Eriesee

Gedicht zum Tage 4.7 (3)

Beitragsfoto: Eriesee |  © Mike Toler auf Pixabay 

Heute wurde ich gleich von mehreren Lesern und unabhängig voneinander auf ein Gedicht von Theodor Fontane aufmerksam gemacht. Und tatsächlich, es passt ganz gut zum Zeitgeschehen und in mindestens einer Heilbronner Schule ist es ganz aktuell sogar Thema im Unterricht. Interessant dabei, dass dieses Gedicht auch zu meiner Schulzeit (mitten im Kalten Krieg) besprochen werden musste.

In der Nacht vom 8. zum 9. August 1841 geriet der Raddampfer Erie während der Fahrt über den namensgebenden See von Buffalo nach Erie in Brand. Der Rudergänger Lothar Fuller blieb bis zuletzt auf seinem Posten und überlebte schwer verletzt das Unglück. Von den etwa 200 Passagieren konnten leider nur 29 gerettet werden. Fuller wurde Alkoholiker und starb völlig verarmt.

Theodor Fontane verarbeitete das tragische Ereignis zu einer Ballade, in der zwar alle Passagiere gerettet wurden, dafür aber der Steuermann, namens John Maynard, den Tod fand. Damit erhebt Fontane die Dienstpflicht zum Heldentum und schafft ein Gedicht, welches wohl noch heute nicht an Attraktivität verloren hat.

Ich wäre bereits froh darüber, wenn sich die meisten Menschen — vor allem jene, die dienen, insbesondere unsere Politiker und Beamte — wenigstens bemühen würden, ihre Pflichten halbwegs zu erfüllen und z. B. dafür sorgen, dass Abiturklausuren zeitgerecht geschrieben werden können.

Ich verlange dabei von keinem ein Held zu sein, denn mit Maulhelden könnten wir schon heute unsere Straßen pflastern. Ich verstehe aber, dass gerade in solch düsteren Zeiten wie bereits zum Ende des 19. Jahrhunderts und auch gerade heute wieder der Ruf nach Helden immer lauter wird.

Theodor Fontane verschweigt uns dabei nicht, dass Helden meist tot sind. Heute wissen wir zudem, dass jene Helden, welche überleben, gerne dem Alkohol oder anderen Drogen verfallen und ungeliebt versterben.

Einzig die Maulhelden genießen ihr Leben in vollen Zügen und enden dabei meist hoch dekoriert.

John Maynard

John Maynard!

„Wer ist John Maynard?“
„John Maynard war unser Steuermann,
aushielt er, bis er das Ufer gewann,
er hat uns gerettet, er trägt die Kron’,
er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.
John Maynard.“

Die „Schwalbe“ fliegt über den Erie-See,
Gischt schäumt um den Bug wie Flocken von Schnee;
von Detroit fliegt sie nach Buffalo –
die Herzen aber sind frei und froh,
und die Passagiere mit Kindern und Fraun
im Dämmerlicht schon das Ufer schaun,
und plaudernd an John Maynard heran
tritt alles: „Wie weit noch, Steuermann?“
Der schaut nach vorn und schaut in die Rund:
„Noch dreißig Minuten … Halbe Stund.“ 

Alle Herzen sind froh, alle Herzen sind frei –
da klingt’s aus dem Schiffsraum her wie Schrei,
„Feuer!“ war es, was da klang,
ein Qualm aus Kajüt und Luke drang,
ein Qualm, dann Flammen lichterloh,
und noch zwanzig Minuten bis Buffalo. 

Und die Passagiere, bunt gemengt,
am Bugspriet stehn sie zusammengedrängt,
am Bugspriet vorn ist noch Luft und Licht,
am Steuer aber lagert sich’s dicht,
und ein Jammern wird laut: „Wo sind wir? wo?“
Und noch fünfzehn Minuten bis Buffalo. – 

Der Zugwind wächst, doch die Qualmwolke steht,
der Kapitän nach dem Steuer späht,
er sieht nicht mehr seinen Steuermann,
aber durchs Sprachrohr fragt er an:
„Noch da, John Maynard?“
„Ja, Herr. Ich bin.“

„Auf den Strand! In die Brandung!“
„Ich halte drauf hin.“
Und das Schiffsvolk jubelt: „Halt aus! Hallo!“
Und noch zehn Minuten bis Buffalo. – –

„Noch da, John Maynard?“ Und Antwort schallt’s
mit ersterbender Stimme: „Ja, Herr, ich halt’s!“
Und in die Brandung, was Klippe, was Stein,
jagt er die „Schwalbe“ mitten hinein.
Soll Rettung kommen, so kommt sie nur so.
Rettung: der Strand von Buffalo!

