Sterben

Schlussstrich 5 (2)

Beitragsfoto: Mann | © Tumisu auf Pixabay

Völlig überraschend, aber dennoch ganz folgerichtig habe ich diesen Abend mit etwas tiefgründigeren Gesprächen verbracht. In den letzten Wochen hatte ich doch so einige Abschiede im Freundes- und Bekanntenkreis zu beklagen. Das Sterben gehört einfach zum Leben mit dazu, wird aber von den (noch) Lebenden einfach und viel zu oft nur ausgeblendet.

Meist dient der das Sterben begleitende Tod nur dazu, um den Menschen etwas Unterhaltung in ihr doch so gewöhnliches Leben zu bringen; gerade jene Tode, die etwas ungewöhnlicher sind wie bei Amokläufen oder Schulschießereien, sorgen in den Medien für ein wenig mehr Aufregung. Das Sterben in Kriegen hingegen wird sehr schnell zur Gewohnheit und nur noch dann von allgemeinem Interesse, wenn es zumindest als kriegsentscheidend beworben werden kann.

Der ganz gewöhnliche Tod hingegen, der die allermeisten von uns — über kurz oder lang — heimsuchen wird, ist weniger Thema in unseren Unterhaltungen. Meist wird er pflichtgemäß in Schweigeminuten abgearbeitet und wenn er sich „klamm heimlich“ im Familien- oder Bekanntenkreis einschleicht, durch einen Gang zum Friedhof, zumindest aber mit einer Trauerkarte gewürdigt.

Deshalb war der heutige Abend für mich ein großer Gewinn, nämlich als wir, zwei Freunde schauten vorbei, urplötzlich auf das Thema Sterben kamen. Zuerst einfach nur ein Austausch über die jüngsten Neuigkeiten im gemeinsamen Bekanntenkreis, entwickelte sich die Unterhaltung ganz plötzlich zu einem sehr intensiven Gespräch über das Sterben selbst und eine etwaige Sterbebegleitung. Wohl glücklich jener, der nicht ganz alleine sterben muss — so ganz genau wissen tun wir es aber nicht!

Schön die Gewissheit, dass sich das eigene Sterben dank der heutigen Technologie und dem bei uns aktuellen Gesundheitswesen mehr oder weniger als ein Hingleiten in eine andere Welt präsentiert. Die Zeiten von minutenlangen krampfartigen Kämpfen um die letzten Sekunden des eigenen Lebens scheinen überwunden zu sein. Ganz zu schweigen von den traumatischen Erinnerungen derjenigen, die das Ganze miterleben, ja überleben müssen.

Dennoch sehr spannend die Frage, wie man meint, mit dem eigenen Tod umgehen zu müssen. Nicht jedem ist es vergönnt, dass er ganz plötzlich und völlig überraschend im Schlaf von einem Hirnaneurysma dahingerafft wird.

Wann wird einem der eigene Tod zur Gewissheit? Wann nimmt man den eigenen Tod an und wie verbringt man dann die letzten Monate oder Stunden? Macht man einfach weiter wie bisher und hofft darauf, dass der Tod doch an einem vorbeizieht? Guckt man noch danach, ob man wirklich alles getan hat, um seine persönlichen Angelegenheiten in Ordnung gebracht zu haben? Hadert man bis zuletzt mit dem eigenen Schicksal? Oder lässt man einfach nur los?

Die jüngsten Beispiele aus dem Freundes- und Bekanntenkreis ließen uns letztendlich ratlos zurück. Trotz bestem Bemühen haben wir heute Abend keine hinreichenden Antworten gefunden.

Und so hoffe ich, dass dieses Gespräch nicht das letzte seiner Art gewesen ist, schon ganz alleine aus eigenem Interesse heraus, denn die Einschläge kommen immer näher.

„Dulce et decorum est pro patria mori: 
mors et fugacem persequitur virum
nec parcit inbellis iuventae
poplitibus timidoque tergo.“

Horaz, Carmina 3,2,13

Eriesee

Gedicht zum Tage 4.7 (3)

Beitragsfoto: Eriesee |  © Mike Toler auf Pixabay 

Heute wurde ich gleich von mehreren Lesern und unabhängig voneinander auf ein Gedicht von Theodor Fontane aufmerksam gemacht. Und tatsächlich, es passt ganz gut zum Zeitgeschehen und in mindestens einer Heilbronner Schule ist es ganz aktuell sogar Thema im Unterricht. Interessant dabei, dass dieses Gedicht auch zu meiner Schulzeit (mitten im Kalten Krieg) besprochen werden musste.

