Bürger

Wirkmacht stärken 5 (4)

Beitragsfoto: Bürger | © Ints Vikmanis, Shutterstock

Eine Bürgerbewegung wird nicht zu einer solchen, weil sich dort Bürger bewegen, sondern einzig und alleine, weil diese darin organisierten Bürger Herausforderungen annehmen, ergo diese Herausforderungen bewegen und die Gesellschaft damit insgesamt verändern.

Eine solche Bürgerbewegung sind die Europäischen Föderalisten, zumindest waren sie es bis zum Ende der 1950er-Jahre einmal. Ihre Wirkmacht hat sich 1948 am deutlichsten bemerkbar gemacht, als europäisch gesinnte Bürger aus ganz Europa und weit darüber hinaus in Den Haag zusammenkamen und letztendlich die Berufspolitik zwangen, die Welt für immer zu verändern.

Historiker der jüngeren Zeitgeschichte fragten sich von Anfang an, ob es den Föderalisten gelänge, in unseren Gesellschaften die Wirksamkeit zu erreichen, die der Liberalismus, der Patriotismus oder gar der Nationalismus sowie die unterschiedlichen Pan-Bewegungen vorab erzielten.

Nicht nur Kirian Klaus Patel zieht in seinem Buch „Projekt Europa — eine kritische Geschichte“ heute das Fazit, dass zwar 1945 fast alle Europäer keinen Krieg mehr wollten, aber auch zum überwiegenden Teil an einer Lösung dieses Problems, nämlich durch die Europäische Idee, kaum Interesse zeigten, sondern einzig und alleine an deren positiven Auswirkungen für das eigene, ganz persönliche Wohlergehen.

So waren es die Europäischen Föderalisten, welche sich ganz im Bewusstsein, nunmehr die richtige Lösung für die meisten gesellschaftlichen Probleme zu haben, vehement für Freiheit, Demokratie und Föderalismus einsetzten und die Vereinigten Staaten von Europa forderten. In den Anfangsjahren gelang es ihnen sogar immer wieder, Hunderttausende Mitbürger für diese Idee zu gewinnen und diese Bürger sogar auf Straßen und Plätzen in ganz Europa für proeuropäische Aktionen zu versammeln.

Die Optimisten unter den Föderalisten sahen sich damit als größte europäische Bürgerbewegung bestätigt und schufen im Glauben, die meisten Mitbürger hinter sich zu wissen, nicht nur neue Ideen wie zum Beispiel den Kommunalismus, Städtepartnerschaften oder eine Stärkung der Regionen, sondern auch Fakten, indem sie die Berufspolitik zu immer weiteren Zugeständnissen in Richtung eines europäischen Bundesstaates und allgemein gültiger Menschen- als auch europäischer Bürgerrechte zwangen.

Die Berufspolitik ging anfangs auch ohne Wenn und Aber auf die Forderungen der Föderalisten ein, konnte sich aber über die vergangenen Jahrzehnte hinweg mit dieser Europa und unsere Demokratien begründenden Bewegung und deren Ideen dahingehend verständigen, dass diese Ideen zwar von beiden Seiten als grundsätzlich gültig anerkannt wurden, aber die daraus resultierenden und notwendigen Maßnahmen und Umsetzungen weiter ausdifferenziert, bürokratisiert und in Endlosschleifen demokratischer und administrativer Prozesse gebracht wurden.

Damit konnte die Berufspolitik dem Bürger wieder das Initiativrecht entziehen und gewann zudem ihre Eigenständigkeit zurück. Dieses Spiel wurde gleich zu Beginn von einigen Bürgern — Altiero Spinelli sei hier beispielgebend genannt — erkannt, und die Zivilgesellschaft versucht bis heute vergeblich, die Initiative zurückzugewinnen.

Liebhaber administrativer Prozesse und von Institutionen bei den Europäischen Föderalisten sahen dies allerdings anders und propagierten den Sonderweg der Teilhabe, nämlich als Verband auf die Berufspolitik beständig einzuwirken und damit in einer Art Partnerschaft die gemeinsamen Ziele zu erreichen. Über Jahrzehnte hinweg wurde dieses System durch Kooptionen, Parlamentariergruppen oder dem Wechsel von Verbands- zu Parlamentsarbeit und wieder zurück, nur um einige Beispiele zu nennen, weiter ausgebaut, verfeinert und damit institutionalisiert.

