Windgespräch

Heute darf es einmal ein etwas kürzeres Gedicht sein, das meine Aufmerksamkeit schon sehr früh fand. Noch heute hat es nicht an Aktualität eingebüßt, vielleicht ist es sogar aktueller denn je zuvor. Auf jeden Fall aber dürften inzwischen bekennende Lokalwinde die Minderheit sein.

Christian Morgensterns Humor und Wortwitz dominiert den größten Teil seines Werkes, obwohl er es selbst sehr gerne gesehen hätte, wenn man seine „ernsteren“ Gedichte mehr zur Kenntnis genommen hätte. Aber schon sein tiefgründiger Humor ist weit ernsthafter als es die meisten wohl vertragen.

Deshalb kann es durchaus geschehen, dass man ihn nicht mehr so lustig findet, sobald man sich etwas mehr mit dem jeweiligen Text auseinandergesetzt hat. Das nun folgende Gedicht ist dafür ein gutes Beispiel.

Windgespräch

“Hast nie die Welt gesehn?
Hammerfest – Wien – Athen?”

“Nein, ich kenne nur dies Tal,
bin nur so ein Lokalwind –
kennst du Kuntzens Tanzsaal?”

“Nein, Kind.
Servus! Muß davon!
Köln – Paris – Lissabon.”

Gelesen von Thomas Huber

Besser bekannt ist Christian Morgenstern für seine Galgenlieder, die wohl neben dem Werk von Wilhelm Busch zum Lustigsten gehören, was man bisher in der deutschen Sprache so finden kann, aber auch hierbei gilt, das Ganze mehrfach zu lesen.

 Gelesen von Günther Lüders

Mir persönlich gefallen seine „ernsthafteren“ Gedichte meist mehr; ein Beispiel ist das Folgende.

Die zwei Parallelen

Es gingen zwei Paralellen
ins Endlose hinaus,
zwei kerzengerade Seelen
und aus solidem Haus.

Sie wollten sich nicht schneiden
bis an ihr seliges Grab:
Das war nun mal der beiden
geheimer Stolz und Stab.

Doch als sie zehn Lichtjahre
gewandert neben sich hin,
da wards dem einsamen Paare
nicht irdisch mehr zu Sinn.

War’n sie noch Parallelen?
Sie wußtens selber nicht, –
sie flossen nur wie zwei Seelen
zusammen durch ewiges Licht.

Das ewige Licht durchdrang sie,
da wurden sie eins in ihm;
die Ewigkeit verschlang sie
als wie zwei Seraphim.

Zu diesem Gedicht inspiriert wurde Morgenstern, so wage ich es zu behaupten, von einem Gedicht Conrad Ferdinand Meyers.

Zwei Segel

Zwei Segel erhellend
Die tiefblaue Bucht!
Zwei Segel sich schwellend
Zu ruhiger Flucht!

Wie eins in den Winden
Sich wölbt und bewegt,
Wird auch das Empfinden
Des andern erregt.

Begehrt eins zu hasten,
Das andre geht schnell,
Verlangt eins zu rasten,
Ruht auch sein Gesell.

Wer sich jetzt weitergehender mit Christian Morgenstern befassen möchte, der findet Teile seines Nachlasses im Deutschen Literaturarchiv in Marbach, keine 45 Minuten von Heilbronn entfernt.

„Bist du wütend zähl bis vier, hilft das nicht, dann explodier.“

Wilhelm Busch
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