Beitragsfoto: Rathaus Heilbronn | © Shutterstock

13.6.02021 5 (2)

Beitragsfoto: Rathaus Heilbronn | © Shutterstock

Eigentum verpflichtet

Das Schöne an Blumen und Pflanzen ist, dass man eigentlich nie genug davon haben kann, und so sammeln sich, wenn man nicht aufpasst, mit der Zeit doch so einige in Töpfen, Kübeln, Trögen oder im Garten an. Was gerade bei solch schönem Wetter wie heute dazu führt, dass man sich keine großen Gedanken darüber machen muss, was man eigentlich so alles anstellen könnte. Pflanzen und Tiere sind ohne Frage die beste Art und Weise, um einem vor Augen zu führen, dass Eigentum verpflichtet — dazu muss man dann nicht einmal unser Grundgesetz bemühen.

Sieben-Tage-Inzidenz

Heue kann man wieder einmal so schön lesen, dass Heilbronn bei der Sieben-Tage-Inzidenz Spitzenreiter in Baden-Württemberg ist. Und schon wieder fangen alle an, sich zu wundern. Noch schlimmer aber ist, es werden, wie in den 1930er-Jahren, Sündenböcke dafür gesucht — dieses Mal sind es, ganz unvoreingenommen, alle Ausländer oder solche Heilbronner, die danach aussehen.

Wer aber wie ich regelmäßig durch die Stadt bummelt, wird feststellen, dass man Maskenmuffel weder am Aussehen oder der Herkunft noch an einem vermeintlichen Bildungsstand festmachen kann. Es spricht aber vieles dafür, dass es am Unverständnis — vielleicht auch an Ignoranz oder mangelnder Solidarität — unserer Mitbürger liegt, die nicht wahrhaben wollen, dass Distanz untereinander und dies kombiniert mit einem medizinischen Mund-Nasen-Schutz einer weiteren Verbreitung von COVID-19 wie auch eines Grippe-Virus ganz offensichtlich entgegenwirkt.

Wenn man nach einem Verantwortlichen sucht, dann ist dies der Heilbronner Oberbürgermeister, der es in seiner Amtszeit versäumt hat, die Stadtverwaltung so aufzustellen, dass sie funktioniert oder gar für Krisensituationen gewappnet ist. Als die COVID-19 Welle ab März 2020 auf uns zuschwappte, war nicht nur das Gesundheitsamt völlig überfordert und muss bis heute von der Bundeswehr (!) gerettet werden, sondern die gesamte Stadtverwaltung absolut unvorbereitet, um überhaupt Krisensituationen halbwegs begegnen zu können.

Noch heute ist die Krisenkommunikation der Stadt Heilbronn ungenügend, auch ist nicht zu erkennen, dass unser „Stadtoberhaupt“ zumindest einmal versucht, die Initiative zurückzugewinnen. Wenn überhaupt, dann reagiert unsere Stadtverwaltung nur auf Anordnungen und Hinweise von oben, anstatt selbst einmal zu agieren.

Schlimmer noch ist es, wie ich es leider bereits seit langem in Blog-Beiträgen berichten muss, dass neben einer mangelhaften Information der Bürger sowie der Besucher Heilbronns, von Anfang an keine hinreichenden Kontrollen sowohl seitens der Stadtverwaltung als auch seitens der Polizei stattgefunden haben, und dieser grob fahrlässige Schlendrian nun dazu geführt hat, dass man das Rad nur noch mit weit überdimensionierten Mitteln zurückdrehen könnte.

Selbst die willigsten Bürger haben inzwischen die Nase gestrichen voll und sind es leid, immer wieder neue Einschränkungen hinnehmen zu müssen! — Zumal man das Ganze durch verantwortliche Stadtpolitik gemeinsam besser hätte hinbekommen können.

Übrigens, auch unsere Gemeinderäte haben bis auf einen „Rettungsfond“ (?!) nur die Öffnung der Heilbronner Bäder erreicht, die, wenn es so weitergeht, gleich auch wieder geschlossen werden müssen.

Eines dürfte uns allen jetzt aber klar sein, dass Schönwetter-Politiker — selbst wenn sie Röcke tragen mögen — wenig hilfreich sind!

Gut wäre gewesen, wenn ein Oberbürgermeister die Initiative ergriffen hätte und er zusammen mit den Stadträten die notwendigen Maßnahmen an die Heilbronner Bevölkerung herangetragen hätte — anstatt bei Promi-Festen genau das Gegenteil zu propagieren und dabei die Bevölkerung für dumm verkaufen zu wollen.

