Radfahrerin

Radautofahrer 4.5 (11)

Beitragsfoto: Radfahrerin | © Pixabay | San Francisco
Dieser Beitrag erschien zuerst auf Detlef Sterns Blog

Zu Beginn der übliche Disclaimer: ich bin multimodal unterwegs. Gerne gehe ich zu Fuß. Wenn es sein muss, dann nutze ich mein Auto. Am liebsten fahre ich Autobahn und Serpentinen. Bedeutet aber nicht, dass ich gerne Auto fahre. Ist eher so ein Von-A-nach-B-Ding. Als in einer echten Großstadt Aufgewachsener ist für mich der ÖPNV etwas ganz Selbstverständliches. Und spätestens als Gymnasiast wurde ich zum Alltagsradler. Seit knapp einem Jahr zusätzlich mit Kraft der Elektrochemie, sogar vom Dienstherrn gefördert. Ich bin definitiv kein leidenschaftlicher Radfahrer, meine Fahrleistung wird so um die 1000–2000 km pro Jahr sein. Wenig, aber relativ regelmäßig.

Warum schreibe ich das? Ich bin kein Fahrradaktivist, auch wenn ich mit manchen Organisationen hier und da übereinstimme. Ich bin auch kein Füßgängeraktivist, kein ÖPNV-Aktivist, kein Auto-Aktivist, auch wenn ich mehr oder minder häufig mit den dazu passenden Organisationen übereinstimme.

Ich finde diese Regelung, dass Autos Radfahrer nun mit einem Mindestabstand überholen müssen, beispielsweise ganz gut. Auch wenn sich gefühlt viele Fahrerinnen von Premiumsvorfahrtsflatratemarken sich nicht daran halten und gerne das Verkehrszeichen 277.1 ignorieren. Manchmal auch der eine oder andere Lieferwagen oder eines der hiesigen ÖPNV-Fahrzeuge nicht. Deren fehlende Bildung ist aber ein ganz anderes Problem.

So ein Auto hat innerorts grob die zwei- bis dreifache Geschwindigkeit wie ich als Radfahrer vom vielfachen Impuls ganz zu schweigen. Außerorts ist es gerne der Faktor sechs, auch wenn ich nicht immer verstehe, weshalb auf manchen Sträßchen überhaupt 100 km/h erlaubt sind. Geschenkt. Ich bin über den Mindestabstand froh.

Vergleicht man den Geschwindigkeitsunterschied aber einmal mit dem zwischen Fahrrad und Fußgänger, dann kommt man auf ganz andere Faktoren. Da ist innerorts schnell der Faktor fünf erreicht. Dank Kraft der Elektrochemie fahren viele mit 25 km/h vorbei an jenen, die leicht flott mit 5 km/h zu Fuß unterwegs sind. Gassigehende bekommen es mit Faktor acht zu tun. Und ich rede hier nicht einmal von den Kampfradlern, die gerne mal auf ihrem Rennrad mit mehr als 35 km/h durch Fußgängerzonen brezeln und sich dann über Autofahrer beschweren, die nicht schnell genug auf dem Zebrastreifen anhalten und sie nicht durchlassen. Zumal diese gerne vergessen, dass es sich dabei um einen Fußgänger(!)überweg handelt, nicht um einen Radfahrerüberweg.

Warum gibt es hier keinen Mindestabstand? Nur wegen des geringeren Impulsunterschieds? Wirklich?

Es gibt noch eine andere Art von Kampfradlern. Das sind häufig jene, die sich schon als Auto einen Kampfwagen aka SUV zugelegt haben. Oder es planen. Diese Zeitgenossen (und -innen) fahren in ihrer Freizeit natürlich ähnlich gepanzert wie ein Footballspieler ein elektrisch angetriebenes Fahrrad, vorzugsweise ein Mountainbike, natürlich in der Stadt oder im stadtnahen Umfeld. Besonders gerne auch im Urlaub. Sie sind deshalb gepanzert, weil ihr Gefährt sie beherrscht. Und dank der Panzerung ist es ihnen gleichgültig, dass sie bergab gerne mit 40-50 km/h gefühlt millimeterweise an Fußgängern vorbei düsen. Letztens an einem dahinspazierenden Kindergarten beobachtet. Zum Glück hatten wenigstens die Kinder etwas Disziplin.

