Schachfiguren

7.4.02023 5 (2)

Beitragsfoto: Schachfiguren | © Steve Buissinne auf Pixabay

Karfreitagmorgen

Ein Gedicht von Christian Morgenstern, dessen Gedichte ich bereits 2012 einmal zum Thema hatte. Auch dieses Gedicht regt eher zum Nachdenken an und passt zudem ganz gut zu meinen letzten beiden Blog-Beiträgen.

Karfreitagmorgen

Heute will ein alter Mensch 
wiederum zu Grabe sterben, 
und der neue soll von ihm 
nichts als nur den Willen erben, 
nach dem endlichen Gelingen 
immer tiefer hinzudringen.

Hilf zu solchem Ziel auch Du 
mit dem eignen Stirb und Werde! 
Lass uns einig unsre Erde 
läutern, edlerm Stoffe zu! 
Lass uns, liebes Lebensmein, 
einer Sehnsucht Flügel sein!

Christian Morgenstern

Spielen

Wenn es alleine nach mir ginge, könnte ich sämtliche Spiele auf Schach reduzieren. Seit meinem ersten Einsatz in den 1990er-Jahren spiele ich regelmäßig und verliere dabei meist. Am liebsten verliere ich dann, wenn mich mein Gegner bezwingt und ich bis zum Schluss des Spiels nicht weiß, wo ich etwas falsch gemacht habe.

Seit 1997 nutze ich zudem das Schachprogramm „Shredder“, welches mich überall mit hin begleitet. Stefan Meyer-Kahlen hat mit diesem Programm für fast jeden Schachspieler einen passenden Gegner entwickelt. Das Programm ist inzwischen sehr ausgereift und ich musste vielleicht dreimal den Support bemühen, wobei mir immer innerhalb von zwei Tagen geholfen werden konnte.

Zugegebener Maßen nutze ich aber nur die einfachen Möglichkeiten des Programms; inzwischen kann es, außer mich beständig verlieren zu lassen, noch weit mehr. So stehen mir für den Fall, dass ich einmal regelmäßig gewinnen sollte, weitere Nutzungsmöglichkeiten zur Verfügung.

Und so muss ich nach all den Jahren anerkennen, dass sich die Kosten für das Programm mehr als gelohnt haben.

Da es aber nicht nur nach mir geht, gibt es bei unseren Spieleabenden andere Spiele, von denen ich bereits des öfteren geschrieben habe. Das Schöne für mich dabei ist, dass dies die Chance, um auch einmal zu gewinnen, beträchtlich erhöht.

Seit gestern gibt es nun aber ein weiteres Spiel auf meiner Agenda und dieses habe ich einem improvisierten Spieleabend zu verdanken. Das für mich neue Spiel heißt „Dobble“ und hat mir sehr schnell gezeigt, dass ich Hirnregionen habe, die bisher wohl sehr ungenutzt geblieben waren.

Mit 55 Karten und fünf Spielvarianten sorgt es dafür, dass bis zu acht Spieler sehr viel Spaß und ältere Spieler wie ich zudem eine geistige Herausforderung finden, die sie wohl nur noch vom Spiel Memory her kennen. Wer dort bereits regelmäßig von Kleinkindern „abgezockt“ wird, der wird sicherlich auch hierbei seine Lektionen lernen. Alle Spieleabendteilnehmer waren sich gestern sicher, dass wir uns künftig noch öfters mit diesem Spiel beschäftigen werden.

Besserwisser

Das sind wir doch alle wohl ohne eine einzige Ausnahme. Dabei wäre es sehr von Vorteil, wenn es auch und dies möglichst viele Bessermacher gäbe. Inzwischen bin ich fest davon überzeugt, dass es uns allen so richtig an Bessermachern mangelt und ich bin schon froh darüber, wenn ich auf Menschen treffe, die überhaupt noch etwas machen, außer der sehr bequemen Verkündung des besser Wissens.

