Adventsgedanken

Adventszeit 2021 5 (4)

Sicherlich werde ich Ihnen nichts Neues berichten, wenn ich Ihnen sage, dass wir uns in sehr schweren Fahrwassern befinden. Vielleicht wird es Ihnen aber neu sein, wenn ich Ihnen sage, dass dies sogar aus einer soldatischen Sichtweise heraus der Fall ist. Das wiederum hört sich bestimmt auch für den friedliebendsten Menschen nicht gerade zuversichtlich an, und ist es auch nicht.

Mich selbst stimmt diese Erkenntnis, und dies gerade bei meinem inzwischen siebzehnten Weihnachtsbrief nicht froh und lässt mich nach den 1990er-Jahren in Bosnien und den ersten Adventsaufmärschen von Totalitaristen 2014 in Deutschland nun bereits zum dritten Mal grundsätzlich an der Adventszeit und der dahinterstehenden Idee zweifeln. Relikte des Advents und von Weihnachten selbst werden wohl nur noch in viel zu wenigen Wohnungen Europas zu finden sein. Das Christentum, die Aufklärung, die Europäische Idee und wahrscheinlich auch die Demokratie an sich sind nicht mehr die weltbewegenden Konzepte, die sie einmal waren. Aberglaube, Wissenschaftsfeindlichkeit und totalitäre Ideen kommen bei uns immer mehr in Mode und wirken sich auf unser Zusammenleben aus.

Inzwischen streiten wir uns nicht einmal mehr darüber, wie man eine Pandemie in den Griff bekommen kann, sondern darüber, ob es überhaupt eine gibt. Wir ziehen uns an den kleinsten Kleinigkeiten hoch und beißen uns an den allseits so beliebten „Gender-Sternchen“ fest, nur um nicht die tatsächlichen Probleme unserer Welt in Angriff nehmen zu müssen. Jüngst schreibt unsere Bundespolitik sogar eine uralte föderalistische Forderung halbwegs in das Koalitionspapier, einzig, um bald darauf sagen zu können, „wir sind an diesem Zustand nicht schuld gewesen, wir haben die vergangenen 80 Jahre nicht verschlafen.“

Das wirklich Schlimme daran ist nicht, dass wir Europäer uns nicht einmal mehr über unsere eigenen Werte, Ideen, Verträge und Gesetze einig sind – nicht einmal mehr innerhalb der Bundesrepublik Deutschland –, auch nicht, dass viel zu viele diese überhaupt nicht mehr kennen (wollen), sondern dass wir Europäer, was die tatsächlichen Probleme dieser Welt angeht, überhaupt keine Rolle mehr spielen.

Weder das Klima oder die Weltwirtschaft noch die Demokratie werden in oder durch Europa gerettet werden. Wir Europäer werden den Rest der Welt (über 90 Prozent!) nur noch so lange interessieren, wie wir für die Ärmsten der Armen als erstrebenswerte, letzte noch mögliche Zufluchtsstätte gelten. Gerade ganz aktuell sind oder verlegen Hunderttausende gut ausgebildete, gut trainierte, gut bewaffnete und gut ausgerüstete russische Soldaten an die Ostgrenze der EU, und wir fordern derweil Stacheldrahtzäune gegen halb verhungerte Migranten. Ein schöneres Bild über den Zustand Europas kann man dieser Tage wohl nicht malen – und wir alle müssten froh darüber sein, dass über das Wohl und Wehe Europas längst in Washington und Peking entschieden wird.

Das Amüsante daran ist aber nicht, dass es tatsächlich noch Menschen bei uns gibt, die von einer Supermacht Europa träumen, sondern dass wir Europäer immer erst einmal klären müssen, wer sich an einer Sache bereichern darf und – ganz besonders – wer nicht, bevor wir überhaupt anfangen, uns über Problemlösungen Gedanken zu machen. NEID ist wohl der einzig uns allen gemeinsam verbliebene Wert, jener, der Europa noch zusammenhält – Europa, im NEID geeint.

Da ich inzwischen davon ausgehe, dass ich es nicht mehr selbst erlebe, dass wir Europäer zu einem Motor einer besseren Welt, aber ganz Optimist, dass uns die US-Amerikaner wieder einmal retten werden, kann ich mich ohne Gewissensbisse jenen Menschen widmen, die wie Sie an unserer Europäischen Idee weiterhin festhalten und damit auch an Werten, die immer noch ihre absolute Gültigkeit haben und sich dereinst auch zum Wohle aller durchsetzen werden – es wird dann halt einfach wieder einmal etwas länger gedauert haben.

