Mondaufgang am Meer

Zwei Gedichte 5 (5)

Beitragsfoto: Caspar David Friedrich, Mondaufgang am Meer

Das erste Gedicht stammt von Charles Baudelaire, der mit seiner Gedichtsammlung „Les Fleurs du Mal“ aus den Jahren 1857 bis 1868 als wichtiger Wegbereiter der literarischen Moderne in Europa zählt. Die Sammlung umfasst in sechs Kategorien gut 150 Gedichte, wobei mir Spleen (LXXX) ganz besonders gefällt, vor allem weil sich die Schwermut, die in der Literatur gerne als Melancholie bezeichnet wird, gerade in der heutigen Zeit sehr leicht über alles und jeden legen kann.

Spleen

Quand le ciel bas et lourd pèse comme un couvercle
Sur l’esprit gémissant en proie aux longs ennuis,
Et que de l’horizon embrassant tout le cercle
II nous verse un jour noir plus triste que les nuits;
Quand la terre est changée en un cachot humide,
Où l’Espérance, comme une chauve-souris,
S’en va battant les murs de son aile timide
Et se cognant la tête à des plafonds pourris;
Quand la pluie étalant ses immenses traînées
D’une vaste prison imite les barreaux,
Et qu’un peuple muet d’infâmes araignées
Vient tendre ses filets au fond de nos cerveaux,
Des cloches tout à coup sautent avec furie
Et lancent vers le ciel un affreux hurlement,
Ainsi que des esprits errants et sans patrie
Qui se mettent à geindre opiniâtrement.
– Et de longs corbillards, sans tambours ni musique,
Défilent lentement dans mon âme; l’Espoir,
Vaincu, pleure, et l’Angoisse atroce, despotique,
Sur mon crâne incliné plante son drapeau noir.

Charles Baudelaire, Les Fleurs du Mal

Ein weiteres Gedicht, das die Stimmung unserer derzeitigen Lage ebenfalls gut wiedergibt, stammt von Paul-Marie Verlaine und gehört zu seiner Gedichtsammlung „Poèmes saturniens“ aus dem Jahr 1866, die in fünf Kategorien insgesamt 37 Gedichte umfasst.

Das nun folgende erlangte 1944 für die Resistance eine besondere Bedeutung.

Chanson d’automne

Les sanglots longs
Des violons
     De l’automne
Blessent mon coeur
D’une langueur
     Monotone.

Tout suffocant
Et blême, quand
     Sonne l’heure,
Je me souviens
Des jours anciens
     Et je pleure;

Et je m’en vais
Au vent mauvais
     Qui m’emporte
Deçà, delà
Pareil à la
     Feuille morte.

Paul-Marie Verlaine, Poèmes saturniens (1866)

Wenn auch Ihnen diese beiden Gedichte gefallen, dann kann ich Ihnen die Gedichtsammlungen beider Poeten sehr empfehlen.

Fast hätte ich Stéphane Mallarmé vergessen, der mit seinen „Mardis“ genannten Treffen u. a. Paul Valéry und Rainer Maria Rilke stark beeinflusste, und mir durch das folgende Gedicht in guter Erinnerung blieb.

Tristesse d’été

Le soleil, sur le sable, ô lutteuse endormie,
En l’or de tes cheveux chauffe un bain langoureux
Et, consumant l’encens sur ta joue ennemie,
Il mêle avec les pleurs un breuvage amoureux.

De ce blanc flamboiement l’immuable accalmie
T’a fait dire, attristée, ô mes baisers peureux
”Nous ne serons jamais une seule momie
Sous l’antique désert et les palmiers heureux !”

Mais la chevelure est une rivière tiède,
Où noyer sans frissons l’âme qui nous obsède
Et trouver ce Néant que tu ne connais pas.

Je goûterai le fard pleuré par tes paupières,
Pour voir s’il sait donner au coeur que tu frappas
L’insensibilité de l’azur et des pierres.

Stéphane Mallarmé

„La politique fut d’abord l’art d’empêcher les gens de se mêler de ce qui les regarde. À une époque suivante, on y adjoignit l’art de contraindre les gens à décider sur ce qu’ils n’entendent pas.“

Paul Valéry, Œuvres II (1960: 947)

Sinnierende Frau

Zeit für ein Gedicht 5 (2)

Beitragsfoto: Sinnierende Frau | © Pixabay

Mary Oliver ist eine Dichterin, die lieber ihr Werk sprechen lassen wollte, als selbst in Interviews Stellung zu beziehen. Sie studierte unter anderem an der Ohio State University, ohne aber jemals selbst einen Abschluss zu erreichen.