In der Nacht vom 8. zum 9. August 1841 geriet der Raddampfer Erie während der Fahrt über den namensgebenden See von Buffalo nach Erie in Brand. Der Rudergänger Lothar Fuller blieb bis zuletzt auf seinem Posten und überlebte schwer verletzt das Unglück. Von den etwa 200 Passagieren konnten leider nur 29 gerettet werden. Fuller wurde Alkoholiker und starb völlig verarmt.

Theodor Fontane verarbeitete das tragische Ereignis zu einer Ballade, in der zwar alle Passagiere gerettet wurden, dafür aber der Steuermann, namens John Maynard, den Tod fand. Damit erhebt Fontane die Dienstpflicht zum Heldentum und schafft ein Gedicht, welches wohl noch heute nicht an Attraktivität verloren hat.

Ich wäre bereits froh darüber, wenn sich die meisten Menschen — vor allem jene, die dienen, insbesondere unsere Politiker und Beamte — wenigstens bemühen würden, ihre Pflichten halbwegs zu erfüllen und z. B. dafür sorgen, dass Abiturklausuren zeitgerecht geschrieben werden können.

Ich verlange dabei von keinem ein Held zu sein, denn mit Maulhelden könnten wir schon heute unsere Straßen pflastern. Ich verstehe aber, dass gerade in solch düsteren Zeiten wie bereits zum Ende des 19. Jahrhunderts und auch gerade heute wieder der Ruf nach Helden immer lauter wird.

Theodor Fontane verschweigt uns dabei nicht, dass Helden meist tot sind. Heute wissen wir zudem, dass jene Helden, welche überleben, gerne dem Alkohol oder anderen Drogen verfallen und ungeliebt versterben.

Einzig die Maulhelden genießen ihr Leben in vollen Zügen und enden dabei meist hoch dekoriert.

John Maynard

John Maynard!

„Wer ist John Maynard?“
„John Maynard war unser Steuermann,
aushielt er, bis er das Ufer gewann,
er hat uns gerettet, er trägt die Kron’,
er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.
John Maynard.“

Die „Schwalbe“ fliegt über den Erie-See,
Gischt schäumt um den Bug wie Flocken von Schnee;
von Detroit fliegt sie nach Buffalo –
die Herzen aber sind frei und froh,
und die Passagiere mit Kindern und Fraun
im Dämmerlicht schon das Ufer schaun,
und plaudernd an John Maynard heran
tritt alles: „Wie weit noch, Steuermann?“
Der schaut nach vorn und schaut in die Rund:
„Noch dreißig Minuten … Halbe Stund.“ 

Alle Herzen sind froh, alle Herzen sind frei –
da klingt’s aus dem Schiffsraum her wie Schrei,
„Feuer!“ war es, was da klang,
ein Qualm aus Kajüt und Luke drang,
ein Qualm, dann Flammen lichterloh,
und noch zwanzig Minuten bis Buffalo. 

Und die Passagiere, bunt gemengt,
am Bugspriet stehn sie zusammengedrängt,
am Bugspriet vorn ist noch Luft und Licht,
am Steuer aber lagert sich’s dicht,
und ein Jammern wird laut: „Wo sind wir? wo?“
Und noch fünfzehn Minuten bis Buffalo. – 

Der Zugwind wächst, doch die Qualmwolke steht,
der Kapitän nach dem Steuer späht,
er sieht nicht mehr seinen Steuermann,
aber durchs Sprachrohr fragt er an:
„Noch da, John Maynard?“
„Ja, Herr. Ich bin.“

„Auf den Strand! In die Brandung!“
„Ich halte drauf hin.“
Und das Schiffsvolk jubelt: „Halt aus! Hallo!“
Und noch zehn Minuten bis Buffalo. – –

„Noch da, John Maynard?“ Und Antwort schallt’s
mit ersterbender Stimme: „Ja, Herr, ich halt’s!“
Und in die Brandung, was Klippe, was Stein,
jagt er die „Schwalbe“ mitten hinein.
Soll Rettung kommen, so kommt sie nur so.
Rettung: der Strand von Buffalo!

Das Schiff geborsten. Das Feuer verschwelt.
Gerettet alle. Nur einer fehlt!
Alle Glocken gehn; ihre Töne schwell’n
himmelan aus Kirchen und Kapell’n,
ein Klingen und Läuten, sonst schweigt die Stadt,
ein Dienst nur, den sie heute hat:
Zehntausend folgen oder mehr,
und kein Aug’ im Zuge, das tränenleer. 

