Lesende Frau

Gedichte 4.9 (12)

Beitragsfoto: lesende Frau | © Jill Wellington auf Pixabay

Auch wenn der eine oder andere Leser meint, dass ich besser keine Gedichte mehr auf dem Blog veröffentlichen sollte, sind es doch gerade Gedichte, die sich wie ein roter Faden durch dieses Weblog ziehen.

Eigentlich habe ich die meisten dieser Gedichte mit einem eigenen Tag versehen, was allerdings nur von sehr wenigen — meist andere Nerds — auch genutzt wird. Und so schreibe ich einfach einmal einen eigenen Beitrag, der als Übersicht über die von mir erwähnten oder auch hier veröffentlichten Gedichte dienen soll. Jene meiner Leser, die keine Gedichte mögen oder gar mit meiner Auswahl nicht einverstanden sind, können diesen Beitrag sehr gerne und einfach „überspringen“.

Alle anderen finden vielleicht doch die eine oder andere neue Anregung. Und wer sich nun fragt, wieso gerade jetzt, dem antworte ich, weil in wenigen Tagen, genauer am 23. November, Paul Celan Geburtstag hat und ich im Blog auf dessen „Todesfuge“ bereits 2021 hinwies — dieses Gedicht ist tragischer Weise heute aktueller als jemals zuvor! Paul Celan hatte wohl schon vor sehr langer Zeit erkannt, dass es völlig sinnlos ist, aus uns Europäern bessere Menschen machen zu wollen und in Folge davon am 20. April 1970 den Freitod gewählt.

Wie heißt es doch so schön bei uns? — die besten gehen immer zuerst!

Aufzählung

Dies dürften die meisten hier im Weblog aufgeführten Gedichte sein. Im Falle, dass Sie auf ein weiteres stoßen, dann lassen Sie mich dies bitte wissen.

„‚Irren ist menschlich‘, sagte die Maus und fraß die Katz.“

Heinrich Kümmerle, 1970er-Jahre

Kaffeegenuss

Zeit für ein Gedicht 4.4 (7)

Beitragsfoto: Kaffeegenuss | © Pixabay

Die heutige Lektüre von Haushaltsreden der Heilbronner Gemeinderatsfraktionen lässt mich unweigerlich an ein Gedicht von Johann Wolfgang von Goethe denken, welches rein zufällig gerade auch Thema in einer achten Klasse ist.

Der Zauberlehrling

Hat der alte Hexenmeister
Sich doch einmal wegbegeben!
Und nun sollen seine Geister
Auch nach meinem Willen leben.
Seine Wort’ und Werke
Merkt ich und den Brauch,
Und mit Geistesstärke
Tu ich Wunder auch.


            Walle! walle
            Manche Strecke,
            Daß, zum Zwecke,
            Wasser fließe
            Und mit reichem, vollem Schwalle
            Zu dem Bade sich ergieße.


Und nun komm, du alter Besen!
Nimm die schlechten Lumpenhüllen;
Bist schon lange Knecht gewesen:
Nun erfülle meinen Willen!
Auf zwei Beinen stehe,
Oben sei ein Kopf,
Eile nun und gehe
Mit dem Wassertopf!


            Walle! walle
            Manche Strecke,
            Daß, zum Zwecke,
            Wasser fließe
            Und mit reichem, vollem Schwalle
            Zu dem Bade sich ergieße.


Seht, er läuft zum Ufer nieder,
Wahrlich! ist schon an dem Flusse,
Und mit Blitzesschnelle wieder
Ist er hier mit raschem Gusse.
Schon zum zweiten Male!
Wie das Becken schwillt!
Wie sich jede Schale
Voll mit Wasser füllt!


            Stehe! stehe!
            Denn wir haben
            Deiner Gaben
            Vollgemessen! —
            Ach, ich merk es! Wehe! wehe!
            Hab ich doch das Wort vergessen!


Ach, das Wort, worauf am Ende
Er das wird, was er gewesen.
Ach, er läuft und bringt behende!
Wärst du doch der alte Besen!
Immer neue Güsse
Bringt er schnell herein,
Ach! und hundert Flüsse
Stürzen auf mich ein.


            Nein, nicht länger
            Kann ichs lassen;
            Will ihn fassen.
            Das ist Tücke!
            Ach! nun wird mir immer bänger!
            Welche Miene! welche Blicke!


O, du Ausgeburt der Hölle!
Soll das ganze Haus ersaufen?
Seh ich über jede Schwelle
Doch schon Wasserströme laufen.
Ein verruchter Besen,
Der nicht hören will!
Stock, der du gewesen,
Steh doch wieder still!


