Sinnierende Frau

Rudyard Kipling 5 (4)

Beitragsfoto: Sinnierende Frau | © Pixabay

Seine beiden Dschungelbücher aus den Jahren 1894 und 1895 kennt wohl jeder, und die meisten haben zumindest auch eine Verfilmung davon gesehen.

Mich hat Rudyard Kipling besonders dadurch beeindruckt, indem er unter anderem die Erhebung in den Adelsstand ablehnte und damit selbst die bekannte Hanseatische Ablehnung „alt aussehen“ lässt.

Aber nicht wegen seiner Bücher, wie z. B. sein wohl bekanntester Roman Kim aus dem Jahr 1901, oder seiner bereits erwähnten Zurückhaltung, sondern wegen des folgenden Gedichts aus dem Jahr 1910 blieb mir Kipling bis heute in sehr guter Erinnerung.

If–

If you can keep your head when all about you 
Are losing theirs and blaming it on you, 
If you can trust yourself when all men doubt you, 
But make allowance for their doubting too; 
If you can wait and not be tired by waiting, 
Or being lied about, don’t deal in lies, 
Or being hated, don’t give way to hating, 
And yet don’t look too good, nor talk too wise:

If you can dream – and not make dreams your master; 
If you can think – and not make thoughts your aim; 
If you can meet with Triumph and Disaster 
And treat those two impostors just the same; 
If you can bear to hear the truth you’ve spoken 
Twisted by knaves to make a trap for fools, 
Or watch the things you gave your life to, broken, 
And stoop and build ’em up with worn-out tools:

If you can make one heap of all your winnings 
And risk it on one turn of pitch-and-toss, 
And lose, and start again at your beginnings 
And never breathe a word about your loss; 
If you can force your heart and nerve and sinew 
To serve your turn long after they are gone, 
And so hold on when there is nothing in you 
Except the Will which says to them: ‘Hold on!’

If you can talk with crowds and keep your virtue, 
‘Or walk with Kings – nor lose the common touch, 
if neither foes nor loving friends can hurt you, 
If all men count with you, but none too much; 
If you can fill the unforgiving minute 
With sixty seconds’ worth of distance run, 
Yours is the Earth and everything that’s in it, 
And – which is more – you’ll be a Man, my son!

Rezitiert von Tom O’Bedlam

Das Gedicht wurde um 1895 herum wohl in Anlehnung an Leander Starr Jameson verfasst.

Die beiden Zeilen des Gedichts
„If you can meet with Triumph and Disaster / and treat those two impostors just the same“
findet man übrigens ganz prominent im All England Lawn Tennis and Croquet Club in London, sowie auch im West Side Tennis Club in New York.

Manche meinen, dass das Gedicht ganz gut die Idee der Bhagavad Gita, eine der zentralen Schriften des Hinduismus wiedergibt. Ich meine, dass das auch ganz gut zu Rudyard Kiplings eigenem Leben passen würde.

Ich möchte dabei aber nicht unerwähnt lassen, dass Albert Schweitzer (Die Weltanschauung der indischen Denker 1935) die Bhagavad Gita sehr kritisch sieht, nämlich als „das meist idealisierte Buch der Weltliteratur.“

„Look for the bare necessities, the simple bare necessities. Forget about your worries and your strife.“

Phil Harris als Baloo in The Jungle Book (1967)

Kaffeegenuss

Goethe & Bukowski 5 (5)

Beitragsfoto: Kaffeegenuss | © Pixabay

Jetzt, da selbst die Zeit einzuschlafen scheint, weil man mit bester Absicht und zum Wohle aller, den meisten eine unfreiwillige Auszeit gönnt, möchte ich gerne zwei meiner Lieblingsdichter zu Wort kommen lassen. Ansonsten bleibt mir nur zu hoffen, dass nicht allzu viele beim späteren Aufholen der für sie verlorenen Zeit dann selbst das Zeitliche segnen.

Des Wandrers Nachtlied von Johann Wolfgang von Goethe dürfte den meisten immer noch bekannt sein. Ich kenne zwei Versionen, die von 1776 und die von 1789, wobei Sie letztere gleich hier finden können.

Wandrers Nachtlied

Der du von dem Himmel bist,
Alles Leid und Schmerzen stillest,
Den, der doppelt elend ist,
Doppelt mit Erquickung füllest;
Ach, ich bin des Treibens müde!
Was soll all der Schmerz und Lust?
Süßer Friede,
Komm, ach komm in meine Brust!

Johann Wolfgang von Goethe, 1789

Und 1780 legt Goethe ein weiteres Gedicht mit ähnlicher Absicht vor.

Ein Gleiches

Über allen Gipfeln
Ist Ruh,
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.

Johann Wolfgang von Goethe, 1780

Die drei obigen Gedichte werden gerne unter dem Titel „Wandrers Nachtlied“ geführt.

Eigentlich die Version von 1789

Charles Bukowski ist ein Dichter und Autor, ebenfalls aus dem letzten Jahrtausend, aber den meisten von uns doch noch etwas näher bekannt; was in Heilbronn übrigens dazu führte, dass sogar eine Kneipe seinen Namen trägt. Wobei hingegen die Goethe Stuben wohl schon etwas länger aus unserem Stadtbild verschwunden sind.

