Wahlbenachrichtigung

Wahlzettelgedanken 5 (1)

Beitragsfoto: Wahlbenachrichtigung | © Pixabay

Jedes Mal, wenn ich einen Wahlzettel in Händen halte, muss ich wohl altersbedingt an ein vermeintliches Zitat von Kurt Vonnegut denken, der das Folgende gesagt haben soll:

„True terror is to wake up one morning and discover that your high school class is running the country.“

Dann erinnere ich mich auch gleich wieder, dass ich das schon beim letzten Mal nachgucken wollte; doch dann schweife ich auch schon wieder ab und wäre schon froh darüber, wenn sie es tatsächlich zumindest einmal versuchen würden.

Beim näheren Betrachten des heutigen Wahlzettels trieb mich plötzlich aber das folgende Gedicht von Theodor Fontane um:

Die Frage bleibt

Halte dich still, halte dich stumm,
nur nicht forschen, warum? warum?

Nur nicht bittre Fragen tauschen;
Antwort ist doch nur wie Meeresrauschen.

Wie’s dich auch aufzuhorchen treibt,
das Dunkel, das Rätsel, die Frage bleibt.

Theodor Fontane

Das führt mich nun dazu, zu überlegen, was wohl jene Wähler machen, die keinen Kandidaten auf dem Wahlzettel kennen? Wobei es wohl nicht ganz schlecht sein muss, völlig unbedarft an eine solche Herausforderung heranzugehen. Auch muss man sich dabei selbst meist keine Vorwürfe machen, denn zum einen kennt man viele der Kandidaten überhaupt nicht und manche auch nur vom regelmäßigen Erscheinen auf den unterschiedlichsten Wahlplakaten. Und zum anderen ist man vielleicht auch noch nicht lange genug im Wahlkreis ansässig, um den einen oder anderen Kandidaten überhaupt kennengelernt haben zu können.

Spannend wird das Ganze erst dann, wenn man sich von den unterschiedlichen Kandidaten vom Wahlplakat her oder aufgrund eines, gerne vor den Wahlen verteilten, Flyers ein Bild machen möchte. Da die Fotografen immer bessere Möglichkeiten haben, den jeweiligen Kandidaten ins beste Licht zu rücken, kann man eigentlich alleine aufgrund des Fotos keine Sympathiepunkte mehr verteilen.

So könnte allein nur ein Blick in die Werbeprospekte helfen, aber auch hier möchten alle unisono die Welt retten und alle haben auch plötzlich eine gute Idee — manche sogar einen Plan –, wie man dies und das machen könnte.

Kann dies noch bei den erstmals Kandidierenden als ein gutes und aussagekräftiges Entscheidungskriterium angesehen werden, so muss man sich aber bei den bereits amtierenden Volksvertretern unweigerlich fragen, was diese in den letzten Jahren überhaupt gemacht haben?

Ganz ähnlich ist es auch bei den, hinter den jeweiligen Kandidaten stehenden, Parteien — z. B. über 50 Jahre hinweg die Umwelt retten oder immer wieder mehr Polizisten einstellen zu wollen, lässt jeden Bürger eigentlich daran zweifeln, ob diese „Statements“ überhaupt eine Aussagekraft haben.

So bleibt einem wohl oder übel nur eines übrig, nämlich eigene Recherchen anzustellen, es sei denn, man hat sich nicht selbst bereits einer bestimmten Partei verschrieben, oder grundsätzlich immer jenen Kandidaten gewählt, den schon die eigene Großmutter für gut befunden hat. Das ist selbstverständlich eine opportune Möglichkeit, und dabei sogar eine sehr bequeme, nur kann man dann nicht erwarten, dass sich bei uns auch nur ein bisschen etwas ändert.

