Adventsgedanken

Adventszeit 2021

Sicherlich werde ich Ihnen nichts Neues berichten, wenn ich Ihnen sage, dass wir uns in sehr schweren Fahrwassern befinden. Vielleicht wird es Ihnen aber neu sein, wenn ich Ihnen sage, dass dies sogar aus einer soldatischen Sichtweise heraus der Fall ist. Das wiederum hört sich bestimmt auch für den friedliebendsten Menschen nicht gerade zuversichtlich an, und ist es auch nicht.

Mich selbst stimmt diese Erkenntnis, und dies gerade bei meinem inzwischen siebzehnten Weihnachtsbrief, nicht froh und lässt mich, nach den 1990er Jahren in Bosnien und den ersten Adventsaufmärschen von Totalitaristen 2014 in Deutschland, nun bereits zum dritten Mal grundsätzlich an der Adventszeit und der dahinterstehenden Idee zweifeln. Relikte des Advents und von Weihnachten selbst, werden wohl nur noch in viel zu wenigen Wohnungen Europas zu finden sein. Das Christentum, die Aufklärung, die Europäische Idee und wahrscheinlich auch die Demokratie an sich, sind nicht mehr die weltbewegenden Konzepte, die sie einmal waren. Aberglaube, Wissenschaftsfeindlichkeit und totalitäre Ideen kommen bei uns immer mehr in Mode und wirken sich auf unser Zusammenleben aus.

Inzwischen streiten wir uns nicht einmal mehr darüber, wie man eine Pandemie in den Griff bekommen kann, sondern darüber, ob es überhaupt eine gibt. Wir ziehen uns an den kleinsten Kleinigkeiten hoch und beißen uns an den allseits so beliebten „Gender-Sternchen“ fest, nur, um nicht die tatsächlichen Probleme unserer Welt in Angriff nehmen zu müssen. Jüngst schreibt unsere Bundespolitik sogar eine uralte föderalistische Forderung halbwegs in das Koalitionspapier, einzig, um bald darauf sagen zu können, „wir sind an diesem Zustand nicht schuld gewesen, wir haben die vergangenen 80 Jahre nicht verschlafen.“

Das wirklich Schlimme daran ist nicht, dass wir Europäer uns nicht einmal mehr über unsere eigenen Werte, Ideen, Verträge und Gesetze einig sind – nicht einmal mehr innerhalb der Bundesrepublik Deutschland –, auch nicht, dass viel zu viele diese überhaupt nicht mehr kennen (wollen), sondern, dass wir Europäer, was die tatsächlichen Probleme dieser Welt angeht, überhaupt keine Rolle mehr spielen.

Weder das Klima oder die Weltwirtschaft noch die Demokratie werden in oder durch Europa gerettet werden. Wir Europäer werden den Rest der Welt (über 90 Prozent!) nur noch so lange interessieren, wie wir für die Ärmsten der Armen als erstrebenswerte, letzte noch mögliche Zufluchtsstätte gelten. Gerade, ganz aktuell, sind oder verlegen hunderttausende gut ausgebildete, gut trainierte, gut bewaffnete und gut ausgerüstete russische Soldaten an die Ostgrenze der EU, und wir fordern derweil Stacheldrahtzäune gegen halbverhungerte Migranten. Ein schöneres Bild über den Zustand Europas kann man dieser Tage wohl nicht malen – und wir alle müssten froh darüber sein, dass über das Wohl und Wehe Europas längst in Washington und Peking entschieden wird.

Das Amüsante daran ist aber nicht, dass es tatsächlich noch Menschen bei uns gibt, die von einer Supermacht Europa träumen, sondern, dass wir Europäer immer erst einmal klären müssen, wer sich an einer Sache bereichern darf und – ganz besonders – wer nicht, bevor wir überhaupt anfangen, uns über Problemlösungen Gedanken zu machen. NEID ist wohl der einzig uns allen gemeinsam verbliebene Wert, jener, der Europa noch zusammenhält – Europa, im NEID geeint.

Da ich inzwischen davon ausgehe, dass ich es nicht mehr selbst erlebe, dass wir Europäer zu einem Motor einer besseren Welt, aber, ganz Optimist, dass uns die US-Amerikaner wieder einmal retten werden, kann ich mich ohne Gewissensbisse jenen Menschen widmen, die, wie Sie, an unserer Europäischen Idee weiterhin festhalten und damit auch an Werten, die immer noch ihre absolute Gültigkeit haben und sich dereinst auch zum Wohle aller durchsetzen werden – es wird dann halt einfach, wieder einmal, etwas länger gedauert haben.

„There is no ideal Christmas; only the one Christmas you decide to make as a reflection of your values, desires, affections, traditions.“

Bill McKibben, Hundred Dollar Holiday: The Case For a More Joyful Christmas

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