Von Mons nach Cambrai

Neues Europa

Beitragsfoto: Von Mons nach Cambrai, britischer Angriff am 25. August 1914 | © Shutterstock

Der Gedichtband „Rhythmus des neuen Europa“ hält mich immer noch in seinem Bann. Dieser Gedichtband, der noch weitgehend von Gerrit Engelke selbst zusammengestellte Gedichte enthält, erschien erstmals 1921 etwa drei Jahre nach dessen gewaltsamen Tod bei Cambrai. Edward Thomas, den ich in einem Beitrag zu einem Gedicht von Robert Frost (The road not taken) erwähnte, fiel bereits ein Jahr zuvor bei Arras; so wie in unzählige weitere unschuldige Menschen, meistens Männer, die für unser Europa sinnlos abgeschlachtet wurden.

Gerrit Engelkes Gedicht „Nach schwerem Traum“ hatte ich bereits vor ein paar Tagen hier in diesem Weblog vorgestellt, was mich im Anschluss veranlasste, weiter in dessen Gedichtband zu blättern. Engelkes Rhythmus des neuen Europas lässt mich nun nicht mehr los und zwingt mich zu ganz eigenen Gedankenstürmen, welche durch diesen gerade tobenden Europäischen Krieg (!) weiter zu einem Feuersturm angefacht werden. Ja, unser Europa befindet sich insgesamt wieder im Krieg, und der Rest der Welt muss sehr vorsichtig sein, dass wir Europäer die Welt nun nicht bereits zum dritten Male in Brand setzen.

Das neue Europa unzähliger dahingeschlachteter meistens sehr junger Menschen fand tatsächlich nie seinen eigenen Rhythmus. Rückblickend muss man erkennen, dass die Hoffnung auf ein friedliches, freies und demokratisches Europa bereits in den Schützengräben des Ersten Weltkrieges beerdigt wurde. Das letztes Aufbäumen junger Menschen, die von einer gemeinsamen Zukunft Europas in einem europäischen Bundesstaat als Blaupause für eine bessere Welt träumten, wurde regelrecht im Zweiten Weltkrieg zerbombt.

Wie wir heute sehen müssen, waren die letzten europäischen Bemühungen von den, den Furor des Kriegs überlebenden, bekennenden Europäern — also uns — nichts anderes mehr als dürftige Blähungen. Die wirklich letzten Europäer werden nun wohl Opfer dieses jüngsten Europäischen Krieges werden. Und die dann noch Überlebenden werden sich wohl nur noch zu Rülpsern in Sachen Europa aufraffen können — bevor dann unser Europa Schluss endlich sein eigenes Schicksal erfüllt: „But it was all right, everything was all right, the struggle was finished. Europe had won the victory over itself. It loved Big Brother.”

Ja, wir Europäer befinden uns allesamt in einem neuen Europäischen Krieg und dieses Mal sind die Fronten eindeutig und glasklar! Auf der einen Seite kämpfen Europäer für Freiheit und Demokratie und auf der anderen Seite kämpfen Europäer für Knechtschaft und Unterdrückung — und dies über sämtliche Religionen, Landsmannschaften und Sprachräume hinweg!

Und dieser Krieg tobt von Anfang an nicht nur in der Ukraine — dort ist nur das Morden und Schlachten nach jahrelangem Weggucken nicht mehr zu übersehen. Der Krieg wird inzwischen bereits in unseren Parlamenten im gesamten Europa geführt, auf den Straßen, in den Wohnungen und nicht zuletzt in sämtlichen Medien. Und sein Ausgang ist noch völlig ungewiss, auch wenn ich selbst hier bereits meine Befürchtungen geäussert habe!

Zu den bereits zwei ausgefochtenen — lassen wir den Kalten Krieg einmal außen vor — Weltkriegen, die wir Deutschen maßgeblich verschuldet haben, kommt nun dieser dritte Krieg hinzu, wobei wir Deutschen es dieses Mal sogar geschafft haben, in diesem Krieg auf beiden Seiten vertreten zu sein. Wahrscheinlich wollen wir dieses Mal unbedingt mit auf der Siegerseite stehen! Und dabei ist es uns Deutschen offensichtlich völlig egal, wer gewinnen wird!

Unser Europa hatte weder jemals einen eigenen Rhythmus noch je eine eigene Zukunft! Europas Zukunft lag bereits auf den Schlachtfeldern begraben, bevor sie überhaupt beginnen konnte.

Auf jeden Fall aber können wir in diesem Europäischen Krieg gleich mit zwei Mythen der Menschheit aufräumen, das der Kriegsschuld und das der Emanzipation.

Wie hieß es doch so schön: „Old men make war, young men fight and die.“ (Dieses Zitat wird oftmals Winston Churchill zugeschrieben). Heute wissen wir es besser und können es sogar life auf Youtube miterleben: Drückeberger machen den Krieg und unschuldige Menschen sterben!

Und gerade in diesem Europäischen Krieg ist nun wirklich alles über Emanzipation geschwätzt. Emanzipierte Frauen — ich nehme hierbei junge Mütter und Schwangere aus (!) — stehen gerade in diesem Krieg Seit an Seit mit ihren Brüdern, Vätern, Männern und Söhnen. Was emanzipierte Frauen sind, können wir auch hier life und auf Youtube miterleben. Und wenn es ausreichend emanzipierte Frauen gäbe, dann könnten wir den Männern auch den Luxus der Fahnenflucht und des Drückebergertums zusprechen.

Und auch der nächste Krieg wird erneut von Drückebergern, Fahnenflüchtigen und kreischenden Weibern verursacht werden. Die letzten Europäer und auch -innen werden dann schon längst die Gänseblümchen von unten betrachten oder, wie es die Osteuropäer so blumig formulieren, für wunderbare Sonnenblumen gesorgt haben.

