Kaffeegenuss

Zeit für ein Gedicht 4.4 (7)

Beitragsfoto: Kaffeegenuss | © Pixabay

Die heutige Lektüre von Haushaltsreden der Heilbronner Gemeinderatsfraktionen lässt mich unweigerlich an ein Gedicht von Johann Wolfgang von Goethe denken, welches rein zufällig gerade auch Thema in einer achten Klasse ist.

Der Zauberlehrling

Hat der alte Hexenmeister
Sich doch einmal wegbegeben!
Und nun sollen seine Geister
Auch nach meinem Willen leben.
Seine Wort’ und Werke
Merkt ich und den Brauch,
Und mit Geistesstärke
Tu ich Wunder auch.


            Walle! walle
            Manche Strecke,
            Daß, zum Zwecke,
            Wasser fließe
            Und mit reichem, vollem Schwalle
            Zu dem Bade sich ergieße.


Und nun komm, du alter Besen!
Nimm die schlechten Lumpenhüllen;
Bist schon lange Knecht gewesen:
Nun erfülle meinen Willen!
Auf zwei Beinen stehe,
Oben sei ein Kopf,
Eile nun und gehe
Mit dem Wassertopf!


            Walle! walle
            Manche Strecke,
            Daß, zum Zwecke,
            Wasser fließe
            Und mit reichem, vollem Schwalle
            Zu dem Bade sich ergieße.


Seht, er läuft zum Ufer nieder,
Wahrlich! ist schon an dem Flusse,
Und mit Blitzesschnelle wieder
Ist er hier mit raschem Gusse.
Schon zum zweiten Male!
Wie das Becken schwillt!
Wie sich jede Schale
Voll mit Wasser füllt!


            Stehe! stehe!
            Denn wir haben
            Deiner Gaben
            Vollgemessen! —
            Ach, ich merk es! Wehe! wehe!
            Hab ich doch das Wort vergessen!


Ach, das Wort, worauf am Ende
Er das wird, was er gewesen.
Ach, er läuft und bringt behende!
Wärst du doch der alte Besen!
Immer neue Güsse
Bringt er schnell herein,
Ach! und hundert Flüsse
Stürzen auf mich ein.


            Nein, nicht länger
            Kann ichs lassen;
            Will ihn fassen.
            Das ist Tücke!
            Ach! nun wird mir immer bänger!
            Welche Miene! welche Blicke!


O, du Ausgeburt der Hölle!
Soll das ganze Haus ersaufen?
Seh ich über jede Schwelle
Doch schon Wasserströme laufen.
Ein verruchter Besen,
Der nicht hören will!
Stock, der du gewesen,
Steh doch wieder still!


            Willsts am Ende
            Gar nicht lassen?
            Will dich fassen,
            Will dich halten
            Und das alte Holz behende
            Mit dem scharfen Beile spalten.


Seht, da kommt er schleppend wieder!
Wie ich mich nur auf dich werfe,
Gleich, o Kobold, liegst du nieder;
Krachend trifft die glatte Schärfe.
Wahrlich! brav getroffen!
Seht, er ist entzwei!
Und nun kann ich hoffen,
Und ich atme frei!


            Wehe! wehe!
            Beide Teile
            Stehn in Eile
            Schon als Knechte
            Völlig fertig in die Höhe!
            Helft mir, ach! ihr hohen Mächte!


Und sie laufen! Naß und nässer.
Wirds im Saal und auf den Stufen.
Welch entsetzliches Gewässer!
Herr und Meister! hör mich rufen! —
Ach, da kommt der Meister!
Herr, die Not ist groß!
Die ich rief, die Geister
Werd ich nun nicht los.


            „In die Ecke,
            Besen! Besen!
            Seids gewesen.
            Denn als Geister
            Ruft euch nur, zu diesem Zwecke,
            Erst hervor, der alte Meister.“

Johann Wolfgang von Goethe, 1798

Anfang Juli 1797 schrieb Goethe diese Ballade, welche noch heute zu seinen populärsten Werken gehört und den meisten wohl besser als ein Zeichentrickfilm namens „Fantasia“ der Walt Disney Studios aus dem Jahr 1940 bekannt ist.

https://youtu.be/VErKCq1IGIU?si=M6H0BDWgIF708O92
https://youtu.be/ZcesnqVF0us?si=vHEe_2wGsKTwouU7
https://youtu.be/oPDSoFgivPA?si=38t-gcymIKIUWqg7

Kaffeegenuss

Zeit für ein Gedicht 5 (6)

Beitragsfoto: Kaffeegenuss | © Pixabay

Rainer Maria Rilke war schon öfters hier auf dem Blog „zu Gast“, denn seine Gedichte sind selbst nach über 100 Jahren immer noch ein Genuss und haben oftmals nicht an Aktualität verloren. Das unten stehende Gedicht ist vielleicht weniger bekannt, aber eine Zeile davon hat es in den allgemeinen Sprachgebrauch geschafft, nämlich: „Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.“ — zumindest bei uns im Südwesten ist dieser Satz noch heute gang und gäbe.

