Kaffeegenuss

Zeit für ein Gedicht 4.5 (6)

Beitragsfoto: Kaffeegenuss | © Pixabay | Mädchen

Schon eine ganze Weile her, dass ich meine Leser mit einem Gedicht traktierte. Kurt Tucholskys „Augen in der Großstadt“ wurde erstmals 1930 veröffentlicht. Sie finden das Gedicht u. a. im Buch „Lerne lachen ohne zu weinen“ (1932: 383). Und schon damals gingen ganz normale Alltagsmenschen davon aus, dass „Millionen Gesichter“ eine Großstadt ausmachen — was für eine Enttäuschung für doch so manchen Großstädter!

Augen in der Großstadt

Wenn du zur Arbeit gehst
am frühen Morgen,
wenn du am Bahnhof stehst
mit deinen Sorgen:
dann zeigt die Stadt
dir asphaltglatt
im Menschentrichter
Millionen Gesichter:
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider –
Was war das? Vielleicht dein Lebensglück …
vorbei, verweht, nie wieder.

Du gehst dein Leben lang
auf tausend Straßen;
du siehst auf deinem Gang,
die dich vergaßen.
Ein Auge winkt,
die Seele klingt;
du hast’s gefunden,
nur für Sekunden …
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider –
Was war das? Kein Mensch dreht die Zeit zurück …
vorbei, verweht, nie wieder.

Du mußt auf deinem Gang
durch Städte wandern;
siehst einen Pulsschlag lang
den fremden Andern.
Es kann ein Feind sein,
es kann ein Freund sein,
es kann im Kampfe dein
Genosse sein.
Es sieht hinüber
und zieht vorüber …
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider –
Was war das? Von der großen Menschheit ein Stück!
Vorbei, verweht, nie wieder.

Was für eine Großstadt gilt, das gilt schon lange auch für die Social Media und alle anderen Kommunikationskanäle.

Und noch heute inspiriert Kurt Tucholsky Menschen, vielleicht auch jene, die keine Gedichte mögen.

Hier eine weitere filmische Interpretation. Ob dieses Medium Gedichte rettet oder ob, wie ich es vermute, Gedichte auch dieses Medium überdauern werden, bleibt abzuwarten.

Fediverse Reactions

Schwimmbad

Rettungskonzepte 4.9 (9)

Beitragsfoto: Schwimmbad | © Armin Forster auf Pixabay

Pontius Pilatus wusch seine Hände noch in Unschuld, nachdem er Jesus gekreuzigt hatte. Ich ging nach meiner Vorlesung stante pete ins Schwimmbad, um meinen ganzen Körper zu waschen und zeitgleich auch ein wenig über heutige Studenten zu reflektieren.

Schlagen mag ich sie nicht und einfach aussperren hilft auch nicht weiter. Noch letzte Woche thematisierte ich die Bedeutung der Pünktlichkeit fürs eigene Leben im allgemeinen und für meine Vorlesung im besonderen. Als Resultat davon ging es bei mir heute zu wie auf einem etwas größeren Bahnhof. Schuld war wieder jemand anderes — mal zur Abwechslung die Deutsche Bahn, großes Gähn! Dabei müsste jeder halbwegs normale Mensch wissen, dass man pünktliche Bahnverbindungen niemals mit einplanen darf. Auch kann es auf der Toilette manchmal etwas länger dauern und der „junge Mann, der einem aktuell hinterherläuft“, kommt manchmal auch nicht schnell genug hinterher. Habe ich eine Entschuldigung vergessen?

Da ich über gute Hörgeräte, eine ganz passable Tastatur und eine funktionierende Internetverbindung verfüge, konnte ich während meiner Vorlesung so ganz en passant noch einen echten Profi coachen. Und wie ich nach dem Baden feststellen durfte, auch noch mit Erfolg. Und so war meine heutige Vorlesung doch nicht völlig umsonst [übrigens gern geschehen!].

Im warmen Wasser schweiften meine Gedanken bald ab, während ich mich ums Bahnenziehen drückte und so kam ich über ganz neue Rettungskonzepte ins Philosophieren.

Als neues Rettungskonzept in Schwimmbädern müssen heute je nach Beckengröße ein bis drei Rettungsschwimmer, Schwimmmeister oder Bademeisterinnen ins Becken plumpsen und kein Mensch kann mehr darin ertrinken — schnell und effektiv, warum hat noch kein anderer daran gedacht?

Und auch für unsere Lebensmittel kann man die sogenannten Lebensmittelretter viel effizienter einsetzen. Steht eines unserer Lebensmittel am Ende seiner Haltbarkeit, ruft man die 111, ein Retter erscheint und isst den Kühlschrank leer.

Im Falle von Händlern und Großmärkten müssen diese nur das Kennwort „Massenanfall“ für bis zu einer Tonne und das Kennwort „Großschadenslage“ über einer Tonne nennen und die Retter fahren mit einem entsprechend großen Bus vor — auch hier bedarf es keiner größeren Ausbildung oder gar Qualifikationen mehr.

Selbst für die Landesverteidigung hätte ich eine Idee gehabt, nur bin ich mir nicht so ganz sicher, ob diese nicht dem Verbot biologischer Kampfmittel unterliegt. Und als Soldat hätte ich dann doch auch etwas Mitleid mit den völlig ausgemergelten russischen Soldaten, wenn sich auf jeden solchen plötzlich schreiende „Kampfbomben“ stürzen und unter sich begraben.

Der Charme dabei, wir bräuchten nicht wie die Ukrainer Drohnen und müssten zudem keine entsprechenden Piloten ausbilden.