Noch besser wäre gewesen, nach einer erfolgreichen Mitnahme der gesamten Bürgerschaft — durch Vorbild und gemeinsames Handeln — dafür zu sorgen, dass die ersten „Abweichler“ in ihre Schranken verwiesen und eine Verbreitung von COVID-19 innerhalb unserer Stadtgrenzen entgegengewirkt worden wäre.

So müssten wir heute nicht auf eine Inzidenz von 58,5 schauen, sondern wären ganz locker im aktuellen Bundesschnitt von 17,3!

„Like everyone else, we are inclined to go along with our peers and authority figures; but, we are less willing to conform to others when this conflicts with our own beliefs, observations, and preferences. We see ourselves as unique beings, not as nodes in a social network that stretches out through space and back in time.“

Joseph Henrich, The WEIRDest People in the World: How the West Became Psychologically Peculiar and Particularly Prosperous (2020: 21)

Second Hand

Kleiderallianz 5 (4)

Beitragsfoto: Secondhand | © Benjamin Brandt auf Pixabay 

Ich gebe gerne zu, dass ich selbst kein Dressman bin und immer sehr froh darüber war, dass es mir mein Arbeitgeber mit der Kleiderwahl sehr einfach machte.

Noch heute trage ich meine Kleider, bis sie mir entweder vom Leibe fallen oder ich diese nicht mehr im Kleiderschrank finde; ich vermute stark, dass meine Frau immer wieder einmal ausmistet, obwohl ich sie bisher noch nie auf frischer Tat ertappen konnte.

Mein schönstes Erlebnis beim Kleiderkauf hatte ich in Afrika, als ich dort überraschend Zivilkleidung benötigte und diese dann in einem Slum-Kaufhaus unvorstellbarer Größe beschaffen konnte. Ich traute meinen Augen kaum und hätte sicherlich alle meine alten Klamotten wiedergefunden, wenn nur etwas länger Zeit zum Suchen vorhanden gewesen wäre. Als ich Monate später stolz die neuen Schätze meiner besseren Hälfte präsentierte, rümpfte diese nur die Nase, und sie verschwanden wie magisch alsbald wieder aus meinem Kleiderschrank.

Jüngst konnte ich gar einen Halbschuh besohlen lassen, den ich 1983 gebraucht von der Bundeswehr erwarb. Und auch meine Bergstiefel haben dank des hervorragenden Service von Meindl schon etliche Jahre auf dem Buckel.

So ist es wohl auch nicht verwunderlich, dass ich dem Rummel um immer neue und ausgefallenere Kleider nichts abgewinnen kann. Froh bin ich zudem, dass meine bessere Hälfte schon immer gerne secondhand trägt, denn nur wenn sich jeder ein wenig selber einschränkt, kann man in der Welt etwas verändern.

Egal wie man auch selbst zur Mode steht, ob es für einen ein lebensbestimmendes Mittel der Selbstverwirklichung oder eine zwingende Notwendigkeit ist, um Karriere zu machen, eines ist dabei unstrittig, wir haben insgesamt bei Weitem zu viele Kleidungsstücke in den Läden, in den eigenen Schränken, auf Lager oder gar Halden. Die Kleiderflut, die meist sehr günstig aus Asien zu uns strömt und letztendlich die Kleiderproduzenten in den ärmeren Gegenden dieser Welt ruiniert, ist weder nachhaltig noch gesamtwirtschaftlich sinnvoll.

Aber man muss auch zugeben, dass inzwischen sehr viele Menschen von und an dieser Verschwendung verdienen, meist sind es Mitbürger aus den alteingesessenen Industrieländern. Nur muss irgendwann irgendwer letztendlich die Zeche für solches Wirtschaften zahlen. Wer dabei glaubt, dass wir es nicht sind, der irrt sich gewaltig. Nur ein Beispiel aus eigenem Erleben.

Vor ca. zehn Jahren lernte ich eine Modedesignerin mit einer eigenen Manufaktur in Afrika kennen. Sie war erfolgreich und veranstaltete mit einer Freundin auch regelmäßig gut besuchte Modeschauen. Zehn Jahre später lebt sie nun in Bayern und ihre Freundin im Vereinigten Königreich. Beide wurden Opfer unserer Kleiderflut nach Afrika und ihnen blieb nur die Flucht nach Europa, um überleben zu können; unisono würden beide noch heute lieber selber ihren Unterhalt zu Hause in Afrika verdienen als in Europa „betteln“ zu müssen.