Nun aber wieder zurück nach 1918. Gerrit Engelke verfasste sein wohl letztes Gedicht am 20. Juli 1918. Am 11. Oktober 1918 wurde er erneut schwer verwundet und starb am 14. Oktober 1918 in einem britischen Feldlazarett bei Cambrai.

An die Soldaten des großen Krieges
In memoriam August Deppe

Herauf! aus Gräben, Lehmhöhlen, Betonkellern, Steinbrüchen!
Heraus aus Schlamm und Glut, Kalkstaub und Aasgerüchen!
Herbei! Kameraden! Denn von Front zu Front, von Feld zu Feld
Komme euch allen der neue Feiertag der Welt!
Stahlhelme ab, Mützen, Käppis! und fort die Gewehre!
Genug der blutbadenden Feindschaft und Mordehre!
Euch alle beschwör′ ich bei eurer Heimat Weilern und Städten,
Den furchtbaren Samen des Hasses auszutreten, zu jäten,
Beschwöre euch bei eurer Liebe zur Schwester, zur Mutter, zum Kind,
Die allein euer narbiges Herz noch zum Singen stimmt.
Bei eurer Liebe zur Gattin – auch ich liebe ein Weib!
Bei eurer Liebe zur Mutter – auch mich trug ein Mutterleib!
Bei eurer Liebe zum Kinde – denn ich liebe die Kleinen!
Und die Häuser sind voll von Fluchen, Beten, Weinen!

Lagst du bei Ypern, dem zertrümmerten? Auch ich lag dort.
Bei Mihiel, dem verkümmerten? Ich war an diesem Ort.
Dixmuide, dem umschwemmten? Ich lag vor deiner Stirn,
In Höllenschluchten Verduns, wie du in Rauch und Klirrn,
Mit dir im Schnee vor Dünaburg, frierend, immer trüber,
An der leichenfressenden Somme lag ich dir gegenüber.
Ich lag dir gegenüber überall, doch wußtest du es nicht!
Feind an Feind, Mensch an Mensch und Leib an Leib, warm und
dicht.

Ich war Soldat und Mann und Pflichterfüller, so wie du,
Dürstend, schlaflos, krank – auf Marsch und Posten immerzu.
Stündlich vom Tode umstürzt, umschrien, umdampft,
Stündlich an Heimat, Geliebte, Geburtsstadt gekrampft
Wie du und du und ihr alle. –
Reiß auf deinen Rock! Entblöße die Wölbung der Brust!
Ich sehe den Streifschuß von fünfzehn, die schorfige Krust,
Und da an der Stirn vernähten Schlitz vom Sturm bei Tahüre –
Doch daß du nicht denkst, ich heuchle, vergelt′ ich mit gleicher Gebühr:
Ich öffne mein Hemd: hier ist noch die vielfarbige Narbe am Arm!
Der Brandstempel der Schlacht! von Sprung und Alarm,
Ein zärtliches Andenken lang nach dem Kriege.
Wie sind wir doch stolz unsrer Wunden! Stolz du der deinigen,
Doch nicht stolzer als ich auch der meinigen.

Du gabst nicht besseres Blut, und nicht rötere Kraft,
Und der gleiche zerhackte Sand trank unsern Saft! –
Zerschlug deinen Bruder der gräßliche Krach der Granate?
Fiel nicht dein Onkel, dein Vetter, dein Pate?
Liegt nicht der bärtige Vater verscharrt in der Kuhle?
Und dein Freund, dein lustiger Freund aus der Schule? –
Hermann und Fritz, meine Vettern, verströmten im Blute,
Und der hilfreiche Freund, der Jüngling, der blonde und gute.
Und zu Hause wartet sein Bett, und im ärmlichen Zimmer
Seit sechzehn, seit siebzehn die gramgraue Mutter noch immer.
Wo ist uns sein Kreuz und sein Grab! –

Franzose du, von Brest, Bordeaux, Garonne,
Ukrainer du, Kosak vom Ural, Dnjestr und Don,
Österreicher, Bulgare, Osmanen und Serben,
Ihr alle im rasenden Strudel von Tat und von Sterben –
Du Brite aus London, York, Manchester,
Soldat, Kamerad, in Wahrheit Mitmensch und Bester –
Amerikaner, aus den volkreichen Staaten der Freiheit:
Wirf ab: Sonderinteresse, Nationaldünkel und Zweiheit!
Warst du ein ehrlicher Feind, wirst du ein ehrlicher Freund.
Hier meine Hand, daß sich nun Hand in Hand zum Kreise binde
Und unser neuer Tag uns echt und menschlich finde.

Die Welt ist für euch alle groß und schön und schön!
Geht her! staunt auf! nach Schlacht und Blutgestöhn:
Wie grüne Meere frei in Horizonte fluten,
Wie Morgen, Abende in reiner Klarheit gluten,
Wie aus den Tälern sich Gebirge heben,
Wie Milliarden Wesen uns umbeben!
O, unser allerhöchstes Glück heißt: Leben! –

O, daß sich Bruder wirklich Bruder wieder nenne!
Daß Ost und West den gleichen Wert erkenne:
Daß wieder Freude in die Völker blitzt:
Und Mensch an Mensch zur Güte sich erhitzt!

Von Front zu Front und Feld zu Feld,
Laßt singen uns den Feiertag der neuen Welt!
Aus aller Brüsten dröhne eine Bebung:
Der Psalm des Friedens, der Versöhnung, der Erhebung!
Und das meerrauschende, dampfende Lied,
Das hinreißende, brüderumarmende,
Das wilde und heilig erbarmende
Der tausendfachen Liebe laut um alle Erden!

Gerrit Engelke, 1918

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.