Und dabei sind es doch gerade die regelmäßigen Wahlen, die in einer Demokratie immer wieder dazu auffordern, dass Parteien und deren Volksvertreter über ihr bisheriges Tun Rechenschaft ablegen und zudem im Wettbewerb mit den anderen Parteien und Kandidaten zumindest während des Wahlkampfes über sich selbst zu reflektieren und damit auch die eigenen Ziele und Pläne nachzujustieren oder weiter auszudifferenzieren. Damit wäre es sogar möglich, dass man bei den eigenen Wahlaussagen nicht ständig auf das „Altbewährte“ aus dem letzten Jahrhundert zurückgreifen muss — wobei lediglich ab und zu mit neuen Farbkombinationen zu rechnen ist; dieses Mal sind die 1970er-Jahre wieder voll im Trend.

Aber vor allem für die Wähler — mit oder ohne Parteibuch — muss der Wahlzettel in der Hand ein Anstoß zum Nachdenken und zum Nachschauen sein. Wer kennt eigentlich die 21 Parteien, die auf dem aktuellen Wahlzettel stehen? Was geben diese Parteien an, das sie unbedingt ändern oder anders machen wollen? Welche Kandidaten führen sie dafür ins Rennen?

Schon alleine das Nachschlagen dieser Fragen zeigt jedem Wähler, was die Mitbürger so beschäftigt oder in welche Richtung gerade der Trend zu gehen scheint. Dies lässt sich dann auch ganz gut überprüfen, indem man den passenden Wahl-O-Mat konsultiert, denn dort haben alle 21 Parteien Wahl-O-Mat-Thesen beantwortet, die Sie mit Ihren eigenen Standpunkten vergleichen können.

Aber Vorsicht, wenn Sie nicht gerade Parteiaktivist sind, könnte es durchaus passieren, dass Ihre eigene oder Ihre präferierte Partei weniger Übereinstimmung zu Ihren Überzeugungen hat als eine ganz andere, die Sie vielleicht nicht einmal kennen. Beruhigend dabei ist allerdings, dass sich keine Partei selber an ihre eigenen Wahlaussagen gebunden fühlt — und Sie deshalb als Parteigänger ruhig und wie gewohnt ihre Stimme abgeben können.

Und da dies viele so halten und noch mehr überhaupt nicht mehr wählen gehen, wird sich diesbezüglich auch so schnell bei uns nichts ändern, und so bleiben die Kandidaten dieselben, die Parteien bleiben dieselben, die Wahlaussagen bleiben dieselben, die Probleme bleiben dieselben — einzig es kommen immer neue Herausforderungen hinzu, aber dafür lösen sich manche Probleme auch wieder wie von selbst.

Den Wahlzettel in der Hand, bleibt nun die Frage, wie kann man selber damit überhaupt etwas verändern, vielleicht sogar zum Besseren?

Geben Sie auf jeden Fall den Wahlzettel ab, je mehr dies machen, umso besser wird das Ergebnis für alle! Geben Sie dabei ruhig einer Partei oder einem Kandidaten einen Vertrauensvorschuss und machen Sie dort Ihr Kreuz.

Aber es wird sich erst dann etwas ändern, wenn wir Wähler bei der nächsten Wahl und vor Abgabe des nächsten Stimmzettels unsere Volksvertreter und deren Parteien auch vorab um Rechenschaft bitten. Denn es zählt nämlich nicht, was diese seit Jahrzehnten und auch in Zukunft machen wollen, sondern einzig und alleine, was sie seit der letzten Wahl tatsächlich getan oder gar unterlassen haben!

Das Wahlrecht ist ein hohes Gut und kann die Welt durchaus zum Besseren ändern, allerdings nur dann, wenn möglichst viele von uns wählen und sich zudem selbst und auch die Kandidaten vorab in die Pflicht genommen haben.

Fragen Sie z. B. die Abgeordneten im aktuellen Landtag von Baden-Württemberg oder die Kandidaten zum kommenden Landtag über Abgeordnetenwatch!

Schauen Sie nach, wie Ihre Volksvertreter tatsächlich im Landtag abgestimmt haben: Baden-Württemberg – Abstimmungen

Gehen Sie aber auf jeden Fall am 14. März 2021 wählen!

Auch und gerade besonders dann, wenn Sie keiner Partei und keinem Kandidaten mit gutem Gewissen Ihre Stimme geben können — auch Ihre ungültige Stimme ist eine Stimme.