Dies seit Jahren erkennend, müssten wir alle eigentlich umsteuern. Leider glauben die meisten von uns, dass sie selber weder etwas Falsches machen, noch daran, dass sie überhaupt auf irgendetwas verzichten müssten.

Das eigentlich Gute am Umsteuern in Sachen Kleiderflut ist, dass so gut wie niemand verzichten müsste und selbst die Billig-Produzenten ausreichend Zeit hätten, um ihre Geschäftsmodelle an die neuen Gegebenheiten anzupassen, zumal dieser Prozess mehrere Jahre, wenn nicht gar länger in Anspruch nähme.

Ich nenne meinen entsprechenden Vorschlag „Kleiderallianz“ und glaube auch, dass dieser erst lokal und später gut untereinander vernetzt funktionieren könnte.

Wir sollten den bereits bestehenden secondhand Markt stärken, attraktiver gestalten und die unterschiedlichen Handelsmodelle so miteinander verknüpfen, dass zum einen jene, die darauf angewiesen sind, profitieren und zum anderen der tatsächlich auch vorhandene Kleidermüll nicht exportiert, sondern aus dem Markt genommen wird und damit möglichst als Rohstoff für andere Produkte weiterverwendet werden kann.

Gute Kleidungsstücke erhalten entsprechend auch für den Konsumenten einen Wiederverkaufswert und werden damit zur allseits anerkannten Handelsware, was wiederum die Akzeptanz von secondhand bei den Nutzern insgesamt erhöht.

Damit erhöht sich die Qualität der Ware und senkt mittel- bis langfristig auch die Quantität, wobei ich vermute, dass die hohen Gewinnmargen von den Großproduzenten und -händlern zu den Zwischenhändlern fließen und damit einen krisenfesten Markt schaffen werden.

Die von mir intendierte Kleiderallianz sammelt mit ihren teilnehmenden Firmen, Stiftungen, Organisationen, Kirchen und Vereinen weiterhin die Kleidungsstücke dezentral, sortiert (Müll bzw. Kleidung), katalogisiert die Stücke und stellt diese auf einer gemeinsamen digitalen Plattform zur Verfügung. Damit ist sichergestellt, dass gute Kleidungsstücke auch ihre Abnehmer finden und nicht jahrelang in irgendwelchen Kellern vergammeln.

Kunden von Hilfsorganisationen werden beim Einkauf automatisch rabattiert und die Kleidungsstücke ggf. an die nächstgelegenen Läden, Verkaufs- oder Abgabestellen geliefert. Zudem besteht die Möglichkeit, dass man sich die Kleidungsstücke auf eigene Kosten nach Hause schicken lassen kann.

Wenn das Ganze dann attraktiv auf einer Website beworben, vorgestellt und verkauft wird, kommen sicherlich weitere und auch sehr zahlungskräftige Käuferschichten mit hinzu, denn einem guten Kleidungsstück sieht man nicht an, ob der Träger dieses selber zwei Jahrzehnte lang oder wie viele glückliche Vorbesitzer es bereits vorab getragen haben.

„Over the years I have learned that what is important in a dress is the woman who is wearing it.“

Yves Saint Lauren (1936 – 2008)

Bank

Non, je ne regrette rien 4.8 (5)

Beitragsfoto: Bank | © Wendy CORNIQUET auf Pixabay 

In den 1990er-Jahren waren französische Truppenübungsplätze für uns Soldaten eine ganz neue Spielwiese, die zudem Möglichkeiten und Herausforderungen boten, welche es so auf deutschen Truppenübungsplätzen kaum noch gab. Bei einem solchen Truppenübungsplatzaufenthalt, die gerne mehr als die doppelte, sonst bei uns übliche Zeit dauern konnten, traf ich einen französischen Kameraden, den ich bei einem gemeinsamen Lehrgang kennenlernen durfte und mit dem ich seitdem freundschaftlich verbunden war. Als er mich fragte, ob man hier nicht einmal Gelegenheit fände, um gemeinsam ein Bier zu trinken, konnte ich ihm erfreut berichten, dass unsere Brigade vor Ort bereits einen guten Cercle Mixte eingerichtet hatte. Er bestand aber auf sein Heimrecht und holte mich eines Abends zu einem Spaziergang ab. Dieser führte uns aus dem Lager heraus querfeldein über den Platz, bis wir zu einem sehr kleinen, bereits in Dunkelheit gehüllten Straßendorf gelangten. Dort gab es zwei Kneipen, die erste offensichtlich mit französischen Kameraden gefüllt, welche ebenfalls gute Ortskenntnisse hatten, und eine kleinere am anderen Ende des Dorfes, die der Dorfjugend als Rückzugsgebiet diente.