Aber auch in diesem Modell behielt die Berufspolitik weiterhin die Initiative, da sie administrativ immer besser aufgestellt ist, als es die Bürgerschaft jemals selbst sein kann. Erschwerend kommt hinzu, dass im Gegensatz zu den Europäischen Föderalisten die Berufspolitik ihre Ideen und Ziele nicht an der Europäischen Idee an sich ausrichtet, sondern einzig und alleine an der derzeitigen und vermeintlichen Mehrheitsmeinung; was in dieser Partnerschaft dazu führte, dass die Europäischen Föderalisten — ins System eingebunden — ihre ureigene Wirkmacht in der Bevölkerung und damit auch auf die Politik einbüßten und deshalb eher die Berufspolitik auf die Europäischen Föderalisten als umgekehrt Einfluss nahm.

Somit lässt sich auch erklären, warum manche Ziele bis heute nicht erreicht werden konnten, und wenn diese auch nach 70 Jahren zumindest noch von Teilen der Bürgerschaft eingeklagt werden, mit dem lapidaren Hinweis „Rom wurde auch nicht an einem Tage erbaut“ erneut ad acta gelegt werden.

Die Realisten in der Bürgerbewegung geben dabei gerne zu Protokoll, dass damit doch die Mehrheitsmeinung, wenn nicht gar Überzeugung von 1945, dass es seither keinen Krieg — zumindest bei uns — mehr gab, erfüllt sei, und sich die Europäischen Föderalisten auch bis heute nicht — oder nicht mehr — über das Endergebnis, wie die Vereinigten Saaten von Europa letztendlich aussehen sollen, einig sind.

Die Optimisten in der Berufspolitik geben hingegen zu Protokoll, dass die Europäischen Föderalisten gerne der Berufspolitik gleich mehrere vollständig ausgearbeitete und zusätzlich mit Funktionsgarantie versehene Alternativen präsentieren könnten, über die dann von den Parlamentariern abzustimmen wäre.

Letztendlich würde damit eine weitere Schleife in der Entstehungsgeschichte eines vereinten Europas hinzugefügt werden, die gut und gerne weitere Jahrzehnte Stoff für Diskussionen bietet und sowohl Verantwortlichkeiten als auch Zuständigkeiten erneut verwässert.

Erschwerend kommt heute hinzu, dass es im Gegensatz zum Krieg oder dessen Abwesenheit Probleme und Herausforderungen gibt, die sich nicht mit Endlosschleifen institutioneller und parlamentarischer Arbeit lösen lassen und welche sich auch nicht von selbst lösen werden, wie Umwelt & Klimawandel oder Ressourcenknappheit & Bevölkerungswachstum von aktuellen Pandemien ganz zu schweigen.

Deshalb ist es nunmehr an der Zeit, dass wir Europäischen Föderalisten auf unsere Idee und unsere Konzepte bestehen, sowohl die Vereinigten Staaten von Europa als auch eine Bundesverfassung für Europa bei unseren Mitbürgern bewerben und bei der Berufspolitik wieder einklagen. Und sobald wir mit unseren funktionierenden Ideen wieder Wirkmacht erreichen, wird auch die Berufspolitik handeln und uns Bürgern entsprechend ausgearbeitete Vorschläge und Modelle anbieten, schon alleine deswegen, um selber wieder die Initiative zurückgewinnen zu können.

Dieses Mal dürfen wir allerdings unsere Volksvertreter ganz im Besonderen und die Berufspolitik im Allgemeinen nur dann vom Haken lassen, wenn beide definitiv auch geliefert haben!

Wir wollen die Vereinigten Staaten von Europa! Und unser Motto bleibt dabei weiterhin: Ein vereintes Europa in einer vereinten Welt.