Wird auf einen Mindestabstand zwischen Radfahrer:innen und Füßgänger:innen verzichtet, weil diese Gruppe an Kampfradlern besonders ignorant erscheint? In vielen Situationen denke ich mir, dass die Evolution einem normalerweise hilft. Sollte der selbst ernannte Querdenkende zum Querfahrenden werden, dann ist es schnell aus mit dem Querdenken. Aber in diesem Fall hilft die Evolution den Ignoranten.

Wie schon angedeutet, hat das alles mit einer Art Aufrüstung zu tun. Autos werden immer stabiler, auch um gegen andere Autos bestehen zu können. Andere Verkehrteilnehmer rüsten nach. Jede ist auf ihrem individuellen Vorteil bedacht, jeder auf seinem. Anders lässt sich dieser Wahnsinn für mich nicht erklären. Nächste Evolutionsstufe ist mutmaßlich der Transportpanzer. Wären da nur nicht die hohen Treibstoffkosten.

In jeder Gruppe von Verkehrsteilnehmern gibt es genügend viele, die nicht angemessen teilnehmen. Menschen, die meinen, der Weg gehöre ihnen. Leider regelt das weder „der Markt“ noch die Evolution. Diejenigen, die es regeln könnten, sind offenbar eingebunden in die selbstgeschaffene Bürokratie. Dabei ist das alles nicht kompliziert, gibt es schon lange im Arbeitsschutz. Nur dass Verkehr wohl nicht unter die Arbeit fällt:

  1. Gefahr vermeiden
  2. Gefahr ersetzen
  3. Menschen von der Gefahr isolieren
  4. Änderung des Verhalten
  5. Schutzausrüstung

Nicht das Letzte zuerst, btw.


Detlef Sterns reMarkable

reMarkable 4.5 (8)

Beitragsfoto: Detlef Sterns reMarkable

Seit mehr als 15 Jahren gibt es sie, seit etwas mehr als 10 Jahren werden sie von vielen genutzt: E-Book-Reader. Auf Basis von elektronischem Papier können damit viele Inhalte gelesen werden, ohne dass diese zu sehr ins Gewicht fallen. Auf diesen Geräten finden locker hunderte Bücher in Form von Dateien Platz, was nicht nur für die Urlaubszeit genutzt wird. Der Akku hält meist Wochen durch, was bei Smart Phone und Smart Watch fast schon utopisch ist. Für eine große Gattung an Texten sind E-Book-Reader ein recht bequemes Gerät. Natürlich hat alles seinen Preis. Der Begriff elektronisches Papier signalisiert, dass es auch andere Geräte geben könnte.

Von Papier wird nicht nur gelesen. Manche nutzen es auch zum Schreiben. Tatsächlich ist das Schreiben eine der besonderen Kulturtechniken, mit der das eigene Denken gefördert wird. Zugleich bedeutet Schreiben die Kommunikation von Gedanken, Ideen, Erkenntnissen. Etwas, das mit der täglichen Social-Media-Routine droht verloren zu gehen. Die Segnungen, manchmal auch die Wirrungen, des Fortschritts wären ohne Schreiben, ohne funktionierendes gesellschaftliches Gedächtnis, nicht möglich.

Schreiben ist wichtig.

Zugleich wird vieles erst durch Digitalisierung zugänglich. Da stellt sich die Frage, wie eigene Notizen, Kritzeleien, Skizzen, Texte erst einmal einem selbst und später ggf. auch anderen zugänglich gemacht werden können.

