Sternschanze Hamburg 2017

Gesprächsbedarf 5 (1)

Beitragsfoto: Sternschanze Hamburg 2017 | © Shutterstock

Mit den Anschlägen auf die Bahninfrastruktur im Norden der Bundesrepublik ist wohl eine neue Qualität erreicht worden, da die Attentäter offensichtlich nicht mehr aus dem Kreis der üblichen Totschläger des antidemokratischen Lagers kommen, sondern dieses Mal Terroristen tätig wurden, die etwas gekonnter vorgegangen sind. Das lässt auf einen externen staatlichen Auftraggeber schließen. Wenn man nun die Entwicklungen der letzten Jahre mit berücksichtigt, dann kann dieser Anschlag mit zu den bereits vollzogenen Angriffen der Russischen Föderation auf Europa und die freie Welt gerechnet werden.

Das wirklich Kritische an dieser Sache ist, dass unsere völlig antiquierten Nationalstaaten nicht dafür geeignet sind, um auf solche Gefahren noch adäquat reagieren zu können. Ich komme deshalb nochmals auf den schon öfters angesprochenen Sachverhalt zurück, dass heutige Gesellschaften in einer immer schneller zusammenwachsenden Welt eine gemeinsame Idee benötigen; ich hatte bereits the American Dream oder die Europäische Idee thematisiert, die unseren Gesellschaften den Kit geben könnten, der diese dann auch zusammenhält.

Im Gegensatz zu vielen Mitbürgern bin ich der Auffassung, dass unsere Nationalstaaten nur dann noch eine Existenzgrundlage haben, wenn sie für alle ihre Staatsbürger die „Sozialstaatsfunktion“ garantieren können, denn dies ist der heute noch einzig vorhandene Kit solcher Staaten. Zu vielfältig und individuell sind bereits die in einem Staat lebenden Menschengruppen, wobei Sprache, Religion oder Kultur kaum noch eine Bindungsfunktion übernehmen. Michael Wolffsohn thematisierte das Ganze bereits 2015 in seinem Buch „Zum Weltfrieden. Ein politischer Entwurf“, wobei er einen neuen Föderalismusentwurf der verschiedenen Kommunikationsräume als Lösung vorschlug.

Mein Lösungsansatz ist weiterhin der der Europäischen Idee, welcher aber von sehr vielen Mitbürgern weiterhin als utopisch angesehen oder gar aus voller Überzeugung abgelehnt wird. Damit fallen wir auf das antiquierte Modell des Nationalstaats zurück, der, wie bereits erwähnt, nur so lange halbwegs funktionieren kann, wie er seine Staatsbürgern sozial absichert — und dies gilt sowohl für die Alteingesessenen als auch für die Neuzugänge. In allem anderen sind sich die Staatsbürger uneinig, wobei sie u. a. ganz stolz auf ihre eigene Herkunft sind, ob sie nun von den Germanen abstammen oder aus irgend einer anderen Ecke dieser Welt kommen. Einig sind sich alle vielleicht nur noch darin, dass sie gegenüber „ihrem“ Staat selber alles einklagen dürfen ohne aber selber zu eigenen „Dienstleistungen“ verpflichtet zu sein.

Und so werden wir wohl demnächst erneut den Lackmustest für unsere Nationalstaaten in Europa erleben, nämlich dann, wenn wir uns immer mehr auf einen neuen Weltkrieg zubewegen, der dann auch noch über Ideologien, Religionen und weitere Unterschiede (kurzfristig) oder einfach nur über Ressourcen und noch bewohnbare Gebiete (langfristig) geführt werden wird.

Und so müssen wir uns schon jetzt die Frage stellen, auf welcher Seite unsere Mitbürger, wo immer sie auch herkommen oder welcher Religion bzw. Weltanschauung sie sich selber zurechnen mögen, stehen werden. Denn dies ist spätestens dann von existenzieller Bedeutung, sobald die Stromnetze ausfallen, die Gas- und Wasserleitungen weniger als sonst transportieren und eine Lebensmittelverteilung schwieriger werden wird.

Kaum noch vorstellbar, dass sich dann unsere Bundesbürger allesamt hinter der Bundesflagge versammeln und gemeinsam den auftretenden Problemen und Krisen begegnen werden – die ostdeutschen Bundesbürger sind mehrheitlich schon heute weg und die Antidemokraten in der gesamten Republik basteln bereits an Molotowcocktails.

In einigen unserer Nachbarländer haben die Antidemokraten bereits das Sagen oder ziehen, wie z. B. jüngst in Frankreich zu Zehntausenden als die neue APO durch die Straßen. Und all dies noch bevor die ersten echten Schwierigkeiten ihre Auswirkungen auf uns alle haben!