Das Schiff geborsten. Das Feuer verschwelt.
Gerettet alle. Nur einer fehlt!
Alle Glocken gehn; ihre Töne schwell’n
himmelan aus Kirchen und Kapell’n,
ein Klingen und Läuten, sonst schweigt die Stadt,
ein Dienst nur, den sie heute hat:
Zehntausend folgen oder mehr,
und kein Aug’ im Zuge, das tränenleer. 

Sie lassen den Sarg in Blumen hinab,
mit Blumen schließen sie das Grab,
und mit goldner Schrift in den Marmorstein
schreibt die Stadt ihren Dankspruch ein: 

„Hier ruht John Maynard! In Qualm und Brand
hielt er das Steuer fest in der Hand,
er hat uns gerettet, er trägt die Kron,
er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.
John Maynard.“

Theodor Fontane, 1886

Nachtrag 20.4.2023

Hier finden Sie das von Hans Müller beigefügte Foto

Gedenktafel für John Maynard
Gedenktafel für John Maynard in Buffalo

„Unglücklich das Land, das keine Helden hat … Nein. 
Unglücklich das Land, das Helden nötig hat.“

Bertold Brecht, Das Leben des Galilei (1943)

Schachfiguren

7.4.02023 5 (2)

Beitragsfoto: Schachfiguren | © Steve Buissinne auf Pixabay

Karfreitagmorgen

Ein Gedicht von Christian Morgenstern, dessen Gedichte ich bereits 2012 einmal zum Thema hatte. Auch dieses Gedicht regt eher zum Nachdenken an und passt zudem ganz gut zu meinen letzten beiden Blog-Beiträgen.

Karfreitagmorgen

Heute will ein alter Mensch 
wiederum zu Grabe sterben, 
und der neue soll von ihm 
nichts als nur den Willen erben, 
nach dem endlichen Gelingen 
immer tiefer hinzudringen.

Hilf zu solchem Ziel auch Du 
mit dem eignen Stirb und Werde! 
Lass uns einig unsre Erde 
läutern, edlerm Stoffe zu! 
Lass uns, liebes Lebensmein, 
einer Sehnsucht Flügel sein!

Christian Morgenstern

Spielen

Wenn es alleine nach mir ginge, könnte ich sämtliche Spiele auf Schach reduzieren. Seit meinem ersten Einsatz in den 1990er-Jahren spiele ich regelmäßig und verliere dabei meist. Am liebsten verliere ich dann, wenn mich mein Gegner bezwingt und ich bis zum Schluss des Spiels nicht weiß, wo ich etwas falsch gemacht habe.

Seit 1997 nutze ich zudem das Schachprogramm „Shredder“, welches mich überall mit hin begleitet. Stefan Meyer-Kahlen hat mit diesem Programm für fast jeden Schachspieler einen passenden Gegner entwickelt. Das Programm ist inzwischen sehr ausgereift und ich musste vielleicht dreimal den Support bemühen, wobei mir immer innerhalb von zwei Tagen geholfen werden konnte.

Zugegebener Maßen nutze ich aber nur die einfachen Möglichkeiten des Programms; inzwischen kann es, außer mich beständig verlieren zu lassen, noch weit mehr. So stehen mir für den Fall, dass ich einmal regelmäßig gewinnen sollte, weitere Nutzungsmöglichkeiten zur Verfügung.

Und so muss ich nach all den Jahren anerkennen, dass sich die Kosten für das Programm mehr als gelohnt haben.

Da es aber nicht nur nach mir geht, gibt es bei unseren Spieleabenden andere Spiele, von denen ich bereits des öfteren geschrieben habe. Das Schöne für mich dabei ist, dass dies die Chance, um auch einmal zu gewinnen, beträchtlich erhöht.

Seit gestern gibt es nun aber ein weiteres Spiel auf meiner Agenda und dieses habe ich einem improvisierten Spieleabend zu verdanken. Das für mich neue Spiel heißt „Dobble“ und hat mir sehr schnell gezeigt, dass ich Hirnregionen habe, die bisher wohl sehr ungenutzt geblieben waren.

Mit 55 Karten und fünf Spielvarianten sorgt es dafür, dass bis zu acht Spieler sehr viel Spaß und ältere Spieler wie ich zudem eine geistige Herausforderung finden, die sie wohl nur noch vom Spiel Memory her kennen. Wer dort bereits regelmäßig von Kleinkindern „abgezockt“ wird, der wird sicherlich auch hierbei seine Lektionen lernen. Alle Spieleabendteilnehmer waren sich gestern sicher, dass wir uns künftig noch öfters mit diesem Spiel beschäftigen werden.

