Sinnierende Frau

Zeit für ein Gedicht 5 (2)

Beitragsfoto: Sinnierende Frau | © Pixabay

Rainer Maria Rilke ist immer eine gute Quelle, wenn man nach Gedichten sucht. Heute soll es eines sein, welches von ihm am 8. Januar 1898 geschrieben wurde und aus seinem Gedichtband „Mir zur Feier“ (1899) stammt; seiner systematischen Betrachtung der menschlichen Innenwelt.

Du musst das Leben nicht verstehen

Du musst das Leben nicht verstehen,
dann wird es werden wie ein Fest.
Und lass dir jeden Tag geschehen
so wie ein Kind im Weitergehen von jedem Wehen
sich viele Blüten schenken lässt.

Sie aufzusammeln und zu sparen,
das kommt dem Kind nicht in den Sinn.
Es löst sie leise aus den Haaren,
drin sie so gern gefangen waren,
und hält den lieben jungen Jahren
nach neuen seine Hände hin.

Rainer Maria Rilke, 1898

Sein erster bekannterer Gedichtband, das Stunden-Buch aus dem Jahr 1905, kann man heute in Marbach bestaunen. Das Stunden-Buch besteht aus insgesamt drei Büchern, alle mit Gedichten die zwischen 1899 und 1903 entstanden sind.

Zum Schluss des Beitrags noch mein Lieblingsgedicht von Rilke.

Der Panther
Im Jardin des Plantes, Paris

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf . Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille —
und hört im Herzen auf zu sein.

Rainer Maria Rilke, 1903

Erinnerungen: Spaghetti-Harvest in Ticino

„Tout ceci mène à une réflexion. Les républiques finissent par le luxe ; les monarchies par la pauvreté.

Charles de Montesquieu, De l’esprit des lois (1748: 199 – livre VII, chapitre Iv)

Und beides verbindet der ICE von Berlin nach Hamburg …


Silence Cover

Silence 5 (5)

Beitragsfoto: Cover Foto | © Sebastian Schaffer

Lieder von Sebastian Schaffer finden meine Leser schon etwas länger auf dem Weblog. Sein jüngster Song hat nun aber dazu geführt, dass ich einen eigenen Blog-Beitrag schreibe.

Das Lied „Silence“ handelt vom Schweigen auf dieser Welt und dem langen Hadern mit sich selbst, so lange, bis man seine eigene Stimme gefunden hat. Der metaphorische Text lässt Platz für Interpretation.

Silence

I heard the sound of scraping strings with angel wings 
Is it worth faking?

And still you think I cherish words 
But this is where you’re mistaken

Shameful guidance through these
Moments of silence 
These delusions savor truth
I’m divided into 
Unbound defiance 

Still my silence comforts you 

I can’t believe I used to sleep so long 
With this devotion 
In tenderness I worshiped it 
Still poisoning my emotion
We famish stalemate
And I can relate 
Still I will embrace 
The sound of the voiceless truth 
You know they’re choiceless too

Shameful guidance through these
Moments of silence 
Sweet delusions savor truth
I’m divided into 

Unbound defiance 
Still my silence comforts you

These words I can’t replace 
The silence I now taste is new (to you)
And every word is weight 
Relishes the bate I threw 
The silence is coming 
The silence is coming 
It’s coming for you 

Shameful guidance through these (my shameful guidance)
Moments of silence 

Sweet delusions savor truth 
(Moments of silence, my silence it gives me guidance)
I’m divided into 
(Oh I’m divided)
Unbound defiance 
Still my silence comforts you
(Moments of silence, my silence, my silence)

Sebastian Schaffer

Nachdem die Melodie des Refrains sich eines Tages in Sebastian Schaffers Kopf verirrte, sang er sie direkt als Sprachmemo auf seinem Mobiltelefon ein. Monatelang unberührt, nahm er sich eines Tages dieser Melodie wieder an und packte eine Synthesizer Fläche darunter. Innerhalb kürzester Zeit entstand der komplette Song und Sebastian vervollständigte das Lied mit Klavier, Schlagzeug, Streichern, Bass und einem Gesangsarrangement. 

