Labyrinth

Lesen verstehen 5 (4)

Beitragsfoto: Labyrinth | © PublicDomainPictures auf Pixabay 

Es ist vollbracht! Endlich. Ich habe dieses Mal Adornos Minima Moralia bis zum bitteren Ende gelesen. Und ich wurde dafür auch belohnt, denn in dieser mir vorliegenden Ausgabe hat der Editor Texte mit angefügt, die Theodor W. Adorno noch zu Lebzeiten aus seinem Manuskript herausgenommen hatte. Da er sich aber von den darin enthaltenen Inhalten nie distanzierte, glaubt der Editor, diese dann zum Schluss als Anhang mit anfügen zu dürfen.

Ich bin schon lange der Überzeugung, dass man gute Bücher mindestens dreimal gelesen haben sollte und dies möglichst in unterschiedlichen Lebenszyklen. Und so konnte ich dieses Mal nicht nur das Buch zu Ende lesen, sondern ihm auch die eine oder andere Weisheit entreißen, welche mir wohl in jüngeren Jahren unverständlich geblieben war. Zudem verführten mich manche Passagen sogar zum Schmunzeln, was mich noch vor gut 30 Jahren erschüttert hätte und vielleicht auch hat. Manche Zitate aus dem Buch habe ich hier bereits für eigenen Zwecke verwendet; die dahinter stehende Idee war, für das Buch ein wenig Werbung zu machen.

Nun aber beginnt wohl erst der schwere Teil der Lektüre, denn ich habe etliche Stellen im Buch mit Anmerkungen und Streichungen versehen, die ich nun teilweise für mich auch verzetteln möchte. Der Vorteil dabei ist, dass ich hierbei mehr selektieren werden kann als noch zu Jugendzeiten. Das Verzetteln wird mir dabei helfen, dieses Buch ein wenig besser zu verstehen und es mir zudem erleichtern, bei Bedarf nochmals auf dieses zurückzugreifen. In einem bin ich mir aber ziemlich sicher, ich werde dieses Buch kein drittes Mal lesen. Dennoch meine ich, dass dieses Buch zur Pflichtlektüre gehören sollte und schon lange so manchen Schulroman ersetzen müsste — die Schwierigkeit dabei ist, dass das Buch vielleicht doch die meisten etwas überfordert.

Man kommt aber nicht viel weiter, wenn man nun bereits zum tausendsten Mal die Effi Briest in allen Facetten beleuchtet. Man könnte auch einmal etwas neueres Terrain betreten. Adornos Reflexionen über unsere damalige Zeit sind gerade heute besonders wertvoll, besonders für all jene, die das Ende von Demokratie verstehen wollen, in einer Zeit, wo die unsrige mehr als gefährdet ist! — Wir streiten uns aber lieber darum, ob man noch Mutter sagen oder das Wort Neger schreiben darf, was kein wirklich gutes Bild über unsere eigene Demokratiefähigkeit abgibt.

Wir schreiben lieber alte Kinderbücher um und dokumentieren damit, dass wir nicht mehr in der Lage sind, um Geschriebenes in der Zeit und im Kontext einzuordnen oder gar verstehen zu wollen, was uns deren Autoren mitteilen wollten oder gar zu sagen hatten. Schlimmer noch, wir mißbrauchen Autoren, die zwar kaum einer noch selber gelesen hat, aber weiterhin aus von mir nicht nachvollziehbaren Gründen bei völlig Unbedarften Autorität ausstrahlen, Moltke der Ältere ist so ein Fall. Schlimmer noch, wenn selbst unsere Wissenschaftler seitenlang Sokrates zitieren.

Um lesen richtig verstehen zu können, müssen wir wohl zuerst auch das Schreiben besser verstehen. Theodor W. Adorno hat in den Minima Moralia einen mir sehr gefälligen Ansatz, nämlich: „Das will das Lose und Unverbindliche der Form, der Verzicht auf expliziten theoretischen Zusammenhang mit ausdrücken.“

Ein anderes Extrem sind wohl die Gedichte und Epen, bei denen die Autoren über wirklich jedes Komma stunden vielleicht sogar tagelang sitzen, nur um es am Ende wieder zu entfernen. Gerd M. Hofmann hat sich jüngst wie folgt geäussert: „Ich habe mich schon auf dem Gymnasium – da musste ich Gedichte interpretieren – gefragt, warum Menschen solche Texte verfassen. Die Antwort habe ich bis zur Gegenwart nicht gefunden …“

Ich meine, dass diese Form des Schreibens alleine durch ihre Präzision die bestmögliche Art und Weise darstellt, um als Autor seine Gedanken in Worte fassen zu können. Und selbst hierbei wird jedem Leser noch genügend Spielraum für die eigene Interpretation gegeben — Missverständnisse lassen sich niemals vollständig ausräumen.

