Baum

Wind, Sand und Sterne 5 (9)

Beitragsfoto: Baum | © Pixabay

Wer schon einmal etwas von Antoine de Saint-Exupéry gelesen hat, weiß sofort beim Titel dieses Beitrags, dass ich damit sein 1939 erschienenes Buch Terre des Hommes meine.

Meine Lektüre der Bücher de Saint-Exupérys begann noch zur Schulzeit mit Nachtflug, das erstmals im Dezember 1931 erschien, und endet immer wieder aufs Neue beim Kleinen Prinzen aus dem Jahre 1943.

In seinem „Erfahrungsbericht“ als Pilot, den er mit Terre des Hommes betitelt, reflektiert Antoine de Saint-Exupéry über uns Menschen und stellt dabei Folgendes fest:

„La vérité pour l’homme, c’est ce qui fait de lui un homme.“

Antoine de Saint-Exupéry, Terre des Hommes, VIII. Les hommes

Nämlich, dass es für den Menschen nur eine Wahrheit gibt, jene, die aus ihm einen Menschen macht.

Kameradschaft, Pflichterfüllung, Solidarität und Menschlichkeit sind wohl die dabei alles bestimmenden Themen. Nicht nur Antoine de Saint-Exupéry selbst ist der Meinung, dass uns heutigen Menschen der Sinn für das Leben im Allgemeinen und vor allem auch der Sinn für das eigene Leben abhanden gekommen ist.

Auch wir sind inzwischen offensichtlich zu einer reinen Spaßgesellschaft mutiert, die allein auf Kosten anderer, der Natur und der Umwelt existiert. Reisen ohne Bildung und Zweck, sowie Wellness-Urlaube, nur um ein inhaltsleeres Leben möglichst zu verlängern, sind neben weiteren sinnfreien Unterhaltungsprogrammen bei sehr vielen von uns en vogue.

Und dieses Verhalten wird von manchen Religionen sogar noch unterstützt; nehmen wir als Beispiel den Koran.

„Wisset, dass wahrlich das diesseitige Leben nur ein Spiel und ein Zeitvertreib ist.“

Koran, Sure 57:20

Am Zustand jener Länder, welche diese Erkenntnis schon seit Längerem zur Staatsraison erkoren haben, kann man die Folgen für alle leicht erkennen und auch beständig in den Nachrichten mitverfolgen. Gerade in diesen Ländern hätte schon viel eher als bei uns der Wunsch nach Orientierung aufkommen müssen, ganz besonders in Zeiten, in denen es politisch drunter und drüber geht, wenn auf den Common Sense kein Verlass mehr zu sein scheint, wenn auch die Wissenschaften nicht mehr recht weiter wissen, kurzum: wenn der Einzelne auf sich selbst zurückgeworfen wird.

Viele hätten sich schon sehr lange die Grundfragen nach einem gelingenden Leben, für das bei uns traditionell die Philosophie zuständig ist, stellen müssen. Vielleicht hätten einige dann auch längst erkannt, dass es völlig egal ist, wo man sein sinnfreies Leben fristet. Es wäre damit wohl einigen zudem erspart geblieben, festzustellen, dass ihr sinnfreies Leben auch in der Fremde völlig sinnlos ist.

Denn unter vielen anderen auch, hatte bereits Michel de Montaigne erkannt, dass es nicht von Bedeutung ist, wie lange wir leben, sondern, was wir aus unserem Leben gemacht haben. Dabei hülfe es uns allen, wenn möglichst viele wieder das reine Spaßhabenwollen durch ein Streben nach mehr Kameradschaft, Pflichterfüllung, Solidarität und Menschlichkeit ersetzen und damit sich und der Gesellschaft insgesamt eine Chance zur Entwicklung und Entfaltung geben.

Es sind nämlich die Nächte, die wir zusammen mit Gleichgesinnten auf dem Truppenübungsplatz oder der Rettungswache verbracht, die Stunden in denen wir zusammen eine Idee oder ein Produkt entwickelt, „nur“ unsere alltägliche Pflicht erfüllt oder anderen Menschen geholfen haben, die jede Erinnerung an ein Kilo Kaviar auf dem Traumschiff oder einen Fünflitereimer Sangria auf Malle verblassen lassen.

Gabriel García Márquez hebt diese Art der Erinnerung besonders hervor:

„Nicht was wir gelebt haben, ist das Leben, sondern das, was wir erinnern und wie wir es erinnern, um davon zu erzählen.“

Gabriel García Márquez, Leben, um davon zu erzählen (2002)

Deswegen ist es für alle von Vorteil, wenn man sich bereits in früher Jugend darum kümmert, möglichst guten und zahlreichen Erinnerungen habhaft zu werden. Hilfreich dabei ist, wenn man die vielfältigen Angebote unserer Gesellschaft auch wahrnimmt und nicht alle Zeit und Mühen aufwendet, um sich zu drücken oder lediglich damit beschäftigt ist, Rosinen zu picken. Als letztendliche Folge kommt es dazu, wie Max Frisch in einem Werkstattgespräch anmerkt:

„Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er, oft unter gewaltigen Opfern, für sein Leben hält.“

Max Frisch, in Die Zeit (18. September 1964)

Dies erkennend hat unser Staat den von Martin Luther beendeten Ablasshandel modifiziert und gibt den Spätzündern unter uns die Möglichkeit, sich im Nachhinein ein sinnvolles Leben zu erkaufen: Stiftungen und elitäre Menschenrettungszirkel sprießen jüngst wie der Spargel.

