Schüler

Rädchen 5 (8)

Beitragsfoto: Schüler in Klasse | © Shutterstock

Das Sommersemester ist nun auch für mich zu Ende. Etwas spät, aber den Umständen entsprechend kaum anders machbar. Jetzt muss ich nur noch die Noten ins System hochladen und diese veröffentlichen.

Die Ergebnisse lassen mich erwartungsgemäß einen Blog-Beitrag schreiben und dies wie immer mit der heißen Nadel gestrickt. Eine Technik, um meine Worte nicht allzu elaboriert in die Tasten meines Laptops zu hauen, von wo sie sofort auf das Blog hinübergespielt werden.

In meinen frühen Berufsjahren war ich noch ein unbelehrbarer Verfechter von Mindestanforderungen und zudem ein Anhänger des Leistungsprinzips. Kompromisse ging ich dabei nicht ein, selbst dann, wenn es mir zum persönlichen Nachteil gereichte. Später dann musste ich erkennen, dass keiner, auch ich nicht die Welt verändern kann und wir allesamt nur Rädchen in einem Getriebe sind. Und dieses Getriebe funktionierte auch dank vorhandener Mindestanforderungen aber auch ziemlich gut, ganz besonders dann, wenn keiner größere Leistungen erwartete.

Unser System erodierte über die Jahre hinweg aber weiter vor sich hin und damit auch die Leistungsanforderungen und die meines Erachtens noch heute so notwendigen Mindestanforderungen. Letztere begannen ebenfalls wie erstere auch sich nicht mehr an den tatsächlichen Anforderungen, sondern alleine an die Bedürfnisse des Getriebes zu orientieren.

Und so entwickelte ich einen Modus vivendi, wie ich in der Lehre damit umgehen kann. Denn auch mir leuchtete es irgendwann ein, dass man das Getriebe bedienen muss. Nur ein Beispiel, was würden bei uns nur all die unzähligen Gymnasien machen, wenn man für diese echte Mindestanforderungen hätte?

Dies nun erkennend und mit dem notwendigen politischen Willen versehen, müssten wir beim Kindergarten beginnend wieder mit festen Mindestanforderungen und fest definierten Abholpunkten arbeiten. Dies hätte aber zur Folge, dass wir allesamt 30 bis 40 Jahre durch ein Tal der Tränen marschieren, bis das Getriebe wieder sinnvoll und produktiv arbeiten kann! — Wie bereits hier im Blog geschrieben, ein Ding der Unmöglichkeit!

Mein entsprechender Workaround ist dabei ziemlich simpel. Mein Ziel ist es, 80 Prozent der Schüler zum Erfolg zu verhelfen. Wobei ich weiterhin anstrebe, dass die Schüler 80 Prozent der von mir geforderten Leistung erbringen.

Die Idee dahinter ist, dass jene Schüler, die die 80 Prozent erbringen, auch tatsächliche Mindestanforderungen erfüllen. Ein konkretes Beispiel: In der Klausur konnten die Schüler 90 Punkte erzielen. Mit 72 Punkten erfüllten sie die tatsächlichen Mindestvoraussetzungen und ich kann mir dabei sicher sein, dass diese den dargebotenen Stoff nicht nur verstanden haben, sondern damit auch weiter arbeiten können.

Mit 45 Punkten erfüllen die Studenten die systemimmanenten Mindestanforderungen und tragen mit dazu bei, dass das Getriebe weiterhin halbwegs rund läuft. Manche Pädagogen behaupten, dass wir Menschen unterschiedlich lernen und begreifen und somit auch diese Menschen ausreichend gelernt haben und ebenfalls ein sinnvoller Teil im Getriebe sein werden. Was man auch hoffen muss, wenn ein Getriebe mit Hoffnung statt mit Leistung geschmiert wird.