Bei reinen Texten scheint es noch einfach. Dafür gibt es Computer, Tastaturen und Texteingabesoftware. Manche nutzen dafür eine eigene Formatierungssprache, andere verlassen sich auf ein Textverarbeitungsprogramm. Doch so einfach ist es nicht. Eine Tastatur mag geeignet sein, um reine Fließtexte herunterzuschreiben, Es geht dort nur vorwärts, weniger zurück, und kaum diagonal oder gar kreisförmig. Nein, eine Tastatur ist kein Ersatz für Papier, wenn es auf das Denken ankommt.

Es gibt eine Vielzahl an Produkten, welche die Bewegungen des Stifts auf einem Papier digital erfassen und daraus das Geschriebene, Gemalte, Gekritzelte rekonstruieren. Für gute Ergebnisse ist der Aufwand erheblich. Mal benötigt man spezielles Papier. Natürlich nicht ganz billig. Von irgendwas muss der Hersteller leben. Mal muss man alles speziell ausrichten. Wer dann immer einen genügend großen Tisch zur Verfügung hat, genügend Zeit fürs Einrichten, der hat wohl auch genügend Muße, um sich von dem ganzen Gedöns nicht ablenken zu lassen. Ich nicht.

Man könnte auch einen Scanner nutzen, ggf. sogar das Smart Phone, um das zu Papier Gebrachte einzulesen. Manche kommen damit gut klar. Ich nicht. Da fliegen zu viele Textfotodateien, Textscandateien herum, die man erst mal organisieren muss. Und ich muss Papier, Bleistift, Radiergummi, Lineal und wer weiß was noch mitnehmen.

Ein Tablet! Das universelle Allzweckwerkzeug des modernen Menschen. Für alles gibt es eine App, viele Tablets bieten eine Stifteingabe. Damit ist das Tablet mehr als eine Internetfernbedienung. Das wäre es doch, oder?

Leider nicht. Tablets sind optimiert, damit darauf herumgewischt werden kann. Das kann jedes Baby, wörtlich gemeint. Mehr Qualifikation ist nicht nötig. Schreiben ist mehr als Wischen. Die Stifte von Tablets rutschen gerne auch der Oberfläche herum. Im Hintergrund warten zudem jede Menge andere Anwendungen darauf, den Nutzer mit vermeintlich wichtigen Nachrichten zu informieren. Und zur Not lenke ich mich selbst ab, indem ich mal eben etwas nachsehe, anstatt selbst zu denken. Und der Akku ist auch immer wieder leer.

Was ich (und viele andere) benötigen, ist das Pendant eines E-Book-Readers: ein E-Writer.

Ein E-Writer nutzt ebenfalls elektronisches Papier, so dass der Akku erst nach Wochen nachgeladen werden muss. Die Schreiboberfläche ist minimal leicht angeraut, so dass es sich (fast) anfühlt, als schreibe man auf Papier. Leuchtet normales Papier? Genau, ein E-Writer muss keine Hintergrundbeleuchtung haben, höchstens eine ganz dezente. Erscheinen auf dem Papier unmotiviert irgendwelche Post-its? Genau, ein E-Writer unterbricht nicht, hat keine nervenden Hintergrund-Apps. Soweit das haptisch praktische.

Aktuell gibt es zwei Geräte, die all dies (und noch einiges mehr) leisten.

Etwa seit dem Jahreswechsel 2022/2023 gibt es den Kindle Scribe von Amazon. Ein E-Book-Reader, mit dem man auch schreiben kann. Fokus ist das Lesen. Man schreibt, um sich Notizen zum gerade gelesenen Inhalt zu machen. Amazon hat die eine oder andere fehlende Funktionalität nachgeliefert und wird das mutmaßlich weiter tun.