Sollte es tatsächlich so weit kommen, dass die ersten Bundesbürger diesen Winter unfreiwillig und auch halbwegs unverschuldet frieren müssen, dann werden wir es sicherlich bereuen, dass wir in den letzten Jahrzehnten die US-Amerikaner mit ihrem American Dream verteufelt, die transatlantische Zusammenarbeit zerschlagen haben und zusätzlich alle Europäer, die die Europäische Idee bewarben, bestenfalls in die Ecke der hoffnungslosen Träumer verbannten.

„Es ist nicht weise, das zu verteidigen, was man ohnehin aufgeben muss.“

Niccolò Machiavelli, Die Geschichte von Florenz (1525)

Transparenz

Transparenz 5 (1)

Beitragsfoto: Transparenz | © Shutterstock

Wenn wir unsere Demokratien retten wollen, dann müssen wir ohne Wenn und Aber für eine völlige Transparenz nicht nur bei den politischen Entscheidungen, sondern auch bei den öffentlichen Geldern sorgen.

Denn jede Demokratie steht durch den Rückhalt des Souveräns, ergo uns allen! Und jede Demokratie fällt, wenn diese den Rückhalt der Bürger verliert. Demokratie lebt nur von und mit einer ausreichenden Bürgerbeteiligung. Und damit Bürger sich nicht nur engagieren können, sondern dies auch verstärkt wollen, benötigen wir eine völlige Transparenz bei sämtlichem öffentlichem Handeln.

Als jüngstes Beispiel wie man es nicht macht, können die Vorgänge um den RBB und den NDR angeführt werden. Als ein lokales Beispiel die Vorgänge um die BUGA-Brücke.

Deshalb — und es wäre doch so einfach! — müssen wir dafür sorgen, dass sämtliche öffentlichen Haushalte, für den Bürger auch verständlich dargelegt, auf den Webseiten der zuständigen Verwaltungen aufgeführt werden.

Das beinhaltet zudem und dies sehr plakativ aufgeführt sämtliche Kosten jedes einzelnen öffentlichen Arbeitsplatzes, Vorhabens und Objekts.

Neben dem Namen und der Funktion eines städtischen Mitarbeiters bis hin zum Bundespräsidenten gehört zwingend das Preisschild, was uns dieser Arbeitsplatz im Jahr kostet. Sehr plakativ könnte man dies zudem an jedem Büro gleich unter dem traditionellen Namensschild anbringen.

Und ich hatte es bereits geschrieben, auch an jede Brücke, jede Schule oder sonstiges Gebäude, dort aber unterteilt in Anschaffungskosten und Unterhaltskosten und mit einem QR-Code versehen, wo sich jeder, der möchte, weiter und bis ins kleinste Detail informieren kann.

Egal welche Dienstleistungen von der öffentlichen Hand auch vergeben werden, die Kosten und der Geldempfänger müssen ebenfalls plakativ möglichst gleich vor Ort aufgeführt werden.

Damit wird allen Bürgern bewusst, was die Dinge eigentlich wert sind und wohin unsere Steuermilliarden jedes Jahr fließen; dabei aber auch, warum wir Bürger überhaupt Steuern und Abgaben zahlen!

Und diese Transparenz wird ohne Frage auch zu Diskussionen führen, ob man die eine oder andere Brücke oder den einen oder anderen Dienstposten bzw. Dienstleistung überhaupt benötigt.

Und genau damit schaffen wir mittel- bis langfristig gerade jene mündigen Bürger von denen jede Demokratie lebt und schon immer träumt.

Ohne Frage wird dies auch dafür sorgen, dass dies zu weniger Misswirtschaft und in manchen Fällen sogar zu weniger Korruption in unserer Gesellschaft führt, was wiederum für alle Beteiligten von großem Vorteil ist.

Selbstverständlich wird dies bei manchen altbewährten oder weniger flexiblen Mitbürgern anfangs zu Irritationen führen, dieses Manko müssen wir aber in Kauf nehmen, um unsere Demokratien überhaupt zukunftsfähig machen zu können.


Abgrund

Demokratie am Abgrund 5 (2)

Beitragsfoto: Abgrund | © Shutterstock

Rückblickend muss ich mir wohl eingestehen, dass Demokratie bei uns in Deutschland noch nie so populär war, wie es uns immer so nett vermittelt wird. Bereits in meiner Jugend konnte ich feststellen, dass sich unsere beiden Volksparteien alleine deswegen so definieren, weil jede schon immer zumindest einer sehr starken antidemokratischen Minderheit eine Heimat bot. Und noch heute bezeichnen sich ohne Gewissensbisse viel zu viele als Sozialisten, wobei eindeutig geklärt ist, dass Demokratie und Sozialismus reine Gegenpole sind.

