Kopflose Statue

Vom Sockel gestürzt 5 (1)

Beitragsfoto: Kopflose Statue | © Couleur auf Pixabay 

Ich erinnere mich noch an ein Streitgespräch mit Dieter Läpple vor dem Marrahaus in einer ganz anderen Sache, als wir auch noch auf sein Käthchen zu sprechen kamen. Dabei brachte ich wohl zum Ausdruck, dass mir dies ebenfalls nicht gefalle, was er einfach damit konterte, dass nur ein studierter Künstler Ahnung von richtiger Kunst haben könne.

Jetzt, da sein Werk aus dem Jahre 1965 umgefallen ist, und man sich Gedanken darüber macht, wie viel dem Steuerzahler eine Reparatur Wert sein muss, gebe ich zu bedenken, dass es sich in diesem Falle „nur“ um zeitgenössische Kunst handelt, deren Wert spätere Generationen sicherlich anders einschätzen werden.

Und wenn man jetzt noch bedenkt, dass auch Heilbronn nur über begrenzte Steuermittel verfügt, wäre es vielleicht ganz sinnvoll, späteren Generationen die Entscheidung über eine Reparatur zu überlassen – vielleicht halten Sie im Rückblick auch ein beschädigtes Käthchen für unsere Zeit sehr authentisch.

Auf jeden Fall lässt mich die Geschichte um die vom Sockel gestürzte Bronzestatue an ein Gedicht von Conrad Ferdinand Meyer denken.

Der Marmorknabe

In der Capuletti Vigna graben
Gärtner, finden einen Marmorknaben,
Meister Simon holen sie herbei,
Der entscheide, welcher Gott es sei.

Wie den Fund man dem Gelehrten zeigte,
Der die graue Wimper forschend neigte,
Kniet’ ein Kind daneben: Julia,
Die den Marmorknaben finden sah.

“Welches ist dein süßer Name, Knabe?
Steig ans Tageslicht aus deinem Grabe!
Eine Fackel trägst du? Bist beschwingt?
Armor bist du, der die Herzen zwingt?”

Meister Simon, streng das Bild betrachtend,
Eines Kindes Worte nicht beachtend,
Spricht: “Er löscht die Fackel. Sie verloht.
Dieser schöne Jüngling ist der Tod.”

„I think making art comes from being a little allergic to society, not wanting to belong.“ 

Ragnar Kjartansson, The New Yorker (11. April 2016)

Sinnierende Frau

Practice resurrection 5 (2)

Beitragsfoto: sinnierende Frau | © Pixabay

Gedichte haben mir schon immer gefallen aber damit bin ich bestimmt nicht alleine, denn es gibt wohl kaum jemanden, dem Gedichte nicht gefallen. Es gibt zwar immer wieder Gedichte, die dem einen oder anderen nicht gefallen mögen aber mindestens genau so viele, die dann doch den ganz persönlichen Geschmack treffen und manche sogar, die einem den Alltag etwas erleichtern, zumindest aber einem ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Andere wiederum verführen den Leser zum weiteren Nachdenken, und manche Gedichte lassen den Leser erst gar nicht mehr los.

Man kann dies immer wieder feststellen, vor allem bei alten Menschen, von denen bestimmt jeder noch ein ganz bestimmtes Gedicht rezitieren kann, nämlich das Gedicht, welches bereits vor Jahrzehnten einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat.

Das hier von mir aufgeführte Gedicht stammt von Wendell Berry aus dem Jahr 1973 und ist so aktuell wie schon lange nicht mehr.

Manifesto: The Mad Farmer Liberation Front

Love the quick profit, the annual raise,
vacation with pay. Want more
of everything ready-made. Be afraid
to know your neighbors and to die.
And you will have a window in your head.
Not even your future will be a mystery
any more. Your mind will be punched in a card
and shut away in a little drawer.
When they want you to buy something
they will call you. When they want you
to die for profit they will let you know.

