Mädchen aus Stockport

Vereine und Interessengruppen 5 (2)

Beitragsfoto: Stockport zeigt in Heilbronn Flagge (2007)

Europa berührt fast alle Lebensbereiche, so ist es auch nicht verwunderlich, dass sich Vereine und Interessengruppen finden lassen, die sich ebenfalls mit Europa oder europäischen Themen auseinandersetzen.

Mit am ältesten davon sind wohl die Vereine, die Städtepartnerschaften unterhalten und pflegen. Es gibt auch zahlreiche ‚Europa-Clubs‘ (der ehemalige Europa-Club Heilbronn und der heute noch existierende in Stuttgart können als Beispiel dienen), welche sich inhaltlich mehr mit Kultur, Land und Leuten auseinandersetzen oder auch ‚internationale‘ bzw. ‚interkulturelle‘ Sportvereinigungen, die in möglichst vielfältiger Gesellschaft ihrer Lieblingssportart nachgehen möchten.

Auch wenn diese Mitbürger dabei keine tiefergehenden eigenen politischen Aktivitäten entwickeln oder bewerben wollen, leisten sie auf jeden Fall einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zur Völkerverständigung.

Anders hingegen ist es mit immer wieder neu auftretenden ‚Europa-Aktivisten‘, die sich sehr prominent zu Wort melden und durchaus auch interessante und neue Formate für eine ‚Europabewerbung‘ entwickeln, aber letztendlich doch den europäischen Lackmustest bestehen müssen: Haben sie eigene Zielvorstellungen für unser Europa und sind sie auch bereit, diese über längere Zeiträume hinweg zu verfolgen?

Und ganz wichtig: sind sie bereit zur Zusammenarbeit einschließlich inhaltlicher Auseinandersetzungen?

Wenn nicht, dann erinnere ich gerne an einen Kommentar Charles de Gaulles, den er in einem Interview mit Michel Droit am 14. Dezember 1965 tätigte:

„Bien entendu, on peut sauter sur sa chaise comme un cabri en disant l’Europe! l’Europe! l’Europe! mais cela n’aboutit à rien et cela ne signifie rien.“

„Selbstverständlich kann man wie ein Zicklein auf einen Stuhl springen und immer wieder Europa! Europa! Europa! sagen – doch das führt zu nichts und bedeutet nichts.“

Charles de Gaulle (14. Dezember 1965)

Falls Sie jetzt ein wenig neugieriger geworden sind, dann empfehle ich Ihnen die Lektüre meines Buches Europa ist für alle da!

Mehr Details zum Buch können Sie auch hier finden.


Mädchen in Buchhandlung

Buchhandlungen 5 (3)

Beitragsfoto: JackF, Getty Images

Schöner noch als ein gutes Buch endlich sein Eigen nennen zu können, ist es, in einer guten Buchhandlung stöbern zu dürfen. Über gute Bücher habe ich in meinen Beiträgen bereits mehrfach geschrieben und dabei sogar ein paar Empfehlungen abgegeben, aber kaum über gute „Buchläden“.

Wie bei den Büchern ist es wohl auch bei den Buchhandlungen selber, dennoch glaube ich, dass es Buchhandlungen gibt, welche sich weit von den üblichen Buchverkaufsstellen abgrenzen und dabei sogar noch Erlebnisse schaffen, die jedem in Erinnerung bleiben. Ich bin fest davon überzeugt, dass inzwischen die große Masse der Buchhandlungen den allseits so beliebten Schnellrestaurants gleicht, zwar den ersten Hunger stillt, aber dabei eher bleibende Schäden beim Konsumenten verursacht als den jeweiligen Menschen in seiner eigenen Entwicklung fördert.

Um meine Behauptung ein wenig zu untermauern, empfehle ich Ihnen einfach einmal in die nächstliegende Buchverkaufsstelle zu gehen. Schon beim Eintritt in dieselbe sehen Sie alles, sogar Bücher. Und sofort fallen Ihnen auch die Top Seller der Branche in die Augen, z. B. die Feuchträume ewig pubertierender Senioren oder die umfangreichen Lebenserinnerungen prominenter Säuglinge. Die Auswahl ist immens und dies bei einer sehr begrenzten Themenvielfalt. Zugegebener Maßen werden Sie in den Tiefen dieser Buchhandlungen weiterer Themen fündig, und was nicht vorliegt, kann auch bestellt werden.