In der anderen Volkspartei sind diese Menschen wohl alleine unserer Geschichte geschuldet, etwas vorsichtiger und bezeichnen sich eher als „nationalkonservativ.“ Aber auch in den Kleinparteien traf man von Anfang an immer wieder auf ehemalige und neue Nationalsozialisten, Faschisten, Monarchisten, Kommunisten oder auch Sozialisten, die für sich eine politische Heimat suchten oder aber auch nur in den etablierten Parteien gegen ihre eigenen Gesinnungsgenossen keine Chance hatten.

Demokratische Staaten hatten uns Deutsche zwar 1945 gerettet, wobei noch heute viel zu viele Mitbürger ohne Gewissensbisse dieses Ereignis als Untergang Deutschlands und als unsere größte Niederlage bezeichnen. Da die Demokratie uns aber nicht nur in der internationalen Gemeinschaft wieder hoffähig machte, sondern uns auch wirtschaftliche Erfolge und noch nie gekannten Wohlstand für die meisten von uns brachte, wurde sie zur Staatsraison erklärt.

Aber Demokratie hat auch immer ihre Schattenseiten, nämlich Eigenverantwortung, die Notwendigkeit zur Partizipation, eine hinreichende Transparenz des eigenen Handelns, die Akzeptanz anderer Meinungen und wohl am Schlimmsten die Pflicht zur Solidarität mit allen „Mitherrschern“.

Dies war auch allen bekannt, und so legte man bereits zu Beginn unserer Republik Wert darauf, dass alle (politisch) gebildet wurden und man schuf nicht nur Bildungsstätten aller Art und subventionierte zudem noch weitere private Bildungsbemühungen und -angebote, sondern man legte darüber hinaus Wert auf einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk und gab der Kultur an sich einen sehr hohen Stellenwert. Und um wirklich ganz sicherzugehen, holte man — entgegen besserem Wissen — selbst unsere Kirchen wieder mit ins Boot, wobei diese sich ihre vermeintliche „Loyalität“ noch heute sehr gut bezahlen lassen!

Als Krönung des Ganzen gab man unseren Demokratien in Europa sogar noch eine eigene Idee mit einem ganz bestimmten Ziel mit auf den Weg, nämlich die schrittweise Einigung des demokratischen Europas hin zu einer zukünftigen demokratischen Weltunion: Humanismus und Rechtsstaatlichkeit wurden zu allgemein anerkannten Grundsätzen.

Und alle Beteiligten wussten von Anfang an auch ganz genau, dass die Alternativen dazu weniger rosig sind und zudem die betroffenen Länder dem Totalitarismus zum Fraß vorwerfen. Unter Totalitarismus fasst man jene Politikmodelle zusammen, die den demokratischen Alternativen gegenüberstehen, wobei es letztendlich keinen Unterschied macht, ob sich ein Antidemokrat als Sozialist, Nazi, Faschist oder Oligarch bezeichnet — das Ergebnis für uns Bürger ist immer dasselbe! Und wenn sich auch Politikwissenschaftler gerade verstärkt darüber streiten, den bisherigen Opfern ist es wirklich egal, ob sie von Sozialisten oder Faschisten ermordet wurden.

Dennoch wurde von Anfang an und dies auch in den bundesdeutschen Parteizentralen gegen unsere Demokratie gearbeitet. Jean Monnet musste erst die SPD für Europa als Ziel aller unserer demokratischen Bemühungen begeistern, wobei die Geldzuwendungen aus den USA für einzelne Politiker aller Parteien sicherlich nicht schadeten. Die Unionsparteien hingegen schufen von Anfang an die Mär vom deutschen Nationalstaat mit seinem Wirtschaftswunder als Motor unseres Erfolges und unterminierten damit Europa insgesamt.

Beide Volksparteien machten zusammen über die Jahrzehnte hinweg aus dem Ziel all unserer demokratischen Bemühungen, nämlich einem europäischen Bundesstaat, ein diffuses Konstrukt von einem Europa, unter dem sich jeder genau das vorstellen konnte, was er gerade selber für schick und angebracht hielt. Europa wurde ganz alleine nur deswegen zerredet, weil es die Demokratie in unseren Ländern manifestiert hätte!

Denn Demokratie ist gerade für jene am anstrengendsten, die für sich daraus die größten Gewinne erzielen möchten, denn das Übervorteilen von ganzen Bevölkerungsgruppen ist in einer funktionierenden Demokratie äußerst schwierig, da diese den Ausgleich zwischen allen Bevölkerungsgruppen zum Ziel hat.

