Hammock 2015

Grundrauschen 4.3 (10)

Beitragsfoto: Hammock 2015 | Daniel Arsham

Kaum bin ich mal wieder in einem Webring, werde ich auch schon wieder dazu aufgefordert, mich am Grundrauschen der Blog-Welten zu beteiligen.

Was meine ich damit?

Ganz einfach: wir Blogger fangen erst an, uns gegenseitig zu loben und zu teilen — manchmal wie im Kindergarten: Du hast aber schon drei Bonbons erhalten! — und dann gehen wir sogleich wieder einen Schritt weiter und kreieren speziellen Content, um damit gemeinsam unsere jeweiligen Blogs zu füllen, was sich zu regelrechten Schneeballsystemen entwickeln kann und meist auch tut!

Sobald sich wieder aus dem ganz normalen Grundrauschen Lärm (Detlef Stern: Loudness) entwickelt, merken die ersten Leser und später auch manche Blogger, dass die meist doch so wertvollen ursprünglichen Blog-Inhalte auf der Strecke bleiben oder in all dem Lärm kaum noch gefunden werden können.

Vorsicht! Ich meine mit dem Grundrauschen explizit nicht die Diskussionen und Kommentare, welche von den ganz „gewöhnlichen“ Blog-Inhalten angestoßen werden. Ich meine damit genau jene Kommentare und Diskussionen, die nur zur gegenseitigen Reichweitenerhöhung und dem Puschen von Klickzahlen hinaus in die digitale Welt gestreut werden.

Ich weiß und die Erfahrung der letzten Jahre haben mir dies auch immer wieder bestätigt, dass dies ein beständiger Ritt auf Messers Schneide ist, und die Verlockungen sind zudem meist viel zu groß. Aber genau das führt letztendlich zum Auf und Ab der meisten Blog-Welten und wird dabei auch durch die entsprechenden dieses Auf und Ab begleitenden Diskussionen um das vermeintliche Blog-Sterben regelmäßig bestätigt.

Bewundernswert sind für mich gerade jene Blogger, die ohne SEO, Social Media, Webringe, Blog-Farmen und dem Missbrauch von Blogrolls (Link-Tausch) auskommen! — ich versuche es selbst auch immer wieder, aber die Versuchung ist meist doch zu groß.

Und so werden aktuell sämtliche Weblogs wieder so richtig „gehypt“, zumindest so lange, bis die ersten Blogger sich wieder einmal über den Sinn und Zweck von Blogs auszutauschen beginnen und dabei das Blog-Sterben beklagen.

Es wäre jammerschade, wenn dabei der eigentliche Content des WWW, jener, der von natürlichen Personen stammt, auf der Strecke bliebe. Und dies noch bevor es State of the Art wird, seine Blog-Beiträge von einer KI schreiben zu lassen (für die Blog-Bilder ist es oftmals schon so weit!) — was übrigens ein schönes Beispiel für einen schwarzen Schimmel wäre.

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Schweinetasse

Alle gleich 4.2 (10)

Beitragsfoto: Kaffeetasse

Auch wenn jeder von uns — zumindest der vorherrschenden Meinung nach — ein Individuum ist, sind wir doch alle gleich. Bereits vor Jahren hat es Uli Stein ganz gut auf den Punkt gebracht. Diese Tasse gefiel mir so gut, dass ich sie vor ein paar Jahrzehnten verschenkte. Inzwischen befindet sie sich wieder in meinem Besitz, wobei diese Tasse von einem zum nächsten Besitzer auch noch ganze Kontinente überwand.

Erstaunlich dabei die heutige zu beobachtende Tendenz, nämlich dass sich viel zu viele Mitbürger inzwischen selbst ein „Label“ geben und dieses dann auch noch ganz offen zu Markte tragen, einzig und alleine nur deshalb, um damit zu bekunden, dass sie jetzt Anspruch darauf hätten, selbst kein Arschloch mehr sein zu können.

Ganz egal ob jemand multi-, bi-, homo- oder asexuell ist, ganz egal ob jemand grün, braun, schwarz oder bleich ist, ganz egal welches Geschlecht jemand hat und ganz egal, welcher Religion jemand angehören möchte, niemanden wirklich niemanden bewahrt dies davor, einfach nur ein Arschloch zu sein.

Und deshalb sollte man vorsichtig damit sein, in den sozialen Medien kundzutun, dass man von allen anderen nicht gemocht wird, nur weil man sich zu einer ganz bestimmten Menschenart oder -ausprägung zählt.

„Jesus liebt Dich, für alle anderen bist Du ein Arschloch!“

Patch auf einer Biker-JAcke (Nr. 39 in meiner Sprüchesammlung)
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Kaffeegenuss

Zeit für ein Gedicht 4.5 (6)

Beitragsfoto: Kaffeegenuss | © Pixabay | Mädchen

Schon eine ganze Weile her, dass ich meine Leser mit einem Gedicht traktierte. Kurt Tucholskys „Augen in der Großstadt“ wurde erstmals 1930 veröffentlicht. Sie finden das Gedicht u. a. im Buch „Lerne lachen ohne zu weinen“ (1932: 383). Und schon damals gingen ganz normale Alltagsmenschen davon aus, dass „Millionen Gesichter“ eine Großstadt ausmachen — was für eine Enttäuschung für doch so manchen Großstädter!

Augen in der Großstadt

Wenn du zur Arbeit gehst
am frühen Morgen,
wenn du am Bahnhof stehst
mit deinen Sorgen:
dann zeigt die Stadt
dir asphaltglatt
im Menschentrichter
Millionen Gesichter:
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider –
Was war das? Vielleicht dein Lebensglück …
vorbei, verweht, nie wieder.

Du gehst dein Leben lang
auf tausend Straßen;
du siehst auf deinem Gang,
die dich vergaßen.
Ein Auge winkt,
die Seele klingt;
du hast’s gefunden,
nur für Sekunden …
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider –
Was war das? Kein Mensch dreht die Zeit zurück …
vorbei, verweht, nie wieder.

Du mußt auf deinem Gang
durch Städte wandern;
siehst einen Pulsschlag lang
den fremden Andern.
Es kann ein Feind sein,
es kann ein Freund sein,
es kann im Kampfe dein
Genosse sein.
Es sieht hinüber
und zieht vorüber …
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider –
Was war das? Von der großen Menschheit ein Stück!
Vorbei, verweht, nie wieder.

Was für eine Großstadt gilt, das gilt schon lange auch für die Social Media und alle anderen Kommunikationskanäle.

Und noch heute inspiriert Kurt Tucholsky Menschen, vielleicht auch jene, die keine Gedichte mögen.

Hier eine weitere filmische Interpretation. Ob dieses Medium Gedichte rettet oder ob, wie ich es vermute, Gedichte auch dieses Medium überdauern werden, bleibt abzuwarten.

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