Buchhandlungen

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Schöner noch als ein gutes Buch endlich sein Eigen nennen zu können, ist es, in einer guten Buchhandlung stöbern zu dürfen. Über gute Bücher habe ich in meinen Beiträgen bereits mehrfach geschrieben und dabei sogar ein paar Empfehlungen abgegeben, aber kaum über gute „Buchläden“.

Wie bei den Büchern ist es wohl auch bei den Buchhandlungen selber, dennoch glaube ich, dass es Buchhandlungen gibt, welche sich weit von den üblichen Buchverkaufsstellen abgrenzen und dabei sogar noch Erlebnisse schaffen, die jedem in Erinnerung bleiben. Ich bin fest davon überzeugt, dass inzwischen die große Masse der Buchhandlungen den allseits so beliebten Schnellrestaurants gleicht, zwar den ersten Hunger stillt, aber dabei eher bleibende Schäden beim Konsumenten verursacht als den jeweiligen Menschen in seiner eigenen Entwicklung fördert.

Um meine Behauptung ein wenig zu untermauern, empfehle ich Ihnen einfach einmal in die nächstliegende Buchverkaufsstelle zu gehen. Schon beim Eintritt in dieselbe sehen Sie alles, sogar Bücher. Und sofort fallen Ihnen auch die Top Seller der Branche in die Augen, z.B. die Feuchträume ewig pubertierender Senioren oder die umfangreichen Lebenserinnerungen prominenter Säuglinge. Die Auswahl ist immens und dies bei einer sehr begrenzten Themenvielfalt. Zugegebener Maßen werden Sie in den Tiefen dieser Buchhandlungen weiterer Themen fündig, und was nicht vorliegt, kann auch bestellt werden.

Was hat dies alles aber mit einer Buchhandlung zu tun? Erinnern Sie sich vielleicht noch an die Buchhandlung von Wendelin Niedlich in Stuttgart, der sich zudem noch stark politisch engagierte. Hier bei uns in Heilbronn kenne ich noch die seit 1688 (!) bestehende Buchhandlung Stritter, welche wohl gezwungener Maßen ebenfalls mit dem Zeitgeist gehen muss. Und mit der Paulus-Buchhandlung auch noch eine spezialisierte und damit eigentlich eine Fachbuchhandlung, welche inzwischen aber ebenfalls ihr Sortiment stark erweitert.

Auch wenn diese Buchhandlungen ihren eigentlichen Zweck erfüllen, so ist es schwierig, sich dort in den Bücherreihen oder -bergen zu vertiefen oder gar zu verlieren. Stehenzubleiben, sich hinzusetzen und in einem ganz „fremden“ Buch zu stöbern bevor man sich von der Fülle der Themen fasziniert, einem weiteren völlig unbekannten Autoren widmet. Bereits Haruki Murakami meinte, dass man nur das denken könne, was die anderen auch denken, wenn wir alle nur dieselben Bücher lesen.

Beispiel eines Erlebnisraumes

In manchen Städten können Sie ab und zu noch solche versteckten Erlebnisräume finden, wobei durchaus die Gefahr besteht, dass Sie den Ausgang nicht mehr finden oder finden möchten.

Seit 2014 gibt es nun in Böckingen, einem Stadtteil Heilbronns, den Blattgold-Buchladen von Johanna Chebbi. Dieser hat gerade einmal drei halbe Tage in der Woche geöffnet, nämlich donnerstags und freitags von 14.00 Uhr bis 17.30 Uhr, sowie samstags von 10.30 Uhr bis 14.30 Uhr.


Korrektur: inzwischen leider nur noch freitags und samstags zu den selben Zeiten.


Der Laden entstand zufällig, nachdem Johanna damit angefangen hatte im Internet gebrauchte Bücher bei Amazon zu verkaufen und überlegte, wie sie denn an größere Mengen Bücher kommen könne. Dies wollte sie durch einen einmaligen Bücherankauf lösen und da sie in Böckingen arbeitete, ist sie dort umhergezogen, um sich leerstehende Läden anzuschauen und erstmals in der Klingenberger Straße fündig geworden. Die Ladenbesitzerin wollte ihr den Laden auch für einen Tag vermieten.