Besserwisser

Das sind wir doch alle wohl ohne eine einzige Ausnahme. Dabei wäre es sehr von Vorteil, wenn es auch und dies möglichst viele Bessermacher gäbe. Inzwischen bin ich fest davon überzeugt, dass es uns allen so richtig an Bessermachern mangelt und ich bin schon froh darüber, wenn ich auf Menschen treffe, die überhaupt noch etwas machen, außer der sehr bequemen Verkündung des besser Wissens.

In all den Jahren traf ich dabei immer wieder einmal auf richtige Künstler, die das Besserwissen zum eigenen Erfolgsrezept gemacht haben und denen es zudem gelang, bis zum erfolgreichen Ende ihrer glorreichen Karriere ohne eigene Erzeugnisse egal welcher Art, ganz zu schwiegen von messbaren Erfolgen, die eigene Karriere einmal ausgenommen, aus dem Berufsleben zu scheiden. Noch heute schaue ich mit sehr großer Bewunderung auf solche Menschen zurück — in meinen Augen sind dies die ultimativen Lebenskünstler!

Überhaupt nicht bewundere ich aber jene dieser Künstler, die tatsächlich immer wieder und bis zum glorreichen Ende nur Trümmer, Tod und Verderben hinter sich zurücklassen. Leider sind diese Künstler inzwischen sehr häufig und dabei sogar in den höchsten politischen Ämtern anzutreffen — sie scheinen regelrecht in solche Ämter gespült zu werden.

In meinem direkten Umfeld bin ich mittlerweile schon mehr als zufrieden, wenn ich auf Menschen treffe, die etwas machen und ich gucke schon lange nicht mehr darauf, ob sie dies auch besser machen.

Denn über das Wort „besser“ kann man sich immer zanken und wird wohl kaum dabei auf ein gemeinsames Verständnis kommen. Deswegen halte ich das Wissen und das Machen für die bessere Wahl. Und weil auch das Wissen allgemein immer seltener wird, bleibt eigentlich nur noch das Machen über.

Und so könnte man zu der Überzeugung gelangen, dass man es einfach einmal mit dem bloßen Machen versuchen sollte, wobei über die Zeit hinweg sich dieses Machen beständig von alleine verbessert und zudem vielleicht sogar einmal zum Wissen führt.

Das Besserwissen hingegen sollte nur den wahren Lebenskünstlern unter uns vorbehalten bleiben.

„Relying on words to lead you to the truth is like relying on an incomplete formal system to lead you to the truth. A formal system will give you some truths, but as we shall soon see, a formal system — no matter how powerful — cannot lead to all truths.“

Douglas Hofstadter, Gödel, Escher, Bach: an Eternal Golden Braid (1999 [1979]:252)

Kneipe

6.4.02023 5 (1)

Beitragsfoto: Kneipe | © FelixMittermeier from Pixabay 

Für Karin & Lisa

Es gibt sie tatsächlich, Leser meines Weblogs, die meine Leidenschaft für Gedichte teilen. Mit Rainer Maria Rilke war es dann soweit und ich bekam eine positive Rückmeldung und diese auch noch verbunden mit sonnigen Ostergrüßen.

Was möchte ein Blogger noch mehr?

Deshalb erst eimal die Grüße zurück und als kleine Ostergabe hier ein Link zu einem Gedicht von Reiner Kunze. Das Gedicht trägt den Titel Naturgedicht und besticht durch seine Kürze wie auch Aussagekraft.

Nachtrag

Und wenn ich schon einmal dabei bin, verlinke hier noch das Gedicht „The Palace“ von Kaveh Akbar, einem US-Amerikanischen Dichter, der 1989 im Iran geboren wurde aber seit seinem zweiten Lebensjahr in den USA lebt — wohl eine typische migrantische Lebensgeschichte.

Das Gedicht wurde bereits 2019 vom New Yorker veröffentlicht und hat mich mit den Worten „There are no good kings. / Only beautiful palaces“ sofort in seinen Bann gezogen.

Stammtische

Die letzten Tage konnte ich erneut an zwei Stammtischen teilnehmen, wobei ich feststellen durfte, dass der gestrige Zwiebelrostbraten bei Weitem der beste war, den ich dieses Jahr gegessen habe. Bei unseren Stammtischen geht es in erster Linie aber nicht um das gute Essen oder die Getränke, sondern um die guten Gespräche die man vorab, während und nach dem Essen führen kann.

