Demonstration

Ministern 5 (1)

Beitragsfoto: Demonstranten | © Pixabay

Gerade heute in der Heilbonner Stimme ein viel diskutiertes Thema. Deswegen möchte auch ich meinen Kommentar dazu abgeben.

Minister gibt es seit es Verwaltungen gibt, sie waren von Anfang an die ersten Diener ihres „Herrschers“ und standen den entsprechenden Verwaltungen vor. Auch von Anfang an mussten diese nicht nur ihre Verwaltungen führen, sondern auch die Versprechungen des jeweiligen Herrschers an die vorhandenen Realitäten anpassen, was bereits sehr früh dazu führte, dass die „ersten Verwaltungsbeamten“ die Kunst der Quadratur des Kreises beherrschen sollten — wie wir alle wissen, ist dies unmöglich.

Inzwischen werden in vielen Ländern die „Herrscher“ als erste Diener des Souveräns — dem Volk oder auch der Wählerschaft — von diesem für eine kurze Zeitspanne gewählt und üben ihr Amt, optimal auch nur für eine weitere Wahlperiode und dies nur, wenn sie sich auch bewährt haben, aus.

Bei uns ist es der Fall, dass die von uns gewählten Volksvertreter aus ihren Reihen dann den Kanzler oder Ministerpräsidenten (MP) wählen und danach als einfache Abgeordnete die Regierung, das heißt den Kanzler oder MP und den bereits bestehenden Verwaltungsapparat, kontrollieren. Ihre Hauptaufgabe ist aber die Gesetzgebung.

Von Anfang an gibt es neben dem gewählten Kanzler oder MP auch einen von diesem inthronisierten Vize-Kanzler oder Vize-MP, dies hat aber keinerlei systemische Bedeutung. Die einzige Vorgabe dabei ist die Angehörigkeit im Kabinett, wobei es allerdings völlig legitim ist, dass heutzutage die Vize zumindest aus den Reihen der gewählten Volksvertreter stammen, zumal die anderen Kabinettspositionen inzwischen ebenfalls durch Berufspolitiker besetzt werden; aber selbst dieses legitime Minimum wurde vom viel zu lange amtierenden Ministerpräsidenten Baden-Württembergs außer Kraft gesetzt, indem er einen vom Souverän abgewählten Politiker dennoch als Vize einsetzte und damit bestätigt, wie Macht Mensch und Seele korrumpiert.

Es zeigt aber auch, wie sich gewählte Volksvertreter insgesamt selbst sehen, indem sie nicht einmal mehr die Opposition ausüben oder gar die Regierung kontrollieren wollen, sondern möglichst allesamt in den Regierungsapparat drängen, zumindest aber mit hoch dotierten Ausschussvorsitzendenpöstchen entschädigt werden möchten.

Deshalb wurden längst auch alle fachkundigen Minister in den Regierungen durch weitere in Ämter drängende gewählte oder auch nicht gewählte Berufspolitiker ersetzt. Als Begründung hierfür diente, dass die mit Ministerämter versehenen Politiker dafür sorgen sollen, dass die Verwaltungen auch den Willen des jeweiligen Kanzlers oder MP und seiner „Regierungspartei“ erfüllen.

Alleine diese Begründung zeigt bereits, über was für ein negatives Menschenbild diese Politiker verfügen — oder gar von sich selbst haben (!) — da sie alleine damit unseren Verwaltungen deren ureigene Kompetenz und Zuverlässigkeit absprechen.

Entschädigt wurden die Verwaltungen dadurch und auch eingedenk der Tatsache, dass die meisten Polit-Minister zu nichts zu gebrauchen sind, indem man jedem Minister ein bis zwei beamtete Staatssekretäre zur Seite stellt, die die eigentliche Aufgabe des jeweiligen Ministers übernehmen. Und so muss auch kein Polit-Minister jemals in sein Ministerium — es sei denn für Pressefotos –, da er ohne jegliche Kenntnisse nicht einmal die von der Politik vorgesehene Kontrollfunktion ausüben kann, was wir übrigens seit Jahren immer wieder sehen und auch in sämtlichen Zeitungen nachlesen können.

Aber dies blieb auch bei unseren Politikern nicht unbemerkt und so schufen sie die Posten der politischen Staatssekretäre, die gemäß Begründung weniger inkompetent als die Polit-Minister sein und deren Inkompetenz ausgleichen sollen.