„Von einem gewissen Punkt an gibt es keine Rückkehr mehr. Dieser Punkt ist zu erreichen.“

Franz Kafka, Beim Bau der Chinesischen Mauer, Betrachtungen über Sünde, Leid, Hoffnung und den wahren Weg (1931, 5)

Mädchen mit Europaflagge

Europatage 5 (4)

Beitragsfoto: Mädchen mit Europaflagge | © Shutterstock

Seit 31 Jahren ist es der erste Europatag, an dem meine bessere Hälfte und ich nicht mit der Ausrichtung des Treffpunkts Europa beschäftigt sind; deshalb war das Aufstehen heute Morgen auch sehr ungewohnt, und wir konnten beide auch eine gewisse Leere verspüren. Auch wenn wir heute durch einige Videokonferenzen gebunden sind, so regt dieses Fehlen eines Fests der Völkerverständigung doch verstärkt zum Nachdenken an.

Deshalb schreibe ich auch heute zwischen den Konferenzen, die sich alle sehr unterschiedlich mit dem Thema „Europatag“ auseinandersetzen, über die Europatage der beiden heutigen Europas, nämlich dem Europarat und der Europäischen Union. Um das Ganze nicht zu überfrachten, lasse ich dabei die NATO (4. April) und die Vereinten Nationen (24. Oktober) aus dem Spiel.

Die regelmäßigen Leser meines Blogs werden feststellen, dass das Thema „Europatag“ von mir seit inzwischen 15 Jahren aus den unterschiedlichsten Blickrichtungen heraus betrachtet wird; der erste entsprechende Beitrag dürfte wohl aus dem Jahr 2006 stammen.

Der erste richtige, weil auch von der gesamten Bürgerschaft Europas wahrgenommene Europatag war dabei der 5. Mai, der sich auf die Gründung des Europarats in Straßburg am 5. Mai 1949 bezog. Ursprünglich wurde der Europatag aber von der europäischen Gemeindeorganisation auf den zweiten Mittwoch im März festgelegt und war nie sehr populär.

Mit der vom französischen Außenminister Robert Schuman am 9. Mai 1950 gehaltenen Rede, die die heutige Europäische Union initiierte, kam ein weiterer Tag hinzu, der ebenfalls und mit voller Berechtigung als Europatag gefeiert werden konnte.

1965 einigten sich dann die Vertreter von Europarat und den damaligen Europäischen Gemeinschaften, die mit dem „Fusionsvertrag“ 1965 entstanden, auf den 5. Mai als gemeinsamen Europatag der beiden Europas. Die damalige Begründung war sehr einfach, da sie dem Europatag des größeren Europas den Vortritt gab.

Über 20 Jahre hinweg wurde der 5. Mai dann in ganz Europa als Europatag begannen, konnte dabei meines Wissens aber nie den Status eines Feiertages erlangen.

Als 1985 Bundespräsident Richard von Weizsäcker den 8. Mai 1945 ganz offiziell auch für Deutschland nicht nur als Tag der Kapitulation und Niederlage, sondern auch als Tag der Befreiung Deutschlands von der Nazi-Herrschaft anerkannte, kam es in Europa zu einer weiteren fundamentalen Veränderung, die im ersten Vertrag von Schengen resultierte, mehrheitlich die Europäer dazu bewegte, die Römischen Verträge ändern zu wollen und zudem den 9. Mai als neuen Europatag festlegte, der dann erstmals 1986 als solcher offiziell begangen wurde.

Für mich gehört aber auch der Beginn der Perestroika, die Michail Gorbatschow 1986 einleitete, dazu, denn 40 Jahre nach Kriegsende in Europa hatte Europa insgesamt mit der Rede Weizsäckers eine ganz neue Qualität erreicht und begann die letzten totalitären Gedankengänge abzuschütteln.

Eingedenk der Tatsache, dass gestern und heute am 9. Mai 2020 viele Europäer dem Kriegsende und dem Verlust an Menschen in Europa gedenken, rufe ich uns allen in Erinnerung, dass zwar am 8. Mai der Zweite Weltkrieg in Europa endete, aber mit Hiroschima am 6. August 1945 und Nagasaki am 9. August 1945 eine ganz neue Qualität erreichte und erst mit der Kapitulation Japans am 2. September 1945 so langsam weltweit mit insgesamt über 55 Millionen Toten sein Ende nahm; und dennoch kam es auch noch danach zu weiteren Vertreibungen, Umsiedlungen, Mord und Totschlag. In Europa alleine waren davon u. a. Deutsche, Polen, Kosaken und Juden betroffen.