Und so war es mir bisher auch immer möglich, eine Erfüllungsquote von 80 Prozent (plus minus ein Prozent) zu erreichen. Leider aber immer weniger, dass die Studenten ihrerseits die 80 Prozent erreichten. Das Delta zwischen System- und Leistungsanforderungen wurde dabei immer größer — trotz sämtlicher Bemühungen meiner Kollegen und mir.

Mit der aktuellen Klausur erreiche nun auch ich nicht mehr die mir selbst gesetzte Erfüllungsquote von 80 Prozent! 69 Prozent sind ein Tiefpunkt meiner heutigen Lehrtätigkeit.

Das einzig Erfreuliche dabei, es gibt ein paar Ausreißer nach fast ganz oben mit bis zu 95 Prozent Erfüllungsquote, was beweist, dass der Lehrstoff weiterhin lern- und beherrschbar ist!

Das Traurige dabei, dass obwohl bisher jene Studenten, die mit der Klausur eine allerletzte Chance für ihr eigenes Studium hatten, diese meist sogar mit Bravour bestanden, dieses Mal weiterhin jenseits von Gut und Böse abschneiden. Bis gestern für mich ein Ding der Unmöglichkeit!

Bei bestem Willen, es gelingt mir nun einfach nicht mehr, ein funktionierendes Rädchen im Getriebe zu sein. Die einzige Ausrede wäre, dass dies ein einmaliger Ausreißer nach unten ist, was statistisch betrachtet sogar vorkommen kann.

Nun gilt es im kommenden Semester zu prüfen, ob hier nun ein Trend vorliegt oder ob es ein statistischer Ausreißer war. Wenn es kein Ausreißer war, dann wird das wohl mein Beitrag für mehr Bildung und Wissen in unserem System gewesen sein — das Rädchen ist abgelutscht!

„Sie [Kleinkinder; hier: Studenten] sind weder lernwillig noch wissbegierig, sie konzentrieren sich nur nach Lust und Laune und sind somit zu angemessenen Lern- und Arbeitsleistungen gar nicht fähig. Auf pädagogische Interventionen reagieren sie mit frechem, respektlosem Verhalten oder mit Verweigerung. Sie … verfügen über keine Frustrationstoleranz und meiden Anstrengung. Es fehlt ihnen an Reife … immer sind die anderen oder die Umstände schuld.“

Michael Winterhoff (2019: 28f)

Dammgrundschule

Korrekturen 4.5 (11)

Beitragsfoto: Schild an einer Schule

Nicht schon wieder ein Blog-Beitrag, ich weiß, dass dies manche meiner Leser nun denken werden. Aber es gibt überlebenswichtige Gründe dafür. Ich komme noch aus einer Gesellschaft, die sich selbst als Leistungsgesellschaft bezeichnete, zumindest noch anfangs, und zudem aus einem Beruf, in dem Versagen nicht nur meist tödlich war und deswegen einfach nicht toleriert werden konnte. Und nun sitze ich hier und korrigiere Klausuren, die mich inzwischen dazu bewegen, meine Bemühungen jungen Menschen noch etwas halbwegs Sinnvolles beibringen zu wollen, so langsam aber sicher auslaufen lassen.

Jene Menschen, die die sich berufsmäßig auf den Lehrberuf eingeschossen haben, heutzutage bereits im Kindergarten beginnend und sich bis hin zu heutigen Universitäten ausdehnend, müssen über ein unstillbares masochistisches Verlangen verfügen — anders kann ich mir das nicht mehr erklären.

Und so nutze ich inzwischen wirklich jeden Hinweis der mir bekannten Profis, um das Korrigieren von Klausuren oder Seminararbeiten halbwegs mental gesund zu überstehen. Und zum ersten Mal in meinem Leben kann ich halbwegs verstehen, dass es so etwas wie einen Burnout tatsächlich geben kann.