Was hat dies alles aber mit einer Buchhandlung zu tun? Erinnern Sie sich vielleicht noch an die Buchhandlung von Wendelin Niedlich in Stuttgart, der sich zudem noch stark politisch engagierte. Hier bei uns in Heilbronn kenne ich noch die seit 1688 (!) bestehende Buchhandlung Stritter, welche wohl gezwungener Maßen ebenfalls mit dem Zeitgeist gehen muss. Und mit der Paulus-Buchhandlung auch noch eine spezialisierte und damit eigentlich eine Fachbuchhandlung, welche inzwischen aber ebenfalls ihr Sortiment stark erweitert.

Auch wenn diese Buchhandlungen ihren eigentlichen Zweck erfüllen, so ist es schwierig, sich dort in den Bücherreihen oder -bergen zu vertiefen oder gar zu verlieren. Stehenzubleiben, sich hinzusetzen und in einem ganz „fremden“ Buch zu stöbern bevor man sich von der Fülle der Themen fasziniert, einem weiteren völlig unbekannten Autoren widmet. Bereits Haruki Murakami meinte, dass man nur das denken könne, was die anderen auch denken, wenn wir alle nur dieselben Bücher lesen.

Eine Buchhandlung zum Träumen

In manchen Städten können Sie ab und zu noch solche versteckten Erlebnisräume finden, wobei durchaus die Gefahr besteht, dass Sie den Ausgang nicht mehr finden oder finden möchten. 

Blattgold-Buchladen
Blattgold-Buchladen

Seit 2014 gibt es nun in Böckingen, einem Stadtteil Heilbronns, den Blattgold-Buchladen von Johanna Chebbi. Dieser hat gerade einmal drei halbe Tage in der Woche geöffnet, nämlich donnerstags und freitags von 14.00 Uhr bis 17.30 Uhr, sowie samstags von 10.30 Uhr bis 14.30 Uhr.


Korrektur: inzwischen leider nur noch freitags und samstags zu den selben Zeiten.

Korrektur 2: Leider gibt es diesen Buchladen nun nicht mehr.


Der Laden entstand zufällig, nachdem Johanna damit angefangen hatte im Internet gebrauchte Bücher bei Amazon zu verkaufen und überlegte, wie sie denn an größere Mengen Bücher kommen könne. Dies wollte sie durch einen einmaligen Bücherankauf lösen und da sie in Böckingen arbeitete, ist sie dort umhergezogen, um sich leerstehende Läden anzuschauen und erstmals in der Klingenberger Straße fündig geworden. Die Ladenbesitzerin wollte ihr den Laden auch für einen Tag vermieten.

Den Bücherankauf hat sie dann in der Heilbronner Stimme beworben und fand dabei regen Zulauf. Ihre Freunde halfen kostenlose Getränke zu offerieren und den Interessenten beim Bücherschleppen. Das ging stundenlang und hinterher war sie nicht nur „fix und fertig“, sondern auch pleite; zumal sie auch noch Bücherabholungen von zu Hause angeboten hatte.

Die Vermieterin bot ihr an, die Bücher noch im Laden stehen zu lassen, bis sie eine Lösung gefunden hätte. Da dies auch nach Monaten nicht der Fall war, wurde der Laden von Johanna letztendlich dauerhaft angemietet. 

Im Jahr 2017 musste Johanna aber dann doch den Laden wechseln und wurde fündig, als ein Fahrradgeschäft in der Stedinger Straße aus Altersgründen aufgab; insgesamt 20 qm ohne Heizung, da es früher nur ein Ausstellungsraum war.

Anfangs dümpelte der Bücherverkauf weiter so vor sich hin, mit der Zeit wurde es dann aber tatsächlich besser. Zwischenzeitlich hat sich ein kleiner, kontinuierlicher Kundenstamm entwickelt. Der ist jedoch immer noch zu klein, da der Durchlauf der Bücher besser sein müsste. Die Bücher stehen zu lange im Regal, bis sie einen Besitzer finden. 

Ihre meisten Umsätze macht sie mit Romanen, Krimis, Thrillern, weniger mit Sachbüchern. Auch hat sie ein paar wenige, aber treue Kunden, die sich für die antiquarischen Bücher interessieren. Zudem bietet sie an, gesuchte oder vergriffene Bücher übers Internet zu bestellen. Diese Kunden nehmen dann auch weitere Bücher aus dem Laden mit.

Heute nicht ungewöhnlich, bekommt sie viele Bücherspenden vor den Laden gestellt. Ihr Lager füllt sich mehr und mehr. „Brauchbare“ Bücher kommen dabei gleich ins Regal, antiquarische erst mal in den Keller. Manche Bücher werden auch gleich als „Zu verschenken“ vor dem Laden angeboten, und erfahrungsgemäß völlig „unbrauchbare“ Bücher werden von den Böckinger Pfadfindern als Altpapier abgeholt. Dennoch platzt ihr Lager aus allen Nähten, da sie auch zeitlich noch nicht dazu kommt, Bücher auch „online“ zu stellen. 