Eins ist aber gewiss, man kann den 9. Mai als Europatag nicht ohne den 8. Mai, dem Ende des Nazi-Terrors in Europa, gedenken. Das hatten nicht nur Konrad Adenauer, Jean Monnet und Robert Schuman erkannt, sondern auch Richard von Weizsäcker, der am 8. Mai 1985 eine für Europa wegweisende Rede hielt, aus der heraus auch Michail Gorbatschow die richtigen Konsequenzen zog.

Interessant ist es weiterhin, dass selbst der 9. Mai bis heute in Europa kein Feiertag ist und, wenn man die jüngsten Entwicklungen in der Europäischen Union betrachtet, wohl so schnell nicht werden wird.

Die beiden Europatage vertreten dabei bis heute zwei unterschiedliche Modelle Europas, und die Versuche von bekennenden Europäern, diese beiden Tage gar in einer Europawoche zusammenzuführen, was übrigens eine sehr europäische Lösung wäre, ist nur in manchen Orten Europas erfolgreich, so wie bis heute in Heilbronn, wo man seit Jahren versucht, den Treffpunkt Europa mit weiteren Aktionen zu verknüpfen, wie z. B. einem Empfang des Oberbürgermeisters für Heilbronner mit Zuzugsgeschichte, Informationsständen, Preisausschreiben, Europa-Rallyes oder einer Kundgebung für Europa! auf dem Kiliansplatz und somit die Europawoche möglichst für alle Unionsbürger mit Leben erfüllt.

Wir alle sollten uns gerade heute an diesem besonderen Europatag überlegen, was für ein Europa wir eigentlich haben möchten; und, dass es ohne ein gemeinsames Europa geht ist dabei außer Frage.

Ganz plakativ kann man die Frage wie folgt formulieren. Wollen wir ein Europa des 5. Mai, also einen möglichst losen Staatenbund, der sich, wenn überhaupt, nur auf Minimallösungen einigt und diese dann auch nur bei gutem Wetter in nationale Maßnahmen um- und bei erstbester Gelegenheit wieder aussetzt?

Oder wollen wir ein Europa des 9. Mai, das sich seiner Verantwortung (8. Mai) bewusst ist, also einen europäischen Bundesstaat?

Dass die bisher erreichte „Zwitterlösung“, die weder Fisch noch Fleisch ist, nicht funktioniert und auch nicht funktionieren kann, sehen wir angesichts der gerade heute aktuellen Herausforderungen, wie Pandemien, Erderwärmung, verstärkte Migration und Überalterung unserer Gesellschaften.

Und die ewige Behauptung der Institutionalisten unter uns Europäern, dass man letztendlich und ganz folgerichtig den europäischen Bundesstaat in kleinen Schritten erreicht, kann nach über 70 Jahren, wo sich bereits die meisten Menschen nicht mehr daran erinnern können, warum man damals überhaupt losgelaufen ist, immer weniger überzeugen.

Dafür werden die uralten Mahnungen der Konstitutionalisten unter uns Europäern immer lauter, die besagen, dass wir Unionsbürger mit oder auch ohne unsere Volksvertreter die Initiative zurück gewinnen und der Demokratie wie auch Europa und damit allen Menschen zu ihrem ureigenen Recht verhelfen müssen, denn ansonsten gewinnen erneut die Nationalisten und in deren Fahrwassern die Totalitaristen bis hin zu den Rassisten.

Der heutige 9. Mai lädt deshalb dazu ein, nicht nur diesen Tag als gesamteuropäischen Feiertag, sondern auch dazu, um von unseren Volksvertretern einen europäischen Konvent zu fordern, bei dem die Zivilgesellschaft maßgeblich mit beteiligt wird. Darüber hinaus müssen wir Europäer heute wieder einmal – nach 1945 und 1985 – unsere eigene Verantwortung anerkennen und allen antieuropäischen Bestrebungen eine klare Absage erteilen!

