Taschenuhr

Zum heutigen Tage 5 (6)

Beitragsfoto: Taschenuhr auf Landkarte mit Sand | © Pixabay

Jetzt, wo gerade wieder ganz aktuell bei uns darüber diskutiert wird, was schlechter ist: ein bekennender Nazi oder ein bekennender Stalinist? sollten wir uns alle daran erinnern, dass man tatsächlich nur zwischen Demokraten und Anti-Demokraten unterscheiden sollte und auch kann. Letztere nenne ich gerne allesamt, und dies frei nach Hannah Arendt, Karl Popper oder George Orwell, Totalitaristen.

Und ich kann nicht umhin, ein Gedicht zu zitieren, welches uns Schülern bereits ein Deutschlehrer in den 1970er-Jahren empfohlen hat. Das Gedicht stammt von Ernst Jandl.

lichtung

manche meinen
lechts und rinks
kann man nicht velwechsern
werch ein illtum

Ernst Jandl

Zumindest in meiner Schulzeit hat man noch fürs Leben gelernt, obwohl auch hier bereits ein großer Irrtum vorlag, denn Seneca muss richtiger Weise wie folgt zitiert werden:

„Quemadmodum omnium rerum, sic litterarum quoque intemperantia laboramus: non vitae sed scholae discimus.“

Seneca, Epistulae morales ad Lucilium, CVI. SENECA LVCILIO SVO SALVTEM: 12

Man stellt fest, weder das Leben oder die Schule, noch die große Politik sind einfach zu verstehen.

Besonders unsere heutigen und besonders erfolgreichen Demokratien haben immer mehr darunter zu leiden, denn viele ihrer Bewohner sind längst keine Bürger, geschweige denn Demokraten mehr, denn auch für diese gibt es seit den alten Griechen Minimalanforderungen, um überhaupt Demokratie entstehen zu lassen oder aufrechterhalten zu können.

Die alten Griechen haben damals die Menschheit nicht nur in Griechen und Barbaren unterteilt, sondern das Menschsein generell seit Aristoteles auf den Zoon politikon reduziert, ergo den Mensch als soziales, politisches Wesen gesehen. Und gingen dabei sogar soweit, jenen, die sich der Gesellschaft und der Politik entzogen haben, das Menschsein an sich abzusprechen.

Ca. 2 000 Jahre später muss man konstatieren, dass Demokratien alleine von Demokraten leben, und Demokraten sind Bürger, die sich nicht nur zur Demokratie bekennen, sondern diese auch mit Leben erfüllen, also mitmachen, anstatt nur zu meckern!

Wer sich den ganzen Tag über nur um sich selber und seine eigenen Vorteile kümmert und nur dann aufmerksam wird, sobald er befürchten muss, dass man ihm etwas vorenthält oder er einmal etwas findet, wo er gerade Lust dazu hat, um sich moralisch zu entrüsten, und auch nur dann von der Politik Änderungen und diese sofort einfordert und noch dazu diese sofortigen Änderungen ganz alleine zu seinen Gunsten oder nach seinen aktuellen Moralvorstellungen einklagt, der ist kein Bürger und schon gar kein Demokrat! Auch hat er die Funktionsweise von Demokratie eindeutig nicht verstanden!

Und dieser Mangel an Demokraten, oder, wie ich es in mehreren Beiträgen bereits schon formulierte, das mehrheitliche Vorhandensein „gekaufter Demokraten“ oder von Spesendemokraten ist es, der Demokratien von innen heraus aushöhlt und langsam aber sicher auch abschafft; die Weimarer Republik war ein sehr gutes Beispiel dafür.

Der schleichende, aus der Ostzone kommende Zerfall der Berliner Republik wird ein weiteres Beispiel dafür werden. Weder hätte man einer Nachfolgeorganisation eines Unrechtsstaates gestatten dürfen, vorübergehend ein demokratisches Mäntelchen umzulegen, noch darf man als demokratischer Volksvertreter mit bekennenden Totalitaristen, schlimmer noch mit stolzen Rassisten gemeinsame Sache machen!

Genau diese faulen Kompromisse sind es, die letztendlich immer wieder unsere Welt zerstören, egal von wem oder wo und wann sie getätigt werden.

Deshalb empfehle ich dringend allen unseren demokratischen Volksvertretern das Buch „On Compromise and Rotten Compromise“ von Avishai Margalit zu lesen. Keine 200 Seiten wären zu lesen gewesen, und wir alle hätten uns das jämmerliche Schauspiel gestern in Thüringen erspart.

Gesunder Menschenverstand hätte es vielleicht auch getan, aber der ist den meisten unserer dort handelnden Politiker wohl längst schon abhandengekommen.

Auch wenn aufgrund der teilweise heftigen Reaktionen aus dem Rest der Bundesrepublik heute bereits darüber nachgedacht wird, Neuwahlen anzustreben, bleibt das Wahlergebnis 2019 weiterhin bestehen, welche dem linken und rechten Rand, bei dem jeweils die demokratische Gesinnung zumindest stark bezweifelt bis gänzlich abgesprochen werden kann, eine Stimmenmehrheit von über 54 % beschert.

