Sinnierende Frau

Zeit für ein Gedicht 5 (2)

Beitragsfoto: Sinnierende Frau | © Pixabay

Mary Oliver ist eine Dichterin, die lieber ihr Werk sprechen lassen wollte, als selbst in Interviews Stellung zu beziehen. Sie studierte unter anderem an der Ohio State University, ohne aber jemals selbst einen Abschluss zu erreichen.

Nichtsdestotrotz ist Ohio ein wichtiger Teil der Inspiration für ihre Gedichte, und lässt mich immer wieder darüber staunen, wie heimatliebend Menschen aus Ohio sind, selbst dann, wenn sie die meiste Zeit ihres Lebens woanders verbringen.

Mary Oliver wurde von Walt Whitman und Henry David Thoreau inspiriert und erhielt 1984 den Pulitzer-Preis. Sie starb 2019 in Florida an den Folgen eines Krebsleidens.

Ich begann mich für sie zu interessieren, als ich ihr Gedicht „The Summer Day“ zum ersten Mal las, wobei mir der letzte Satz des Gedichts nicht mehr aus dem Kopf ging: „Tell me, what is it you plan to do with your one wild and precious life?“ 

The Summer Day

Who made the world? 
Who made the swan, and the black bear? 
Who made the grasshopper? 
This grasshopper, I mean –
the one who has flung herself out of the grass, 
the one who is eating sugar out of my hand, 
who is moving her jaws back and forth instead of up and down –
who is gazing around with her enormous and complicated eyes. 
Now she lifts her pale forearms and thoroughly washes her face. 
Now she snaps her wings open, and floats away. 
I don’t know exactly what a prayer is. 
I do know how to pay attention, how to fall down 
into the grass, how to kneel in the grass, 
how to be idle and blessed, how to stroll through the fields, 
which is what I have been doing all day. 
Tell me, what else should I have done? 
Doesn’t everything die at last, and too soon? 
Tell me, what is it you plan to do 
With your one wild and precious life? 

Mary Oliver
Vorgetragen von Mary Oliver

„It requires more than a day’s devotion to know and to possess the wealth of a day.“

Henry David Thoreau, Life Without Principle (1863)

Taschenuhr

Nachdenklich 5 (2)

Beitragsfoto: Taschenuhr | © Pixabay

Es sind immer wieder diese völlig unerwarteten Ereignisse, die uns Menschen aus den eigenen Träumen reißen und einen kurz über das eigene sowie das Leben an sich nachdenken lassen, bevor man wieder zum Alltag zurückkehrt.

Dabei meine ich nicht irgendwelche völlig überraschenden Aktienbewegungen an der Börse oder Pandemiemeldungen aus den Medien, sondern den plötzlichen Tod von Menschen, die man persönlich kannte und mit deren vorzeitigem Tod man einfach nicht rechnete.

Auch wenn man mit zunehmenden Alter das Gefühl entwickelt, dass „die Einschläge“ immer näher kommen und man damit auch selber immer mehr sensibilisiert ist, hat der Tod von Menschen, welche jünger als man selber sind, doch eine ganz besondere Bedeutung. Und wenn man dann noch gleich mehrerer solcher tragischen Ereignisse gewahr wird, hält das eigene Grübeln etwas länger als sonst üblich an.

Steve Jobs konnte dem Tod eine ganz eigene Bedeutung beimessen.

„Death is very likely the single best invention of Life. It is Life’s change agent. It clears out the old to make way for the new.“ 

Steve Jobs, Stanford Commencement Adress (2005)

Wolfgang Amadeus Mozart schrieb am 4. April 1787 an Leopold Mozart, dass der Tod der Schlüssel sei, der das Tor zur wahren Glückseligkeit öffne, und er selber, auch in seinen noch jungen Jahren, nie zu Bett ginge ohne darüber nachzudenken, den kommenden Tag nicht mehr zu erleben.

Und John O’Donohue wundert sich:

„Though death is the most powerful and ultimate experience in one’s life, our culture goes to great pains to deny its presence.“

John O’Donohue,  Anam Cara: A Book of Celtic Wisdom (1997: 205)

Paulo Coelho fasste das Ganze in die folgenden Worte:

„Life is a dream from which we wake only when we meet death.“

Paulo Coelho, Aleph (2011)

Um heute nicht ganz dem Grübeln zu verfallen, beende ich diesen Beitrag mit einem wunderbaren Gedicht von Walt Whitman.

A clear midnight

THIS is thy hour O Soul, thy free flight into the wordless,
Away from books, away from art, the day erased, the lesson done,
Thee fully forth emerging, silent, gazing, pondering the themes thou lovest best.
Night, sleep, death and the stars.

Walt Whitman

„The death rate is the same for us as for anybody … one person, one death, sooner or later.“

Robert A. Heinlein, Tunnel in the Sky (1987: 28)

Kopflose Statue

Vom Sockel gestürzt 5 (1)

Beitragsfoto: Kopflose Statue | © Couleur auf Pixabay 

Ich erinnere mich noch an ein Streitgespräch mit Dieter Läpple vor dem Marrahaus in einer ganz anderen Sache, als wir auch noch auf sein Käthchen zu sprechen kamen. Dabei brachte ich wohl zum Ausdruck, dass mir dies ebenfalls nicht gefalle, was er einfach damit konterte, dass nur ein studierter Künstler Ahnung von richtiger Kunst haben könne.

Jetzt, da sein Werk aus dem Jahre 1965 umgefallen ist, und man sich Gedanken darüber macht, wie viel dem Steuerzahler eine Reparatur Wert sein muss, gebe ich zu bedenken, dass es sich in diesem Falle „nur“ um zeitgenössische Kunst handelt, deren Wert spätere Generationen sicherlich anders einschätzen werden.

Und wenn man jetzt noch bedenkt, dass auch Heilbronn nur über begrenzte Steuermittel verfügt, wäre es vielleicht ganz sinnvoll, späteren Generationen die Entscheidung über eine Reparatur zu überlassen – vielleicht halten Sie im Rückblick auch ein beschädigtes Käthchen für unsere Zeit sehr authentisch.

Auf jeden Fall lässt mich die Geschichte um die vom Sockel gestürzte Bronzestatue an ein Gedicht von Conrad Ferdinand Meyer denken.

Der Marmorknabe

In der Capuletti Vigna graben
Gärtner, finden einen Marmorknaben,
Meister Simon holen sie herbei,
Der entscheide, welcher Gott es sei.

Wie den Fund man dem Gelehrten zeigte,
Der die graue Wimper forschend neigte,
Kniet’ ein Kind daneben: Julia,
Die den Marmorknaben finden sah.

“Welches ist dein süßer Name, Knabe?
Steig ans Tageslicht aus deinem Grabe!
Eine Fackel trägst du? Bist beschwingt?
Armor bist du, der die Herzen zwingt?”

Meister Simon, streng das Bild betrachtend,
Eines Kindes Worte nicht beachtend,
Spricht: “Er löscht die Fackel. Sie verloht.
Dieser schöne Jüngling ist der Tod.”

„I think making art comes from being a little allergic to society, not wanting to belong.“ 

Ragnar Kjartansson, The New Yorker (11. April 2016)