In all den Jahren traf ich dabei immer wieder einmal auf richtige Künstler, die das Besserwissen zum eigenen Erfolgsrezept gemacht haben und denen es zudem gelang, bis zum erfolgreichen Ende ihrer glorreichen Karriere ohne eigene Erzeugnisse egal welcher Art, ganz zu schwiegen von messbaren Erfolgen, die eigene Karriere einmal ausgenommen, aus dem Berufsleben zu scheiden. Noch heute schaue ich mit sehr großer Bewunderung auf solche Menschen zurück — in meinen Augen sind dies die ultimativen Lebenskünstler!

Überhaupt nicht bewundere ich aber jene dieser Künstler, die tatsächlich immer wieder und bis zum glorreichen Ende nur Trümmer, Tod und Verderben hinter sich zurücklassen. Leider sind diese Künstler inzwischen sehr häufig und dabei sogar in den höchsten politischen Ämtern anzutreffen — sie scheinen regelrecht in solche Ämter gespült zu werden.

In meinem direkten Umfeld bin ich mittlerweile schon mehr als zufrieden, wenn ich auf Menschen treffe, die etwas machen und ich gucke schon lange nicht mehr darauf, ob sie dies auch besser machen.

Denn über das Wort „besser“ kann man sich immer zanken und wird wohl kaum dabei auf ein gemeinsames Verständnis kommen. Deswegen halte ich das Wissen und das Machen für die bessere Wahl. Und weil auch das Wissen allgemein immer seltener wird, bleibt eigentlich nur noch das Machen über.

Und so könnte man zu der Überzeugung gelangen, dass man es einfach einmal mit dem bloßen Machen versuchen sollte, wobei über die Zeit hinweg sich dieses Machen beständig von alleine verbessert und zudem vielleicht sogar einmal zum Wissen führt.

Das Besserwissen hingegen sollte nur den wahren Lebenskünstlern unter uns vorbehalten bleiben.

„Relying on words to lead you to the truth is like relying on an incomplete formal system to lead you to the truth. A formal system will give you some truths, but as we shall soon see, a formal system — no matter how powerful — cannot lead to all truths.“

Douglas Hofstadter, Gödel, Escher, Bach: an Eternal Golden Braid (1999 [1979]:252)

Kneipe

6.4.02023 5 (1)

Beitragsfoto: Kneipe | © FelixMittermeier from Pixabay 

Für Karin & Lisa

Es gibt sie tatsächlich, Leser meines Weblogs, die meine Leidenschaft für Gedichte teilen. Mit Rainer Maria Rilke war es dann soweit und ich bekam eine positive Rückmeldung und diese auch noch verbunden mit sonnigen Ostergrüßen.

Was möchte ein Blogger noch mehr?

Deshalb erst eimal die Grüße zurück und als kleine Ostergabe hier ein Link zu einem Gedicht von Reiner Kunze. Das Gedicht trägt den Titel Naturgedicht und besticht durch seine Kürze wie auch Aussagekraft.

Nachtrag

Und wenn ich schon einmal dabei bin, verlinke hier noch das Gedicht „The Palace“ von Kaveh Akbar, einem US-Amerikanischen Dichter, der 1989 im Iran geboren wurde aber seit seinem zweiten Lebensjahr in den USA lebt — wohl eine typische migrantische Lebensgeschichte.

Das Gedicht wurde bereits 2019 vom New Yorker veröffentlicht und hat mich mit den Worten „There are no good kings. / Only beautiful palaces“ sofort in seinen Bann gezogen.

Stammtische

Die letzten Tage konnte ich erneut an zwei Stammtischen teilnehmen, wobei ich feststellen durfte, dass der gestrige Zwiebelrostbraten bei Weitem der beste war, den ich dieses Jahr gegessen habe. Bei unseren Stammtischen geht es in erster Linie aber nicht um das gute Essen oder die Getränke, sondern um die guten Gespräche die man vorab, während und nach dem Essen führen kann.