Zu dieser hohen Kunst des Schreibens, vor allem dann, wenn es eposartige Züge annimmt, sind immer weniger Menschen willig, denn um sich solche Mühen aufzuerlegen, bedarf es sehr viel Zeit.

Wohl selbst die meisten Bücher blieben uns damit erspart. Auch ich schreibe lieber einfach nur so vor mich hin und bin schon zufrieden damit, wenn sich meine Elaborate zu 80 Prozent mit dem ursprünglich Beabsichtigten decken; ich wende keine weitere Zeit mehr auf, um an den verbliebenen 20 Prozent zu feilen.

Deswegen schätze ich es aber sehr, wenn sich andere die Mühe machen, um tatsächliche Höhepunkte des Schreibens zu erstellen. Ein solcher ist der „Song of Myself“, den Walt Whitman geschrieben hat. Um dieses Gedicht besser verstehen zu können, bietet es sich an, dass man es nicht nur einmal in Gänze liest, sondern zudem das Gedicht in seiner ersten Fassung von 1855 mit seiner letzten Fassung von 1892 vergleicht. Beide enden jeweils mit den folgenden Worten.

Failing to fetch me at first keep encouraged,
Missing me one place search another,
I stop somewhere waiting for you.

Walt Whitman, Song of Myself

Mancher Leser wird sich nun fragen, was das mit den Minima Moralia zu tun hat. Nicht weniger als diese mit der Magna Moralia von Aristoteles, übrigens einer der Schüler von Platon und wohl neben Platon, der ein Schüler Sokrates war, mit die Hauptquelle von all jenem was wir heute über Sokrates zu wissen meinen.

Lesen verstehen ist wie das Schreiben selbst eine meist unterschätzte Aufgabe. Gerade als Lesepate in einer Grundschule und bei meseno wie auch als Dozent an einer Hochschule bin ich erstaunt darüber, wie wenig Schüler heute noch von und über unsere Sprache wissen, dem eigentlichen „Betriebssystem“ unseres Denkens.

Erstaunter bin ich darüber, was viele der heutigen Leser von dem gerade Gelesenen verstehen. Und dabei rede ich nicht einmal über die verschiedenen Interpretationsmöglichkeiten. Wenn das freie Schreiben und das freie Lesen immer mehr nur noch auf Unverständnis und zu Missverständnissen führen, könnte man sich schon einmal darüber Gedanken machen, ob man das Schreiben an sich wieder mehr formalisiert — es müssen ja nicht unbedingt Reime sein. Aber Schreib- und Sprechverbote ebenfalls nicht. Man könnte sich bestimmt auf eine einheitliche Grammatik und Rechtschreibung einigen.

Auf alle Fälle aber müssen wir darauf achten, dass zum Schluss nicht bloß noch die künstliche Intelligenz schreibt, liest, versteht und denkt, und wir ganz folgerichtig zusammen mit den letzten Primaten in Käfigen gehalten werden.

„Das Unheil geschieht durchs Thema probandum: man bedient sich der Dialektik anstatt an sie sich zu verlieren. Dann begibt sich der souverän dialektische Gedanke zurück ins vordialektische Stadium: die gelassene Darlegung dessen, daß jedes Ding seine zwei Seiten hat.“

THEODOR W. ADORNO, MINIMA MORALIA (14. AUFLAGE 2022 [1951]: 283)

Sinnierende Frau

Zeit für ein Gedicht 5 (2)

Beitragsfoto: Sinnierende Frau | © Pixabay

Rainer Maria Rilke ist immer eine gute Quelle, wenn man nach Gedichten sucht. Heute soll es eines sein, welches von ihm am 8. Januar 1898 geschrieben wurde und aus seinem Gedichtband „Mir zur Feier“ (1899) stammt; seiner systematischen Betrachtung der menschlichen Innenwelt.

Du musst das Leben nicht verstehen

Du musst das Leben nicht verstehen,
dann wird es werden wie ein Fest.
Und lass dir jeden Tag geschehen
so wie ein Kind im Weitergehen von jedem Wehen
sich viele Blüten schenken lässt.

Sie aufzusammeln und zu sparen,
das kommt dem Kind nicht in den Sinn.
Es löst sie leise aus den Haaren,
drin sie so gern gefangen waren,
und hält den lieben jungen Jahren
nach neuen seine Hände hin.

Rainer Maria Rilke, 1898

Sein erster bekannterer Gedichtband, das Stunden-Buch aus dem Jahr 1905, kann man heute in Marbach bestaunen. Das Stunden-Buch besteht aus insgesamt drei Büchern, alle mit Gedichten die zwischen 1899 und 1903 entstanden sind.

Zum Schluss des Beitrags noch mein Lieblingsgedicht von Rilke.

Der Panther
Im Jardin des Plantes, Paris

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf —. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille —
und hört im Herzen auf zu sein.