Am 18. November 2022 veröffentlichte Sebastian seine erste Single „Poets“, begleitet von einem Musikvideo, welches zum Träumen verführt. Ich habe auch diesen Song auf dem Weblog eingebunden. Sein Lied „Poets“ handelt davon, als Mensch einen Platz in dieser Welt zu finden, und wie wir uns dazu treiben lassen, unzufrieden zu sein, und dies, obwohl wir doch alles haben — ergo, um die ungestillte Sehnsucht nach mehr, was immer dies auch sein mag.

Sebastian Schaffer feierte seine ersten Erfolge als Sänger der Band Dream Casino. Diese spielte Alternative Rock. Als sich die Gruppenmitglieder 2018 entschlossen, unterschiedliche Wege zu gehen, begann Sebastian seine Solokarriere. Dazu baute er sich ein eigenes Studio auf und lernte nach und nach die einzelnen Schritte des Produzierens. Als Multiinstrumentalist (Klavier, Gitarre, Bass, Gesang) schreibt er alle seine Lieder selber und arrangiert die jeweilige Instrumentalisierung sowie das Vokalarrangement. 

Mir gefallen seine bisherigen Lieder und auch seine Coverversionen sehr und deshalb mache ich heute ein wenig Werbung für dieses neue Lied.


Sinnierende Frau

Gedicht zum Abend 4 (3)

Beitragsfoto: Sinnierende Frau | © Pixabay

Zum Abend einfach einmal ein Gedicht von Ludwig Uhland. Viele kennen noch die Uhlandslinde. Vor mehr als 120 Jahren vom damaligen Verschönerungsverein errichtet, ist die Uhlandslinde noch heute einer der schönsten Aussichtsplätze auf Heilbronn. Wobei ich mich bis heute frage, warum es keine Ulme war.

Ulmenbaum

Zu Hirsau in den Trümmern,
Da wiegt ein Ulmenbaum
Frischgrünend seine Krone
Hoch überm Giebelsaum.

Er wurzelt tief im Grunde
Vom alten Klosterbau,
Er wölbt sich statt des Daches
Hinaus in Himmelsblau.

Weil des Gemäuers Enge
Ihm Luft und Sonne nahm,
So trieb’s ihn hoch und höher,
Bis er zum Lichte kam.

Es ragen die vier Wände,
Als ob sie nur bestimmt,
Den kühnen Wuchs zu schirmen,
Der zu den Wolken klimmt.

Wenn dort im grünen Tale
Ich einsam mich erging,
Die Ulme war’s, die hehre,
Woran mein Sinnen hing

Wenn in dem dumpfen, stummen
Getrümmer ich gelauscht,
Da hat ihr reger Wipfel
Im Windesflug gerauscht.

Ich sah ihn oft erglühen
Im ersten Morgenstrahl;
Ich sah ihn noch erleuchtet,
Wann schattig rings das Thal.

Zu Wittenberg im Kloster
Wuchs auch ein solcher Strauß
Und brach mit Riesenästen
Zum Klausendach hinaus.

O Strahl des Lichts, du dringest
Hinab in jede Gruft!
O Geist der Welt, du ringest
Hinauf in Licht und Luft!

Ludwig Uhland, 1829

Richard Strauss vertonte das Gedicht 1899. Uhlands Ulme in Hirsau wurde übrigens 1989 gefällt. Und der 1863 gegründete Verschönerungsverein, den manche noch als Verkehrsverein Heilbronn kennen, und welcher anfangs für die Uhlandslinde verantwortlich war, wird demnächst als Verein „Blühendes Heilbronn“ sicherlich wieder Bäume, wenigstens aber Blumen, pflanzen. Dafür sorgen schon die Mitglieder des Freundeskreis der Bundesgartenschau Heilbronn 2019, die nun mit dem Verkehrsverein fusionieren werden.

Eine Chance für zukünftige Dichter.

Auf eine Tänzerin

Wenn du den leichten Reigen führest,
Wenn du den Boden kaum berührest,
Hinschwebend in der Jugend Glanz:
In jedem Aug ist dann zu lesen,
Du seiest nicht ein irdisch Wesen,
Du seiest Äther, Seele ganz.


Mir aber grauet: wenn nach oben
Du würdest plötzlich nun enthoben,
Wie wärest, Seele, du bereit? –
Wohlan! der sich auf Blumen schaukelt,
Der Schmetterling, der ewig gaukelt,
Ist Sinnbild der Unsterblichkeit.

Ludwig Uhland, 1829