Ein Thema war dieses Mal ein Stammtisch selbst, denn den Europastammtisch haben wir bereits 2005 ins Leben gerufen und dieser findet seither erst zweimonatlich und nun auch schon etwas länger monatlich statt; über die Pandemiejahre hinweg wurde er teilweise ins Virtuelle verlegt. Beim besagten Europastammtisch kam ich eher zufällig neben einem Freund zu sitzen, der zusammen mit mir seit 2005 mit dabei ist. Was dazu führte, dass wir etwas sentimental wurden. Begonnen hatte der Europastammtisch mit fünf Stammtischlern, von denen zwei bereits verstorben sind, und garantierte jedes Mal einen sehr intensiven politischen Austausch, wobei aber auch mit Witzen nicht gespart wurde. Inzwischen kommen zu den Stammtischen selten weniger als 20 Teilnehmer und so hat sich zwangsläufig auch die Art und Weise wie die Stammtische ablaufen geändert. Und da es nicht immer dieselben 20 Föderalisten sind, ändert sich der Verlauf auch jedes Mal zumindest ein wenig. Die beständige Anzahl der Teilnehmer lässt dabei darauf schließen, dass wir die richtige Melange bei den Stammtischen gefunden haben.

Und so findet man auch heute noch die Gelegenheit, um sich bilateral oder in einer Kleingruppe beim Stammtisch auszutauschen und die anderen nehmen es einem auch nicht übel, wenn man sich für eine halbe Stunde einmal etwas separiert. Und für die Raucher unter den Stammtischlern ist dies schon längst zur Routine geworden.

Auf jeden Fall aber sind diese beiden Stammtische eine sehr gute Gelegenheit, um sich untereinander auszutauschen und über aktuelle Geschehnisse auf dem Laufenden zu halten. Gute Stammtische bieten zudem die beste Gelegenheit, um einmal auch sehr sensible Themen so ganz nebenbei mit den Betroffenen selbst zu thematisieren — schon alleine das gute Umfeld stellt sicher, dass dabei nicht unnötiger Weise zu viel Porzellan zerbrochen wird.

Für die langjährigen Stammtischteilnehmer ist es zudem interessant zu beobachten, wie manche neu mit hinzukommen, manche bleiben aber manche auch wieder wegbleiben und ganz wenige nie wieder zurückkommen.

Schwätzer

Als Soldat mit ein paar Jahrzehnten Erfahrung auf dem Buckel, der auch ein klein wenig stolz darauf ist auf allen militärischen Ebenen, angefangen von der taktischen über die operative bis hin zur militärstrategischen, gedient zu haben, lese ich viel über den aktuellen und vermeintlichen Kriegsverlauf in der Ukraine. Neben meinem Beruf als Grundlage kommt noch mit hinzu, dass ich u. a. Clausewitz und die gesammelten Werke von Moltke dem Älteren auch gelesen habe.

Und so bin ich schon etwas erstaunt darüber, wie leichtfüßig bei uns Experten, von denen sehr viele nicht einmal wissen, wie man eine Infanteriegruppe über den Randstein führt, mit militärischen Fachbegriffen um sich werfen sowie dabei Aussagen treffen und Behauptungen aufstellen, für die jedes Militär die Kapazitäten von ganzen Stäben benötigt, um auch nur halbwegs zu solchen Schlussfolgerungen zu kommen.

Kuckt man sich diese Experten etwas näher an, denen Militär zu sein längst nicht mehr — es muss dann schon zumindest ein Militärwissenschaftler oder ein Militärökonom sein — ausreicht, kommt man noch mehr ins Staunen. Und so wundert es auch nicht weiter, dass die Bundeswehr nun insgesamt Eignung, Leistung und Befähigung ins Militärmuseum verlegt hat und Quoten, Berater und Militärexperten als die Ultima Ratio ansehen muss.

Inzwischen laufen sich Deutschlands widerlichste Berufspolitiker an den Seitenrändern warm, die zwar niemals selbst gedient haben aber dafür zumindest teilweise mit einer kriminellen Karriere aufwarten können, und tänzeln als Bundeswehroffiziere durch die Medien. Wenn es nun — Gott bewahre uns davor! — zum Krieg auch hier bei uns kommen sollte, dann führen diese illustren Gestalten die deutsche (männliche) Jugend juchzend und feixend ohne Waffen, Ausrüstung und Munition auf die Schlachtbank — dies selbstverständlich virtuell aus dem sicheren Exil heraus.

Leseempfehlung

Gerne mache ich auf einen Artikel von Elena Witzeck aus der FAZ vom 23. März 2023 aufmerksam, den sie zum Thema Generationenkonflikte geschrieben hat und der den Titel „Raus aus dem Babyboomer-Blues“ trägt. Man sollte diesen Artikel gelesen haben, vor allem wenn man selbst Elternteil eines Babyboomers ist.