Rainer Maria Rilke, 1903

Erinnerungen: Spaghetti-Harvest in Ticino

„Tout ceci mène à une réflexion. Les républiques finissent par le luxe ; les monarchies par la pauvreté.“

Charles de Montesquieu, De l’esprit des lois (1748: 199 – livre VII, chapitre Iv)

Und beides verbindet der ICE von Berlin nach Hamburg …


Rose

20.3.02023 5 (1)

Beitragsfoto: Rose | © GLady auf Pixabay 

Stadtverwaltung

Heilbronn, eine Stadt mit inzwischen gut 125 000 Einwohnern, erhebt immer wieder den Anspruch, nicht nur aufgrund der Bevölkerungszahl eine Großstadt zu sein; über Großstädte und deren Klassifikation hatte ich schon früher einen eigenen Blog-Beitrag geschrieben. Auch reicht unserem OB und seinen Claqueuren im Gemeinderat einfach nur „Großstadt“ zu sein längst nicht mehr aus, man muss mindestens auch eine Universitätsstadt, besser noch eine Weltraumstadt und auf jeden Fall ein Weltforschungszentrum in Sachen HighTech bzw. Artifical Intelligence sein.

Das große Problem dabei ist, dass unsere Stadtverwaltung zwar mengenmäßig längst die Größe einer großstädtischen Verwaltung erreicht hat, aber schon lange nicht einmal mehr die Aufgaben einer Mittelstadtverwaltung auf die Reihe bekommt — es sieht ganz danach aus, dass sich die Verantwortlichen im Gemeinderat und an der Rathausspitze das Berliner Modell zum Maßstab aller Dinge genommen haben.

Und so erstaunt es auch nicht sehr, dass man selbst für plumpes Verwaltungsversagen zuerst der Heilbronner Bevölkerung die Schuld in die Schuhe schieben möchte und jetzt sogar damit anfängt, Unternehmen und Firmen vor dem Landgericht (Blitz-Brücke) zu verklagen.

Besser wäre es, man holt sich richtige Fachleute ins Rathaus, Profis, die auch den heutigen Aufgaben einer Stadtverwaltung, vielleicht sogar den Herausforderungen einer Großstadt gewachsen sind.

Montag

Den heutigen Tag gehe ich ein wenig entspannter an. Und so werde ich nach der üblichen Runde mit dem meseno-Bus einfach einmal die Füße baumeln lassen.

Bin einmal gespannt darauf, was sich heute noch so alles ergeben wird?

„Man braucht nur unzufrieden zu sein und ist bereits als Weltverbesserer verdächtig.“

THEODOR W. ADORNO, MINIMA MORALIA (14. AUFLAGE 2022 [1951]: 267)

Wochenende

Das Wochenende war mit sehr interessanten Gesprächen fast vollständig ausgebucht. Dieses Mal ging es schwerpunktmäßig um die Freien Wähler und unsere Liste für den kommenden Gemeinderatswahlkampf. Zum Glück haben wir viele Mitglieder, die auch dieses Mal wieder kandidieren möchten, und zudem weitere Interessenten, die sich gerne selber einmal in einen lokalen Wahlkampf stürzen möchten.

Mir persönlich hat es letztes Mal ziemlich viel Spaß gemacht und so freue ich mich schon auf den Wahlkampf. Bis dahin aber gilt es eine möglichst gute und für die Wähler attraktive Liste zusammenzustellen und das ist gar nicht so einfach. Auf jeden Fall aber wird es weitere und bestimmt ebenfalls sehr interessante Gespräche geben und die Themen dabei werden mich sicherlich weiter überraschen. So konnte ich mich z. B. dieses Wochenende auch über Fußball unterhalten, ein Thema, welches mich zumindest die letzten Jahre nicht so sehr beschäftigt hat — zumindest seit der VfB Stuttgart permanent schwächelt und in Heilbronn Fußball nicht einmal mehr zu einem halbwegs ordentlichen Stadion reicht.

Meine bessere Hälfte sorgte dafür, dass ich auch das Tanzbein schwingen konnte, und dank Detlef Stern hatte ich zudem die Gelegenheit, um noch eine Vorlesung für diese Woche vorzubereiten. Dieses Semester habe ich während 15 Vorlesungsrunden die Chance, um willigen Studenten zum Erfolg zu verhelfen — aber lernen, besser noch studieren müssen diese aber schon selber.


Der unerfüllte Wunsch
Gut ist’s, einen Wunsch zu hegen
In der Brust geheimstem Schrein,
Mit dem Wahn, an ihm gelegen
Sei dein volles Glück allein.


Gut ist’s, daß der Himmel immer
Dir verschiebt die Wunschgewähr;
Denn beglückt, du wärst es nimmer,
Und du hofftest es nicht mehr.

Friedrich Rückert, Haus- und JAhrslieder (5. Band, 1838: 72)