Jean Asselborn, der dienstälteste EU Außenminister, hat voll und ganz recht, die innereuropäischen Grenzen müssen heute am 9. Mai 2020 endlich fallen – und ich füge hinzu, dies auch für immer!

Die ewiggestrigen Seehofers dieser Welt zerstören nämlich in wenigen Wochen mehr als alle vernunftbegabten Politiker zusammen in Jahrzehnten aufbauen können!

Und was Konrad Adenauer wie auch Richard von Weizsäcker mit großen Mühen bereits aufgebaut haben, schmeißen unsere derzeitigen Akteure mit ihren Hintern wieder ein.

„For the idea of humanity, when purged of all sentimentality, has the very serious consequence that in one form or another men must assume responsibility for all crimes committed by men and that all nations share the onus of evil committed by all others. Shame at being a human being is the purely individual and still non-political expression of this insight.“

Hannah Arendt, Organized Guilt and Universal Responsibility (1948)

Mittelmeer

Europa ist keine Insel 5 (4)

Beitragsfoto: Mittelmeer | © 8926 auf Pixabay

Eigentlich eine Tatsache, die erstaunlicherweise von vielen heutigen Mitbürgern immer öfters angezweifelt wird. Warum dies so ist und welche Konsequenzen man aus dieser Tatsache ziehen müsste, ist das Thema dieses Beitrages. Einige der von mir angebrachten Argumente wurden bereits in vorangegangenen Beiträgen wie Gedanken zur Migration (2019), Migrationsbewegungen (2015) oder auch Mittelmeerdrama (2015) aufgeführt. Dabei sind die Ursachen für all diese für uns heute scheinbar zu großen Herausforderungen, so alt wie die Menschheitsgeschichte selbst und waren deshalb bereits auch Thema in einem meiner ersten Beiträge zur Integration (2005) und bestimmen wohl auch den Großteil meiner weiteren Gedankengänge auf dieser Website.

Migration gehört zum Menschen wie Egoismus, Neugierde oder Appetit; ohne Migration gäbe es uns Menschen heute nicht. Migration findet immer statt und wird von den meisten Menschen wohl nur dank unserer begrenzten Lebenszeit und selektiven Wahrnehmung kaum bemerkt.

Wir Menschen wandern schon immer einmal langsamer oder auch etwas schneller in Regionen ab, von denen wir uns mehr für uns selbst versprechen. Seit ein paar Tausend Jahren stoßen wir dabei auch immer wieder und heutzutage unvermeidlich auf andere Menschen, die bereits vor Ort leben.

Dass dies nicht immer zum Vorteil der ursprünglich dort lebenden Menschen ist, können die sogenannten „Ureinwohner“ aus Amerika oder Australien berichten, deren Vorfahren Opfer des Rechts des Stärkeren wurden und die es selbst heute noch sind. Diese Tatsache ist kaum zu leugnen und verdiente einen eigenen Beitrag. Wichtig für uns dabei ist, zur Kenntnis zu nehmen, dass wir „Europäer“ über Jahrhunderte hinweg die anderen Menschen verdrängten, beherrschten oder ausbeuteten.

Eine weitere Tatsache ist und deren Leugnung wird unser aller „Todesurteil“, nämlich dass wir „Europäer“ insgesamt von ehemals gut 30 % der Weltbevölkerung heute kaum noch 5 % stellen, wobei darin schon die Wanderungsbewegung der letzten Jahrzehnte nach Europa hinein Berücksichtigung fanden.

Die Leugnung der Tatsache, dass wir Europäer, so wie es uns heute noch gibt, ein Auslaufmodell sind, hilft nur denjenigen, die dieses Ende nicht mehr miterleben werden und die bis zum Schluss ihrer eigenen Existenz alleine nach dem Motto „Nach mir die Sintflut gelebt haben“ (1). Gerade diese Mitbürger verdienen solche „Fürsorge“ nicht, welche zudem in der Behauptung gipfelt, dass Europa eine Insel sei, die sich auch noch ausschließlich um diese Menschen selbst dreht.