Johanna Chebbi kennt ihre Stammkundschaft und begrüßt diese mit Namen. Da sie auch deren Lesegewohnheiten inzwischen recht gut kennt, reserviert sie ihnen auch Bücher, an denen sie Interesse haben könnten. Ihre Kunden sind im Schnitt 25 bis 85 Jahre alt.

Das Besondere an diesem Stadtteilladen ist, dass Kunden und Verkäuferin sich zwischenzeitlich als „kleine Familie“ fühlen. Es geht meist lustig zu. Das liegt vielleicht auch daran, dass Johanna selbst keine ausgebildete Buchhändlerin ist und von Literatur so viel Ahnung hat wie von Politik. So kommt es, dass sich die Kunden manchmal besser im Blattgold-Buchladen auskennen als sie selbst; auch, dass Johanna ihre anwesenden Stammkunden bittet, gerade nachgefragte Bücher den anderen Kunden zu zeigen. 

Anekdoten, die man sich gegenseitig erzählt und gemeinsames Kaffeetrinken gehören inzwischen zum Aufenthalt im Buchladen mit dazu. Dabei entstehen auch fröhliche Gespräche zwischen den Kunden untereinander, und der Buchladen hat sich zu einer Anlaufstation nicht nur für „Lebenskünstler“ entwickelt, wobei im und vor dem Laden diskutiert, philosophiert oder auch nur der eigene Kummer von der Seele geredet wird.

Das Schöne am Blattgold-Buchladen ist, dass er sich beständig weiterentwickelt und dabei immer wieder neu erfindet. Johannas jüngster Slogan ist: „Besuchen Sie den kleinsten und urigsten Buchladen in Heilbronn.“ Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

„Why can’t people just sit and read books and be nice to each other?“

David Baldacci, The Camel Club (2005)

Zug in Wien

Europa mit der Bahn erleben 4.8 (4)

Beitragsfoto: Eisenbahn in Wien | © Pixabay

Heinrich Kümmerle macht auf die Initiative DiscoverEU der Kommission aufmerksam und fordert darüber hinaus, dass man innerhalb der Europäischen Union zumindest von jedem Hauptbahnhof aus, ein Bahnticket an jeden anderen Bahnhof kaufen können muss. Und dies mit einer Transportgarantie verbunden, die sicherstellt, dass man ohne Mehrkosten und notfalls mit jeder Bahngesellschaft sein gebuchtes Ziel auch erreicht; als plakatives Beispiel soll die Fahrt von Heilbronn nach Porto dienen.

Ich begrüße eine solche Initiative hin zu mehr Nachhaltigkeit bei Reisen (vom Komfortgewinn ganz zu schweigen). Persönlich war eine Inspiration für mich der Artikel Hochgeschwindigkeitszüge zerstören das europäische Bahnnetz. Nach dem, zugegeben reißerischen, Titel werden die Probleme des heutigen Bahnverkehrs gut herausgearbeitet.

Man kann sicher gerne streiten, ob ein ICE nicht doch eine tolle Möglichkeit ist. Besonders, wenn man in der Nähe von Verkehrsknoten der Bahn wohnt. Da bevorzuge ich sechs Stunden Fahrt mit dem ICE von München nach Hamburg ganz klar gegenüber den früheren 10 Stunden mit dem IC. Ebenso ist es zu diskutieren, ob man es sich leisten möchte, dass eine Stadt wie Heilbronn maximal verkrüppelt ans Bahnnetz angebunden ist. Oder dass in manchen Gegenden ein Alibi-ÖPNV geboten wird, wenn dort Busse viermal am Tag fahren.

Ich kann mich noch gut an meine Kindheit erinnern, als ich in mit meiner Mutter meine Urgroßmutter mit dem Nahverkehr besuchte. Wir mussten pro Richtung drei (!) Fahrkarten kaufen, damit wir am Ziel ankamen. Start- und Zielpunkt lagen in Hamburg, ca. 12 km Luftlinie voneinander entfernt. Wir mussten zuerst eine Fahrkarte für den Bus lösen, dann eine für die S-Bahn und dann eine für den Bus eines anderen Busunternehmens. Natürlich waren die Fahrpläne nicht aufeinander abgestimmt, was mir in den Sommermonaten ein „Warte-Eis“ bescherte.