Ein Lehrer, ein Professor oder auch nur ein Dozent möchten doch einfach nur Wissen vermitteln; ich lasse einmal das andere durchaus gesellschaftlich notwendige „Beiwerk“ außen vor. Zumindest ich habe alle meine Versuche sehr schnell eingestellt, den Studenten neben dem vorgegebenen Wissen noch etwas mehr beibringen zu können. Denn dies ist den Studenten, mit denen ich es zu tun habe, völlig unverständlich. Diese jungen Menschen möchten mit großer Masse nicht einmal den vorgegebenen Lehrstoff können, sie möchten einzig und alleine die Klausur bestehen — möglichst ohne jeglichen Aufwand.

Inzwischen muss ich sogar davon ausgehen, dass sie nicht einmal ihr selbst eingeschlagenes Studium interessiert, sie möchten einfach nur einen x-beliebigen Hochschulabschluss vorweisen können, um „möglichst viel Geld zu verdienen“ (Auszug aus gleich mehreren Klausuren).

Hier könnte ich inzwischen weiterhelfen und dabei auch sehr gute Tipps geben, was allerdings wohl zu Strafanzeigen führen würde.

Ich bin inzwischen am Ende meiner Weisheit angelangt, eigentlich konnte ich bisher guten Gewissens von mir behaupten, dass ich selbst einem Kanarienvogel zur schnöden Wiedergabe von Wissen verhelfen konnte. Das Eintrichtern von notwendigen Informationen gelang mir immer ganz gut, und meistens konnten „meine Schüler“ ihr Wissen auch Jahre später noch nachbeten — sehr viele davon sogar erfolgreich anwenden.

Inzwischen habe ich mich auf die absolut rudimentären Informationen meines Lehrgebiets begrenzt und frage dazu nur noch das ab, was ich 1 zu 1 mehrfach in den Vorlesungen thematisiert hatte.

Problem Nummer eins, man besucht meine Vorlesungen nicht. Problem Nummer zwei, man beschäftigt sich während meiner Vorlesungen mit anderen wichtigeren Dingen. Problem Nummer drei, man versteht die deutsche Sprache nicht und Problem Nummer vier, es fehlen lebensnotwendige Verknüpfungen im Hirn.

Hinzu kommt, dass es nicht ausreichend ist, lernwillig zu sein, wenn die grundlegenden Verknüpfungen im Hirn fehlen. Und so muss ich es nun erneut feststellen, dass die Studenten meine Fragen zwar beantworten könnten, wenn ich diese mündlich vortrage, sie dieselben Fragen aber nicht mehr verstehen, wenn sie diese in einer Klausur selber lesen müssen!

Mir gelingt es einfach nicht, selbst bei besten Bemühen, meine Fragen schriftlich so zu formulieren, dass diese einem 5-Sekunden-TikTok-Tanz entsprechen.

Und so folge ich nun einem neuen Rat und höre Musik, die noch schrecklicher ist als das noch von mir zu Lesende.

Paul Mazzolini, den Älteren besser als Gazebo bekannt, hat 1983 diesen Hit gelandet und man konnte ihm einfach nicht entgehen. Er dudelte damals überall so lange bis man ihn einfach gut finden musste!

Bis vor Kurzem amüsierte ich mich noch köstlich über Armin Laschet, der damals als Dozent die Klausuren einfach verloren haben wollte und die Noten auswürfelte — heute weiß ich es besser, reine Notwehr!

Und sobald man glaubte, es geht nun nicht mehr schlimmer, tanzten alle zu dem nun folgenden Song „Lunatic“. Ich bin noch heute stolz darauf, dass ich keine dieser Platten besitze!

Aber als Soldat kämpfe ich mich weiterhin durch und dies bis zur allerletzten Klausur, das unterscheidet uns Soldaten von den Berufspolitikern. Und für den kommenden Krieg habe ich schon eine gewinnbringende Idee: Lehrerkampfverbände! Die werfen wir dann in die völlig aussichts- und hoffnungslosen Situationen und dürfen dabei sogar hoffen, dass diese daraus erfolgreich hervorgehen werden.

Um das Sommersemester halbwegs gesund überstehen zu können, lege ich bald meinen Korrekturstift erneut nieder und nehme eine Einladung von Freunden an.