Sein 1905 erschienenes Stundenbuch dürfte bekannter sein, welches in drei Bänden mit insgesamt 134 Gedichten aufwarten kann. Der große Vorteil dabei ist, kein Herbsttag kann so lange andauern, dass man sämtliche dieser Gedichte auch lesen kann. Dennoch ist es immer wieder eine feine Sache, sich ein Gedicht von Rilke herauszusuchen und sich ein klein wenig damit zu beschäftigen.

Und so habe ich mir heute dieses Gedicht aus dem Gedichtband „Das Buch der Bilder“ herausgesucht, welches auch ganz gut zum heutigen Wind und Wetter passt. Und da es das Internet gibt, kann man zudem sehr schnell weitere schöne Gedichte oder — noch besser — zusätzliche Informationen über das gerade gelesene Gedicht finden.

Ich bin immer wieder sehr erstaunt darüber, was man alles in drei Strophen packen kann, im Falle, dass man ein guter Dichter oder Schriftsteller ist. Aber selbst das kann man noch verbessern, vorausgesetzt natürlich, man hat das entsprechende Können: die japanischen Haiku sind ein sehr gutes Beispiel dafür. Mein diesbezügliches Lieblingsgedicht über eine alten Teich findet sich ebenfalls hier im Weblog.

Die drei Strophen von Rainer Maria Rilke haben mir aber heute bereits genügend Stoff zum Nachdenken gegeben. Und sobald etwas mehr Sonne zu sehen ist, werde ich diese Gedanken bei einem Spaziergang weiter vertiefen. Sollten Sie jetzt ein wenig Lust auf das unten stehende Gedicht haben, dann schauen Sie auch einmal, was so alles in diesen zwölf Zeilen zu lesen und zu verstehen ist.

Herbsttag

Herr: Es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
Und auf den Fluren lass die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
Gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
Dränge sie zur Vollendung hin und jage
Die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
Wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
Und wird in den Alleen hin und her
Unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Rainer Maria Rilke, Das Buch der Bilder (1902)

Übrigens, unsere Welt wäre viel besser und liebenswerter, wenn die meisten Menschen anstatt in den Social Media herumzulungern oder gar herumzupöbeln, sich ein Gedicht heraussuchen und sich darin vertiefen.

Noch besser wäre sie, wenn sich die Menschen danach untereinander über das gelesene Gedicht auch austauschen.


Eriesee

Gedicht zum Tage 4.7 (3)

Beitragsfoto: Eriesee |  © Mike Toler auf Pixabay 

Heute wurde ich gleich von mehreren Lesern und unabhängig voneinander auf ein Gedicht von Theodor Fontane aufmerksam gemacht. Und tatsächlich, es passt ganz gut zum Zeitgeschehen und in mindestens einer Heilbronner Schule ist es ganz aktuell sogar Thema im Unterricht. Interessant dabei, dass dieses Gedicht auch zu meiner Schulzeit (mitten im Kalten Krieg) besprochen werden musste.

In der Nacht vom 8. zum 9. August 1841 geriet der Raddampfer Erie während der Fahrt über den namensgebenden See von Buffalo nach Erie in Brand. Der Rudergänger Lothar Fuller blieb bis zuletzt auf seinem Posten und überlebte schwer verletzt das Unglück. Von den etwa 200 Passagieren konnten leider nur 29 gerettet werden. Fuller wurde Alkoholiker und starb völlig verarmt.

Theodor Fontane verarbeitete das tragische Ereignis zu einer Ballade, in der zwar alle Passagiere gerettet wurden, dafür aber der Steuermann, namens John Maynard, den Tod fand. Damit erhebt Fontane die Dienstpflicht zum Heldentum und schafft ein Gedicht, welches wohl noch heute nicht an Attraktivität verloren hat.