Ein Thema war dieses Mal ein Stammtisch selbst, denn den Europastammtisch haben wir bereits 2005 ins Leben gerufen und dieser findet seither erst zweimonatlich und nun auch schon etwas länger monatlich statt; über die Pandemiejahre hinweg wurde er teilweise ins Virtuelle verlegt. Beim besagten Europastammtisch kam ich eher zufällig neben einem Freund zu sitzen, der zusammen mit mir seit 2005 mit dabei ist. Was dazu führte, dass wir etwas sentimental wurden. Begonnen hatte der Europastammtisch mit fünf Stammtischlern, von denen zwei bereits verstorben sind, und garantierte jedes Mal einen sehr intensiven politischen Austausch, wobei aber auch mit Witzen nicht gespart wurde. Inzwischen kommen zu den Stammtischen selten weniger als 20 Teilnehmer und so hat sich zwangsläufig auch die Art und Weise wie die Stammtische ablaufen geändert. Und da es nicht immer dieselben 20 Föderalisten sind, ändert sich der Verlauf auch jedes Mal zumindest ein wenig. Die beständige Anzahl der Teilnehmer lässt dabei darauf schließen, dass wir die richtige Melange bei den Stammtischen gefunden haben.

Und so findet man auch heute noch die Gelegenheit, um sich bilateral oder in einer Kleingruppe beim Stammtisch auszutauschen und die anderen nehmen es einem auch nicht übel, wenn man sich für eine halbe Stunde einmal etwas separiert. Und für die Raucher unter den Stammtischlern ist dies schon längst zur Routine geworden.

Auf jeden Fall aber sind diese beiden Stammtische eine sehr gute Gelegenheit, um sich untereinander auszutauschen und über aktuelle Geschehnisse auf dem Laufenden zu halten. Gute Stammtische bieten zudem die beste Gelegenheit, um einmal auch sehr sensible Themen so ganz nebenbei mit den Betroffenen selbst zu thematisieren — schon alleine das gute Umfeld stellt sicher, dass dabei nicht unnötiger Weise zu viel Porzellan zerbrochen wird.

Für die langjährigen Stammtischteilnehmer ist es zudem interessant zu beobachten, wie manche neu mit hinzukommen, manche bleiben aber manche auch wieder wegbleiben und ganz wenige nie wieder zurückkommen.

Schwätzer

Als Soldat mit ein paar Jahrzehnten Erfahrung auf dem Buckel, der auch ein klein wenig stolz darauf ist auf allen militärischen Ebenen, angefangen von der taktischen über die operative bis hin zur militärstrategischen, gedient zu haben, lese ich viel über den aktuellen und vermeintlichen Kriegsverlauf in der Ukraine. Neben meinem Beruf als Grundlage kommt noch mit hinzu, dass ich u. a. Clausewitz und die gesammelten Werke von Moltke dem Älteren auch gelesen habe.

Und so bin ich schon etwas erstaunt darüber, wie leichtfüßig bei uns Experten, von denen sehr viele nicht einmal wissen, wie man eine Infanteriegruppe über den Randstein führt, mit militärischen Fachbegriffen um sich werfen sowie dabei Aussagen treffen und Behauptungen aufstellen, für die jedes Militär die Kapazitäten von ganzen Stäben benötigt, um auch nur halbwegs zu solchen Schlussfolgerungen zu kommen.

Kuckt man sich diese Experten etwas näher an, denen Militär zu sein längst nicht mehr — es muss dann schon zumindest ein Militärwissenschaftler oder ein Militärökonom sein — ausreicht, kommt man noch mehr ins Staunen. Und so wundert es auch nicht weiter, dass die Bundeswehr nun insgesamt Eignung, Leistung und Befähigung ins Militärmuseum verlegt hat und Quoten, Berater und Militärexperten als die Ultima Ratio ansehen muss.

Inzwischen laufen sich Deutschlands widerlichste Berufspolitiker an den Seitenrändern warm, die zwar niemals selbst gedient haben aber dafür zumindest teilweise mit einer kriminellen Karriere aufwarten können, und tänzeln als Bundeswehroffiziere durch die Medien. Wenn es nun — Gott bewahre uns davor! — zum Krieg auch hier bei uns kommen sollte, dann führen diese illustren Gestalten die deutsche (männliche) Jugend juchzend und feixend ohne Waffen, Ausrüstung und Munition auf die Schlachtbank — dies selbstverständlich virtuell aus dem sicheren Exil heraus.

Leseempfehlung

Gerne mache ich auf einen Artikel von Elena Witzeck aus der FAZ vom 23. März 2023 aufmerksam, den sie zum Thema Generationenkonflikte geschrieben hat und der den Titel „Raus aus dem Babyboomer-Blues“ trägt. Man sollte diesen Artikel gelesen haben, vor allem wenn man selbst Elternteil eines Babyboomers ist.

Meine Leser, die nicht auf diesen Artikel zugreifen können, können mir gerne eine entsprechende Nachricht schicken.