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27.6.02022

Beitragsfoto: Schienen | © Mohamed Nuzrath from Pixabay

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Bundesstaat

Spätestens der Ukrainekrieg dürfte allen deutlich vor Augen geführt haben, dass ein europäischer Bundesstaat so zwingend wie schon lange nicht mehr ist; es sei denn, wir fügen uns sogleich zu einer Nordatlantischen Allianz zusammen. Aber selbst dabei wäre es für alle Beteiligten — besonders auch die US-Amerikaner — besser, wenn die Europäer sich endlich einmal in den grundsätzlichen Dingen einig wären. Und dies wiederum erreicht man erneut am besten durch einen Bundesstaat.

So ist es auch verständlich, dass sich aktive Europäische Föderalisten immer negativer äußern und zudem damit beginnen, sich ins Private zurückzuziehen. Der gestrige Forum-Post von Jean Marsia kann dabei als Beispiel dienen. Auch meine bessere Hälfte und ich haben beschlossen, uns nach fast drei Jahrzehnten von der europäischen Ebene unseres Verbandes zu verabschieden — zu viel Berufspolitik, zu wenig Engagement, noch weniger Aufrichtigkeit!

Und auch Javier Giner ist sichtlich enttäuscht, dass der Verfassungsentwurf für einen europäischen Bundesstaat, welcher von der FAEF dieses Jahr erstellt wurde, bereits im gewöhnlichen Grundrauschen der Tagespolitik untergeht; dies aber war absolut zu erwarten und unsere entsprechenden Bemühungen, solch einen Verfassungsentwurf zumindest als gute Werbung für einen Bundesstaat zu nehmen, von der FAEF selbst nicht erwünscht.

Und so wird es wohl so bleiben, dass fast jeder weiß, dass ein Bundesstaat notwendig ist, genau so wie fast jeder weiß, dass man den von Menschen gemachten Klimawandel unbedingt stoppen muss, letztendlich aber keiner bereit dazu ist, selbst etwas dafür zu tun.

Und unsere Berufspolitiker werden von uns nur dann noch gewählt, wenn sie uns hoch und heilig versprechen, dass es keinen Klimawandel gibt, die Renten sicher sind und der Nationalstaat — was immer dies auch sein mag — die Ultima Ratio für uns alle ist.

Bahnhöfle

Kaum kommt einmal etwas Schwung in die Stadt, wie zum Beispiel am Wochenende durch ein Konzert von halbwegs überregionaler Bedeutung, und schon wundern sich alle, dass es Kapazitätsprobleme am Heilbronner Hauptbahnhof gibt.

Jetzt rächt sich die Tatsache, dass man zumindest seit dem Erreichen des Großstadtstatus von Heilbronn einen ehemals tatsächlich überregional bedeutenden Hauptbahnhof zu einer besseren Straßenbahnhaltestelle zurückgebaut hat.

Anstatt schon damals die Gunst der Stunde zu nutzen und den Bahnhof mit seinem gesamten Bahnhofsvorfeld auf den potenziellen Bedarf von 200 000 Menschen auszubauen, hat man wirklich alles unternommen, angefangen beim Rückbau und der Verkürzung der Gleisanlagen mit ihren Bahnsteigen bis hin zur Verhinderung eines zeitgemäßen Busbahnhofes gleich nebenan, um den Infrastrukturkern jeder europäischen Stadt in Heilbronn auf Erbsengröße zu bekommen.

Das Ganze hat man zuletzt dann noch damit gekrönt, dass man die Beschaulichkeit noch mit einem Fahrradtürmchen für ein paar „Bessergestellte“ auf dem Bahnhofsvorplatz garnierte, der übrigens bei uns auch nicht mehr so heißen darf.

So wurde der Heilbronner Hauptbahnhof zu einer sehr beschaulichen bis gemütlichen Ecke in Heilbronn, deren Zu- und Abfahrten zudem immer weiter verkehrsberuhigt werden, sodass jetzt nur noch ein Weinausschank fehlt, um allen zu verdeutlichen, was man in Heilbronn unter zeitgemäßer Infrastruktur versteht.

Als Bahnverantwortlicher würde ich da auch keine ausgewachsenen Züge mehr nach Heilbronn schicken wollen, und wenn dann doch einmal volle Bummelzüge in Heilbronn ankommen, dann ist das Chaos groß.

Man stelle sich nur mal vor, da käme ein ICE nach Heilbronn und ein paar Hundert Menschen wollten alle auf einmal aussteigen — dann müsste man in Heilbronn und Umgebung den Notstand ausrufen.


2 thoughts on “27.6.02022

  1. Lieber Heinrich Kümmerle,
    Ich kann die Enttäuschung und Resignation Europäischer Föderalisten sehr gut verstehen wenn das Thema Bundesstaat für das man sich mit Zeit und Kräften engagiert hat, „verpufft“ und man sich mit Nichtbeachtung und Ignoranz „bestraft“ fühlt.

    Das hat mich aber auch an ein Essay zum Thema europäischer Bundesstaat von Paul Michael Lützeler erinnert „Unhappy isolation. Die Schriftsteller und Europa“, in dem er das „Auf und Ab und die Drehungen und Windungen“ der Diskussionen bis in die Gegenwart (Ulrike Guerot, Aleida Assmann u. a.) über die möglichen staatlichen Formen Europas beschreibt.

    Die Beschreibung mag nur ein kleiner Trost für die unmittelbare Enttäuschung der Bundesstaat Protagonisten sein, sie lässt aber vielleicht nicht ganz die Hoffnung auf eine Lösung in naher oder weiterer Zukunft schwinden. Eine Hoffnung, die es vielleicht sinnvoll macht sich nicht ganz zurückzuziehen und den persönlichen Aufwand als vergebens zu betrachten, sondern vielmehr weiterzumachen (?).

    Mit freundlichen europäischen Grüßen
    Peter Schulze

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