Spätestens seit Martin Luther wissen wir aber auch, dass dies für das eigene Seelenheil wenig von Bedeutung, aber auch, dass es nie zu spät für ein selbstbestimmtes und sinnvolles Leben ist; die möglichen Aufgaben und Herausforderungen dafür sind tatsächlich unbegrenzt und für jedermann zugänglich.

Unsere englischsprechenden Mitbürger würden es ganz einfach wie folgt ausdrücken: „Just be a mensch!“ Harold Pinter meinte dazu:

„You’ll be a mensch … You’ll be a success.“

Harold Pinter, The Birthday Party (1959)

Und Saul Bellow ging sogar noch einen Schritt weiter:

„I want you to be a mensch.“

Saul Bellow, The Adventures of Augie March (1953)

Und für all jene, die nicht in einer Wüste zu sich selber finden können oder möchten, darf auch ein Spiegel genügen. Dale Wimbrow schrieb dazu 1934 das folgende Gedicht:

The guy in the glass

When you get all you want and you struggle for pelf,
and the world makes you king for a day,
then go to the mirror and look at yourself
and see what that man has to say.

For it isn’t your mother, your father or wife
whose judgment upon you must pass,
but the man, whose verdict counts most in your life
is the one staring back from the glass.

He’s the fellow to please,
never mind all the rest.
For he’s with you right to the end,
and you’ve passed your most difficult test
if the man in the glass is your friend.

You may be like Jack Horner and “chisel” a plum,
And think you’re a wonderful guy,
But the man in the glass says you’re only a bum
If you can’t look him straight in the eye.

You can fool the whole world,
down the highway of years,
and take pats on the back as you pass.
But your final reward will be heartache and tears
if you’ve cheated the man in the glass.

Dale Wimbrow, 1934

„He hoped and prayed that there wasn’t an afterlife. Then he realized there was a contradiction involved here and merely hoped that there wasn’t an afterlife.“

Douglas Adams, The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy

Sinnierende Frau

Aus meiner Jugend 5 (3)

Beitragsfoto: sinnierende Frau | © Pixabay

Heute ist mir einfach wieder einmal danach, und die Lektüre von Gedichten steht auf dem Tagesprogramm. Dabei überlege ich, ob es nicht eine gute Gelegenheit wäre, als Lesepate auch einmal ein paar kurze Gedichte zu rezitieren.

Dabei kommt mir doch gleich ein Gedicht aus meinen eigenen Jugendtagen in den Sinn, welches allgemein Samuel Taylor Coleridge zugeschrieben wird, ohne dass man dafür bisher, zumindest meines Wissens, einen Beleg beigebracht hat.

Nichtsdestotrotz ist es ein sehr schönes und auch zeitloses Gedicht.

What if you slept?

What if you slept?

And what if, in your sleep, you dreamed?

And what if, in your dream, you went to heaven

and there plucked a strange and beautiful flower?

And what if, when you awoke, 

you had the flower in your hand?

Ah, what than?

„We don’t read and write poetry because it’s cute. We read and write poetry because we are members of the human race. And the human race is filled with passion. And medicine, law, business, engineering, these are noble pursuits and necessary to sustain life. But poetry, beauty, romance, love, these are what we stay alive for.“

Robin Williams als John Keating in Dead Poets Society (1989)

Hand

Mein Lieblingsgedicht 5 (3)

Beitragsfoto: Hand | © Pixabay

Alte Schulfreunde können sich vielleicht sogar noch daran erinnern, denn es hing bereits sehr prominent in meinem Jugendzimmer. Letztendlich war es sogar dafür ausschlaggebend, dass ich Latein dem Französischen bei der Sprachwahl in der Schule den Vorzug gab.

In all den Jahren habe ich viele Übersetzungen meines Lieblingsgedichtes gefunden, nicht nur ins Deutsche, sondern auch ins Französische und Englische. Aber keine dieser Übersetzungen hat mich wirklich überzeugt. Und eine eigene Übersetzung möchte ich schon gar nicht anbieten, da mein altes Schullatein dafür bei Weitem nicht ausreichen dürfte.

Ich habe das Gedicht auch einmal auf eine Website zusammen mit anderen Gedichten gestellt, und dort wurde es von den Lesern in den Jahren 2010 bis 2013 zum meist gelesenen Gedicht gekürt.

Jetzt hoffe ich, Sie wirklich ein wenig auf dieses Gedicht neugierig gemacht zu haben. Es stammt von Publius Aelius Hadrianus und wurde so um das Jahr 100 herum verfasst.

Animula, vagula, blandula

Hospes comesque corporis 

Quae nunc abibis in loca

Pallidula, rigida, nudula, 

Nec, ut soles, dabis iocos.

Publius Aelius Hadrianus
Publius Aelius Hadrianus 

„When you explain poetry, it becomes banal. Better than any explanation is the experience of feelings that poetry can reveal to a nature open enough to understand it.“

Philippe Noiret als Pablo Neruda in Il Postino (1994)