Da es aber auch hier seit langem an fachlicher wie auch menschlicher Kompetenz mangelt, ist man dazu übergegangen, weitere Volksvertreter oder gar nur „Parteisoldaten“, die nicht einmal mehr zu einer Wahl antreten müssen, geschweige denn je gewählt werden — ergo, über keine einzige Mindestanforderung verfügen — in Führungspositionen unserer Ministerien zu hieven.

Inzwischen ist das Gedränge bei unseren Volksvertretern nach Regierungspöstchen so groß geworden, dass man nicht nur politische Staatssekretäre zu beamteten Staatsekretären umdotiert oder in Regierungsfunktionen völlig inakzeptable Berufspolitiker wenigstens als Botschafter ohne jegliche dafür notwenige Qualifikation entsorgt, sondern auch ganz neue Ministerien schafft, wie z.B. das Heimatministerium oder das neue baden-württembergische Ministerium für Landesentwicklung und Wohnen.

Und da das Postengeschachere unserer Volksvertreter und die unsägliche Versorgungsmentalität in eigener Sache so überhand genommen hat, ist es inzwischen auch nicht mehr nötig, dass ein Berufspolitiker überhaupt noch gewählt werden muss — es langt bereits, wenn er einmal auf einem Plakat zu sehen war oder dringend Geld benötigt.

Dies alles erklärt vielleicht auch die Frage, warum immer weniger Mitbürger in Parteien eintreten oder selbst noch wählen gehen. Auf jeden Fall erklärt es die vielen Leserbriefe, von denen heute einige in der Heilbronner Stimme zu lesen waren.

„Die Politiker sind ja auch eine Art Experten, nur eben selbsternannte.“

Stanisław Lem, Eine Minute der Menschheit (1983)

Querdenken

Querdenken 5 (4)

Beitragsfoto: Lernkarten für ein besseres Sozialverhalten | © moses.Verlag

Vor nicht allzu langer Zeit eine Bezeichnung für laterales Denken, welche von Edward de Bono bereits 1967 eingeführt wurde und Denkprozesse neu im Sinne der Problemlösung ordnen wollte. Noch in den 1990er-Jahren konnte man in vielen Haushalten seine entsprechenden Bücher finden. Aber auch Joy Paul Guilford befasste sich mit dem Thema und veröffentlichte ebenfalls 1967 seine Theorie der „Structure of Intellect“.

Von 2009 bis 2014 gab es sogar eine entsprechende Zeitschrift „Querdenker“, deren Internetpräsenz ich gerne beobachtete, da sie auf der gleichen Software basierte wie eine damals von mir betreute Website.

Seit 2020 hat der Begriff Querdenker mit dem „plötzlichen“ Auftreten der sogenannten Querdenker-Bewegung eine ganz andere Bedeutung, und seit ich selbst bei einem Spaziergang 2021 an einer solchen Protestaktion vorbeikam, rufen solche Zusammenkünfte auch bei mir ein Unwohlsein hervor.

Es nützt aber überhaupt nichts, solche Bewegungen einfach nur zu ignorieren und abzuwarten, bis sie sich wieder in Wohlgefallen aufgelöst haben — diesen Fehler habe ich selbst in den 1970er bis 1980er-Jahren begangen, als ich sicher war, dass sich eine „grüne“ Bewegung ohne tatsächliche Inhalte kaum manifestieren werden kann. Dennoch ist es dieser damaligen Bewegung ganz offensichtlich gelungen, eine Lücke zu füllen, die von etablierten Parteien und anderen politischen Verbänden einfach nicht richtig wahrgenommen wurde. Und wenn man sich erst einmal in einer Gesellschaft etabliert hat, dann ist es ziemlich schwer, dass man wieder in der Versenkung verschwindet — dies können wir gerade sehr gut an der SPD und vielleicht auch demnächst an den Unionsparteien beobachten.

Dass wir beginnend mit den 1990er-Jahren (Berliner Republik) bei uns ein gesamtgesellschaftliches Problem haben, das können wir nicht nur an der immer noch akuten Ossi-Wessi-Debatte sehen, sondern vor allem an den Wahlbeteiligungen messen, wobei festzustellen ist, dass auf Europa-, Bundes-, Landes-, Kreis- und Kommunalebene die Wahlbeteiligung seit ihrem Höhepunkt in den 1970er-Jahren beständig sinkt.

Mehr noch, die Mitgliederzahlen unserer Parteien haben sich in diesem Zeitraum mehr als halbiert, wobei nur die bisherigen „Neueinsteiger“ noch Gewinne für sich verbuchen können, was aber nur allzu menschlich ist, da sehr viele Mitbürger ihr Fähnchen einfach nach dem Wind hängen.