Den Bücherankauf hat sie dann in der Heilbronner Stimme beworben und fand dabei regen Zulauf. Ihre Freunde halfen kostenlose Getränke zu offerieren und den Interessenten beim Bücherschleppen. Das ging stundenlang und hinterher war sie nicht nur „fix und fertig“, sondern auch pleite; zumal sie auch noch Bücherabholungen von zu Hause angeboten hatte.

Die Vermieterin bot ihr an, die Bücher noch im Laden stehen zu lassen, bis sie eine Lösung gefunden hätte. Da dies auch nach Monaten nicht der Fall war, wurde der Laden von Johanna letztendlich dauerhaft angemietet.

Im Jahr 2017 musste Johanna aber dann doch den Laden wechseln und wurde fündig, als ein Fahrradgeschäft in der Stedinger Straße aus Altersgründen aufgab; insgesamt 20 qm ohne Heizung, da es früher nur ein Ausstellungsraum war.

Anfangs dümpelte der Bücherverkauf weiter so vor sich hin, mit der Zeit wurde es dann aber tatsächlich besser. Zwischenzeitlich hat sich ein kleiner, kontinuierlicher Kundenstamm entwickelt. Der ist jedoch immer noch zu klein, da der Durchlauf der Bücher besser sein müsste. Die Bücher stehen zu lange im Regal, bis sie einen Besitzer finden.

Ihre meisten Umsätze macht sie mit Romanen, Krimis, Thrillern, weniger mit Sachbüchern. Auch hat sie ein paar wenige, aber treue Kunden, die sich für die antiquarischen Bücher interessieren. Zudem bietet sie an, gesuchte oder vergriffene Bücher übers Internet zu bestellen. Diese Kunden nehmen dann auch weitere Bücher aus dem Laden mit.

Heute nicht ungewöhnlich, bekommt sie viele Bücherspenden vor den Laden gestellt. Ihr Lager füllt sich mehr und mehr. „Brauchbare“ Bücher kommen dabei gleich ins Regal, antiquarische erst mal in den Keller. Manche Bücher werden auch gleich als „Zu verschenken“ vor dem Laden angeboten, und erfahrungsgemäß völlig „unbrauchbare“ Bücher werden von den Böckinger Pfadfindern als Altpapier abgeholt. Dennoch platzt ihr Lager aus allen Nähten, da sie auch zeitlich noch nicht dazu kommt, Bücher auch „online“ zu stellen.

Johanna Chebbi kennt ihre Stammkundschaft und begrüßt diese mit Namen. Da sie auch deren Lesegewohnheiten inzwischen recht gut kennt, reserviert sie ihnen auch Bücher, an denen sie Interesse haben könnten. Ihre Kunden sind im Schnitt 25 bis 85 Jahre alt.

Das Besondere an diesem Stadtteilladen ist, dass Kunden und Verkäuferin sich zwischenzeitlich als „kleine Familie“ fühlen. Es geht meist lustig zu. Das liegt vielleicht auch daran, dass Johanna selbst keine ausgebildete Buchhändlerin ist und von Literatur so viel Ahnung hat wie von Politik. So kommt es, dass sich die Kunden manchmal besser im Blattgold-Buchladen auskennen als sie selbst; auch, dass Johanna ihre anwesenden Stammkunden bittet, gerade nachgefragte Bücher den anderen Kunden zu zeigen.

Anekdoten, die man sich gegenseitig erzählt und gemeinsames Kaffeetrinken gehören inzwischen zum Aufenthalt im Buchladen mit dazu. Dabei entstehen auch fröhliche Gespräche zwischen den Kunden untereinander, und der Buchladen hat sich zu einer Anlaufstation nicht nur für „Lebenskünstler“ entwickelt, wobei im und vor dem Laden diskutiert, philosophiert oder auch nur der eigene Kummer von der Seele geredet wird.

Das Schöne am Blattgold-Buchladen ist, dass er sich beständig weiterentwickelt und dabei immer wieder neu erfindet. Johannas jüngster Slogan ist: „Besuchen Sie den kleinsten und urigsten Buchladen in Heilbronn.“ Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

„Why can’t people just sit and read books and be nice to each other?“

David Baldacci, The Camel Club (2005)

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