Den Anfang vom Ende des alten Europas kann man an zwei Ereignissen festmachen. Zum einen an der weiteren und kontinuierlichen Auswanderung von Europäern in Gebiete, die diesen mehr versprechen, und zum anderen an der von uns Europäern selbst herbeigeführten Situation des gegenseitigen „Ausblutenlassens“, welche von 1914 bis 1945 dafür sorgte, dass alle europäischen Völker so geschwächt aus diesen Kriegen herauskamen und fortan in der Weltgeschichte nur noch eine Nebenrolle spielen.

Seit dieser Zeit ist es auch offensichtlich, dass wir „alten Europäer“ immer weniger werden und seit spätestens den 1970er-Jahren ist es eine Tatsache, dass die Geburtenrate bei Weitem nicht mehr ausreicht, um unsere ursprünglichen Völker, wie wir sie aus dem 19. und 20. Jahrhundert kennen, am Leben zu erhalten. Man muss inzwischen auch davon ausgehen, dass diese Situation unumkehrbar, also irreversibel ist.

Damit schufen wir aber ein „Vakuum“, welches bekanntlich dazu führt, dass andere verstärkter nachdrängen, zumal es Gebiete sind, die immer noch mit zu den attraktivsten unserer Welt gehören.

Zudem ziehen wir seit spätestens der 1950er-Jahre immer mehr Menschen erst aus den europäischen Randgebieten und inzwischen aus der gesamten Welt zu uns, um unsere Produktion und unseren Lebensstandard aufrechtzuerhalten sowie auch, um unsere Renten und Pflegebedürfnisse im Alter zu sichern.

Das Problem dabei ist nicht der unvermeidliche Zuzug von Menschen aus anderen Gebieten in unsere Heimat, sondern die Art und Weise, wie wir mit Migration, Integration, Assimilation oder auch Inklusion umgehen.

Um auch die letzten Egomanen aus ihren Träumen zu reißen, es gibt keinen Zaun, Mauer oder Graben, der Menschen davon abhalten kann, die Kirschen in Nachbars Garten zu pflücken. Auch werden 5 % der Weltbevölkerung selbst mit Waffengewalt den Rest nicht davon abhalten können, in Gebiete zu ziehen, die sie für attraktiver als ihre eigenen Ursprungsregionen halten.

Einzig und alleine helfen würde, unsere Heimat so unattraktiv zu machen, dass keiner mehr kommen möchte, was aber dazu führt, dass wir dann selber alle „rübermachen”, wohin auch immer. Und letztendlich kämen dann doch andere Menschen, die die Chance ergreifen und ihre eigenen Träume in unserer dann ehemaligen Heimat verwirklichen.

Deshalb müssen wir alle erkennen, dass sich die Welt weiterdreht, mit oder auch ohne uns und Menschen dabei weiter in Gegenden ziehen werden, die ihnen attraktiver erscheinen.

Deshalb müssen wir uns auch wieder daran erinnern, dass wir bereits zwischen 1944 und 1947 die Grundlagen schufen, wie wir mit diesen Gegebenheiten umgehen können und müssen, um letztendlich auch für uns selber eine Welt zu schaffen, die weiterhin lebenswert ist und uns dereinst nicht in das Schicksal führen wird, welches wir anderen Menschen z. B. in Amerika und Australien angedeihen ließen.

Deshalb müssen wir uns zudem an die Verträge erinnern, die wir der Welt maßgeblich mit diktiert haben und die nicht nur das Überleben für alle, sondern auch Wohlstand zumindest für die meisten von uns sichern sollen; darunter sind auch die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (1948) und für keine 10 % der Weltbevölkerung die europäischen Grundrechte (2009).

Mit dem NATO-Vertrag (1949) konnten wir Europäer uns vor der feindlichen Übernahme durch die Sowjets retten, die uns alle zu reinen Arbeitssklaven gemacht hätten, und der weiter sicherstellt, dass wir Europäer nicht von den derzeitigen und auch kommenden Weltmächten dominiert werden.

Mit den Römischen Verträgen (1957) haben wir Europäer uns darauf geeinigt, dass wir zum einen die Europäische Integration voranbringen, um durch Kooperation und Effizienzgewinne unseren Völkern im wahrsten Sinne des Wortes das Überleben zu sichern, und zum anderen durch eine verantwortliche Unterstützung Afrikas – und auch anderer Weltteile – diese durch eine Stärkung vor Ort letztendlich auch davon abhalten, unkontrolliert nach Europa zu migrieren.