Anfang 2023 wurde von Lenovo ein Gerät mit Namen Smart Paper angekündigt. Dabei ist es bisher geblieben. Auch von anderen Herstellern gibt es Android-basierte Tablets mit elektronischem Papier. Diese können eher zu viel und das nicht richtig. Es sind keine E-Writer im obigen Sinn.

Seit 2020 gibt es die zweite Version des reMarkable. Die erste Version, entstanden via Crowdfunding, war mir etwas schwachbrüstig. Die Zeitläufte im Frühjahr 2020 waren für mich Grund genug, das Gerät nach der Ankündigung vorzubestellen. Geliefert wurde es einige Monate später. Grund: die Zeitläufte.

Natürlich ist das Gerät purer Luxus. Grob 400 Euro für etwas, dass zunächst nicht zu viel mehr kann als ein Stapel Papier, das ist nicht ohne. Für das Geld lassen sich locker 30.000 Blatt Papier kaufen. Dank meiner relativ privilegierten Situation entschied ich mich für das Experiment. Es geht ja nicht nur um Quantität.

Auf einer technischen Ebene ist das reMarkable ein Linux-basierter Computer, mit WLAN, Display und Stifteingabe. Über eine USB-C-Schnittstelle kann man eine IP-Verbindung mit dem Gerät aufbauen und sich in diesen Computer einloggen. Dann steht einem die ganze Linux-Welt offen. Selbst den Zettelstore habe ich dort zum Laufen bekommen. Wer ein wenig recherchiert, findet viele Erweiterungen, bis hin zu einer neuen Oberfläche. Genug mit technischen Details.

Wie schreibt es sich? Wunderbar. Der Stift besitzt austauschbare Spitzen, die über das leicht raue Display reiben und sich wohl im Laufe der Zeit abnutzen sollen. Bisher musste ich noch keine Spitze tauschen. Das liegt aber auch daran, dass ich alternative Stifte verwende. Mir gefällt besonders der Staedtler Noris digital jumbo, der gut in meiner Hand liegt. Dieser haftet zwar nicht magnetisch wie der Originalstift, macht aber nichts. Das magnetische Haften ist sowieso nur ein Gimmick.

Seither ist mein Papierbedarf drastisch gesunken.

Es geht aber nicht nur um quantitatives, wie Anzahl der virtuellen Stifte, deren virtuellen Stärke, Farbe, der Anzahl nützlicher Templates, und so weiter. In der Praxis nutze ich nur wenige dieser Varianten. Das gilt auch für die graphischen Ebenen, die wohl eher für Personen relevant sind, die damit intensiv zeichnen wollen und können. Hilfreich, wenn man es hat, aber nicht entscheidend. Das gilt für auch für die Synchronisation von Inhalten mit Google Drive, bzw. Dropbox. Ich nutze die Synchronisation mit Hilfe der Herstellerdienste. Für Windows, macOS, iPadOS, Android gibt es Client-Software, welche die Inhalte darstellen kann. So habe ich alle Inhalte in vielen Situationen parat.

In Zeiten der Digitalisierung gilt es immer wieder, PDF-Formulare auszufüllen. Leider haben nicht alle genügend Fähigkeiten, solche PDF-Dateien geeignet zu erstellen. Mal lässt sich so ein PDF-Formular nur per Windows / Adobe-Software ausfüllen, mal nur unter macOS. Mal lässt sich ein Eingabefeld nicht ausfüllen, mal würde man gerne eine Graphik einfügen. Das Web-0.8-Ländle ist überall. Da hilft der reMarkable: PDF über die Client-Software mit dem reMarkable synchronisieren, dort alles mit dem Stift ausfüllen und zurück synchronisieren. Fertig.