Diese Problematik ist seit dem Wahlabend bekannt, und viele spekulierten wohl darauf, dass man letztendlich den größten Wahlsieger, Die Linke, eine Minderheitsregierung bilden lässt.

Diese wäre damit erstmals von allen demokratischen Parteien, auch der CDU, als legitime demokratische Kraft anerkannt worden. Zumindest einige von den Volksvertretern der bürgerlichen Parteien hätten dabei einen faulen Kompromiss eingehen müssen, den andere bereits schon vor Jahren eingegangen sind und nunmehr mit der Wahl in Thüringen 2019 zu dieser ersten tragischen Situation in der Berliner Republik geführt hat.

Durch die jetzt erfolgte Wahl eines FDP-Abgeordneten zum Ministerpräsidenten einer Minderheitsregierung haben letztendlich die oben angesprochenen Abgeordneten einen faulen Kompromiss durch einen anderen faulen Kompromiss ersetzt, was nunmehr erstmals nach 1945 wieder Nationalsozialisten als vollwertig demokratisch legitimierte.

Damit ist das Kind in der Berliner Republik bereits zum zweiten Mal in den Brunnen gefallen, wobei beide extreme Ränder in den Parlamenten als vollwertig demokratisch anerkannt werden. Damit wurden Totalitaristen nicht nur legalisiert, sondern durch allseitige Anerkennung auch legitimiert.

Von Anfang an war der Linken als auch der AfD — leider den anderen Parteien offensichtlich nicht — klar, dass es sich für die beiden benannten Parteien um eine klassische Win-Win Situation handelt.

Und wie sich jetzt herausstellt, ist es den demokratischen Parteien auch gelungen, sowohl Die Linke als auch die AfD in eine typische Opferrolle zu schubsen, in die beide Parteien frei nach Goethe mehr sanken, als gezogen wurden.

Das Einzige, was jetzt noch zur Komplettierung des Wahlerfolgs beider Ränder fehlt, ist eine Neuwahl, die diese Parteien ihre neu gewonnene Opferrolle voll ausschöpfen lässt und beide dabei sicherlich in neue Höhen schleudert.

Eingedenk dieser Tatsache wäre es notwendig, dass die CDU, welche meines Erachtens in Thüringen deswegen so schwach abschnitt, weil sie dort in ihren eigenen Reihen eher dem rechten Rand als ihrer demokratischen Grundgesinnung huldigt, jetzt und sofort die Notbremse zieht und das Folgende veranlasst:

  • Mit der FDP Thüringen spricht und den Ministerpräsidenten zum Rücktritt bewegt;
  • Mit der Linken spricht — dabei lieber einen faulen Kompromiss zwei faulen Kompromissen vorzieht — und erstmals ganz offiziell eine linke Minderheitsregierung billigt. Dies allerdings nur eingedenk der Tatsache, dass sie diesen ersten faulen Kompromiss nicht selbst zu vertreten hat, sondern rein aus demokratischer Verantwortung heraus nun auslöffelt.

Ich wage zu behaupten, dass durch diese Maßnahme die CDU in Thüringen wieder an Profil gewinnt und in Folge einer konstruktiven Oppositionsarbeit auch wieder Wahlen gewinnen wird.

„You want to know something? We are still in the Dark Ages. The Dark Ages — they haven’t ended yet.“

Kurt Vonnegut, Deadeye Dick (1982)

Sinnspruch von Albert Einstein

Bescheidenheit 5 (3)

Dieses Bonmot schrieb Albert Einstein als eine Art von Trinkgeld für einen Tokioer Hotelangestellten im November 1922.

„Stilles bescheidenes Leben gibt mehr Glück als erfolgreiches Streben, verbunden mit beständiger Unruhe.“

Albert Einstein

Ob sich der Hotelangestellte darüber auch gefreut hat, ist mir jedoch nicht bekannt.

Friedrich Nietzsche fasste diese Erkenntnis gar in ein Gedicht

Welt-Klugheit

Bleib nicht auf ebnem Feld!
Steig nicht zu hoch hinaus!
Am schönsten sieht die Welt
Von halber Höhe aus.  

Friedrich Nietzsche

Und für fast alle, die sich dieser Erkenntnis nicht anschließen mögen, tritt irgendwann ein menschlicher Mechanismus in Kraft, welchen ich gerne als die rosarote Brille bezeichnen möchte.

Eugen Roth schrieb dazu das folgende Gedicht

Man wird bescheiden

Ein Mensch erhofft sich fromm und still,
Daß er einst das kriegt, was er will.
Bis er dann doch dem Wahn erliegt
Und schließlich das will, was er kriegt.

Eugen Roth

Viele von uns, die sich noch am Anfang oder gar mittendrin im eigenen Karrierestreben, dem Erklimmen der oben zitierten Höhen, befinden, sublimieren dabei gerne ihre ersten und auch die sicherlich weiter folgenden Enttäuschungen mit Konsum, der Basis unseres Wirtschaftssystems.