„There is no ideal Christmas; only the one Christmas you decide to make as a reflection of your values, desires, affections, traditions.“

Bill McKibben, Hundred Dollar Holiday: The Case For a More Joyful Christmas

Ehrenamt & Freiwilligendienst

Ehrenamt 5 (1)

Beitragsfoto: Hände | © Pixabay

Der 5. Dezember, internationaler Tag des Ehrenamts, ist eine gute Gelegenheit, um einmal ein wenig über das „Ehrenamt“ nachzudenken. Eigentlich eine klare Angelegenheit und auch eine bürgerliche Selbstverständlichkeit. Ich behaupte sogar, dass jede Gesellschaft, die das Ehrenamt kennt und auch pflegt, eine erfolgreiche ist. Und Gesellschaften die das Ehrenamt nicht kennen, die sogenannten Bakschisch-Gesellschaften, auch nie so erfolgreich werden können.

Dies wurde mir erst vor Kurzem so richtig bewusst, als ich ein eigentlich sehr positives Gespräch mit einem Berufspolitiker hatte, der es tatsächlich überhaupt nicht verstehen konnte, dass es Menschen gibt, die etwas „für umsonst“ machen. Und so war es für diesen auch eine Selbstverständlichkeit, dass er durch sein „Ehrenamt“ und sein dabei gezeigtes Engagement nicht nur gut leben kann, sondern sich auch, verdienter Maßen, eine unbeschwerte Zukunft sichern konnte.

Deshalb möchte ich in diesem Beitrag doch noch einmal auf die eigentlichen Grundlagen ehrenamtlicher Arbeit zurückkommen. Das Ehrenamt ist das Engagement in öffentlichen Funktionen, welche durch Wahl legitimiert werden und von den Amtsträgern unentgeltlich, das heisst ohne jegliche Bezahlung und sonstigen materiellen Zuwendungen, nachgegangen wird.

Das Ehrenamt wird idealer Weise durch weiteres bürgerschaftliches Engagement, wie z. B. den Freiwilligendiensten, ergänzt und dadurch komplettiert. Deswegen sind Gesellschaften, die solch engagierte Bürger haben, auch so erfolgreich, weil diese Bürger viele Tätigkeiten „umsonst“ verrichten und damit eine Gesellschaft maßgeblich voranbringen.

Die typischen Ehrenämter sind dabei Vereinsvorstände, Schöffen und Gemeinderäte. Diesen Bürgern, die solche Ämter begleiten, kann man durchaus Altruismus unterstellen, das Gegenteil von Egoismus. Und damit ist es auch eindeutig belegt, warum solche Gesellschaften einfach erfolgreicher sind.

Inzwischen aber hat es sich bei uns eingebürgert, dass wohl viele Ehrenämter mit sogenannten Aufwandsentschädigungen verbunden sind, die von der ursprünglichen Idee her, wohl den Amtsinhabern die Kosten für Transport und notwendige Büromaterialien erstatten sollten — was die Idee des Ehrenamts konterkariert — und immer mehr zu einer sehr guten Verdienstmöglichkeit für die Amtsinhaber wird. Wenn es sich um einen größeren Verein oder Verband handelt, gerne in die Hunderttausende Euro im Jahr an Aufwandsentschädigungen gehen, oder zumindest aber, wie bei Gemeinderäten, für ein über dem Durchschnitt der Gesellschaft liegendes Einkommen sorgen kann.

Die Bundesregierung formuliert es wie folgt: Ehrenamt hat viele Gesichter: In Deutschland engagieren sich 31 Millionen Menschen freiwillig. Sie leisten damit einen wichtigen Beitrag für unsere Gesellschaft.“ 

Die Crux dabei ist, dass es kein Ehrenamt mehr ist, wenn der Inhaber dafür entlohnt wird, und man dadurch auch nicht mehr von altruistischen Motiven der Amtsinhaber ausgehen kann, sondern diesen gerade jenen Egoismus, welcher die Bakschisch-Gesellschaften dominiert, unterstellen muss.

Und gerade das Fehlen von altruistischen Motiven zerstört die Idee des Ehrenamtes und zerstört damit auch dessen eigentlichen Sinn und Zweck. Ich behaupte, dass wir schon lange auf dem Weg zu einer ehrenamtlichen Bakschisch-Gesellschaft sind und das Ehrenamt demnächst nur noch ein hohler Begriff sein wird, den man dann verwendet, wenn man etwas schönreden möchte.

Was können wir tun, wenn wir unsere Gesellschaft retten möchten?

Als erstes müssen wir für Transparenz sorgen und gerade bei „Ehrenämtern“ das jeweilige Preisschild anfügen. Und als zweites müssen wir die Ehrenämter wieder zu solchen machen.

Ich bin voll und ganz davon überzeugt, dass es bei uns noch ausreichend Bürger gibt, die solche Ehrenämter auch begleiten würden und zudem stolz darauf wären, zum Wohle unserer Gesellschaft tätig sein zu dürfen — die Ehre wäre ihnen sicherlich Lohn genug.