So Now?

the words have come and gone,
I sit ill.
the phone rings, the cats sleep.
Linda vacuums.
I am waiting to live,
waiting to die. 
I wish I could ring in some bravery.
it’s a lousy fix
but the tree outside doesn’t know:
I watch it moving with the wind
in the late afternoon sun. 
there’s nothing to declare here,
just a waiting.
each faces it alone. 
Oh, I was once young,
Oh, I was once unbelievably
young!

Charles Bukowski (2008: 537)
Rezitiert von Tom O’Bedlam

Charles Bukowskis Bücher sind gewöhnungsbedürftig, ein guter Einstieg dürfte wohl der Film Barfly aus dem Jahr 1987 sein, zu dem Bukowski das Drehbuch schrieb.

Aber seine Gedichte kann ich jedem empfehlen, sie sind meines Erachtens auch gerade die richtige Dosis an Bukowski.

Mir persönlich gefallen seine Gedichte „Confession“, „Soirée“, „Quiet clean girls in gingham dresses …“, „Alone with everybody“, „Roll the dice“, „Beer“, „The genius of the crowd“ und „We ain’t got no money, honey, but we got rain“ ganz besonders gut.

Und auch sein Hinweis:

„I think I need a drink. Almost everybody does only they don’t know it.“

Charles Bukowski, Women (2007 [1978]: 289)

Wenn Sie jetzt ein wenig neugierig auf Charles Bukowski geworden sind, freut mich dies.

Und sobald Sie sich auch wieder in Heilbronn frei bewegen können und dürfen, ist der Besuch im Bukowski auch einmal sehr interessant, aber bitte nicht vor 0 Uhr.

„Der Tod bedeutete mir nicht viel. Er war der letzte Scherz in einer Reihe von schlechten Scherzen.“

Charles Bukowski, Die Ochsentour (1980)

Hölderlinturm in Tübingen

Friedrich Hölderlin 5 (3)

Beitragsfoto: Hölderlinturm in Tübingen | © Pixabay

Vor 250 Jahren wurde Friedrich Hölderlin in Lauffen am Neckar, ergo vor den Toren Heilbronns geboren, fast zweihundert Jahre vor meiner Frau, die als Schülerin ins Hölderlin Gymnasium ging; eigentlich nur folgerichtig, wenn man am selben Tag wie der Dichter Geburtstag feiert. Seit 2013 wird dieser Tag, von den Vereinten Nationen initiiert, auch als Happy Day weltweit begangen.

Obwohl er den Großteil seines Lebens in Nürtingen und Tübingen verbrachte, bemüht man sich in Lauffen sein Elternhaus in der Nordheimer Straße 5, welches von 1743 bis 1775 in Besitz der Familie war, als Erinnerung an Hölderlin zu erhalten; gerade heute sollte dieses Haus nach einem etwas längeren Umbau sogar als Hölderlinhaus und Museum eröffnet werden.

Friedrich Hölderlin in fünf Minuten

Dem Menschen Hölderlin möchte sich die Hölderlin-Gesellschaft, die ihren Sitz im Hölderlinturm in Tübingen hat, näher widmen und dabei auch das Verständnis für das Werk Friedrich Hölderlins vertiefen, sowie die Erforschung und Darstellung seiner Dichtung, seines Lebens und seiner Zeit fördern.

Mir blieb Hölderlin durch folgenden Rat in Erinnerung, den ich eigentlich erst viel später richtig verstand.

Hast du Verstand und ein Herz, so zeige nur eines von beiden, Beides verdammen sie dir, zeigest du beides zugleich.

Friedrich Hölderlin, Gesammelte Werke (1959: 180)

Auch wenn Friedrich Hölderlin als Philosoph („Urteil und Sein“) durchaus Bedeutung erlangte, ist er uns noch heute wohl eher als Dichter bekannt. Aber auch als Übersetzer war er tätig, und zumindest mir gefällt seine Übersetzung von Sophokles Antigone von allen Übersetzungen ins Deutsche am besten.

Hans-Georg Gadamer – Erfahrungen mit Hölderlin

Damit Sie sich selber einen Eindruck von Hölderlin machen können, folgen jetzt drei seiner Gedichte, welche ich zuvor bereits auf anderen Websites kurz vorgestellt hatte.

Höhere Menschheit

Den Menschen ist der Sinn ins Innere gegeben,
Daß sie als anerkannt das Beßre wählen,
Es gilt als Ziel, es ist das wahre Leben,
Von dem sich geistiger des Lebens Jahre zählen.

Ehmals und jetzt

In jüngeren Tagen war ich des Morgens froh,
Des Abends weint’ ich; jetzt, da ich älter bin,
Beginn ich zweifelnd meinen Tag, doch
Heilig und heiter ist mir sein Ende.

Das Angenehme dieser Welt

Das Angenehme dieser Welt hab ich genossen,
Die Jugendstunden sind, wie lang! wie lang! verflossen,
April und Mai und Julius sind ferne,
Ich bin nichts mehr, ich lebe nicht mehr gerne!

Und auch heute hat uns Friedrich Hölderlin noch Einiges zu sagen, so bin ich mir sicher, dass in den kommenden Tagen noch öfters aus seinem Werk PATMOS zitiert werden wird:

Nah ist
Und schwer zu fassen der Gott.
Wo aber Gefahr ist, wächst
Das Rettende auch.

Erste vier Zeilen aus PATMOS (Hölderlin 1959: 270ff)