Und nur wer seine Stimme nicht abgibt, zählt auch nicht.

Hintergrund

Am 14. März 2021 sind die Baden-Württemberger dazu aufgefordert, den inzwischen 17. Landtag für die kommenden fünf Jahre zu wählen. Die Wahlperiode des 16. Landtags, bestehend aus 143 Abgeordneten, reicht bis zum 30. April 2021, danach konstituiert sich der neue Landtag.

Die Bürger wählen ihre 120 Abgeordneten in 70 Wahlkreisen, wobei die Anzahl wegen Ausgleichs- und Überhangmandaten erneut höher sein wird. Wahlberechtigt sind alle deutschen Staatsbürger mit Vollendung des 18. Lebensjahres, die auch seit mindestens drei Monaten einem Hauptwohnsitz in Baden-Württemberg haben.

Traditionell werden Soldaten der Bundeswehr dabei diskriminiert, da sie vor allem in den ersten Berufsjahren mehrfach und auch kurzfristig ihre Hauptwohnsitze verlegen müssen, wobei dieser Wahlrechtsentzug — dabei auch das passive Wahlrecht! — seitens der staatlichen Gewalten (den eigentlichen Verursachern) nicht kompensiert wird. So wird vielen Soldaten und auch deren Familienangehörigen das Wahlrecht teilweise über Jahrzehnte hinweg immer wieder verwehrt, was sonst nur bei Schwerkriminellen der Fall ist.

Jeder Wahlkreis hat seinen eigenen Stimmzettel. Darauf finden Sie dieses Mal 21 Kandidaten von 21 Parteien oder Wählergruppen. Der Kandidat, der in den jeweiligen Wahlkreisen die meisten Stimmen auf sich vereint, ist „direkt“ gewählt.

Zudem werden alle Stimmen für die Parteien oder Wählergruppen landesweit zusammengezählt und die 120 Parlamentssitze nach dem Höchstzahlverfahren gem. Sainte-Laguë / Schepers unter den Parteien verteilt, vorausgesetzt diese haben jeweils mindestens 5 % der Stimmen auf sich vereinigen können.

Die Parlamentssitze, die jeder Partei nun zustehen, werden innerhalb der vier Regierungsbezirke des Landes (Freiburg, Karlsruhe, Stuttgart und Tübingen) verteilt; auch dabei wird das obige Verfahren verwendet.

Kleine Anmerkung am Rande: der größte und landsmännisch sogar eigenständige Bezirk des Landes, Heilbronn-Franken, wurde dabei den Stuttgartern zugeschanzt; böse, wer Schlimmes dabei vermutet.

Diese regionale Sitzverteilung innerhalb der Parteien wird nun mit den erreichten Direktmandaten verglichen. Und wenn eine Partei im Bezirk mehr Direktmandate hat, als ihr eigentlich zustünden, werden deshalb Überhangmandate generiert, ergo ziehen zusätzliche Abgeordnete für den Bezirk in den Landtag ein.

Die noch verbliebenen freien Sitze innerhalb der Regierungsbezirke werden nun als, die den Parteien zustehende, Zweitmandate verteilt. Dabei kommen die Kandidaten der Parteien zum Zuge, die den jeweils höchsten Stimmenanteil erhalten haben.

Zum Schluss kommen dann noch die Ausgleichsmandate hinzu, nämlich dann, wenn in einem Bezirk Überhangmandate angefallen sind und damit die, durch das Höchstzahlverfahren im jeweiligen Bezirk festgelegte, Sitzverteilung der Parteien nicht mehr stimmig ist. Diese anfallenden Ausgleichsmandate erhalten dann die Kandidaten mit dem jeweils nächst höchsten Stimmenanteil.

So kam es, dass der 16. Landtag aus 143, anstatt den vorgesehenen 120, Kandidaten besteht.