Zum Glück gibt es heute Verkehrsverbünde.

Diese Verkehrsverbünde sind de facto „föderal“ organisiert. Natürlich ist die Gesellschaftsform eine andere, aber dort schließen sich selbständige Transportunternehmen unter einem gemeinsamen Dach zusammen, um gemeinsam für die Kunden ein besseres Angebot zu machen.

Die Situation beim europäischen Bahnverkehr ist kaum anders als in Hamburg (und vielen anderen Gebieten) vor der Gründung des Verkehrsverbundes.

Will ich von Heilbronn mit dem ÖPNV nach Porto reisen, muss ich 12mal umsteigen und nehme die Dienste von 4-5 Transportunternehmen in Anspruch. Vielleicht kann ich manche der 13 Tickets gemeinsam buchen, aber eher nicht alle auf einmal. Was mache ich, wenn es mit einem Betreiber Probleme gibt, zum Beispiel weil alle Plätze ausgebucht sind? Schon gebuchte Tickets der vorigen Etappen zu stornieren kostet wenigstens Aufwand, manchmal auch mehr.

Die Umsteigezeiten reichen von 6 Minuten bis hin zu 5 Stunden. Die 6 Minuten in Karlsruhe sind eindeutig zu kurz. Wüsste ich das nicht, würde ich den TGV nicht mehr erreichen. Da ich dort die Fahrt nicht angetreten habe, gibt es auch keine Entschädigung für die Fahrt(en). Also nochmal Tickets kaufen, vorausgesetzt ich habe noch Geld. Warum die 5 Stunden? Oh, in der Nacht fährt kein Zug. Warum eigentlich nicht? (Antwort: siehe obig angeführten Artikel). Wenn ich die Nacht nicht auf dem Bahnsteig verbringen möchte, brauche ich ein Hotel. Aber für 5 Stunden? Wenn die vorherige Zug 3 Stunden Verspätung hat, dann brauche ich das Hotel auch nicht. Und extra einen Aufenthaltstag in Perpignan am Mittelmeer einzulegen, will man vielleicht nicht.

Warum gibt es eigentlich keinen europäischen, föderalen Verkehrsverbund? Naiv, wie ich manchmal bin, wäre das doch ein tolles Projekt, von dem alle in (EU-) Europa etwas direkt haben, das eine riesige Signalwirkung besäße. Dabei sollte das nicht riesig viel kosten, bestimmt weniger als ein immer noch in Bau befindlicher Flughafen südlich von Berlin, ein Konzertsaal in Hamburg oder der Tunnelbau in Stuttgart. Man müsste „nur“ auf eine Vereinheitlichung der Abläufe hinwirken, auf eine Abstimmung der nationalen Transportgesellschaften untereinander (die zudem häufig im Besitz der Staaten sind). Und dann kann man eine Transportgarantie vereinbaren, wie es sie teilweise national schon gibt, wie auch für den Flugverkehr.

Dann hätten alle Menschen, die in der EU leben, etwas davon, nicht nur jungen Menschen, denen ich das aktuelle Angebot gönne. Dann könnte man viel einfacher durch Europa reisen, einfacher andere Menschen kennen lernen. Und man weiß zu schätzen, was Europa für uns sein kann.


Ergänzung zu Christian Moos’ Einwand

„Mit den europäischen Eisenbahnpaketen https://www.eba.bund.de/DE/RechtRegelwerk/EU-Recht/eu-recht_node.html ist da bereits viel passiert. Die Harmonisierungstendenz ist da, Koordinierung so und so. Es ist ja nicht so, dass man in normalen Zeiten nicht gut mit der Bahn von einem EU-Land ins andere kommt. Den europäischen Eisenbahnraum gibt es also schon. Allerdings könnte das attraktiver formuliert, beworben werden. Jedenfalls sobald das Reisen wieder geht.“

Christian Moos, Generalsekretär der EUROPA-UNION Deutschland (22. April 2020, 11:02 Uhr)

Danke für den Link, war mir neu. Es freut mich auch zu erfahren, dass es allererste Harmonierungsansätze gibt. Wenn ich die ganzen Unterlagen als Nicht-Jurist richtig verstehe, bewegt man sich, neben der allgemeinen Absichtserklärung (RL 2012/34/EU) eher auf dem Gebiet, die unterschiedlichen Eisenbahnsysteme überhaupt kompatibel zu machen.

Gestatten Sie mir bitte eine Analogie. Ich bin Informatiker (das als Entschuldigung / Erklärung).