Meine Leser, die nicht auf diesen Artikel zugreifen können, können mir gerne eine entsprechende Nachricht schicken.


Labyrinth

Lesen verstehen 5 (4)

Beitragsfoto: Labyrinth | © PublicDomainPictures auf Pixabay 

Es ist vollbracht! Endlich. Ich habe dieses Mal Adornos Minima Moralia bis zum bitteren Ende gelesen. Und ich wurde dafür auch belohnt, denn in dieser mir vorliegenden Ausgabe hat der Editor Texte mit angefügt, die Theodor W. Adorno noch zu Lebzeiten aus seinem Manuskript herausgenommen hatte. Da er sich aber von den darin enthaltenen Inhalten nie distanzierte, glaubt der Editor, diese dann zum Schluss als Anhang mit anfügen zu dürfen.

Ich bin schon lange der Überzeugung, dass man gute Bücher mindestens dreimal gelesen haben sollte und dies möglichst in unterschiedlichen Lebenszyklen. Und so konnte ich dieses Mal nicht nur das Buch zu Ende lesen, sondern ihm auch die eine oder andere Weisheit entreißen, welche mir wohl in jüngeren Jahren unverständlich geblieben war. Zudem verführten mich manche Passagen sogar zum Schmunzeln, was mich noch vor gut 30 Jahren erschüttert hätte und vielleicht auch hat. Manche Zitate aus dem Buch habe ich hier bereits für eigenen Zwecke verwendet; die dahinter stehende Idee war, für das Buch ein wenig Werbung zu machen.

Nun aber beginnt wohl erst der schwere Teil der Lektüre, denn ich habe etliche Stellen im Buch mit Anmerkungen und Streichungen versehen, die ich nun teilweise für mich auch verzetteln möchte. Der Vorteil dabei ist, dass ich hierbei mehr selektieren werden kann als noch zu Jugendzeiten. Das Verzetteln wird mir dabei helfen, dieses Buch ein wenig besser zu verstehen und es mir zudem erleichtern, bei Bedarf nochmals auf dieses zurückzugreifen. In einem bin ich mir aber ziemlich sicher, ich werde dieses Buch kein drittes Mal lesen. Dennoch meine ich, dass dieses Buch zur Pflichtlektüre gehören sollte und schon lange so manchen Schulroman ersetzen müsste — die Schwierigkeit dabei ist, dass das Buch vielleicht doch die meisten etwas überfordert.

Man kommt aber nicht viel weiter, wenn man nun bereits zum tausendsten Mal die Effi Briest in allen Facetten beleuchtet. Man könnte auch einmal etwas neueres Terrain betreten. Adornos Reflexionen über unsere damalige Zeit sind gerade heute besonders wertvoll, besonders für all jene, die das Ende von Demokratie verstehen wollen, in einer Zeit, wo die unsrige mehr als gefährdet ist! — Wir streiten uns aber lieber darum, ob man noch Mutter sagen oder das Wort Neger schreiben darf, was kein wirklich gutes Bild über unsere eigene Demokratiefähigkeit abgibt.

Wir schreiben lieber alte Kinderbücher um und dokumentieren damit, dass wir nicht mehr in der Lage sind, um Geschriebenes in der Zeit und im Kontext einzuordnen oder gar verstehen zu wollen, was uns deren Autoren mitteilen wollten oder gar zu sagen hatten. Schlimmer noch, wir mißbrauchen Autoren, die zwar kaum einer noch selber gelesen hat, aber weiterhin aus von mir nicht nachvollziehbaren Gründen bei völlig Unbedarften Autorität ausstrahlen, Moltke der Ältere ist so ein Fall. Schlimmer noch, wenn selbst unsere Wissenschaftler seitenlang Sokrates zitieren.

Um lesen richtig verstehen zu können, müssen wir wohl zuerst auch das Schreiben besser verstehen. Theodor W. Adorno hat in den Minima Moralia einen mir sehr gefälligen Ansatz, nämlich: „Das will das Lose und Unverbindliche der Form, der Verzicht auf expliziten theoretischen Zusammenhang mit ausdrücken.