Heute sind nur noch gut eine Million Bundesbürger in Parteien organisiert und wären nicht weitere Bürger in anderen politischen Organisationen, Verbänden und Bewegungen tätig, sähe das Verhältnis politisch engagierter Bürger zur Bevölkerungszahl noch viel schlechter aus.

Das Gute daran ist, dass es diesen vielleicht gut 10 Millionen Bürgern immer noch gelingt, um die 75 % der Wahlberechtigten zu einem Wahlgang bei der Bundestagswahl zu motivieren, das nennt man dann wohl Multiplikatorenfunktion.

Gut daran ist auch, dass zumindest bisher von unseren Mitbürgern mehrheitlich demokratisch gewählt wird und immer wieder auftretende links- wie rechtsradikale Parteien auch meist wieder verschwinden.

Besser ist es aber, dass die zunehmend inhaltliche Leere unserer „Bestandsparteien“ nunmehr dazu führt, dass sich immer mehr neue Parteien, Wählergruppen und Bürgerlisten bilden, die nicht nur für unsere Demokratie an sich eintreten, sondern auch ganz bestimmte und eigene Vorstellungen über unsere Zukunft haben — erstmals auch im Bereich der Ökologie, was übrigens sehr lange gedauert hat.

Hier scheint sich nunmehr nach 30 Jahren Berliner Republik ein Generationenwechsel anzubahnen, der auch dazu führt, dass sich die Jüngeren nicht mehr so schnell in althergebrachte Strukturen einbinden lassen und nach neuen Wegen suchen, um sich politisch auswirken und ihre eigenen Interessen durchsetzen zu können.

Dies geht mit dem zunehmenden Vertrauensverlust einher, den unsere Berufspolitiker nicht die vielen ehrenamtlich politisch Tätigen in und außerhalb von Parteien zu verantworten haben.

Deswegen geschieht es aber auch, dass sich immer mehr Bürger, welche bisher gar nicht oder nur am Rande politisch aktiv waren, sich von der Jugend motiviert, ebenfalls zu artikulieren und zu organisieren beginnen (Hic, die Querdenker).

Dass solch eine Eigenorganisation sehr lange dauern kann und dabei die „interessantesten“ und oftmals sehr gegensätzlichen Interessenlagen zusammenstoßen und miteinander verbunden werden müssen, haben Parteigründungen in den letzten Jahrzehnten gezeigt.

Im Falle der Querdenker scheint es aber eher der Fall zu sein, dass es sich hierbei um das letzte Aufbäumen einer abtretenden Generation handelt, die bisher Politik eher vom Spielfeldrand aus betrachtete und damit zufrieden war, dass ihre Interessen von den Parteien irgendwie schon vertreten wurden und nun ganz erstaunt feststellen muss, dass wir alle irgendwann zur Kasse gebeten werden.

Damit sind die Querdenker ein Produkt unserer Volksparteien, ein vorübergehendes Wählerpotenzial für „Randparteien“ und ein Phänomen eines gesamtgesellschaftlichen Umbruches.

Diesen Umbruch gilt es jetzt zu gestalten, und wir werden beobachten können, wie sich unsere Jugend in neuen Strukturen zusammenfindet oder vielleicht aber auch die bestehenden Strukturen neu bespielt. Dies hängt ganz davon ab, ob und wie sich die bestehenden Parteien weiterentwickeln, die neuen Parteien letztendlich aufstellen, aber vor allem anderen, ob sie bereit dazu sind, auch die Probleme und Herausforderungen unserer Zeit tatsächlich anzunehmen und damit die Zukunft der kommenden Generationen mit gestalten zu wollen.

Der realpolitische Ansatz der aktuellen Koalition: „Nach uns die Sintflut“ wird leider wohl auch der der kommenden Koalition sein und dann aber hoffentlich dazu führen, dass sich unsere heutige Jugend weiter politisiert. Denn dies ist sehr dringend nötig, da diese Jugend im Gegensatz zu meiner Jugend nicht aus dem Vollen schöpfen können, sondern nur noch leere Kassen und eine zerstörte Natur vorfinden sowie in existenzielle Verteilungskämpfe verwickelt werden wird.