Bezogen auf einen zukünftigen Markt für Personalcomputer befinden wir uns danach noch in der Vor-PC-Ära, als es Systeme wie den Apple II, den Commodore PET 2001 oder den TRS-80 gab. Dieser Markt zeichnete sich dadurch aus, dass die Geräte so gut wie nicht kompatibel waren. Ein gemeinsames Betriebsssystem (ob nun DOS oder Windows) war noch nicht denkbar. Wenn ich also die Unterlagen richtig verstehe, muss erst noch auf Schaltkreisebene (Eisenbahnschienen, Strom, -Abrechnungen, …) eine Vereinheitlichung geschaffen werden, damit überhaupt so etwas wie ein (damals) offener IBM-PC denkbar wird. Und dann muss sich erst ein Betriebssystem durchsetzen. Damit ein PC überhaupt nutzbar ist, muss dann Anwendungssoftware existieren, wie z.B. Office-Produkte. Und dann müssen auch diese Produkte zusammenarbeiten, damit auch unerfahrene Nutzer etwas davon haben.

Natürlich hinken solche Analogien immer.

Bei so gut wie allen Produkten gibt es mindestens zwei Sichtweisen: die der technischen Umsetzung und die des Kunden. Den meisten ist es relativ egal, wie ein Computer technisch funktioniert, Hauptsache er funktioniert. Mir als Bahnfahrer ist es relativ egal, wie der Zugverkehr technisch funktioniert, Hauptsache er funktioniert. Wie die Transportunternehmen abrechnen, wie das mit dem Strom funktioniert, … ist alles sicher essentiell wichtig. Mir aber egal. Ich möchte mein Ticket von Heilbronn nach Porto buchen. Und ich möchte bequem und sicher dorthin unterwegs sein. Ich möchte einen (!) Ansprechpartner haben, wenn etwas schief läuft. Ich will nicht von einem Unternehmen an das andere verwiesen werden. Mit einem Wort: Kundenorientierung.

Natürlich funktioniert das auch nicht immer beim PC. MS Word arbeitet nicht mit einem Medienplayer eines anderen Herstellers zusammen? Pech gehabt.

Für mich sieht es so aus, als würden sich alle Beteiligten am Prozess der Eisenbahnharmonierung auf die technische Sicht konzentrieren. Selbst dieser Begriff „Eisenbahnharmonierung“ ist ein technischer Begriff. Da kommt der Nutzer, der Bahnfahrer nicht vor. (Zugegeben, in einigen Dokumenten schon, versteckt). Selbst das Dokument RL 2012/34/EU konzentriert sich auf technische Dinge. Gibt es wirklich kein Leitdokument, das die Ziele aus Sicht der Bahnfahrer beschreibt?

Wenn ich nicht zu falsch liege, dann war der Prozess, der zur DSGVO führte ein ganz anderer. Dort wurde das Ziel ausgegeben, etwas für den Datenschutz aus Sicht der Menschen zu tun. Das Ziel war nicht technisch formuliert. Und letzten Endes sind die technischen Aspekte auch nachrangig, wenn das Ziel für die Menschen stimmt. Ingenieure, ob nun bei der Eisenbahn oder in der Informatik, sind geübt darin, solche Ziele gemeinsam, unternehmensübergreifend umzusetzen.

Deshalb freut es mich trotzdem, dass daran gearbeitet wird. Aus meiner, nutzerorientierten, Sicht gibt es einen europäischen Eisenbahnraum aber noch nicht. Dass dieser auch einer technischen Sicht besteht, möchte ich nicht bezweifeln. Zwölf mal von Heilbronn nach Porto umsteigen ist nicht besonders nutzerfreundlich. Das entspricht für mich eher der Vor-PC-Ära, als nur Eingeweihte ein PET 2001 bedienen konnten. Da wundert es mich nicht, dass viele lieber das Flugzeug nehmen und auf der gleichen Strecke nur viermal umsteigen müssen (HN->S Hbf->STR->OPO->Porto).

Update 22.5.23: auch die Tagesschau bemerkt das Problem: Auslandsreisen mit der Bahn sind kompliziert.


Dr. Detlef Stern ist seit ein paar Jahren einer meiner liebsten Gesprächspartner — besonders bei einem guten Kaffee — und auch „Schuld daran“, dass ich Lesepate wurde. 

Im echten Leben ist er Professor für Projekt­management, Electronic Business und Software­entwicklung an der Hochschule Heilbronn. Achtung, seine Begeisterung für Software ist ansteckend, und so nutze ich inzwischen auch seinen Zettelstore. Übrigens, er bloggt selbst unter https://t73f.de.