„Get people to share stories about work they do for nothing, the causes and community groups they or their family are involved in, or used to be and would still support if they had time. … You could learn more about your fellow workers in ten minutes than in the last ten years.“

Patrick Dixon, Building a Better Business (2005: 3)

Adventsgedanken

Gedanken zum Advent 5 (2)

Beitragsfoto: Beispielbild | © Pixabay

Traditionell werden wir Bürger spätestens mit Beginn des Advents von unseren Kirchen und immer mehr „Hilfsorganisationen“ darauf aufmerksam gemacht, dass es nicht überall in der Welt so geordnet und zivilisiert zugeht, wie hier bei uns in Deutschland.

Spätestens seit unsere Medien den Blick über den eigenen Tellerrand hinaus wagen, was bestimmt mit der zunehmenden Verfügbarkeit des Internets für alle Bürger zusammenhängt, wissen wir auch aus anderen Quellen, dass unsere Welt nicht überall so in Ordnung ist, wie hier bei uns.

Und spätestens seit 2015 wissen wir alle, dass es sehr, sehr viele Menschen außerhalb Deutschlands gibt, deren Ziel es ist, hier bei uns Fuß zu fassen oder zumindest von unserem „Wohlstand“ ihren Teil abzubekommen.

Aber spätestens seit dem, auch bei uns, zunehmenden Auftreten von COVID-19, müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass die Welt selbst bei uns nicht mehr so in Ordnung ist, wie wir es „schon immer“ gewohnt waren, und wie es sich die vielen neuen Zuwanderer weiterhin erhoffen und versprechen.

Ich spreche dabei nicht von den verstärkt auftretenden Trinker-, Bettler- und Hausiererhorden, die sich so gerne um unsere Kirchen herum und in den Fußgängerzonen zusammenrotten, oder von der zunehmenden Vermüllung unserer Städte, Dörfer und Landschaften.

Ich spreche dabei auch nicht über Landesregierungen, die sich um die Verteilung von Impfdosen und Beatmungsgeräten streiten, oder Mitbürger, die sich um Klopapierrollen balgen, sondern von den wirklich bemerkenswerten Änderungen in unserer Gesellschaft.

Denn inzwischen fliegen bei uns bundesdeutsche Militärmaschinen Kranke durch die gesamte Republik, Bundeswehrsoldaten helfen in Krankenhäusern aus und sind wohl aus keiner Stadtverwaltung mehr wegzudenken, während viel zu viele unserer Mitbürger weiterhin auf ihr „Recht auf Vergnügung“, ihr „Recht auf Ignoranz“ oder gar auf ihr Recht, einfach nur asoziale Idioten sein zur dürfen, pochen.

Jede Gesellschaft wird von ihren Leistungsträgern im wahrsten Sinne des Wortes getragen, die immer auch eine bestimmte Menge an „ganz besonderen“ Mitbürgern mitschleppen können, und, wenn es „rund läuft“, zudem gerne auch mit Spenden und weiteren Hilfen dazu beitragen, dass andere weniger erfolgreiche Regionen und Gegenden dieser Welt, wie zum Beispiel das Saarland oder Berlin, „am Leben erhalten“ werden können.

Sehr viele dieser Leistungsträger wissen leider inzwischen aber nicht mehr, wie sie ihre Firmen, Unternehmen oder Geschäfte am Leben erhalten, wo sie die Mittel herbekommen, um überhaupt noch ihre Steuern zahlen, wie sie jemals die angehäuften Überstunden oder Urlaubstage halbwegs wieder abbauen oder wie viele Kinder, Schüler, Kranke oder Alte sie noch betreuen können?

Der Advent, eigentlich eine Zeit, um ein wenig selbst zu „entschleunigen“, und diese freie Zeit dann zu nutzen, um über sich, seine Lieben und den Rest der Welt nachzudenken.

Glücklich können sich jene Mitbürger schätzen, die in diesen Tage dazu auch die Gelegenheit finden oder bekommen.

Sollten Sie selbst zu diesen glücklichen Menschen gehören, dann glaube ich, wäre es ganz gut, zu überlegen, wie wir gerade jenen Menschen helfen oder diese gar ein wenig unterstützen können, die sich in einer weniger komfortablen Situation befinden.

Und so wie bereits schon ein Euro Spende an „Brot für die Welt“ Großes bewirken kann, so kann auch das kleinen Stück Müll, das nicht auf der Straße, sondern im Mülleimer landet oder der gut sitzende Mundschutz bzw. der ausreichende Abstand zum Nachbarn, oder gar eine aufgefrischte Impfung, wie z. B. gegen die Grippe oder auch gegen COVID-19, für uns allesamt Großes bewirken.

Und wenn Ihnen gerade in dieser Adventszeit ein Mitbürger begegnet, der vor lauter Arbeit keine Zeit zum Reflektieren hat, dann wäre ein einfaches Dankeschön an diesen eine kleine aber bestimmt sehr nette Geste.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen eine besinnliche Adventszeit und hoffe, dass möglichst viele von uns unbeschadet in das kommende Jahr gelangen.

„Man muß die Segel in den unendlichen Wind stellen, dann erst werden wir spüren, welcher Fahrt wir fähig sind.“

Alfred Delp, Das Gesetz der Freiheit, Epiphanie 1945