„Lateral thinking … is the process of using information to bring about creativity and insight restructuring. Lateral thinking can be learned, practised and used. It is possible to acquire skill in it just as it is possible to acquire skill in mathematics.“

Edward de Bono, Lateral thinking: creativity step by step (1970: 5)

Einwanderer

Einwanderungsgesetz 5 (1)

Beitragsfoto: Einwanderer | © Ajdin Kamber, Shutterstock

Jean-Jacques Rousseau hat 1762 ein heute noch lesenswertes Buch über Erziehung geschrieben hat, nämlich „Émile ou de l’éducation“. Dabei soll der zukünftige Bürger eines Landes bereits in seiner Jugend verschiedene Gesellschaften kennenlernen, um letztendlich selbst zu entscheiden, mit welcher Gesellschaft er seinen Vertrag abschließt, um dann als Bürger dieser Landes auch dessen Pflichten zu erfüllen.

Damit ist es von Anfang an selbstverständlich, dass zwischen dem jeweiligen Staat und jedem Bürger über einem bloßen Staatsbürgerschaftsverhältnis hinaus auch ein natürliches Vertragsverhältnis besteht, welches von beiden Seiten zwingend einzuhalten ist, um letztendlich diese, für beide Seiten fruchtbare, Verbindung am Leben erhalten zu können.

Die Geschichte hat gezeigt, dass es aber immer wieder Gesellschaften gibt, welche von sich aus das Vertragsverhältnis zwischen Staat und Bürger aufkündigen; totalitäre Regime, darunter auch die des realen Sozialismus können hier als gute Beispiele dienen.

Aber auch seitens der Bürger gibt es die Vertragsaufkündigung, welche im günstigen Falle zu einer Auswanderung der betreffenden Bürger führt — heutzutage meist aus Diktaturen oder islamisch geprägten Ländern. Negativ betrachtet, gehen sie in eine Art von „innerer Migration“ und bilden dabei oftmals eine, heute als Parallelgesellschaft bezeichnete, Schicht der sozial Verachteten.

So werden auch weiterhin immer wieder Menschen, welche in ihren Ursprungsländern nicht glücklich sein können oder dort keine Existenzgrundlage haben, versuchen, sich in anderen Gesellschaften zu etablieren.

Die Grundvorraussetzung sollte dabei sein, dass der potentielle Neubürger auch bereit ist, den Gesellschaftsvertrag seiner neuen Heimat nicht nur „zu unterschreiben“, sondern auch zu erfüllen.

Beachtenswert ist dabei auch, dass unsere derzeitige Gesellschaft, welche sich selbst schon lange nicht mehr eigenständig reproduzieren kann, auf Neubürger zwingend angewiesen ist.

Wir behaupten von uns gerne, nicht nur das „Land der Dichter und Denker“, sondern darüber hinaus auch eine offene sowie eine Hochtechnologiegesellschaft zu sein.

Dieses Selbstbild, welches offensichtlich von Außenstehenden nicht so ganz geteilt wird, müssten wir in einem entsprechenden und auch längst überfälligen Einwanderungsgesetz manifestieren, quasi diesem in einer Präambel vorweg stellen, damit potentielle Einwanderer vorab wissen, in welche Gesellschaft sie kommen und welchen Vertrag sie mit den anderen Bevölkerungsteilen abschließen.

Darüber hinaus gilt es, auch Mindestvoraussetzungen zu formulieren, die ein Neubürger zu erbringen hat, bevor er überhaupt in unsere Union bzw. in unser Land einwandern kann. Neben diesen Mindestvoraussetzungen müssen weitere Ziele definiert werden, die ein Neubürger über einen bestimmten Zeitraum hinweg zu erreichen hat. Hierbei bietet es sich an, diese Ziele ausdrücklich auch für alle anderen, in unserem Land lebenden, Personen festzulegen und durch staatlich initiierte Maßnahmen durchzusetzen; das lebenslange Lernen könnte eines dieser Ziele sein.

Kurz und knapp, wir benötigen eine Corporate Identity – ein Leitbild, an dem sich alle ausrichten und auch selbst wiederfinden können.

Sollten wir dieses gemeinsame Leitbild nicht bald herstellen, und uns zudem nicht einmal auf die Europäische Idee oder die der offenen Gesellschaft einigen können, werden sich bei uns weitere Parallelgesellschaften entwickeln, die nur eines eint, nämlich, dass sie alle am Tropf ein und desselben — längst überforderten — Staates hängen. Und das wird unausweichlich in einen Bürger- oder Kleinkrieg enden; aktuelle Beispiele gibt es dazu genug.

„Wir brauchen die, die uns nutzen und nicht die, die uns ausnutzen. Das sollte unser Programmsatz für die Zuwanderungspolitik sein.“

Hans-Peter Friedrich,  Leipziger Volkszeitung (15. Mai 2011)
[Was aber genau so für hier Geborene gilt!]