Last but not least, möchte ich noch darauf hinweisen, dass es nicht nur darauf ankommt, wie gewählt wird, sondern auch, nach welchem Auswahlverfahren gezählt wird, und ganz besonders darauf, wie die Wahlkreise und Regierungsbezirke zugeschnitten sind. Diese müssen zudem immer wieder den tatsächlichen Bevölkerungsverhältnissen angepasst werden und — in der heutigen Zeit ganz besonders wichtig — man muss darauf achten, dass es bei der Neuverteilung der Kreise und Bezirke nicht zum Gerrymandering kommt.

„So it goes.“

Kurt Vonnegut, Slaughterhouse-Five (1969)

Zug in Wien

Europa mit der Bahn erleben 4.8 (4)

Beitragsfoto: Eisenbahn in Wien | © Pixabay

Heinrich Kümmerle macht auf die Initiative DiscoverEU der Kommission aufmerksam und fordert darüber hinaus, dass man innerhalb der Europäischen Union zumindest von jedem Hauptbahnhof aus, ein Bahnticket an jeden anderen Bahnhof kaufen können muss. Und dies mit einer Transportgarantie verbunden, die sicherstellt, dass man ohne Mehrkosten und notfalls mit jeder Bahngesellschaft sein gebuchtes Ziel auch erreicht; als plakatives Beispiel soll die Fahrt von Heilbronn nach Porto dienen.

Ich begrüße eine solche Initiative hin zu mehr Nachhaltigkeit bei Reisen (vom Komfortgewinn ganz zu schweigen). Persönlich war eine Inspiration für mich der Artikel Hochgeschwindigkeitszüge zerstören das europäische Bahnnetz. Nach dem, zugegeben reißerischen, Titel werden die Probleme des heutigen Bahnverkehrs gut herausgearbeitet.

Man kann sicher gerne streiten, ob ein ICE nicht doch eine tolle Möglichkeit ist. Besonders, wenn man in der Nähe von Verkehrsknoten der Bahn wohnt. Da bevorzuge ich sechs Stunden Fahrt mit dem ICE von München nach Hamburg ganz klar gegenüber den früheren 10 Stunden mit dem IC. Ebenso ist es zu diskutieren, ob man es sich leisten möchte, dass eine Stadt wie Heilbronn maximal verkrüppelt ans Bahnnetz angebunden ist. Oder dass in manchen Gegenden ein Alibi-ÖPNV geboten wird, wenn dort Busse viermal am Tag fahren.

Ich kann mich noch gut an meine Kindheit erinnern, als ich in mit meiner Mutter meine Urgroßmutter mit dem Nahverkehr besuchte. Wir mussten pro Richtung drei (!) Fahrkarten kaufen, damit wir am Ziel ankamen. Start- und Zielpunkt lagen in Hamburg, ca. 12 km Luftlinie voneinander entfernt. Wir mussten zuerst eine Fahrkarte für den Bus lösen, dann eine für die S-Bahn und dann eine für den Bus eines anderen Busunternehmens. Natürlich waren die Fahrpläne nicht aufeinander abgestimmt, was mir in den Sommermonaten ein „Warte-Eis“ bescherte.

Zum Glück gibt es heute Verkehrsverbünde.

Diese Verkehrsverbünde sind de facto „föderal“ organisiert. Natürlich ist die Gesellschaftsform eine andere, aber dort schließen sich selbständige Transportunternehmen unter einem gemeinsamen Dach zusammen, um gemeinsam für die Kunden ein besseres Angebot zu machen.

Die Situation beim europäischen Bahnverkehr ist kaum anders als in Hamburg (und vielen anderen Gebieten) vor der Gründung des Verkehrsverbundes.

Will ich von Heilbronn mit dem ÖPNV nach Porto reisen, muss ich 12mal umsteigen und nehme die Dienste von 4-5 Transportunternehmen in Anspruch. Vielleicht kann ich manche der 13 Tickets gemeinsam buchen, aber eher nicht alle auf einmal. Was mache ich, wenn es mit einem Betreiber Probleme gibt, zum Beispiel weil alle Plätze ausgebucht sind? Schon gebuchte Tickets der vorigen Etappen zu stornieren kostet wenigstens Aufwand, manchmal auch mehr.