Dort ließen wir uns an einem kleinen Tisch in der Ecke nieder und tranken unser Bier. Hinter der Theke stand eine etwas ältere Dame und eine jüngere kümmerte sich um den Service. Die Jugend war mit sich selbst beschäftigt und eine alte Wurlitzer Jukebox stand einsam und verlassen in der Ecke.

Irgendwie kam ich auf die Idee, meinem Kameraden zeigen zu müssen, wie man den gesamten Abend über Musik hören könne, ohne selbst dafür zahlen zu müssen. Er händigte mir ein paar Franc aus und ich wählte damit mehrfach ein und dieselbe Single — Edith Piaf passte so gar nicht ins Sortiment und würde meiner Überzeugung nach die Dorfjugend dazu animieren, die Jukebox am Weiterdrehen zu halten.

Meine Idee schien aufzugehen, ein paar Mädchen guckten bereits danach, neue Lieder aussuchen zu können, als die Wirtin hinterm Tresen hervorkam und ihre Gäste dazu bewog, für heute den Abend zu beenden. Dann kam sie zu uns, und ich verstand halbwegs, dass ihr verstorbener Vater oder Mann in Algerien kämpfte, aber ganz sicher, dass wir so lange bleiben dürften wie wir wollten, das Bier selber fänden, die Getränke aufs Haus gingen und wir beim Gehen nur die Tür hinter uns zuziehen müssten.

Den restlichen Abend über erhielt ich von meinem Kameraden die Geschichte des Algerienkriegs bis ins kleinste Detail geschildert, und irgendwie fanden wir in den frühen Morgenstunden auch wieder ins Lager zurück.

Am nächsten Morgen befand sich der Liedtext auf einer Serviette in meiner Hosentasche.

Non! Rien de rien …
Non! Je ne regrette rien
Ni le bien qu’on m’a fait
Ni le mal tout ça m’est bien égal!
Non! Rien de rien …
Non! Je ne regrette rien …
C’est payé, balayé, oublié
Je me fous du passé!
Avec mes souvenirs
J’ai allumé le feu
Mes chagrins, mes plaisirs
Je n’ai plus besoin d’eux!
Balayés les amours
Avec leurs trémolos
Balayés pour toujours
Je repars à zéro …
Non! Rien de rien …
Non! Je ne regrette rien …
Ni le bien, qu’on m’a fait
Ni le mal, tout ça m’est bien égal!
Non! Rien de rien …
Non! Je ne regrette rien …
Car ma vie, car mes joies
Aujourd’hui, ça commence avec toi!

Michel Vaucaire und Charles Dumont boten Edith Piaf 1960 dieses Lied an, und sie machte es über Nacht zu einem unvergesslichen Schlager.

Bei einem anderen Truppenübungsplatzaufenthalt führte mich einer meiner Mitarbeiter, der mich bereits zuvor über die Route Napoléon zum Übungsort gefahren hatte, eine Küstenstraße hinunter ans Mittelmeer. Dort suchten wir ein Café direkt am Strand auf, genossen Sonne und Bier, als sich plötzlich ein Herr zwischen uns und die Sonne schob, genau mich adressierend, nicht nur die Bundeswehr übel beschimpfte, sondern mir ganz persönlich die Pest, Cholera sowie die Staatsanwaltschaft an den Hals wünschte. Ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus und überlegte mir gerade, ob der Herr der Volksgruppe der Vandalen oder der der Oberlehrer angehöre, als sich mein Mitarbeiter einmischte: „No, no Monsieur! Sie verstehen das völlig falsch. Dieses Mal ward ihr Deutschen so schnell, selbst die Nachrichten konnten es noch nicht bringen. … Übrigens, ich bin sein Kriegsgefangener.”

Die Situation war gerettet, und wir fuhren später dann zusammen mit Edith Piaf und Gilbert Bécaud zurück ins Lager.

La vie en rose aus dem Jahr 1945 [nicht mehr verfügbare Version durch diese ersetzt]

„Schläft ein Lied in allen Dingen, die da träumen fort und fort, und die Welt hebt an zu singen, triffst du nur das Zauberwort.“

Joseph von Eichendorff, Wünschelrute (1841)