Den eigentlichen Vorteil des reMarkable gegenüber Papier habe ich erst nach einiger Zeit zu schätzen gelernt. Ganz banal: man kann Texte nicht nur löschen, sondern auch (Trommelwirbel) verschieben. Einfach einen Bereich auswählen und schon kann dieser auf dem virtuellen Papier verschoben werden, ggf. auch in andere Dokumente. Das hilft bei Layoutfragen, Umformulierungen, nach dem Löschen von Texten, you name it. Mit echtem Papier bräuchte es eine Schere und viel Klebstoff. So kann ich zum Beispiel nach dem Mitschreiben in Ruhe den Text / Inhalt in die angemessene Reihenfolge für ein Besprechungsprotokoll bringen. Als PDF exportieren, fertig. So entstehen auch meine Mitschriebe der diversen Zettelkastenrunden, die ich kurz nach Ende der Runde in die Welt tweete bzw. tröte. Dann natürlich als PNG exportiert.

Während beim Kindle Scribe das Lesen im Fokus steht, ist es beim reMarkable das Schreiben. Sprich, man kann damit auch Texte lesen und annotieren. Das funktioniert leidlich gut, liegt aber auch an der Größe / Kleinheit des reMarkable. Eine DIN-A4-Seite passt dort nur verkleinert hinein, wie übrigens bei so gut wie jedem Gerät mit elektronischen Papier. Man kann zwar mit Fingergesten in den Text hineinzoomen, aber das funktioniert bei Tablets besser.

Während sich seitens des Herstellers in den Jahren 2021 und 2022 eher wenig tat, es eher immer wieder kleine Verbesserungen gab, hat sich dies mit dem Erscheinen des Kindle Scribe geändert. Viele Funktionen werden in vielen Details verbessert. So ist nun die Papiergröße nicht mehr auf die Größe des reMarkable beschränkt. Die Texterkennung funktioniert nicht nur per Mail, vielmehr kann der Text auf einer separaten Seite angelegt werden. Man kann das Schreiben live an andere übertragen, was z. B. in virtuellen Schulungen nützlich sein kann. Die Client-Software auf mobilen Geräten erlaubt es nun, Text (d. h. kleine Notizen) ohne den reMarkable zu erstellen. Mit der herstellerseitigen Synchronisation können nun die Inhalte auch per Webbrowser abgerufen werden. Wer mag, der kann sogar nun eine Tastatur an den reMarkable anklipsen. Ein gutes Beispiel dafür, das Konkurrenz das Geschäft belebt.

Ich habe den reMarkable auch deshalb gewählt, weil er sich ganz ohne Dienste des Herstellers betreiben lassen kann. Ein Kindle ohne Amazon ist wie ein Tolino ohne der von den Buchhändler betriebenen Cloud. Man ist auf externe Software wie Calibre angewiesen. Wie schon oben beschrieben: man kann den reMarkable über die USB-C-Schnittstelle mit einem Computer verbinden. Nun kann man vom einem Webbrowser aus die IP-Adresse des reMarkable angeben und der gesamte Inhalt lässt sich rein lokal synchronisieren. Würde mich nicht wundern, wenn das nicht schon jemand automatisiert und das als Open-Source-Software freigegeben hat.

Zusammenfassung

Mir hilft der reMarkable. Ja, zuerst sieht es so aus, als sei es ein reines Luxusgerät. Das ist es wohl auch in Teilen. So wie ein Smart Phone für 800 Euro ebenfalls Luxus ist. Tatsächlich ist die Nutzung sehr intuitiv. Viele meiner interessanteren Gedanken konnte ich mit dem Gerät signifikant vertiefen. Ungestört von irgendwelchen Apps, die zunächst im Hintergrund um meine Aufmerksamkeit buhlen. Eine Notiz hier, ein Fragment da. Und alles lässt sich im Nachgang zu einem Dokument zusammenfügen. Ade Schere, Klebe, Kopiergerät, Tesafilm, Post-its. Dank sinnvoller Synchronisation sind die Inhalte auch dann verfügbar, wenn ich den reMarkable nicht dabei habe. Im positiven Sinne: Schreiben pur.

Wer schreibt, der bleibt.


