Wenn man beim Siegesbankett seine Gefallnen beklagt.

Eduard von Bauernfeld

Beitragsfoto: Allee | © Shutterstock

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Beitragsfoto: Allee | © Shutterstock

Sturmangriff

Hier finden Sie das entsprechende Gedicht von Dr. August Stramm (1874 – 1915). Dr. Stramm kämpfte zuletzt als Bataillonskommandeur an der Ostfront. Am 1. September 1915 fiel er beim Angriff auf russische Stellungen am Dnepr-Bug-Kanal.

Sturmangriff

Aus allen Winkeln gellen Fürchte Wollen

Kreisch

Peitscht

Das Leben

Vor

Sich

Her

Den keuchen Tod

Die Himmel fetzen.

Blinde schlächtert wildum das Entsetzen.

Rüstung

All jene, die die Rundschreiben der EUROPA-UNION Heilbronn noch nicht abonniert haben und auch selten auf den Kalender dieses Weblogs schauen, möchte ich auf eine Präsenzveranstaltung hinweisen, die sich mit einem sehr, sehr aktuellen Thema beschäftigt, nämlich der Rüstungspolitik.

Als ich dieses Thema gewählt habe, wagte ich noch nicht daran zu denken, wie aktuell und relevant dieses für uns alle in Kürze sein wird. Mein diesjähriger Vortrag zur Rüstungspolitik, den ich am Freitag, 18. März 2022 um 18.00 Uhr im Arkus halte, knüpft dabei an Oliver Dursts Vortrag zur Europäischen Raumfahrt an und bezieht die jüngsten Erkenntnisse über die russische Rüstungspolitik bereits mit ein.

Ich würde mich sehr darüber freuen, einige meiner Leser beim Vortrag begrüßen zu dürfen. Und schon jetzt freue ich mich auf die entsprechenden Diskussionen.

Stimme

Die heutige Lektüre der Tageszeitung ließen bei mir gleich zweimal die Alarmglocken läuten und ich war zugegebener Maßen versucht, die Woche vollständig mit Heilbronner Interna beginnen zu lassen. Dank einer gestrigen E-Mail von Steffen Zander habe ich mich dann aber doch dazu entschlossen, beide Themen einfach einmal auszusitzen. Dabei bin ich mir weiterhin sicher, dass diese noch dieses Jahr in Heilbronn aufköcheln werden und ich nicht umhinkommen werde, diese später dann doch zu thematisieren.

Fürwahr, es gibt derzeit Wichtigeres als eine Nabelschau zu betreiben, vor allem, da man davon ausgehen kann, dass unsere Verantwortlichen vor Ort eines sind, nämlich vollständig beratungsresistent. Und so kann ich schon froh darüber sein, dass es auch bei uns kaum Sympathiekundgebungen für Putin und seine Mörderbanden gibt.

Und der Herr, der heute in einem Leserbrief der Ukraine die Kapitulation empfohlen hat, ist sicherlich so einer, der Frauen bei einer Vergewaltigung rät, sich nicht so blöd anzustellen.

Beschluss des Tages

Der Bundesausschuss der EUROPA-UNION nimmt zum Angriffskrieg der Russischen Föderation und Weißrusslands auf die Ukraine wie folgt Stellung:

Der Angriffskrieg Putins auf die Ukraine – eine Zeitenwende für die EU (12. März 2022)

Geburtstage des Tages

Albert Einstein und Paul Ehrlich


Kaffeegenuss

Zeit für ein Gedicht 5 (1)

Beitragsfoto: Kaffeegenuss | © Pixabay

In Zeiten wie diesen, sollte, ja, muss man sich die Zeit dafür nehmen und nach Gedichten Ausschau halten, die einem persönlich und vielleicht sogar auch seelisch weiterhelfen können. Ein solches Gedicht fand ich heute in der New York Times. Elisa Gabbert schrieb am 6. März 2022 unter dem Titel „A Poem (and a Painting) About the Suffering That Hides in Plain Sight“ über ein Gedicht von W. H. Auden, welches dieser bereits 1938 angesichts des bevorstehenden Zweiten Weltkrieges in Brüssel verfasst hat.

Ich hatte dieses Gedicht vor ein paar Jahren schon einmal auf einer meiner Websites gestellt und mich darüber gewundert, warum es bei den Lesern so wenig Beachtung fand. Wahrscheinlich war einfach die Zeit noch nicht reif dafür, um sich näher mit diesem Gedicht auseinanderzusetzen.

Musee des Beaux Arts

About suffering they were never wrong,
The old Masters: how well they understood
Its human position: how it takes place
While someone else is eating or opening a window or just walking dully along;
How, when the aged are reverently, passionately waiting
For the miraculous birth, there always must be
Children who did not specially want it to happen, skating
On a pond at the edge of the wood:
They never forgot
That even the dreadful martyrdom must run its course
Anyhow in a corner, some untidy spot
Where the dogs go on with their doggy life and the torturer’s horse
Scratches its innocent behind on a tree.

In Breughel’s Icarus, for instance: how everything turns away
Quite leisurely from the disaster; the ploughman may
Have heard the splash, the forsaken cry,
But for him it was not an important failure; the sun shone
As it had to on the white legs disappearing into the green
Water, and the expensive delicate ship that must have seen
Something amazing, a boy falling out of the sky,
Had somewhere to get to and sailed calmly on.

W. H. AUDEN (Dezember 1938)

So wurde ich heute mehr als positiv überrascht, als ich die Besprechung dieses Gedichtes von Elisa Gabbert lesen durfte. Alleine schon diese Besprechung ist es wert, dass man die New York Times abonniert.

Und immer noch sehr von dieser Besprechung beeindruckt, wage ich es nicht, mich ebenfalls zu diesem Gedicht zu äußern. So kann ich jedem nur empfehlen, nicht nur das Gedicht zu lesen, sondern sich auch die Mühe zu machen und die entsprechende Besprechung von Gabbert zu lesen.

Über W. H. Auden kann man noch ganz kurz berichten, dass er als Brite geboren wurde, 1946 die US-amerikanische Staatsbürgerschaft annahm, mit einer Deutschen verheiratet war und in seinen letzten Lebensjahren Teilzeitösterreicher wurde, wo er auch begraben ist.

We would rather be ruined than changed 
We would rather die in our dread 
Than climb the cross of the moment 
And let our illusions die.

W. H. Auden, The Age of Anxiety (2011 [1947]: 105, Epilog)