Ein anderes Extrem sind wohl die Gedichte und Epen, bei denen die Autoren über wirklich jedes Komma stunden vielleicht sogar tagelang sitzen, nur um es am Ende wieder zu entfernen. Gerd M. Hofmann hat sich jüngst wie folgt geäussert: „Ich habe mich schon auf dem Gymnasium – da musste ich Gedichte interpretieren – gefragt, warum Menschen solche Texte verfassen. Die Antwort habe ich bis zur Gegenwart nicht gefunden …

Ich meine, dass diese Form des Schreibens alleine durch ihre Präzision die bestmögliche Art und Weise darstellt, um als Autor seine Gedanken in Worte fassen zu können. Und selbst hierbei wird jedem Leser noch genügend Spielraum für die eigene Interpretation gegeben — Missverständnisse lassen sich niemals vollständig ausräumen.

Zu dieser hohen Kunst des Schreibens, vor allem dann, wenn es eposartige Züge annimmt, sind immer weniger Menschen willig, denn um sich solche Mühen aufzuerlegen, bedarf es sehr viel Zeit.

Wohl selbst die meisten Bücher blieben uns damit erspart. Auch ich schreibe lieber einfach nur so vor mich hin und bin schon zufrieden damit, wenn sich meine Elaborate zu 80 Prozent mit dem ursprünglich Beabsichtigten decken; ich wende keine weitere Zeit mehr auf, um an den verbliebenen 20 Prozent zu feilen.

Deswegen schätze ich es aber sehr, wenn sich andere die Mühe machen, um tatsächliche Höhepunkte des Schreibens zu erstellen. Ein solcher ist der „Song of Myself“, den Walt Whitman geschrieben hat. Um dieses Gedicht besser verstehen zu können, bietet es sich an, dass man es nicht nur einmal in Gänze liest, sondern zudem das Gedicht in seiner ersten Fassung von 1855 mit seiner letzten Fassung von 1892 vergleicht. Beide enden jeweils mit den folgenden Worten.

Failing to fetch me at first keep encouraged,
Missing me one place search another,
I stop somewhere waiting for you.

Walt Whitman, Song of Myself

Mancher Leser wird sich nun fragen, was das mit den Minima Moralia zu tun hat. Nicht weniger als diese mit der Magna Moralia von Aristoteles, übrigens einer der Schüler von Platon und wohl neben Platon, der ein Schüler Sokrates war, mit die Hauptquelle von all jenem was wir heute über Sokrates zu wissen meinen.

Lesen verstehen ist wie das Schreiben selbst eine meist unterschätzte Aufgabe. Gerade als Lesepate in einer Grundschule und bei meseno wie auch als Dozent an einer Hochschule bin ich erstaunt darüber, wie wenig Schüler heute noch von und über unsere Sprache wissen, dem eigentlichen „Betriebssystem“ unseres Denkens.

Erstaunter bin ich darüber, was viele der heutigen Leser von dem gerade Gelesenen verstehen. Und dabei rede ich nicht einmal über die verschiedenen Interpretationsmöglichkeiten. Wenn das freie Schreiben und das freie Lesen immer mehr nur noch auf Unverständnis und zu Missverständnissen führen, könnte man sich schon einmal darüber Gedanken machen, ob man das Schreiben an sich wieder mehr formalisiert — es müssen ja nicht unbedingt Reime sein. Aber Schreib- und Sprechverbote ebenfalls nicht. Man könnte sich bestimmt auf eine einheitliche Grammatik und Rechtschreibung einigen.

Auf alle Fälle aber müssen wir darauf achten, dass zum Schluss nicht bloß noch die künstliche Intelligenz schreibt, liest, versteht und denkt, und wir ganz folgerichtig zusammen mit den letzten Primaten in Käfigen gehalten werden.

„Das Unheil geschieht durchs Thema probandum: man bedient sich der Dialektik anstatt an sie sich zu verlieren. Dann begibt sich der souverän dialektische Gedanke zurück ins vordialektische Stadium: die gelassene Darlegung dessen, daß jedes Ding seine zwei Seiten hat.“

THEODOR W. ADORNO, MINIMA MORALIA (14. AUFLAGE 2022 [1951]: 283)