So, friends, every day do something
that won’t compute. Love the Lord.
Love the world. Work for nothing.
Take all that you have and be poor.
Love someone who does not deserve it.
Denounce the government and embrace
the flag. Hope to live in that free
republic for which it stands.
Give your approval to all you cannot
understand. Praise ignorance, for what man
has not encountered he has not destroyed.

Ask the questions that have no answers.
Invest in the millennium. Plant sequoias.
Say that your main crop is the forest
that you did not plant,
that you will not live to harvest.
Say that the leaves are harvested
when they have rotted into the mold.
Call that profit. Prophesy such returns.

Put your faith in the two inches of humus
that will build under the trees
every thousand years.
Listen to carrion – put your ear
close, and hear the faint chattering
of the songs that are to come.
Expect the end of the world. Laugh.
Laughter is immeasurable. Be joyful
though you have considered all the facts.
So long as women do not go cheap
for power, please women more than men.
Ask yourself: Will this satisfy
a woman satisfied to bear a child?
Will this disturb the sleep
of a woman near to giving birth?

Go with your love to the fields.
Lie down in the shade. Rest your head
in her lap. Swear allegiance
to what is nighest your thoughts.
As soon as the generals and the politicos
can predict the motions of your mind,
lose it. Leave it as a sign
to mark the false trail, the way
you didn’t go. Be like the fox
who makes more tracks than necessary,
some in the wrong direction.
Practice resurrection.

Und wer sich jetzt fragt, warum ich gerade auf Wendell Berry komme, dem empfehle ich, etwas mehr über ihn zu lesen. Mir kam er wieder durch die vielen Kreuze in Erinnerung, die jüngst aus allen Äckern sprießen.

Seine Lebensweise mag fürchterlich antiquiert und dies bestimmt auch schon so in uralten Zeiten gewesen sein, aber das, was er damit zum Ausdruck bringen möchte, ist durchaus bedenkenswert.

„We need better government, no doubt about it. But we also need better minds, better friendships, better marriages, better communities.“

Wendell Berry, A Continuous Harmony (2012 [1970]: 77)

Kaffeegenuss

Es ist alles eitel 5 (2)

Beitragsfoto: Kaffeegenuss | © Pixabay

Meine aktuelle Stimmungslage ruft direkt nach einem Gedicht und zwar einem, welches von Andreas Gryphius aus dem Jahr 1637 stammt. Dieser verbrachte eigentlich fast sein gesamtes Leben in und im Umfeld des Dreißigjährigen Kriegs und konnte selbst zum Lebensende hin nur auf Trümmer und Trauer blicken.

Es ist alles eitel

Du siehst, wohin du siehst, nur Eitelkeit auf Erden.
Was dieser heute baut, reißt jener morgen ein:
Wo jetzt noch Städte stehn, wird eine Wiesen sein,
Auf der ein Schäferskind wird spielen mit den Herden.

Was jetzt noch prächtig blüht, soll bald zertreten werden.
Was jetzt so pocht und trotzt, ist morgen Asch’ und Bein,
Nichts ist, das ewig sei, kein Erz, kein Marmorstein.
Jetzt lacht das Glück uns an, bald donnern die Beschwerden.

Der hohen Taten Ruhm muss wie ein Traum vergehn.
Soll denn das Spiel der Zeit, der leichte Mensch, bestehn?
Ach! Was ist alles dies, was wir für köstlich achten,

Als schlechte Nichtigkeit, als Schatten, Staub und Wind;
Als eine Wiesenblum’, die man nicht wieder find’t.
Noch will, was ewig ist, kein einzig Mensch betrachten!

Bevor ich aber jetzt noch auf sein Gedicht „Tränen des Vaterlandes“ aus dem Jahre 1636 zurückgreife, schließe ich diesen Beitrag einfach ab und lasse Sie mit diesem einen Gedicht zumindest für heute allein.

Rezitiert von Fritz Stavenhagen

„Dem Menschen geht nichts über die Befriedung seiner Eitelkeit und keine Wunde schmerzt mehr als die, die dieser geschlagen wird.“

Thomas Hobbes, De Cive (1642)