Die Umsteigezeiten reichen von 6 Minuten bis hin zu 5 Stunden. Die 6 Minuten in Karlsruhe sind eindeutig zu kurz. Wüsste ich das nicht, würde ich den TGV nicht mehr erreichen. Da ich dort die Fahrt nicht angetreten habe, gibt es auch keine Entschädigung für die Fahrt(en). Also nochmal Tickets kaufen, vorausgesetzt ich habe noch Geld. Warum die 5 Stunden? Oh, in der Nacht fährt kein Zug. Warum eigentlich nicht? (Antwort: siehe obig angeführten Artikel). Wenn ich die Nacht nicht auf dem Bahnsteig verbringen möchte, brauche ich ein Hotel. Aber für 5 Stunden? Wenn die vorherige Zug 3 Stunden Verspätung hat, dann brauche ich das Hotel auch nicht. Und extra einen Aufenthaltstag in Perpignan am Mittelmeer einzulegen, will man vielleicht nicht.

Warum gibt es eigentlich keinen europäischen, föderalen Verkehrsverbund? Naiv, wie ich manchmal bin, wäre das doch ein tolles Projekt, von dem alle in (EU-) Europa etwas direkt haben, das eine riesige Signalwirkung besäße. Dabei sollte das nicht riesig viel kosten, bestimmt weniger als ein immer noch in Bau befindlicher Flughafen südlich von Berlin, ein Konzertsaal in Hamburg oder der Tunnelbau in Stuttgart. Man müsste „nur“ auf eine Vereinheitlichung der Abläufe hinwirken, auf eine Abstimmung der nationalen Transportgesellschaften untereinander (die zudem häufig im Besitz der Staaten sind). Und dann kann man eine Transportgarantie vereinbaren, wie es sie teilweise national schon gibt, wie auch für den Flugverkehr.

Dann hätten alle Menschen, die in der EU leben, etwas davon, nicht nur jungen Menschen, denen ich das aktuelle Angebot gönne. Dann könnte man viel einfacher durch Europa reisen, einfacher andere Menschen kennen lernen. Und man weiß zu schätzen, was Europa für uns sein kann.


Ergänzung zu Christian Moos’ Einwand

„Mit den europäischen Eisenbahnpaketen https://www.eba.bund.de/DE/RechtRegelwerk/EU-Recht/eu-recht_node.html ist da bereits viel passiert. Die Harmonisierungstendenz ist da, Koordinierung so und so. Es ist ja nicht so, dass man in normalen Zeiten nicht gut mit der Bahn von einem EU-Land ins andere kommt. Den europäischen Eisenbahnraum gibt es also schon. Allerdings könnte das attraktiver formuliert, beworben werden. Jedenfalls sobald das Reisen wieder geht.“

Christian Moos, Generalsekretär der EUROPA-UNION Deutschland (22. April 2020, 11:02 Uhr)

Danke für den Link, war mir neu. Es freut mich auch zu erfahren, dass es allererste Harmonierungsansätze gibt. Wenn ich die ganzen Unterlagen als Nicht-Jurist richtig verstehe, bewegt man sich, neben der allgemeinen Absichtserklärung (RL 2012/34/EU) eher auf dem Gebiet, die unterschiedlichen Eisenbahnsysteme überhaupt kompatibel zu machen.

Gestatten Sie mir bitte eine Analogie. Ich bin Informatiker (das als Entschuldigung / Erklärung).

Bezogen auf einen zukünftigen Markt für Personalcomputer befinden wir uns danach noch in der Vor-PC-Ära, als es Systeme wie den Apple II, den Commodore PET 2001 oder den TRS-80 gab. Dieser Markt zeichnete sich dadurch aus, dass die Geräte so gut wie nicht kompatibel waren. Ein gemeinsames Betriebsssystem (ob nun DOS oder Windows) war noch nicht denkbar. Wenn ich also die Unterlagen richtig verstehe, muss erst noch auf Schaltkreisebene (Eisenbahnschienen, Strom, -Abrechnungen, …) eine Vereinheitlichung geschaffen werden, damit überhaupt so etwas wie ein (damals) offener IBM-PC denkbar wird. Und dann muss sich erst ein Betriebssystem durchsetzen. Damit ein PC überhaupt nutzbar ist, muss dann Anwendungssoftware existieren, wie z.B. Office-Produkte. Und dann müssen auch diese Produkte zusammenarbeiten, damit auch unerfahrene Nutzer etwas davon haben.