            Willsts am Ende
            Gar nicht lassen?
            Will dich fassen,
            Will dich halten
            Und das alte Holz behende
            Mit dem scharfen Beile spalten.


Seht, da kommt er schleppend wieder!
Wie ich mich nur auf dich werfe,
Gleich, o Kobold, liegst du nieder;
Krachend trifft die glatte Schärfe.
Wahrlich! brav getroffen!
Seht, er ist entzwei!
Und nun kann ich hoffen,
Und ich atme frei!


            Wehe! wehe!
            Beide Teile
            Stehn in Eile
            Schon als Knechte
            Völlig fertig in die Höhe!
            Helft mir, ach! ihr hohen Mächte!


Und sie laufen! Naß und nässer.
Wirds im Saal und auf den Stufen.
Welch entsetzliches Gewässer!
Herr und Meister! hör mich rufen! —
Ach, da kommt der Meister!
Herr, die Not ist groß!
Die ich rief, die Geister
Werd ich nun nicht los.


            „In die Ecke,
            Besen! Besen!
            Seids gewesen.
            Denn als Geister
            Ruft euch nur, zu diesem Zwecke,
            Erst hervor, der alte Meister.“

Johann Wolfgang von Goethe, 1798

Anfang Juli 1797 schrieb Goethe diese Ballade, welche noch heute zu seinen populärsten Werken gehört und den meisten wohl besser als ein Zeichentrickfilm namens „Fantasia“ der Walt Disney Studios aus dem Jahr 1940 bekannt ist.

https://youtu.be/VErKCq1IGIU?si=M6H0BDWgIF708O92
https://youtu.be/ZcesnqVF0us?si=vHEe_2wGsKTwouU7
https://youtu.be/oPDSoFgivPA?si=38t-gcymIKIUWqg7

Kaffeegenuss

Zeit für ein Gedicht 5 (6)

Beitragsfoto: Kaffeegenuss | © Pixabay

Rainer Maria Rilke war schon öfters hier auf dem Blog „zu Gast“, denn seine Gedichte sind selbst nach über 100 Jahren immer noch ein Genuss und haben oftmals nicht an Aktualität verloren. Das unten stehende Gedicht ist vielleicht weniger bekannt, aber eine Zeile davon hat es in den allgemeinen Sprachgebrauch geschafft, nämlich: „Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.“ — zumindest bei uns im Südwesten ist dieser Satz noch heute gang und gäbe.

Sein 1905 erschienenes Stundenbuch dürfte bekannter sein, welches in drei Bänden mit insgesamt 134 Gedichten aufwarten kann. Der große Vorteil dabei ist, kein Herbsttag kann so lange andauern, dass man sämtliche dieser Gedichte auch lesen kann. Dennoch ist es immer wieder eine feine Sache, sich ein Gedicht von Rilke herauszusuchen und sich ein klein wenig damit zu beschäftigen.

Und so habe ich mir heute dieses Gedicht aus dem Gedichtband „Das Buch der Bilder“ herausgesucht, welches auch ganz gut zum heutigen Wind und Wetter passt. Und da es das Internet gibt, kann man zudem sehr schnell weitere schöne Gedichte oder — noch besser — zusätzliche Informationen über das gerade gelesene Gedicht finden.

Ich bin immer wieder sehr erstaunt darüber, was man alles in drei Strophen packen kann, im Falle, dass man ein guter Dichter oder Schriftsteller ist. Aber selbst das kann man noch verbessern, vorausgesetzt natürlich, man hat das entsprechende Können: die japanischen Haiku sind ein sehr gutes Beispiel dafür. Mein diesbezügliches Lieblingsgedicht über eine alten Teich findet sich ebenfalls hier im Weblog.

Die drei Strophen von Rainer Maria Rilke haben mir aber heute bereits genügend Stoff zum Nachdenken gegeben. Und sobald etwas mehr Sonne zu sehen ist, werde ich diese Gedanken bei einem Spaziergang weiter vertiefen. Sollten Sie jetzt ein wenig Lust auf das unten stehende Gedicht haben, dann schauen Sie auch einmal, was so alles in diesen zwölf Zeilen zu lesen und zu verstehen ist.

Herbsttag

Herr: Es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
Und auf den Fluren lass die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
Gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
Dränge sie zur Vollendung hin und jage
Die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
Wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
Und wird in den Alleen hin und her
Unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Rainer Maria Rilke, Das Buch der Bilder (1902)

Übrigens, unsere Welt wäre viel besser und liebenswerter, wenn die meisten Menschen anstatt in den Social Media herumzulungern oder gar herumzupöbeln, sich ein Gedicht heraussuchen und sich darin vertiefen.

Noch besser wäre sie, wenn sich die Menschen danach untereinander über das gelesene Gedicht auch austauschen.