Und auch für all jene, die längst aus diesem Rennen ausgestiegen sind, weil sie meistens von Anfang an nicht mithalten konnten, steht ebenfalls der Konsum als das wahre „Opium für das Volk“ zur Verfügung. Kein Geldbetrag ist zu gering, als dass man davon nicht etwas völlig Unnützes kaufen könnte, und dies alleine zum Zwecke der Lustbefriedigung.

Selbst für jene, die sich wirklich alles leisten können, bietet der Konsum Dinge an, für die dann wiederum kein Geldbetrag zu hoch wäre, letztendlich aber läuft es auf das Gleiche hinaus.

Ganz schlimm ist es aber für jene Menschen, denen selbst am eigenen Lebensende nur der bloße Konsum geblieben ist.

Inzwischen gibt es für diese Menschen ganz neue Wege, um der Problematik Herr zu werden. Einer davon nennt sich „Death-Cleaning“; die Idee das eigene Leben zu „Entrümpeln“ stammt ursprünglich aus Schweden und wird dort „Döstädning” genannt.

Margareta Magnusson hat dazu sogar ein eigenes Buch verfasst, welches bei uns den Titel „Frau Magnussons Kunst, die letzten Dinge des Lebens zu ordnen“ trägt.

Meines Erachtens kann kein Mensch zu früh mit dem Entrümpeln des eigenen Lebens beginnen, denn letztendlich führt es dazu, dass man einmal genauer darüber reflektiert, und wer weiß, damit auch das eigene Konsumverhalten ändert.

Und dies dann auch ganz ohne jegliche Belehrungen von Menschen, die aus den unterschiedlichsten Motiven heraus, gerne das Konsumverhalten ihrer Mitbürger regulieren wollen.

Dabei gäbe es bereits seit altersher mit der Bildung einen erfolgsversprechenden Lösungsansatz, wie man das eigene Leben in den Griff bekommen kann, egal wie es einem auch mitspielt. Was wiederum dazu führen würde, dass der Konsum in nachhaltigere Bahnen gelenkt wird, und wir alle letztendlich davon profitieren – ganz ohne Belehrungen oder Regelungen.

Das Schöne am Lösungsansatz Bildung ist, dass man erstens davon wirklich nie genug bekommen kann, auch wenn wir alle selbst davon überzeugt sind, noch nie zu wenig gehabt zu haben, und zweitens diese Ressource tatsächlich endlos und für alle, zumindest in der freien Welt, gleichermaßen zugänglich ist.

„Its hard to be modest when your as good as I am.“

Muhammad Ali, in der Michael Parkinson Show (1971)

Spielender Junge

Little Boy Blue 5 (6)

Beitragsfoto: spielender Junge | © Shutterstock

Heute muss es einfach wieder einmal ein Gedicht sein und zwar eines, welches ich selber immer gerne lese. Sein Autor Eugene Field hat es wohl erstmals 1888 in der Chicago weekly veröffentlicht.

Bekannter wurde Field dann durch seinen Gedichtband „A Little Book of Western Verse“ von 1892, der neben dem Gedicht „Dutch Lullaby“, welches ich ebenfalls sehr empfehlen kann, auch das untenstehende Gedicht enthält.

Mir kam das Gedicht erstmals 1976 zu Ohren, und zwar in einer Interpretation des Magazins Mad, das zu meiner Schulzeit übrigens bei uns Schülern zur Pflichtlektüre gehörte.

Little Boy Blue

The little toy dog is covered with dust,
  But sturdy and stanch he stands;
And the little toy soldier is red with rust,
  And his musket moulds in his hands.
Time was when the little toy dog was new,
  And the soldier was passing fair;
And that was the time when our Little Boy Blue
  Kissed them and put them there.

“Now, don’t you go till I come,” he said,
  “And don’t you make any noise!”
So, toddling off to his trundle-bed,
  He dreamt of the pretty toys;
And, as he was dreaming, an angel song
  Awakened our Little Boy Blue –
Oh! the years are many, the years are long,
  But the little toy friends are true!

Ay, faithful to Little Boy Blue they stand,
  Each in the same old place –
Awaiting the touch of a little hand,
  The smile of a little face;
And they wonder, as waiting the long years through
  In the dust of that little chair,
What has become of our Little Boy Blue,
  Since he kissed them and put them there.

Eugene FielD, 1888

Die oben erwähnte Parodie, welche übrigens von Frank Jacobs stammt, möchte ich Ihnen nicht vorenthalten:

The little toy dog is covered with dust;
The Tinkertoys rot on the shelf;
The little toy soldiers are gathering rust,
And the teddy bear sits by himself.

The little toy engine won’t puff any more,
And, golly, I feel like a boob –
I’ve filled up his playroom with toys from the store,
But my kid won’t get up from the tube.

Frank Jacobs, 1976

„A perfect poem is impossible. Once it had been written, the world would end.“

Robert Graves, in einem Interview mit Peter Buckman and William Fifield (1969)