Natürlich hinken solche Analogien immer.

Bei so gut wie allen Produkten gibt es mindestens zwei Sichtweisen: die der technischen Umsetzung und die des Kunden. Den meisten ist es relativ egal, wie ein Computer technisch funktioniert, Hauptsache er funktioniert. Mir als Bahnfahrer ist es relativ egal, wie der Zugverkehr technisch funktioniert, Hauptsache er funktioniert. Wie die Transportunternehmen abrechnen, wie das mit dem Strom funktioniert, … ist alles sicher essentiell wichtig. Mir aber egal. Ich möchte mein Ticket von Heilbronn nach Porto buchen. Und ich möchte bequem und sicher dorthin unterwegs sein. Ich möchte einen (!) Ansprechpartner haben, wenn etwas schief läuft. Ich will nicht von einem Unternehmen an das andere verwiesen werden. Mit einem Wort: Kundenorientierung.

Natürlich funktioniert das auch nicht immer beim PC. MS Word arbeitet nicht mit einem Medienplayer eines anderen Herstellers zusammen? Pech gehabt.

Für mich sieht es so aus, als würden sich alle Beteiligten am Prozess der Eisenbahnharmonierung auf die technische Sicht konzentrieren. Selbst dieser Begriff „Eisenbahnharmonierung“ ist ein technischer Begriff. Da kommt der Nutzer, der Bahnfahrer nicht vor. (Zugegeben, in einigen Dokumenten schon, versteckt). Selbst das Dokument RL 2012/34/EU konzentriert sich auf technische Dinge. Gibt es wirklich kein Leitdokument, das die Ziele aus Sicht der Bahnfahrer beschreibt?

Wenn ich nicht zu falsch liege, dann war der Prozess, der zur DSGVO führte ein ganz anderer. Dort wurde das Ziel ausgegeben, etwas für den Datenschutz aus Sicht der Menschen zu tun. Das Ziel war nicht technisch formuliert. Und letzten Endes sind die technischen Aspekte auch nachrangig, wenn das Ziel für die Menschen stimmt. Ingenieure, ob nun bei der Eisenbahn oder in der Informatik, sind geübt darin, solche Ziele gemeinsam, unternehmensübergreifend umzusetzen.

Deshalb freut es mich trotzdem, dass daran gearbeitet wird. Aus meiner, nutzerorientierten, Sicht gibt es einen europäischen Eisenbahnraum aber noch nicht. Dass dieser auch einer technischen Sicht besteht, möchte ich nicht bezweifeln. Zwölf mal von Heilbronn nach Porto umsteigen ist nicht besonders nutzerfreundlich. Das entspricht für mich eher der Vor-PC-Ära, als nur Eingeweihte ein PET 2001 bedienen konnten. Da wundert es mich nicht, dass viele lieber das Flugzeug nehmen und auf der gleichen Strecke nur viermal umsteigen müssen (HN->S Hbf->STR->OPO->Porto).

Update 22.5.23: auch die Tagesschau bemerkt das Problem: Auslandsreisen mit der Bahn sind kompliziert.


Dr. Detlef Stern ist seit ein paar Jahren einer meiner liebsten Gesprächspartner — besonders bei einem guten Kaffee — und auch „Schuld daran“, dass ich Lesepate wurde. 

Im echten Leben ist er Professor für Projekt­management, Electronic Business und Software­entwicklung an der Hochschule Heilbronn. Achtung, seine Begeisterung für Software ist ansteckend, und so nutze ich inzwischen auch seinen Zettelstore. Übrigens, er bloggt selbst unter https://t73f.de.