Zug in Wien

Europa mit der Bahn erleben 4.8 (4)

Beitragsfoto: Eisenbahn in Wien | © Pixabay

Heinrich Kümmerle macht auf die Initiative DiscoverEU der Kommission aufmerksam und fordert darüber hinaus, dass man innerhalb der Europäischen Union zumindest von jedem Hauptbahnhof aus, ein Bahnticket an jeden anderen Bahnhof kaufen können muss. Und dies mit einer Transportgarantie verbunden, die sicherstellt, dass man ohne Mehrkosten und notfalls mit jeder Bahngesellschaft sein gebuchtes Ziel auch erreicht; als plakatives Beispiel soll die Fahrt von Heilbronn nach Porto dienen.

Ich begrüße eine solche Initiative hin zu mehr Nachhaltigkeit bei Reisen (vom Komfortgewinn ganz zu schweigen). Persönlich war eine Inspiration für mich der Artikel Hochgeschwindigkeitszüge zerstören das europäische Bahnnetz. Nach dem, zugegeben reißerischen, Titel werden die Probleme des heutigen Bahnverkehrs gut herausgearbeitet.

Man kann sicher gerne streiten, ob ein ICE nicht doch eine tolle Möglichkeit ist. Besonders, wenn man in der Nähe von Verkehrsknoten der Bahn wohnt. Da bevorzuge ich sechs Stunden Fahrt mit dem ICE von München nach Hamburg ganz klar gegenüber den früheren 10 Stunden mit dem IC. Ebenso ist es zu diskutieren, ob man es sich leisten möchte, dass eine Stadt wie Heilbronn maximal verkrüppelt ans Bahnnetz angebunden ist. Oder dass in manchen Gegenden ein Alibi-ÖPNV geboten wird, wenn dort Busse viermal am Tag fahren.

Ich kann mich noch gut an meine Kindheit erinnern, als ich in mit meiner Mutter meine Urgroßmutter mit dem Nahverkehr besuchte. Wir mussten pro Richtung drei (!) Fahrkarten kaufen, damit wir am Ziel ankamen. Start- und Zielpunkt lagen in Hamburg, ca. 12 km Luftlinie voneinander entfernt. Wir mussten zuerst eine Fahrkarte für den Bus lösen, dann eine für die S-Bahn und dann eine für den Bus eines anderen Busunternehmens. Natürlich waren die Fahrpläne nicht aufeinander abgestimmt, was mir in den Sommermonaten ein „Warte-Eis“ bescherte.

Zum Glück gibt es heute Verkehrsverbünde.

Diese Verkehrsverbünde sind de facto „föderal“ organisiert. Natürlich ist die Gesellschaftsform eine andere, aber dort schließen sich selbständige Transportunternehmen unter einem gemeinsamen Dach zusammen, um gemeinsam für die Kunden ein besseres Angebot zu machen.

Die Situation beim europäischen Bahnverkehr ist kaum anders als in Hamburg (und vielen anderen Gebieten) vor der Gründung des Verkehrsverbundes.

Will ich von Heilbronn mit dem ÖPNV nach Porto reisen, muss ich 12mal umsteigen und nehme die Dienste von 4-5 Transportunternehmen in Anspruch. Vielleicht kann ich manche der 13 Tickets gemeinsam buchen, aber eher nicht alle auf einmal. Was mache ich, wenn es mit einem Betreiber Probleme gibt, zum Beispiel weil alle Plätze ausgebucht sind? Schon gebuchte Tickets der vorigen Etappen zu stornieren kostet wenigstens Aufwand, manchmal auch mehr.