Und so ist es verständlich, dass sich sehr viele unserer Mitbürger mit allen Mitteln gegen eine erfolgreiche Demokratie wehren — was übrigens auch in den meisten anderen Demokratien immer wieder zu beobachten ist und somit nicht als deutsches Alleinstellungsmerkmal betrachtet werden kann.

Demokratie verhilft zwar der Gesamtheit der Bevölkerung zu mehr Wohlstand, erschwert es im Gegenzug einzelnen Gruppen aber auch sehr, „superreich“ zu werden.

Und darüber hinaus verlangt sie von sehr vielen Menschen mehr an Engagement, als diese für sich und vor allem für andere aufwenden möchten. Damit gibt es von Anfang an in jeder Demokratie Menschen, die alles daran setzen, dass aus einer Demokratie kein langfristiges Erfolgsmodell wird. Denn, wie bereits erwähnt, eine funktionierende Demokratie hindert Menschen an ihrer „Selbstverwirklichung“, sobald diese auf Kosten anderer geht — dies trifft die Penner ebenso wie die „Superreichen“.

Für diese Menschen ist es, wenn sich die Demokratie erst einmal etabliert hat, ziemlich schwer, eine solche Volksherrschaft wieder loszuwerden. Deshalb unterminieren sie eine solche von Anfang an, hier kann die Weimarer Republik als gutes Beispiel dienen. Und auch bei unserer Bundesrepublik haben diese Menschen ebenfalls sämtliche Register gezogen — allerdings weniger erfolgreich als beim ersten Mal.

Und so ist es durchaus verständlich, dass sich antidemokratische Kräfte gerade in jenen Institutionen etablierten, die die Demokratie organisieren und verwalten — unseren Parteien. „Der Marsch durch die Instanzen“ ist kein linkes Alleinstellungsmerkmal, sondern ein Vehikel, um jede Demokratie von innen heraus zu destabilisieren.

Und deshalb ist es auch verständlich, dass sie, wenn sich diese Kräfte in den Parteien etabliert haben, alles daran setzen, um wirksame außerparteiliche oder freie demokratische Organisationen zu verhindern.

Das Ganze garnieren sie dann noch mit einem bewusst herbeigeführten Politikverdruss, der die Wähler immer mehr von den Wahlurnen fernhält — was die Initiatoren dann sehr gerne selber bemängeln.

Und zum krönenden Abschluss sorgen sie dafür, dass die meisten Mitmenschen mit allen möglichen Dingen beschäftigt werden, um sich nur nicht mehr selber mit Politik beschäftigen zu können. Sie stürzen die Bevölkerung immer mehr in Krisen, eine schlimmer als die vorherige, und unternehmen dabei wirklich alles, dass es zu keinen Lösungen mehr kommt. So fahren sie jede Demokratie langsam aber sicher an die Wand und überzeugen die Menschen, dass das eigene politische Engagement keinen Sinn mehr macht und dass es keine Alternativen (Stichwort: alternativlos) zu den derzeitigen politischen Entscheidungen gibt!

Dieser Entwicklung setzen sie dann vermeintliche Erfolgsmodelle in anderen Ländern entgegen, wo starke Männer oder Frauen die Krisen alleine durch ihre Omnipotenz angeblich in den Griff bekämen und werben damit unverhohlen für weniger demokratische Politikmodelle. Und so hat jede deutsche Volkspartei auch immer wieder ihre ganz „eigenen Lieblingsdiktatoren“, wie jüngst Orban oder Putin, die sie gerne feiern, vorzeigen und unterstützen. Und deswegen hat gerade in diesen Parteien auch der Personenkult so eine hohe Bedeutung.

Vielleicht sehe ich das Ganze viel zu Schwarz, und keiner unserer Politiker möchte aus Deutschland erneut eine Diktatur machen, aber es reicht schon völlig aus, wenn einige unserer Politiker an eine Oligarchie glauben, zumindest mit einer solchen sympathisieren oder auch nur meinen, als Berufspolitiker einer „eigenen Klasse“ anzugehören.

Denn letztendlich kommt es nur darauf an, was unsere Bevölkerungsmehrheit glaubt, und so wie es gerade aussieht, haben sehr, sehr viele Wahlberechtigte bereits den Glauben an unsere Demokratie und eine demokratische Zukunft Deutschlands wieder verloren.

Was aber noch viel schwerer wiegt, ist die Tatsache, dass der Glaube an eine gemeinsame Demokratie in unserem Europa mehrheitlich bereits verloren ging. Und so wird eine demokratische Zukunft für uns alle kaum noch möglich sein — ein demokratischer Nationalstaat war und ist weiterhin rein imaginär, ganz egal in welchem Land auch immer.

Halb zog sie ihn, halb sank er hin,
Und ward nicht mehr gesehn.

Johann Wolfgang von Goethe, Der Fischer (1779)