Ein weiteres Rettungskonzept, welches übrigens schon heute ganz gut funktioniert, sind die erfrischenden, informativen und sehr kollegialen Gespräche mit Detlef Stern vor meinen Vorlesungen. Das heutige machte mich zudem sehr neugierig, denn Detlef Stern umriss in groben Zügen seine eigene Einteilung der heutigen Studentenschaft.

Ich konnte heute nur zwischen Zuspätkommern und Anwesenden unterscheiden. Und vielleicht wurde das Konzept des agilen Studierens nur deswegen entwickelt, um wenigstens ab und zu etwas Bewegung im Hörsaal mitzubekommen — einmal vom Zuspätkommen oder Zufrühgehen ganz abgesehen.

Nachtrag

Ich wollte diesen uralten Studentenwitz nicht erwähnen, nun aber, da ich bereits zweimal darauf hingewiesen wurde, kommt er nun doch; hätte nie gedacht, dass dieser Witz auch heute noch aktuell ist: „Besser zu früh gehen als zu früh kommen.“

Gruselett

Der Flügelflagel gaustert
durchs Wiruwaruwolz,
die rote Fingur plaustert,
und grausig gutzt der Golz.

Christian Morgenstern, Galgenlieder (1905)

Kaffeegenuss

Zeit für ein Gedicht 3.9 (9)

Beitragsfoto: Kaffeegenuss | © Pixabay

Dazu noch bzw. schon wieder ein Gedicht auf Englisch, meine geneigten Leser mögen es mir verzeihen. Der Autor dieses Gedichtes ist Robert W. Service, ein bei uns wohl weniger bekannter Dichter. Nach einer Banklehre in Schottland wanderte er nach Kanada aus, um Bauer zu werden; kurz darauf ließ er sich von einer lokalen Bank anstellen. Wohl dort begann er seine Karriere als Dichter, welche zudem sehr steil begann.

1912 wurde er Militärkorrespondent in Europa und blieb auch dort bis zu seinem Tod 1958 in Frankreich. Noch heute ist er wohl eher für seine frühen Werke bekannt. Das nun folgende Gedicht wurde 1949 im Gedichtband „Rhymes of a Roughneck“ veröffentlicht. Wer später mehr über Robert W. Service erfahren möchte, der sollte sein Gedicht „The Cremation of Sam McGee“ lesen.

A Hero

Three times I had the lust to kill,
To clutch a throat so young and fair,
And squeeze with all my might until
No breath of being lingered there.
Three times I drove the demon out,
Though on my brow was evil sweat. …
And yet I know beyond a doubt
He’ll get me yet, he’ll get me yet.

I know I’m mad, I ought to tell
The doctors, let them care for me,
Confine me in a padded cell
And never, never set me free;
But Oh how cruel that would be!
For I am young – and comely too …
Yet dim my demon I can see,
And there is but one thing to do.

Three times I beat the foul fiend back;
The fourth, I know he will prevail,
And so I’ll seek the railway track
And lay my head upon the rail,
And sight the dark and distant train,
And hear its thunder louder roll,
Coming to crush my cursed brain …
Oh God, have mercy on my soul!

Robert W. Service (1949)

Der von Robert W. Service beschriebene Freitod würde von Seneca nicht befürwortet und schon gar nicht bewundert werden. Auch wenn Seneca den Freitod grundsätzlich als eine probate menschliche Entscheidung ansieht.

„Schwach und feige ist, wer wegen des Schmerzes stirbt, töricht, wer nur für den Schmerz lebt.“

Seneca (2023: 391)

Und auch für die weniger Entscheidungsfreudigen hält er einen Ratschlag parat:

„Täglich sterben wir; täglich wird uns nämlich ein Teil des Lebens genommen, und selbst dann, wenn wir noch wachsen, nimmt das Leben ab. …

so macht die letzte Sunde, in der wir zu existieren aufhören, nicht alleine den Tod aus, sondern sie allein vollendet ihn.“

Seneca (2023: 175)

Aktuell, wo selbst erfolgreiche CNN-Anchor den Bettel hinschmeißen und auch die deutsche Politik kaum noch Hoffnung auf Besserung verspricht, erhöht sich bei den eigenständig denkenden Menschen ohne Frage der Druck im Kessel. Dennoch halte ich es für weit verfrüht, um selber den Seneca zu geben. Noch besteht, zumindest bei uns in Europa, die Chance, um das Ganze halbwegs überstehen und überleben zu können. Ohne dass man selbst zum Täter wird oder sich einfach nur ähnlich wie ein Lamm auf die Opferbank legt.

„Don‘t give in to the lies
Don‘t give in to the fear
Hold on to the truth and to hope“

Jim Acosta (28.1.2025)

Egal was einen auch immer bedrückt, es gibt bis zum allerletzten Schluss (Seneca) immer noch Entscheidungen, die man treffen kann und welche die Chance bieten, einen Weg der Besserung einzuschlagen. Im Falle der Politik bieten sich dazu und dies gerade in Demokratien die regelmäßig stattfindenden Wahlen an — vorausgesetzt allerdings, man ist nicht bereits zum Wahlschaf mutiert.

Übrigens, wer AfD oder BSW wählt, der kann auch gleich seinen Kopf auf die Schienen legen; und selbst bei so mancher etablierten Partei muss man inzwischen richtig aufpassen, ob nicht doch ein „automatisch“ gesetztes Kreuzchen tatsächlich der Schalter zum eigenen Elektrischen Stuhl ist — für manche US-Bürger bereits blanke Realität!

„So kommt es nicht darauf an, ob man ein krankes Gemüt in Reichtum oder in Armut unterbringt: sein Leiden folgt ihm.“

Seneca, 2. Buch, 17. Brief (2023: 117)