Sprachpolizei

Manchmal wäre es viel einfacher, wenn manche Leute nicht alles und jeden gleich auf die Goldwaage legen, und sich vielleicht sogar ein Beispiel an dem ein oder anderen Dialekt nehmen würden. „Grasdackel“ oder gar Schlimmeres gehen mancherorts gerne als Kompliment durch, und in mancher Subkultur ist man gar stolz darauf, ein Nigger oder ein Kanake zu sein.

Und auch bei althergebrachten Worten, die höchstwahrscheinlich demnächst — bei der immer schneller voranschreitenden Sprach- und Wortverarmung — keiner mehr nutzen bzw. noch kennen wird, sollte, bei deren Gebrauch, nicht gleich die Staatsanwaltschaft ermitteln; zum Beispiel bei Wörtern, wie Mohrenkopf, Neger — was übrigens nur Schwarzer (Latein: nigro, nigrans) bedeutet –, oder gar das westfränkische „Judenfürzle“ — was übrigens in meiner Jugend noch der Begriff für allseits sehr begehrte kleine Feuerwerkskörper war — sollte man nicht nur schauen, aus welcher Zeit und Kontext sie stammen, sondern genau darauf achten, was der Sprecher eigentlich damit sagen möchte.

Zumal wir heute in einer kulturellen und sprachlichen Vielfalt leben, wie kaum jemals zuvor. Und schon zwischen Menschen aus dem gleichen Kulturkreis, sowie der selben Muttersprache kommt es immer wieder zum Problem, was der Sprecher eigentlich denkt, meint, und von sich gibt, und der Hörer dieser Botschaft dann hört und letztendlich zu verstehen glaubt.

Zudem leben wir immer mehr in einer Zeit, in der jeder zu meinen glaubt, was der andere denkt, bevor dieser überhaupt etwas gesagt hat, und diesem dabei zuweilen bereits Dinge unterstellt, die keiner näheren Betrachtung standhalten. Durch diesen immer beliebter werdenden Sprach- und Denkchauvinismus, der noch durch eigene Euphemismen, Genderei sowie Neusprech verstärkt wird, gerät unsere Gesellschaft immer tiefer in einen totalitaristischen Strudel, so wie es George Orwell bereits 1949 vorausgesagt hatte.

Sprache entwickelt sich beständig weiter und dies alleine durch die Kommunikation von Menschen untereinander. Deshalb sollte man tunlichst darauf verzichten, durch eine eigene Sprachideologie oder unter Zuhilfenahme einer Sprachpolizei und -justiz auf diese Entwicklung Einfluss nehmen zu wollen.

Wenn man wirklich Einfluss auf die Sprache nehmen möchte, dann dadurch, dass man Bücher schreibt, die gerne gelesen werden, oder so spricht, dass man Hörer in seinen Bann zieht.

Moralische Erschießungskommandos haben die Welt bisher nur schlechter gemacht, deshalb lassen wir besser die Finger davon und entspannen uns beim nächsten Mal, wenn ein Mitbürger unserer Meinung nach sprachlich entgleist. Auch müssen wir diesem weder zuhören, noch ihn überhaupt ernst nehmen.

Und im Falle, dass man sich selber einmal beleidigt fühlt, kann man immer noch den Rechtsweg einschreiten.

„Talk can be cheap, very cheap. It can also be costly. “Speak out!” we say. “Why are you afraid to speak out?” we say. In dictatorships, it can be very, very hard to speak out. Many people have been imprisoned or worse for talk. But even in democratic societies, talk can be hard. It can be hard not only in politics but also in high schools and families and churches and professional communities and other arenas.“

Jay Nordlinger, Some Talk about Talk (4. September 2018)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.