Die Umsteigezeiten reichen von 6 Minuten bis hin zu 5 Stunden. Die 6 Minuten in Karlsruhe sind eindeutig zu kurz. Wüsste ich das nicht, würde ich den TGV nicht mehr erreichen. Da ich dort die Fahrt nicht angetreten habe, gibt es auch keine Entschädigung für die Fahrt(en). Also nochmal Tickets kaufen, vorausgesetzt ich habe noch Geld. Warum die 5 Stunden? Oh, in der Nacht fährt kein Zug. Warum eigentlich nicht? (Antwort: siehe obig angeführten Artikel). Wenn ich die Nacht nicht auf dem Bahnsteig verbringen möchte, brauche ich ein Hotel. Aber für 5 Stunden? Wenn die vorherige Zug 3 Stunden Verspätung hat, dann brauche ich das Hotel auch nicht. Und extra einen Aufenthaltstag in Perpignan am Mittelmeer einzulegen, will man vielleicht nicht.

Warum gibt es eigentlich keinen europäischen, föderalen Verkehrsverbund? Naiv, wie ich manchmal bin, wäre das doch ein tolles Projekt, von dem alle in (EU-) Europa etwas direkt haben, das eine riesige Signalwirkung besäße. Dabei sollte das nicht riesig viel kosten, bestimmt weniger als ein immer noch in Bau befindlicher Flughafen südlich von Berlin, ein Konzertsaal in Hamburg oder der Tunnelbau in Stuttgart. Man müsste „nur“ auf eine Vereinheitlichung der Abläufe hinwirken, auf eine Abstimmung der nationalen Transportgesellschaften untereinander (die zudem häufig im Besitz der Staaten sind). Und dann kann man eine Transportgarantie vereinbaren, wie es sie teilweise national schon gibt, wie auch für den Flugverkehr.

Dann hätten alle Menschen, die in der EU leben, etwas davon, nicht nur jungen Menschen, denen ich das aktuelle Angebot gönne. Dann könnte man viel einfacher durch Europa reisen, einfacher andere Menschen kennen lernen. Und man weiß zu schätzen, was Europa für uns sein kann.


Ergänzung zu Christian Moos’ Einwand

„Mit den europäischen Eisenbahnpaketen https://www.eba.bund.de/DE/RechtRegelwerk/EU-Recht/eu-recht_node.html ist da bereits viel passiert. Die Harmonisierungstendenz ist da, Koordinierung so und so. Es ist ja nicht so, dass man in normalen Zeiten nicht gut mit der Bahn von einem EU-Land ins andere kommt. Den europäischen Eisenbahnraum gibt es also schon. Allerdings könnte das attraktiver formuliert, beworben werden. Jedenfalls sobald das Reisen wieder geht.“

Christian Moos, Generalsekretär der EUROPA-UNION Deutschland (22. April 2020, 11:02 Uhr)

Danke für den Link, war mir neu. Es freut mich auch zu erfahren, dass es allererste Harmonierungsansätze gibt. Wenn ich die ganzen Unterlagen als Nicht-Jurist richtig verstehe, bewegt man sich, neben der allgemeinen Absichtserklärung (RL 2012/34/EU) eher auf dem Gebiet, die unterschiedlichen Eisenbahnsysteme überhaupt kompatibel zu machen.

Gestatten Sie mir bitte eine Analogie. Ich bin Informatiker (das als Entschuldigung / Erklärung).

Bezogen auf einen zukünftigen Markt für Personalcomputer befinden wir uns danach noch in der Vor-PC-Ära, als es Systeme wie den Apple II, den Commodore PET 2001 oder den TRS-80 gab. Dieser Markt zeichnete sich dadurch aus, dass die Geräte so gut wie nicht kompatibel waren. Ein gemeinsames Betriebsssystem (ob nun DOS oder Windows) war noch nicht denkbar. Wenn ich also die Unterlagen richtig verstehe, muss erst noch auf Schaltkreisebene (Eisenbahnschienen, Strom, -Abrechnungen, …) eine Vereinheitlichung geschaffen werden, damit überhaupt so etwas wie ein (damals) offener IBM-PC denkbar wird. Und dann muss sich erst ein Betriebssystem durchsetzen. Damit ein PC überhaupt nutzbar ist, muss dann Anwendungssoftware existieren, wie z.B. Office-Produkte. Und dann müssen auch diese Produkte zusammenarbeiten, damit auch unerfahrene Nutzer etwas davon haben.