Ich wäre bereits froh darüber, wenn sich die meisten Menschen — vor allem jene, die dienen, insbesondere unsere Politiker und Beamte — wenigstens bemühen würden, ihre Pflichten halbwegs zu erfüllen und z. B. dafür sorgen, dass Abiturklausuren zeitgerecht geschrieben werden können.

Ich verlange dabei von keinem ein Held zu sein, denn mit Maulhelden könnten wir schon heute unsere Straßen pflastern. Ich verstehe aber, dass gerade in solch düsteren Zeiten wie bereits zum Ende des 19. Jahrhunderts und auch gerade heute wieder der Ruf nach Helden immer lauter wird.

Theodor Fontane verschweigt uns dabei nicht, dass Helden meist tot sind. Heute wissen wir zudem, dass jene Helden, welche überleben, gerne dem Alkohol oder anderen Drogen verfallen und ungeliebt versterben.

Einzig die Maulhelden genießen ihr Leben in vollen Zügen und enden dabei meist hoch dekoriert.

John Maynard

John Maynard!

„Wer ist John Maynard?“
„John Maynard war unser Steuermann,
aushielt er, bis er das Ufer gewann,
er hat uns gerettet, er trägt die Kron’,
er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.
John Maynard.“

Die „Schwalbe“ fliegt über den Erie-See,
Gischt schäumt um den Bug wie Flocken von Schnee;
von Detroit fliegt sie nach Buffalo –
die Herzen aber sind frei und froh,
und die Passagiere mit Kindern und Fraun
im Dämmerlicht schon das Ufer schaun,
und plaudernd an John Maynard heran
tritt alles: „Wie weit noch, Steuermann?“
Der schaut nach vorn und schaut in die Rund:
„Noch dreißig Minuten … Halbe Stund.“ 

Alle Herzen sind froh, alle Herzen sind frei –
da klingt’s aus dem Schiffsraum her wie Schrei,
„Feuer!“ war es, was da klang,
ein Qualm aus Kajüt und Luke drang,
ein Qualm, dann Flammen lichterloh,
und noch zwanzig Minuten bis Buffalo. 

Und die Passagiere, bunt gemengt,
am Bugspriet stehn sie zusammengedrängt,
am Bugspriet vorn ist noch Luft und Licht,
am Steuer aber lagert sich’s dicht,
und ein Jammern wird laut: „Wo sind wir? wo?“
Und noch fünfzehn Minuten bis Buffalo. – 

Der Zugwind wächst, doch die Qualmwolke steht,
der Kapitän nach dem Steuer späht,
er sieht nicht mehr seinen Steuermann,
aber durchs Sprachrohr fragt er an:
„Noch da, John Maynard?“
„Ja, Herr. Ich bin.“

„Auf den Strand! In die Brandung!“
„Ich halte drauf hin.“
Und das Schiffsvolk jubelt: „Halt aus! Hallo!“
Und noch zehn Minuten bis Buffalo. – –

„Noch da, John Maynard?“ Und Antwort schallt’s
mit ersterbender Stimme: „Ja, Herr, ich halt’s!“
Und in die Brandung, was Klippe, was Stein,
jagt er die „Schwalbe“ mitten hinein.
Soll Rettung kommen, so kommt sie nur so.
Rettung: der Strand von Buffalo!

Das Schiff geborsten. Das Feuer verschwelt.
Gerettet alle. Nur einer fehlt!
Alle Glocken gehn; ihre Töne schwell’n
himmelan aus Kirchen und Kapell’n,
ein Klingen und Läuten, sonst schweigt die Stadt,
ein Dienst nur, den sie heute hat:
Zehntausend folgen oder mehr,
und kein Aug’ im Zuge, das tränenleer. 

Sie lassen den Sarg in Blumen hinab,
mit Blumen schließen sie das Grab,
und mit goldner Schrift in den Marmorstein
schreibt die Stadt ihren Dankspruch ein: 

„Hier ruht John Maynard! In Qualm und Brand
hielt er das Steuer fest in der Hand,
er hat uns gerettet, er trägt die Kron,
er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.
John Maynard.“

Theodor Fontane, 1886

Nachtrag 20.4.2023

Hier finden Sie das von Hans Müller beigefügte Foto

Gedenktafel für John Maynard
Gedenktafel für John Maynard in Buffalo

„Unglücklich das Land, das keine Helden hat … Nein. 
Unglücklich das Land, das Helden nötig hat.“

Bertold Brecht, Das Leben des Galilei (1943)