Nichtsdestotrotz ist Ohio ein wichtiger Teil der Inspiration für ihre Gedichte, und lässt mich immer wieder darüber staunen, wie heimatliebend Menschen aus Ohio sind, selbst dann, wenn sie die meiste Zeit ihres Lebens woanders verbringen.

Mary Oliver wurde von Walt Whitman und Henry David Thoreau inspiriert und erhielt 1984 den Pulitzer-Preis. Sie starb 2019 in Florida an den Folgen eines Krebsleidens.

Ich begann mich für sie zu interessieren, als ich ihr Gedicht „The Summer Day“ zum ersten Mal las, wobei mir der letzte Satz des Gedichts nicht mehr aus dem Kopf ging: „Tell me, what is it you plan to do with your one wild and precious life?“ 

The Summer Day

Who made the world? 
Who made the swan, and the black bear? 
Who made the grasshopper? 
This grasshopper, I mean –
the one who has flung herself out of the grass, 
the one who is eating sugar out of my hand, 
who is moving her jaws back and forth instead of up and down –
who is gazing around with her enormous and complicated eyes. 
Now she lifts her pale forearms and thoroughly washes her face. 
Now she snaps her wings open, and floats away. 
I don’t know exactly what a prayer is. 
I do know how to pay attention, how to fall down 
into the grass, how to kneel in the grass, 
how to be idle and blessed, how to stroll through the fields, 
which is what I have been doing all day. 
Tell me, what else should I have done? 
Doesn’t everything die at last, and too soon? 
Tell me, what is it you plan to do 
With your one wild and precious life? 

Mary Oliver
Vorgetragen von Mary Oliver

„It requires more than a day’s devotion to know and to possess the wealth of a day.“

Henry David Thoreau, Life Without Principle (1863)

Taschenuhr

Nachdenklich 5 (2)

Beitragsfoto: Taschenuhr | © Pixabay

Es sind immer wieder diese völlig unerwarteten Ereignisse, die uns Menschen aus den eigenen Träumen reißen und einen kurz über das eigene sowie das Leben an sich nachdenken lassen, bevor man wieder zum Alltag zurückkehrt.

Dabei meine ich nicht irgendwelche völlig überraschenden Aktienbewegungen an der Börse oder Pandemiemeldungen aus den Medien, sondern den plötzlichen Tod von Menschen, die man persönlich kannte und mit deren vorzeitigem Tod man einfach nicht rechnete.

Auch wenn man mit zunehmenden Alter das Gefühl entwickelt, dass „die Einschläge“ immer näher kommen und man damit auch selber immer mehr sensibilisiert ist, hat der Tod von Menschen, welche jünger als man selber sind, doch eine ganz besondere Bedeutung. Und wenn man dann noch gleich mehrerer solcher tragischen Ereignisse gewahr wird, hält das eigene Grübeln etwas länger als sonst üblich an.

Steve Jobs konnte dem Tod eine ganz eigene Bedeutung beimessen.

„Death is very likely the single best invention of Life. It is Life’s change agent. It clears out the old to make way for the new.“ 

Steve Jobs, Stanford Commencement Adress (2005)

Wolfgang Amadeus Mozart schrieb am 4. April 1787 an Leopold Mozart, dass der Tod der Schlüssel sei, der das Tor zur wahren Glückseligkeit öffne, und er selber, auch in seinen noch jungen Jahren, nie zu Bett ginge ohne darüber nachzudenken, den kommenden Tag nicht mehr zu erleben.

Und John O’Donohue wundert sich:

„Though death is the most powerful and ultimate experience in one’s life, our culture goes to great pains to deny its presence.“

John O’Donohue,  Anam Cara: A Book of Celtic Wisdom (1997: 205)

Paulo Coelho fasste das Ganze in die folgenden Worte:

„Life is a dream from which we wake only when we meet death.“

Paulo Coelho, Aleph (2011)

Um heute nicht ganz dem Grübeln zu verfallen, beende ich diesen Beitrag mit einem wunderbaren Gedicht von Walt Whitman.

A clear midnight

THIS is thy hour O Soul, thy free flight into the wordless,
Away from books, away from art, the day erased, the lesson done,
Thee fully forth emerging, silent, gazing, pondering the themes thou lovest best.
Night, sleep, death and the stars.

Walt Whitman

„The death rate is the same for us as for anybody … one person, one death, sooner or later.“

Robert A. Heinlein, Tunnel in the Sky (1987: 28)