Natürlich hinken solche Analogien immer.

Bei so gut wie allen Produkten gibt es mindestens zwei Sichtweisen: die der technischen Umsetzung und die des Kunden. Den meisten ist es relativ egal, wie ein Computer technisch funktioniert, Hauptsache er funktioniert. Mir als Bahnfahrer ist es relativ egal, wie der Zugverkehr technisch funktioniert, Hauptsache er funktioniert. Wie die Transportunternehmen abrechnen, wie das mit dem Strom funktioniert, … ist alles sicher essentiell wichtig. Mir aber egal. Ich möchte mein Ticket von Heilbronn nach Porto buchen. Und ich möchte bequem und sicher dorthin unterwegs sein. Ich möchte einen (!) Ansprechpartner haben, wenn etwas schief läuft. Ich will nicht von einem Unternehmen an das andere verwiesen werden. Mit einem Wort: Kundenorientierung.

Natürlich funktioniert das auch nicht immer beim PC. MS Word arbeitet nicht mit einem Medienplayer eines anderen Herstellers zusammen? Pech gehabt.

Für mich sieht es so aus, als würden sich alle Beteiligten am Prozess der Eisenbahnharmonierung auf die technische Sicht konzentrieren. Selbst dieser Begriff „Eisenbahnharmonierung“ ist ein technischer Begriff. Da kommt der Nutzer, der Bahnfahrer nicht vor. (Zugegeben, in einigen Dokumenten schon, versteckt). Selbst das Dokument RL 2012/34/EU konzentriert sich auf technische Dinge. Gibt es wirklich kein Leitdokument, das die Ziele aus Sicht der Bahnfahrer beschreibt?

Wenn ich nicht zu falsch liege, dann war der Prozess, der zur DSGVO führte ein ganz anderer. Dort wurde das Ziel ausgegeben, etwas für den Datenschutz aus Sicht der Menschen zu tun. Das Ziel war nicht technisch formuliert. Und letzten Endes sind die technischen Aspekte auch nachrangig, wenn das Ziel für die Menschen stimmt. Ingenieure, ob nun bei der Eisenbahn oder in der Informatik, sind geübt darin, solche Ziele gemeinsam, unternehmensübergreifend umzusetzen.

Deshalb freut es mich trotzdem, dass daran gearbeitet wird. Aus meiner, nutzerorientierten, Sicht gibt es einen europäischen Eisenbahnraum aber noch nicht. Dass dieser auch einer technischen Sicht besteht, möchte ich nicht bezweifeln. Zwölf mal von Heilbronn nach Porto umsteigen ist nicht besonders nutzerfreundlich. Das entspricht für mich eher der Vor-PC-Ära, als nur Eingeweihte ein PET 2001 bedienen konnten. Da wundert es mich nicht, dass viele lieber das Flugzeug nehmen und auf der gleichen Strecke nur viermal umsteigen müssen (HN->S Hbf->STR->OPO->Porto).

Update 22.5.23: auch die Tagesschau bemerkt das Problem: Auslandsreisen mit der Bahn sind kompliziert.


Dr. Detlef Stern ist seit ein paar Jahren einer meiner liebsten Gesprächspartner — besonders bei einem guten Kaffee — und auch „Schuld daran“, dass ich Lesepate wurde. 

Im echten Leben ist er Professor für Projekt­management, Electronic Business und Software­entwicklung an der Hochschule Heilbronn. Achtung, seine Begeisterung für Software ist ansteckend, und so nutze ich inzwischen auch seinen Zettelstore. Übrigens, er bloggt selbst unter https://t73f.de.