Sie lassen den Sarg in Blumen hinab,
mit Blumen schließen sie das Grab,
und mit goldner Schrift in den Marmorstein
schreibt die Stadt ihren Dankspruch ein: 

„Hier ruht John Maynard! In Qualm und Brand
hielt er das Steuer fest in der Hand,
er hat uns gerettet, er trägt die Kron,
er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.
John Maynard.“

Theodor Fontane, 1886

Nachtrag 20.4.2023

Hier finden Sie das von Hans Müller beigefügte Foto

Gedenktafel für John Maynard
Gedenktafel für John Maynard in Buffalo

„Unglücklich das Land, das keine Helden hat … Nein. 
Unglücklich das Land, das Helden nötig hat.“

Bertold Brecht, Das Leben des Galilei (1943)

Labyrinth

Lesen verstehen 5 (4)

Beitragsfoto: Labyrinth | © PublicDomainPictures auf Pixabay 

Es ist vollbracht! Endlich. Ich habe dieses Mal Adornos Minima Moralia bis zum bitteren Ende gelesen. Und ich wurde dafür auch belohnt, denn in dieser mir vorliegenden Ausgabe hat der Editor Texte mit angefügt, die Theodor W. Adorno noch zu Lebzeiten aus seinem Manuskript herausgenommen hatte. Da er sich aber von den darin enthaltenen Inhalten nie distanzierte, glaubt der Editor, diese dann zum Schluss als Anhang mit anfügen zu dürfen.

Ich bin schon lange der Überzeugung, dass man gute Bücher mindestens dreimal gelesen haben sollte und dies möglichst in unterschiedlichen Lebenszyklen. Und so konnte ich dieses Mal nicht nur das Buch zu Ende lesen, sondern ihm auch die eine oder andere Weisheit entreißen, welche mir wohl in jüngeren Jahren unverständlich geblieben war. Zudem verführten mich manche Passagen sogar zum Schmunzeln, was mich noch vor gut 30 Jahren erschüttert hätte und vielleicht auch hat. Manche Zitate aus dem Buch habe ich hier bereits für eigenen Zwecke verwendet; die dahinter stehende Idee war, für das Buch ein wenig Werbung zu machen.

Nun aber beginnt wohl erst der schwere Teil der Lektüre, denn ich habe etliche Stellen im Buch mit Anmerkungen und Streichungen versehen, die ich nun teilweise für mich auch verzetteln möchte. Der Vorteil dabei ist, dass ich hierbei mehr selektieren werden kann als noch zu Jugendzeiten. Das Verzetteln wird mir dabei helfen, dieses Buch ein wenig besser zu verstehen und es mir zudem erleichtern, bei Bedarf nochmals auf dieses zurückzugreifen. In einem bin ich mir aber ziemlich sicher, ich werde dieses Buch kein drittes Mal lesen. Dennoch meine ich, dass dieses Buch zur Pflichtlektüre gehören sollte und schon lange so manchen Schulroman ersetzen müsste — die Schwierigkeit dabei ist, dass das Buch vielleicht doch die meisten etwas überfordert.

Man kommt aber nicht viel weiter, wenn man nun bereits zum tausendsten Mal die Effi Briest in allen Facetten beleuchtet. Man könnte auch einmal etwas neueres Terrain betreten. Adornos Reflexionen über unsere damalige Zeit sind gerade heute besonders wertvoll, besonders für all jene, die das Ende von Demokratie verstehen wollen, in einer Zeit, wo die unsrige mehr als gefährdet ist! — Wir streiten uns aber lieber darum, ob man noch Mutter sagen oder das Wort Neger schreiben darf, was kein wirklich gutes Bild über unsere eigene Demokratiefähigkeit abgibt.

Wir schreiben lieber alte Kinderbücher um und dokumentieren damit, dass wir nicht mehr in der Lage sind, um Geschriebenes in der Zeit und im Kontext einzuordnen oder gar verstehen zu wollen, was uns deren Autoren mitteilen wollten oder gar zu sagen hatten. Schlimmer noch, wir mißbrauchen Autoren, die zwar kaum einer noch selber gelesen hat, aber weiterhin aus von mir nicht nachvollziehbaren Gründen bei völlig Unbedarften Autorität ausstrahlen, Moltke der Ältere ist so ein Fall. Schlimmer noch, wenn selbst unsere Wissenschaftler seitenlang Sokrates zitieren.

