Beitragsfoto: Lesender Mann | © Pexels, Foto von Tima Miroshnichenko
Die geistig in meinen Vorlesungen anwesenden Studenten versuche ich schon immer für das Lesen zu interessieren. Lesen ist viel intensiver und auch viel produktiver als zuhören; darüber dürften bereits unzählige Menschen geschrieben und noch mehr Vorträge gehalten haben.
Erfreulicher Weise lesen die Menschen in meinem näheren persönlichen Umfeld viel und gerne. Und so kann man wieder einmal Menschen unterscheiden, heute in Leser und Nichtleser.
Was die mir zugeteilten Studenten — von alleine kommen die erst gar nicht auf die Idee, mich zu hören — einfach nicht verstehen wollen, ist, dass man lesen, wie schwimmen lernen und üben muss. Und so wie beim Schwimmen gibt es Mindestvoraussetzungen, die wie inzwischen beim Schwimmen auch völlig ignoriert werden!
Und so zählen heute bei uns längst Nichtschwimmer als Schwimmer und Nichtleser als Leser. Die Zeiten, in denen man als guter Schwimmer oder guter Leser punkten konnte, sind noch viel länger Geschichte.
Inzwischen lesen viele nur noch Buchstaben, ohne dabei die Worte verstehen zu können, von ganzen Sätzen spreche ich schon gar nicht mehr. Und das zwischen den Zeilen Lesen dürfte völlig aus der Mode gekommen sein.
Das Ganze wurde bereits so schlimm, dass professionelle Schreiber (u. a. auch Blogger) inzwischen dazu übergegangen sind, um in Vlog oder auf YouTube einfach nur noch Emoji zu rülpsen — Hauptsache, die Reichweite stimmt, auf die Inhalte kommt es nicht mehr an.
Spätestens ab jetzt dürften wir Leser hier im Blog-Beitrag ganz alleine unter uns sein. Auf alle Fälle aber bin ich bei jedem einzelnen Leser hier mit dabei und für jeden Leser dabei in einer ganz eigenen Form, Art und Weise.
Während Sie und ich diese Zeilen lesen, kommunizieren wir mit dem Schreiber dieser Zeilen, ich dabei mit meinem Schreibenden selbst. Ich bin davon überzeugt, dass das Leseverstehen mit zu unseren klassischen fünf Sinnen dazugehört und dies noch bevor wir von anderen weiteren Sinnen sprechen.
Auch bin ich davon überzeugt, dass das klassische Buch weiterhin die Ultima Ratio für alle Leser ist, selbst wenn immer weniger gute Bücher geschrieben werden sollten — die bisher geschriebene Anzahl an exzellenten Büchern übersteigt schon längst unsere eigenen Kapazitäten.
Künftige geistige und wissenschaftliche Erkenntnisse mögen zwar nur noch in Zeitungsartikeln oder auf Websites publiziert, wobei ich davon ausgehe, dass sich zumindest die wertvolleren Erkenntnisse über kurz oder lang in Büchern finden lassen werden.
Übrigens, wer Bücher lesen kann, der kann auch Bilder, Architektur und Musik lesen. Damit versteht ein Leser die Welt um sich herum ein wenig mehr als der gewöhnliche Nichtleser; bekanntlich lebt ein Leser auch mehrere Leben in einem.
Was nun die Frage aufwirft, warum die Evolution neuerdings die Nichtleser so erfolgreich zu machen scheint? Vielleicht aber verfügen diese neuerdings über einen ganz eigenen, mir noch nicht bekannten Sinn?
Bevor ich mich nun ganz in Wortspielen verliere, beende ich diesen Blog-Beitrag lieber. Nicht aber bevor ich auf einen Buchladen in Tokio hingewiesen habe, der selbst der Tagesschau einen Beitrag wert ist. Ulrich Mendgen schreibt dabei über eine Buchhandlung mit nur einem Buch in Tokio.
Post Scriptum (Der Dank geht an Guido Kühn)