Mit den Vertragsabschlüssen waren sich alle Unterzeichner darin einig, dass es Europa gelingen wird, sich von den nationalistischen Katastrophen zu erholen und auch weiterhin seinen Platz in der Welt, dieses Mal aber als gleichberechtigter Partner zu erhalten. Darüber hinaus waren sich die Unterzeichner sicher, dass wir in einer gemeinsamen Welt jedem Volk seinen Platz sichern können und der zukünftige Europäische Bundesstaat auch größere Migrationsbewegungen steuern und koordinieren können wird.

Leider haben sich wider allen Erwartungen in Europa die Nationalisten nach den ersten Erfolgen der europäischen Integration erneut durchgesetzt und dafür gesorgt, dass nicht nur die europäische Einigung verlangsamt und bereits auch schon revidiert wird, sondern auch die Unterstützung zur Entwicklung der anderen Weltregionen auf das absolut Nötigste reduziert wurde.

Damit wird der „Migrationsdruck“ auf Europa immer stärker, und die Möglichkeiten Europas, gemeinsam darauf zu reagieren, sind nicht geschaffen worden. Dies führt gerade wieder zu der aktuellen Situation und wird spätestens in ein paar Jahren von uns nicht mehr zu kontrollieren sein. Dann sind wir Europäer zumindest ein Teil des Problems und andere werden unsere Geschicke zukünftig steuern. Ob diese dann uns gewähren werden, was wir ihnen immer verweigert haben, bleibt zu bezweifeln.

Falsch ist, am Mythos der „Insel Europa“ und der Überlegenheit seiner Bewohner festzuhalten.

Katastrophal für uns alle ist, dass Politiker dieses Mythos zu einer einzigen Lüge aufbauschen und der Bevölkerung versprechen, durch Grenzschließungen, Schießbefehle und Deportationen ihre so geliebten Länder erhalten zu können, Länder, die es faktisch schon längst nicht mehr gibt und welche nur noch am Tropf der Europäischen Union und der Weltbank hängend am Leben erhalten werden.

Richtig ist, dass wir der sich nunmehr immer weiter zuspitzenden Situation dahingehend begegnen, dass wir anfangen, Verträge und Abmachungen auch einzuhalten, endlich den Bundesstaat Europa schaffen, auch wenn wir dabei auf einzelne Länder vorerst verzichten müssen.

Und weil sich inzwischen die Welt gut 70 Jahre weitergedreht hat und die Nationalisten damit auch den Schaden für unsere europäischen Völker weiter erhöht haben, müssen wir der jetzt auftretenden „Notlage“ gehorchend wie damals 1945 auch wieder die Initiative ergreifen und ganz folgerichtig wie auch konsequent weitergehende Ziele setzen:

  • Marokko muss ein Beitrittssignal bekommen,
  • der Türkei muss man den Beitritt unter ganz bestimmten Auflagen zusichern,
  • dem Magreb und auch dem Nahen Osten muss man eine Beitrittsperspektive geben.

Damit befrieden wir diese Regionen, sichern unsere aktuellen Gegenküsten im Süden, mindern den Migrationsdruck und können die notwendige Migration nach Europa wieder besser steuern.

Damit schaffen wir auch die Voraussetzungen, um Europa wieder in eine Größenordnung zu bekommen, die dann mit ca. 10 % der Weltbevölkerung auch eine langfristige Perspektive als eigenständige Entität mit eigenen Werten und Ideen haben wird. Ansonsten wird sich unser Europa in allgemeines Wohlgefallen auflösen und zukünftige Europäer werden auf uns zurückschauen, wie wir heute auf die alten Griechen.


(1) Diese Aussage stammt von Madame de Pompadour, die nach der Schlacht von Roßbach das Folgende sagte:

„Après nous le déluge.“

Madame de Pompadour (5. November 1757)

„Tout est dit, et l’on vient trop tard depuis plus de sept mille ans qu’il y a des hommes qui pensent.“

Jean de La Bruyère, Des Ouvrages de l’Esprit