Um lesen richtig verstehen zu können, müssen wir wohl zuerst auch das Schreiben besser verstehen. Theodor W. Adorno hat in den Minima Moralia einen mir sehr gefälligen Ansatz, nämlich: „Das will das Lose und Unverbindliche der Form, der Verzicht auf expliziten theoretischen Zusammenhang mit ausdrücken.

Ein anderes Extrem sind wohl die Gedichte und Epen, bei denen die Autoren über wirklich jedes Komma stunden vielleicht sogar tagelang sitzen, nur um es am Ende wieder zu entfernen. Gerd M. Hofmann hat sich jüngst wie folgt geäussert: „Ich habe mich schon auf dem Gymnasium – da musste ich Gedichte interpretieren – gefragt, warum Menschen solche Texte verfassen. Die Antwort habe ich bis zur Gegenwart nicht gefunden …

Ich meine, dass diese Form des Schreibens alleine durch ihre Präzision die bestmögliche Art und Weise darstellt, um als Autor seine Gedanken in Worte fassen zu können. Und selbst hierbei wird jedem Leser noch genügend Spielraum für die eigene Interpretation gegeben — Missverständnisse lassen sich niemals vollständig ausräumen.

Zu dieser hohen Kunst des Schreibens, vor allem dann, wenn es eposartige Züge annimmt, sind immer weniger Menschen willig, denn um sich solche Mühen aufzuerlegen, bedarf es sehr viel Zeit.

Wohl selbst die meisten Bücher blieben uns damit erspart. Auch ich schreibe lieber einfach nur so vor mich hin und bin schon zufrieden damit, wenn sich meine Elaborate zu 80 Prozent mit dem ursprünglich Beabsichtigten decken; ich wende keine weitere Zeit mehr auf, um an den verbliebenen 20 Prozent zu feilen.

Deswegen schätze ich es aber sehr, wenn sich andere die Mühe machen, um tatsächliche Höhepunkte des Schreibens zu erstellen. Ein solcher ist der „Song of Myself“, den Walt Whitman geschrieben hat. Um dieses Gedicht besser verstehen zu können, bietet es sich an, dass man es nicht nur einmal in Gänze liest, sondern zudem das Gedicht in seiner ersten Fassung von 1855 mit seiner letzten Fassung von 1892 vergleicht. Beide enden jeweils mit den folgenden Worten.

Failing to fetch me at first keep encouraged,
Missing me one place search another,
I stop somewhere waiting for you.

Walt Whitman, Song of Myself

Mancher Leser wird sich nun fragen, was das mit den Minima Moralia zu tun hat. Nicht weniger als diese mit der Magna Moralia von Aristoteles, übrigens einer der Schüler von Platon und wohl neben Platon, der ein Schüler Sokrates war, mit die Hauptquelle von all jenem was wir heute über Sokrates zu wissen meinen.

Lesen verstehen ist wie das Schreiben selbst eine meist unterschätzte Aufgabe. Gerade als Lesepate in einer Grundschule und bei meseno wie auch als Dozent an einer Hochschule bin ich erstaunt darüber, wie wenig Schüler heute noch von und über unsere Sprache wissen, dem eigentlichen „Betriebssystem“ unseres Denkens.

Erstaunter bin ich darüber, was viele der heutigen Leser von dem gerade Gelesenen verstehen. Und dabei rede ich nicht einmal über die verschiedenen Interpretationsmöglichkeiten. Wenn das freie Schreiben und das freie Lesen immer mehr nur noch auf Unverständnis und zu Missverständnissen führen, könnte man sich schon einmal darüber Gedanken machen, ob man das Schreiben an sich wieder mehr formalisiert — es müssen ja nicht unbedingt Reime sein. Aber Schreib- und Sprechverbote ebenfalls nicht. Man könnte sich bestimmt auf eine einheitliche Grammatik und Rechtschreibung einigen.

Auf alle Fälle aber müssen wir darauf achten, dass zum Schluss nicht bloß noch die künstliche Intelligenz schreibt, liest, versteht und denkt, und wir ganz folgerichtig zusammen mit den letzten Primaten in Käfigen gehalten werden.

„Das Unheil geschieht durchs Thema probandum: man bedient sich der Dialektik anstatt an sie sich zu verlieren. Dann begibt sich der souverän dialektische Gedanke zurück ins vordialektische Stadium: die gelassene Darlegung dessen, daß jedes Ding seine zwei Seiten hat.“

THEODOR W. ADORNO, MINIMA MORALIA (14. AUFLAGE 2022 [1951]: 283)