Das Grauen darf gerne noch eine Weile warten. Wäre ich ein „bösartiger Professor“ (Auszug aus den Klausuren) würde ich die Klausuren einfach in den Müll werfen und die Studenten bitten, ihr Glück an einer Baumschule zu versuchen. Ich bin aber nur ein netter Dozent und versuche zu retten, was noch zu retten ist.

Das wirklich Tragische daran: nach der Klausur waren viele der in den Vorlesungen anwesenden Studenten wohlgestimmt, da sie tatsächlich viele der Fragen wiedererkannten, leider aber die Verknüpfungen „abgespeicherte Frage zu abgespeicherte Antwort“ oftmals fehlschlugen.

90 Prozent der Studenten wird man gleich nach deren erfolgreichem Studium durch eine KI ersetzen können, was allerdings nun nicht für eine künstliche Intelligenz spricht. Als Gesellschaft müssten wir uns schleunigst überlegen, wie wir solche Menschen besser in die Gesellschaft integrieren können.

Und zum Wohle künftiger Generationen müssen wir uns überlegen, wie wir die Verknüpfungen in den Hirnen junger Menschen wieder besser hinbekommen: z. B. durch das Verbot von Mobiltelefonen und Social Media für all jene, die noch über keinen qualifizierten Berufsabschluss verfügen!


Have questions?

Meinungen 4.9 (10)

Beitragsfoto: Have questions? | © Shutterstock

Heute bin ich über einen Blog-Beitrag „Meinungsstark“ von Detlef Stern gestolpert, der richtiger Weise darüber informiert, dass Meinungen weder Überzeugungen noch Wissen ersetzen können. Er geht sogar soweit, dass er Meinungen zwischen Wissen und Glauben ansiedelt.

Damit hat er mich eindeutig angestupst und zu einer ganz spontanen Antwort motiviert. Diese basiert weder auf ausreichend Wissen noch konnte ich in der Kürze der Zeit ausreichend darüber nachdenken.

Warum ich dennoch antworte, liegt zum einen an der eigentlichen Ursache von Meinungen und zum anderen an meiner Wertschätzung für seine Beiträge.

Wissen, Glaube und Überzeugungen sind schön und gut, dennoch muss es einen Grund für Meinungen geben. Und so erweitere ich dies sogleich noch um den Begriff Deutungsmuster, landläufig besser als Vorurteile bekannt.

Von Anfang an haben wir Menschen nicht immer die Zeit um ausreichend über uns oder die Dinge um uns herum nachdenken zu können. Oftmals war ein Apex predator wieder etwas schneller und aus war es mit dem Nachdenken.

Deshalb wurden Meinungen und Deutungsmuster geschaffen, um ausreichend schnell handeln zu können. Was sicherlich nicht immer half, aber zumindest eine Chance eröffnete, um selbst weiter existieren zu können.

Dabei ist sollte es jedem bewusst sein, dass Meinungen und Deutungsmuster wie auch Überzeugungen und Glauben das Wissen nicht ersetzen können. Sie helfen aber meist gut weiter, wenn kein ausreichendes Wissen erlangt werden kann — entweder aufgrund fehlender Zeit oder auch einfach wegen einem Mangel an verfügbaren Fakten.

Und so werden manche Menschen extra dazu ausgebildet und sogar darin geübt meinungsstark zu sein. Diese wissen dann aber auch immer um die Grenzen ihrer eigenen Meinung.

Und das Gute daran, was meines Erachtens erst sehr viel später erkannt wurde, ist, dass man dies beachtend und dabei die unterschiedlichsten Meinungen abwägend und gegenüber stellend schneller an das notwendige Wissen kommen kann als wenn man nur selbst über Probleme kontempliert.

Wie schon geschrieben, einfach nur meine „Fünfminutenantwort“ auf Detlef Sterns Blog-Beitrag. Selbstverständlich baue ich darauf, dass wir das Ganze demnächst bei einem Käffchen weiter vertiefen.